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Als Buch erhältlich:

Die Sforza I: Bianca Maria Visconti – Die Stammmutter der Sforza
240 Seiten, 186 Abbildungen, €18.90

02/03/08

Das Geheimnis um "Mona Lisa" nun endgültig gelöst ???

Fund in der Heidelberger Universitätsbibliothek

Hätte mir im Jahr 2003, als es mir gelang, die Identität der berühmtesten Dame im Louvre zu enträtseln, jemand erzählt, dass es noch Jahre dauern würde, bis man meine wissenschaftlichen Aussagen überprüfen würde, hätte ich das damals in meiner absoluten Naivität niemals geglaubt. Ebenso hatte ich bis dahin nicht geahnt, wie leichtgläubig Journalisten sind. Ist uns in unserer Kindheit nicht das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ vorgelesen worden, um ja nicht einfach etwas zu wiederholen, ohne es zuvor mit unserem gesunden Menschenverstand überprüft zu haben?

Im 21. Jahrhundert machen in Deutschland vielleicht nicht mehr die „Kleider“, dafür aber die akademischen Titel immer noch sehr große Schlagzeilen, wie am 14. Januar 2008 am Bericht des Direktors der Heidelberger Universitätsbibliothek, Veit Probst, zu sehen ist. So wird in diesem behauptet, dass das Rätsel, wer die Dame im Louvre ist, nun tatsächlich endgültig gelöst werden konnte. Und zwar eindeutig und unwiderlegbar! Und so sorgen die Journalisten auf der ganzen Welt – mit Ausnahme von einigen wenigen – dafür, dass selbst hier in meiner neuen Heimat, in Australien, nun jedermann nicht mehr den geringsten Zweifel hat, dass es sich bei der Dame 100%ig um die florentinische Kaufmannsfrau Lisa Gherardini handelt.

Mein Lateinlehrer hätte dem Direktor der Heidelberger Universitätsbibliothek mit Sicherheit seinen Lieblingsspruch verpasst: „Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben“ – so aber hast Du nur Deine Dummheit offenbart. Also in einem Buch aus dem 15. Jahrhundert hat Herr Probst bzw. ein gewisser Herr Armin Schlechter die schriftliche Notiz gefunden, dass Leonardo da Vinci im Jahr 1503 eine gewisse "Lisa del Giocondo" und nicht eine Lisa Gherardini porträtiert hat. An diesem Beispiel zeigt sich wieder einmal, wie fatal es ist, sich nicht genügend mit der Geschichte des Mittelalters und der Renaissance auszukennen. Denn erst nachdem sich der Protestantismus als alternative Glaubensrichtung neben dem Katholizismus durchsetzen konnte, bürgerte es sich gegen Ende der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den protestantischen Ländern allmählich ein, dass die Frauen bei ihrer Heirat nun auch ihr letztes Stück an eigener Identität aufgeben mussten, nämlich ihren Nachnamen. In den katholischen Ländern wie Italien geschah dies erst im Laufe des 17. Jahrhunderts.

So heißt zum Beispiel auch die Gattin von Martin Luther stets "Katharina von Bora" und nicht "Katharina Luther". Es gibt nicht eine einzige Frau, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Nachnamen, den sie seit ihrer Geburt trug, durch ihre Heirat verlor. Lisa Gherardini gab also ihren persönlichen Nachnamen auch nach ihrer Eheschließung nicht auf. Er gehörte zu ihrer Identität. Auch als Gattin von Francesco del Giocondo hieß sie daher stets Lisa Gherardini und niemals Lisa del Giocondo. Wer ist also diese "Lisa del Giocondo"? Die Antwort findet man in einer Stammtafel, die in Giuseppe Pallantis Buch "Mona Lisa Revealed – The True Identity of Leonardo's Model, Milan 2006" beigefügt wurde. So handelt es sich bei "Lisa del Giocondo" um eine Schwester von Francesco del Giocondo (1465-1538), die im Jahr 1468 das Licht der Welt erblickt hatte und zum Zeitpunkt, als Leonardo da Vinci ihr Porträt zeichnete, bereits 35 Jahre alt war und damit schon rein altersmäßig als Kandidatin für die Dame im Louvre ausfällt. Und wie kann man aus dieser Randnotiz überhaupt zu der Behauptung kommen, dass es sich bei der Dame im Louvre nun eindeutig um "Mona Lisa" handelt? Was ist das für ein wissenschaftlicher Spagat!

Vergessen Sie bitte nicht, dass das große Werk von Leonardo da Vinci nicht signiert, nicht datiert und keine schriftliche Bemerkung, wer die Dargestellte ist, enthält. Wie kann man also von einer Randnotiz aus einem Werk des 15. Jahrhunderts, die nur den Vermerk "Lisa del Giocondo" und nicht die geringste Beschreibung des Modells aufweist, zu der "wissenschaftlichen" Schlussfolgerung kommen, dass die Dame im Louvre 100%ig die florentinische Kaufmannsfrau "Mona Lisa" ist? Leonardo da Vinci war Hofmaler bei den Sforza im Herzogtum von Mailand und zwar für 16 oder 17 Jahre. Seine Hauptaufgabe war die Damen und die Herren dieser Dynastie zu porträtieren. Haben Sie einmal nachgezählt, wie viele weibliche Mitglieder es allein von diesen gibt, die als mögliche Kandidatinnen weitaus größere Chancen haben, die Dame im Louvre darzustellen?

Die Symbole und Embleme der Sforza sind bekannt. Wer Sie kennen lernen möchte, kann sich jederzeit mein Buch „Bianca Maria Visconti – Die Stammmutter der Sforza“ besorgen und sie lernen. Aber ich muss annehmen, dass es für die meisten meiner Zeitgenossen einfach zu schwer ist zu lesen und zu lernen. Weiter herumzuphantasieren, wer die Dame ist, Wimpernhaare zu zählen, dubiose Krankheitsdiagnosen aufzustellen, nachzuplappern ... ist soviel einfacher...

Die Dame im Louvre ist aber auch nicht die florentinische Kaufmannsfrau Lisa del Giocondo, sondern die mailändische Herzogin Isabella von Aragon! Ich glaube dies nicht, ich weiß es! Denn es steht auf dem Bild! Die Dargestellte trägt zudem das Kleid der mailändischen Herzoginnen, das jene in der zweiten Phase einer Trauerperiode anlegen. Jeder, der die Geschichte der Renaissance kennt, der mit der Mode dieser Epoche und den Symbolen, Emblemen, Wappen und Farben der hohen Dynastien des 13. bis 16. Jahrhunderts vertraut ist, wird dies herausbekommen. Daher der Aufruf an alle, stürzt Euch in die Bücher, lernt die Symbole und lasst endlich die Wissenschaft ihren Einzug in die Frage „Wer ist Mona Lisa?“ halten!

Ein großes Danke an „sachmed“ für seinen Kommentar im: Der Tagesspiegel „Kultur“! Gäbe es doch nur mehr „sachmeds“: siehe den Tagesspiegel

P.S.: Wenn es so viel Arbeit macht, sich mit dieser wissenschaftlichen Materie zu beschäftigen, warum gräbt man dann nicht einfach den Schädel der mailändischen Herzogin Isabella von Aragon aus, der im Gegensatz zu der Kaufmannsfrau Lisa del Giocondo nicht erst gesucht werden muss, und rekonstruiert ihr Gesicht. Dann hören hoffentlich endlich „die Märchen von der Kaufmannsfrau im Louvre“ auf!

Siehe auch: Mona Lisa – Historische Fakten und Spekulationen sowie Isabella von Aragon