Home Geschichte Bücher Weblog Extras über kleio.org

Maikes Weblog

Weblog Index

Als Buch erhältlich:

Margarete von Österreich – Die burgundische Habsburgerin und ihre Zeit 484 Seiten, mit 149 Bildern, ISBN 3-8334-0378-0, € 29,90

01/09/04

Der Tod von Margarete von Österreich – Ärztliches Versagen oder Sterbehilfe?

Das Lebensende der habsburgischen Erzherzogin Margarete von Österreich, einer der großen Politikerinnen der Renaissance (siehe: mein Buch: Margarete von Österreich – Die burgundische Habsburgerin und ihre Zeit), kam für ihre Familie und ihre Freunde sehr überraschend. Eine kleine Glasscherbe sollte ihr zum Verhängnis werden. Über den Unfall am 15. November 1530, den Verlauf der dadurch entstandenen Infektion am Fuß und den eintretenden Tod in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 1530 werden wir detailliert durch die Aufzeichnungen eines Augustinermönchs informiert. So lesen wir bei ihm Folgendes: „Am frühen Morgen des 15. November bat Margarete vor dem Aufstehen eine ihrer Hofdamen, nämlich Magdalen von Rochester, um ein Glas Wasser. Die Hofdame brachte ihr das Getränk in einem kristallenen Pokal, aber, als Magdalen das Gefäß wieder entfernen wollte, ließ sie es unglücklicherweise in der Nähe des Bettes aus den Händen fallen, wo es in mehrere Stücke zerbrach. Vorsichtig las sie alle Bruchstücke, die sie sehen konnte, auf, aber ein Glassplitter blieb verborgen in einem von Margaretes Hausschuhen liegen, .... Als die Prinzessin wenige Stunden später aufstand, schlüpfte sie barfüßig in die Hausschuhe und versuchte zum Feuer zu gehen: Sie fühlte jedoch sogleich einen scharfen Schmerz unter ihrer linken Fußsohle. Nach einer Untersuchung fand man in dem Fuß einen Splitter eines zerbrochenen Glases. Dieser wurde sofort entfernt, aber die Wunde verheilte nie richtig und blutete, wenn auch nur sehr wenig. Margarete, die immer mutig und beherzt war, dachte schon bald nicht mehr an den Unfall und vernachlässigte die Wunde daher. Das Bein entzündete sich jedoch wenige Tage später schwer, und sie begann unter großen Schmerzen zu leiden. Am 22. (November) rief sie schließlich nach den Ärzten, die sie untersuchten. Sie stellten fest, dass der Wundbrand bereits begonnen hatte, und kamen deshalb zu der Entscheidung, dass der einzige Weg, ihr Leben zu retten, war, den Fuß zu amputieren. Am nächsten Tag, den 23., schickten sie Monsieur de Montécute, ihren Almosenpfleger und Beichtvater, zu ihr, damit er ihr die Nachricht brachte und sie auf die schreckliche Operation vorbereitete. Sie war verständlicherweise sehr überrascht und bestürzt, aber mit großer Fassung willigte sie ein, sich der schrecklichen Tortur zu unterwerfen. Vier Tage lang verbarg sie sich (daraufhin) in ihrem Zimmer und wollte niemanden sehen. Sie verbrachte die Zeit in Gebet und Beichte; am Morgen des 27. empfing sie das Heilige Abendmahl und am 28. und 29. beschäftigte sie sich mit den weltlichen Angelegenheiten und fügte ihrem Letzten Willen, den sie 1508 verfasst hatte, ein Kodizill hinzu.“

Als Margarete am 22. Dezember also endlich ihre Ärzte wegen der Wunde aufgesucht hatte und jene sofort erkannt hatten, dass sich bei ihrer Herrin schon der Wundbrand entwickelt hatte, gab es eigentlich nur eine einzige Möglichkeit: sie hatten das infizierte Gliedmaß sofort zu amputieren. Jede Stunde zählte, wenn man ihr Leben hätte retten wollen. Margarete wusste dies selbst, denn sie hatte als 12-Jährige persönlich mitbekommen, wie ihr Großvater, Kaiser Friedrich III., der sich ebenfalls den Wundbrand zugezogen hatte, mit der Operation, der Amputation seines Unterschenkels, zu lange gezögert hatte und daher einen qualvollen Tod starb.

In den Aufzeichnungen lesen wir jedoch, dass Margarete von ihren Ärzten acht Tage für „Gebet und Beichte“ und die Abfassung ihres Testamentes und der Abschiedsbriefe an ihren kaiserlichen Neffen Karl V. und dessen Geschwister, für die sie die Mutterrolle übernommen hatte, gewährt wurden. Als sie am 30. Dezember schließlich endlich operiert werden sollte, nahm die Erzherzogin zuvor noch Abschied von ihren Dienern und Freunden und begab sich erst dann zu ihren Ärzten. Die Amputation war in der Renaissance im Allgemeinen eine sehr schmerzhafte Operation. Betäubungsmittel standen selten zur Verfügung. Der Kranke wurde deshalb bei der Operation von kräftiger Hand festgehalten oder gefesselt und fiel erst durch die Schmerzen der Amputation in Ohnmacht. Postoperative blutende Gefäße wurden anschließend noch mit dem im Holzkohlenfeuer erhitzten Glüheisen verschorft.

Margarete aber hatte das Glück, dass ihre Ärzte ihr zuvor Opium verabreichen konnten. Die Operation – so liest man – missglückte jedoch. Im Laufe der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember verstarb die Erzherzogin. Angeblich wäre die Dosis an Opium aus Versehen zu stark gewesen. Was allerdings sehr zu denken gibt, ist die Entdeckung, die man im Jahr 1856 machte, als man aus Neugierde ihren Sarg öffnete. Man stellte nämlich fest, dass an der Habsburgerin nie eine Amputation vorgenommen worden war. Hatte man ihr absichtlich eine Überdosis Opium gegeben, um ihr die qualvollen Todesschmerzen zu ersparen und um ihr Leben friedlich zu beenden? Denn wenn die Ärzte gleich zweimal versagt hätten – einmal bei der Hinauszögerung der Operation und das andere Mal bei der Überdosierung an Opium, hätten jene doch mit einer schweren Rüge oder sogar Bestrafung von Margaretes Neffen, dem Kaiser Karl V., rechnen müssen. Letzterer erhielt jedoch vom Erzbischof von Palermo, Jean de Carondelet, und dem Grafen von Hoogstraten, Antoine de Lalaing, nicht nur den Abschiedsbrief seiner Tante überreicht, sondern noch ein zusätzliches Schreiben, in dem zu lesen war, dass der Wundbrand am Bein von Margarete von Österreich bereits den gesamten Körper infiziert hatte und dass die Operation daher eigentlich nichts mehr am Ausgang hätte ändern können. Deshalb wurde schließlich auch niemandem irgendwelche Schuld am Tode der Erzherzogin zugewiesen. Der Kaiser bedankte sich im Gegenteil beim Hauptchirurgen Philipp Savoien für dessen ärztliche Dienste sogar persönlich.