"Etwa seit 1542 scheint sie [Marguerite]
damit begonnen zu haben,
jene Geschichten zu
sammeln, die ihr
berühmtestes Werk, das
„Heptameron“, das leider
durch ihren Tod nicht
beendet werden konnte,
füllen sollten. Statt der
geplanten 100 Geschichten
gibt es nur 73. Das
Hauptthema vom Heptameron
ist die in ihrer
Generation heiß diskutierte
Frage nach dem
Wesen der „echten“
Liebe. Um diese Frage zu
klären, treffen sich nach
dem Vorbild von
Boccaccios Decameron
zehn Damen und Herren
und erzählen abwechselnd ernste, frivole, haarsträubende und/oder belehrende
Geschichten. ...
Im Jahr 1558 wurde in Frankreich zum ersten Mal ein Teil des Heptamerons
von Marguerite veröffentlicht. Ein Jahr später bot man es dem Publikum
bereits in fast vollständiger Version an. Als eines der wenigen französischen
Werke aus dem 16. Jahrhundert war es auch bei den Lesern/Leserinnen des 17.
und 18. Jahrhunderts sehr gefragt. Die folgende elfte Geschichte im
Heptameron soll den heutigen Lesern/Leserinnen einen Einblick in Marguerites
bedeutendstes Werk bieten:
'Im Hause der Madame de La Trémouille lebte eine Dame, Roncex mit
Namen, die eines Tages, als ihre Herrin bei den Franziskanern zu Thouars
weilte, dringend Not hatte, den Ort aufzusuchen, wohin man nicht gut seine
Zofe schicken kann. Sie rief ein Mädchen namens La Motte herbei, die sollte
ihr Gesellschaft leisten; weil sie jedoch schamhaft und züchtig war, ließ sie
besagte Motte in der Stube zurück und trat ganz allein in einen ziemlich
finsteren Abort. Dieser war allen Mönchen des Klosters gemeinsam, und sie
hatten an diesem Ort so genaue Rechenschaft über Speise und Trank abgelegt,
daß das ganze verschwiegene Örtchen, der Sitz und der Boden und alles, was
darin war, über und über mit der Hefe des Bacchus und der Göttin Ceres aus
den Bäuchen der frommen Klosterbrüder verschmiert war.
Die arme Frau hatte es so eilig, daß sie kaum Zeit fand, ihre Röcke
hochzuheben, um sich auf den Ring hinzusetzen, und ließ sich auf gut Glück
gerade am schmutzigsten Fleck nieder, der im Abort überhaupt zu finden war.
Da klebte sie nun fester als an Vogelleim, und ihre armen Hinterbäckchen, ihre
Kleider und auch ihre Füße waren so gräßlich besudelt, daß sie keinen Schritt
mehr zu machen noch sich da- oder dorthin zu drehen wagte, aus Angst, sie
könnte sich noch ärger bekleistern. Drum hob sie aus vollem Hals zu schreien
an: ‚La Motte, meine Liebe, ich bin verloren und entehrt!‘ Das arme Ding, das so manches Mal tolle Stücklein von der Arglist der
Barfüßer hatte erzählen hören, meinte allen Ernstes, es hätten sich ein paar
von diesen Burschen da drinnen versteckt und wollten nun ihrer Herrin Gewalt
antun. Sie rannte, so schnell sie konnte, durch das Haus und sagte zu jedem,
der ihr in den Weg lief: ‚Kommt und helft Madame de Roncex! Die Mönche
wollen ihr im Abort Gewalt antun!‘ Und alle liefen in größter Eile dorthin und
fanden die arme Madame de Roncex, wie sie um Hilfe schrie und nach einer
Frau rief, die sie säubern könnte. Sie hatte ihren Hintern so breit wie lang
entblößt und traute sich nicht, die Röcke herunterzulassen, weil sie fürchtete,
sie könnte sie sonst beschmutzen. Auf ihr Geschrei hin traten die Edelleute ein
und sahen das schöne Schauspiel, fanden aber keinen andern Barfüßermönch,
der sie plackte und behelligte, außer dem Unflat, mit dem sie sich das ganze
Sitzfleisch beschmiert hatte. Das ging nicht ohne gewaltiges Gelächter von
seiten der Herren ab, und sie ihrerseits schämte sich fast zu Tode, weil sie
keine Frauen hatte, die sie säuberten, sondern von Männern bedient wurde,
die sie nackt und im schlimmsten Zustande sahen, in dem sich eine Frau zur
Schau bieten kann. Daher verdreckte sie bei ihrem Anblick vollends, was noch
sauber war, und ließ die Röcke herunter, um ihre Blöße zu bedecken, und dabei
vergaß sie über der Scham vor den Männern, die sie auf einmal vor sich sah,
den Kot, in dem sie steckte. Als sie aber aus dem garstigen Ort draußen war,
mußte man sie fasernackt entkleiden und ihr alle Kleider wechseln, bevor sie
aus dem Kloster weggehen konnte. Sie hatte nicht übel Lust, wegen der Hilfe
zu zürnen, die ihr die verängstigte La Motte herbeigeholt hatte; doch als sie
hörte, daß das arme Mädchen geglaubt hatte, sie wäre noch weit schlimmer
dran, verrauchte ihr Zorn, und sie stimmte in das Gelächter der andern ein.'" (in: Maike Vogt-Lüerssen: Frauen in der Renaissance – 30 Einzelschicksale, ebenda, S. 145/148-149).