In dem Buch "Heinrich IV. von Frankreich" aus dem Jahr 1977, geschrieben von Saint-René Taillandier, lesen wir über diese Beziehung Folgendes: "Das junge Mädchen hieß Gabrielle d'Estrées, war erst zwanzig Jahre alt, einschmeichelnd und von sanfter Gemütsart; der Vater war Parteigänger des Königs. Der König begehrte sie und verheiratete sie unverzüglich mit einem Gatten [Nicolas d'Amerval, Lehnsherr von Liencourt und Baron von Benais; Heirat im Juni 1592], der sogleich den Platz räumte ... Gabrielle hat Herz, sie ist treu und gefällt, sie gibt reichlich Almosen, und weder sie noch ihre Kinder fügen irgend einem Menschen Böses zu. Rosny [Maximilien de Béthune (1559-1641), Herzog von Sully und Marquis von Rosny, Staatsmann, Marschall von Frankreich und enger Freund von Heinrich IV.] findet sie nicht sehr gescheit; er äußert sich in diesem Sinne gelegentlich des Berichtes von einer etwas gewagten Intrige, die unmöglich von ihr ausgegangen sein könne, 'denn sie hat nicht genug Verstand dafür'. Aber Gabrielle kommt aus einer habgierigen Familie, die aus ihrer Stellung möglichst viel herauszuschlagen versucht. Von ihr und ihren sechs mehr oder minder jungfräulichen Schwestern sagen die Spottverse des Chansonniers, sie verkörperten zusammen die sieben Todsünden. Außerdem gibt es noch eine Tante, Madame de Sourdis, und deren Liebhaber, Herrn von Cheverny. Dieser ganze Klüngel klebt zusammen und lebt auf Kosten des großen Loses, das Gabrielle als Geliebte des Königs gezogen hat. Sie war in das Leben des Königs getreten, als er noch alle Gefahren der Niederlage lief, sie war ihm im Unglück gefolgt, und so läßt sie der König ungeschmälert an seinem Glück teilnehmen. Kein Aufzug, kein Ballfest, an dem nicht Gabrielle an der Seite des Königs glänzte. In den Augen des Hofes lebt der König mit seiner Geliebten wie mit einer Gattin, ja viel besser als er je mit einer rechtmäßigen Königin leben wird. Beide hängen zärtlich an ihren Kindern. Liebevoll hört man den König sagen: 'Mein kleiner Cäsar, mein kleiner Alexander'. Man soll die Kinder in der Öffentlichkeit sehen, damit das Volk lernt sie zu lieben. Es fehlte nicht an Schmeichlern, die Gabrielle einzureden versuchen, der König werde sie heiraten, wenn sie nur wolle. So hätte man eine königliche Familie de jure, wie sie schon de facto existierte und samt ihren Kindern dem Hofe vertraut war Welche Chance für den Anhang! Wenn die erstgeborenen Kinder auch niemals den Makel der Illegitimität verlieren, so wird eben der erste in der Ehe geborene Sohn Dauphin. ... [aber es gibt ein Problem: Heinrichs IV. Gattin Marguerite von Valois/Frankreich] ... Margarete [Marguerite] von Valois lebt noch immer als Gefangene von Usson und führt ein sagenhaftes Leben, das man nur gerüchteweise kennt. Sie ist trotzdem Königin von Frankreich. Sie ist sogar bereit auf den Titel zu verzichten, aber nur zugunsten einer Ebenbürtigen, einer Prinzessin von Geblüt. Gabrielle, einer so 'verächtlichen Person', wird sie nicht Platz machen. ... Bleibt ein Geheimnis um Gabrielles Tod [die zum vierten Mal schwanger war]? ... Was wissen wir über ihre letzten Stunden? Sie nahm am Gründonnerstag abends bei Zamet [der größte Bankier Heinrichs IV.] ein üppiges Diner mit ausgesuchten Fischgerichten. Nach Tisch begab sie sich zur abendlichen Kirchenmusik, ließ sich später zu Zamet zurückbegleiten und erklärte, sie fühle sich nicht ganz wohl. Darauf schöpfte sie frische Luft in Zamets schönen Parkanlagen in Begleitung einiger Damen. Plötzlich schwankte sie, brach zusammen, beklagte sich über heftige Leibschmerzen und schrie, der Hals brenne ihr wie Feuer, man habe sie vergiftet. Hatte sie recht? Außer d'Aubigné scheint kein anderer Zeitgenosse es geglaubt zu haben, jedenfalls wagte niemand, den Verdacht zu äußern. Die Sterbende verlangte laut schreiend nach dem König, der schon in wilder Hast von Paris aufgebrochen war. Man schickte ihm einen Vertrauensmann, La Varenne, entgegen, und bewog ihn zur Umkehr: Gabrielle sei bereits tot [sie starb am Ostersamstag, den 10. April 1599] und so entstellt, daß ihre Umgebung den König anflehe, nicht zu kommen. Es entspricht den höfischen Gepflogenheiten der Zeit, daß der König seine tote Geliebte nicht mehr sieht. Könige haben Toten nicht ins Antlitz zu schauen. Aber es ist verdächtig, daß man den König, der auf den Ruf der sterbenden Geliebten herbeieilt, auf dem halben Wege aufhält. Wollte man den Gedanken an Gift nicht aufkommen lassen? Man stellte dem König vor, daß die tote Geliebte abschreckend aussehe mit verdrehtem Kopf, Schaum vor dem verzerrten Mund und gesträubten Haaren. So will es die Legende, die auf uns gekommen ist. Wir können ihre Wahrheit nicht nachprüfen ... Der König vergoß viele Tränen."
Ein Liebesbrief von Heinrich IV. an seine geliebte Gabrielle, geschrieben am 10. Februar 1593: "Ich weiß nicht, welches Zaubermittel Ihr angewendet habt, denn Eure Abwesenheit ist mir unerträglicher als jede andere, und es kommt mir vor, als sei ich schon hundert Jahre von Euch getrennt. Es gibt nicht eine Ader, nicht einen Muskel in mir, der mir die Entfernung von Euch nicht schmerzlich spürbar machte. Glaubt mir, meine geliebte Königin, daß ich nie zuvor so heftig liebte wie jetzt ..." (in: André Castelot: Heinrich IV. - Sieg der Toleranz, Gernsbach 1987, S. 207).
Auf ihrem obigen Porträtgemälde mit ihren beiden Söhnen wurde sie mit der roten Hochzeitsnelke dargestellt. Ihre formelle Ehe mit Nicolas d'Amerval war bereits im Januar 1595 rechtskräftig annulliert worden. Einer Heirat mit dem König stand im Jahr 1599 nichts mehr im Wege. Sie sollte daher am Ostersonntag, dem 11. April 1599, stattfinden. Gabrielles Tod am 10. April 1599, 36 Stunden bevor sie Königin von Frankreich geworden wäre, führte schließlich zu zahlreichen Spekulationen. Gabrielle dürfte jedoch nicht einem Vergiftungsanschlag, sondern einer Eklampsie, einer lebensbedrohlichen Komplikation in der Schwangerschaft mit schweren Krampfanfällen, zum Opfer gefallen sein.