Eintrag 49
Heinkes Brief, geschrieben am 4.12.1440
Hallo, meine lieben Freunde, Freundinnen, Eltern und Verwandten!
Vielleicht klappt es, und Ihr werdet diesen letzten Brief von mir noch empfangen! Ich wollte noch einmal von mir hören lassen!
Mir geht es sehr gut! Ich bin sehr glücklich mit Thomas und meiner kleinen Andrea. Ja, Ihr lest richtig! Ich habe eine kleine Tochter, die wie ihr Vater lange schwarze Augenwimpern, blaue Augen und blondes, lockiges Haar besitzt! Sie ist ein so liebes Kind! Mittlerweile ist sie eineinhalb Jahre alt und läuft seit einigen Monaten. Mit dem Sprechen ist sie noch nicht so weit. Thomas ist ganz abgöttisch in sein Mädchen verliebt! Anna Bussow ist gerade wieder vorbeigekommen! Sie ist sehr oft bei uns und hilft mir momentan im Haushalt. Denn es kann jetzt jeden Augenblick mit der Geburt unseres nächsten Kindes losgehen. Nach meinen Berechnungen ist es morgen soweit! Maria, die Hebamme, wird bei dieser Geburt wieder helfen. Magdalena hat sich für heute nachmittag angekündigt. Ich werde sie wohl wieder einmal trösten müssen. Sie möchte so gerne einen Mann haben, aber Herr von Münzenberg ist so abgöttisch in seine Tochter verliebt, daß ihm kein Bewerber gefällt. Hoppla, Andrea ist hingefallen und weint!
So, jetzt bin ich wieder da! Thomas hat für mich dieses kostbare Papier besorgt, damit ich Euch schreiben kann.
Als Ihr die Stadt verlassen hattet, war ich die erste Zeit über sehr depressiv. Ich wollte beides: Thomas und Euch! Aber allmählich verlor sich meine Heimweh, und ich unterstützte Thomas kräftig bei seiner Arbeit. Hätte ich mich doch nur zu Hause etwas mehr mit der Medizin beschäftigt!! Ich könnte den Leuten hier viel besser helfen. Thomas und ich heirateten am 27.3.1438. Bis dahin lebte ich weiter bei den Münzenbergs. Es war eine kleine Hochzeit, so wie wir uns beide es gewünscht hatten.
Das Wetter blieb bis zum April ungemütlich kalt, und dann regnete es ständig. Wie Holger und Kurt vermutet hatten, schritten wir auf eine große Hungersnot zu. Die Stadt füllte sich immer mehr mit den aus ihren Dörfern fliehenden Bauern und deren Familien. Überall standen sie mit ihren Lumpen und ewig bettelnden Händen! Thomas und ich hatten selbst kaum noch Nahrungsmittel in unserem Haus. Auch unser Geld wurde knapp. Die Patienten konnten uns nicht bezahlen und vertrösteten uns auf später. Im Juni wurde es dann plötzlich heiß und schwül. Es war draußen kaum noch auszuhalten. Für Claudia wäre es schrecklich gewesen. Das Ungeziefer vermehrte sich im rasanten Tempo! Und in der Wohnung wimmelte es von Ratten und Mäusen! Ich war nur am Schrubben, Aufräumen, Ungeziefer vernichten etc. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Eines Tages, es war in der ersten Juliwoche, kam Thomas ziemlich blaß von einer Krankenvisite zurück. Ich merkte sofort, daß irgend etwas nicht in Ordnung war und ließ nicht locker, bis ich erfuhr, daß in einer der Herbergen vor der Stadt ein pestkranker Kaufmann lag. Thomas war ganz sicher mit seiner Diagnose und meldete seinen Verdacht sofort beim Rat der Stadt. Ein Wächter wurde beauftragt, den Kranken in einem Zimmer der Leprosenanstalt unterzubringen. Bloß weg von der Stadt! Dort starb der Pestkranke schon zwei Tage später! Dann hatten wir zwei Wochen lang Ruhe. Thomas fing gerade an, zu glauben, daß wir es geschafft hätten, als sich innerhalb von drei Tagen neun Pestkranke einfanden. Panik brach aus! Die Reichen beluden ihre Wagen und Karren mit ihren wichtigsten Utensilien, den Knechten, Mägden, Frauen und Kindern und flohen auf ihre Landsitze, weit ab von jeder Stadt. Auch Stina van Wave machte sich mit Magdalena, Melchior und ihrem Dienstpersonal aus dem Staub. Nur Herr von Münzenberg blieb mit Otto und dessen Frau zurück.
Neben den Reichen verließen auch die Geistlichen fluchtartig die Stadt. Nur einige alte Priester blieben zurück. Die Leute waren hier über den Auszug der Reichen und Geistlichen sehr erzürnt, und es kam zu einigen brutalen Zwischenfällen. In dieser Zeit der Angst fanden sich viele Scharlatane und Quacksalber in unserer Stadt ein, und obwohl Thomas gegen diese "Heilmänner" verbal heftig vorging, kauften die Menschen massenhaft bei den falschen Ärzten ein. Zusätzlich versuchten sich die Leute hier durch das Tragen von Amuletten, Kreuzen, Zaubersprüchen und -mixturen zu schützen. Der Aberglauben blühte in Hochkonjunktur! Thomas wollte mich bei seinen Krankenbesuchen nicht mehr dabei haben. Die Ansteckungsgefahr wäre zu groß! Und so verbrachte ich die folgenden zwei Wochen in unserem Haus. Der Rat ließ eine Säuberungsaktion in der Stadt durchführen, und Wächter errichteten in jeder Gasse und auf jedem Platz große Scheiterhaufen, um auch die Luft von den giftigen Pestdünsten zu reinigen. Tonnen aus Eichen- und Wacholderholz wurden angezündet und loderten tags und nachts. Die Abfallgruben lagen nun ebenfalls weit entfernt von der Stadt und den wichtigsten Verkehrswegen. Die Menschen unten auf den Straßen hielten Gefäße oder Schwämme mit wohlriechenden Kräutern und anderen Spezereien unter ihren Nasen, um ja den Pestdünsten zu entgehen! Vorbei war es mit den kleinen "Klönschnacks"! Man ging sich aus dem Wege und grüßte sich nur noch von weitem! Im unserem Haus häuften sich tote Ratten und Mäuse. Ich sammelte jedes tote Tier sofort ein und warf es in den Scheiterhaufen in unserer Gasse. Das Verhalten dieser Nagetiere hatte sich in der Pestzeit sehr geändert. Sie hatten ihre Scheu vor den Menschen völlig verloren, verließen ihre Verstecke und liefen nachts auf unsere Beleuchtungen zu. Thomas und ich konnten sie dann dort relativ leicht fangen und töten.
Die Stadtbevölkerung suchte ihre Rettung in den Kirchen, die "brechend voll" waren. Dort wurden die Heiligen Sebastian, Rochus, Quirin und Maria um Hilfe angefleht. Zudem befahl der Rat, jeden Morgen und Abend zu beten, und ordnete des öfteren Buß- und Fastentage an, an denen man öffentlich seine Sünden bekanntgeben sollte. Denn jeder in der Stadt glaubte, daß diese Pest die Strafe Gottes für den schlechten Lebenswandel der Menschen wäre. Aber trotz der vielen Gebete blieb die Gnade des Himmels aus!
In der dritten Juliwoche hatten wir schon zirka 250, in der vierten Juliwoche 568 und in der ersten Augustwoche 862 Tote zu beklagen. Besonders in den armen Außenbezirken war das Sterben groß! Ich konnte und wollte Thomas nicht mehr alleine dort hingehen lassen. Den ganzen Tag über waren er und die noch im Ort verbliebenen Hebammen bemüht, den Kranken zu helfen. Dieser arrogante, eingebildete Doktor Blasius gehörte zu den ersten, die trotz ihrer Eide heimlich die Stadt verließen. Thomas war somit der einzige Arzt hier. Einige Bader boten ihm ihre Hilfe an! Sonst hätte Thomas pro Tag 36 Stunden schuften müssen. Das Elend im Ort war groß! Von überall vernahm man die Schreie und das Weinen von Frauen, Kindern und Männern, die in ihren Häusern harrten. Die Straßen waren fast leer. Nur Tierkadaver lagen, wo man auch hinsah, in jeder Gasse, vor den Häusern, neben Brunnen, nahezu in jedem Winkel! Ansammlungen von Menschen waren sowieso verboten. Alle hatten Angst vor der Ansteckung. Wenn sich einige Leute trotz alledem auf die Gassen begaben, liefen sie in der Mitte, um ja den tödlichen Dünsten von den Häusern zu entgehen. Bakterien und Viren kennen die Menschen hier ja nicht. Sie meinen, daß sich die Pest durch einen Ansteckungsstoff ausbreitet, den man sich durch direkten Körperkontakt oder indirekt über die Kleider und Bettlaken und durch die Ausdünstungen der Kranken zuziehen kann. In unserem Haus fanden sich immer mehr tote Ratten ein, und Thomas und ich suchten uns jeden Abend die Flöhe von unseren Körpern ab. Denn irgendwo hatte ich als Kind in einem Buch gelesen, daß die Flöhe und Ratten die Überträger der Pest wären. Thomas war zwar sehr skeptisch, aber er folgte meinen Anweisungen und riet auch seinen Patienten, dafür zu sorgen, daß die toten Ratten aus dem Haus verschwanden. Es gab keinen Tag, an dem wir ohne Läuse und Flöhe waren. Aber wir lebten schließlich noch! Das war das Wichtigste für uns!
Sehr groß war das Sterben in den Leprosorien. Einige Leprakranke versuchten, Zuflucht in der Stadt zu finden, wurden aber immer wieder abgewiesen oder hinausgeworfen. Dann ordnete der Rat an, daß infizierte Familien 40 Tage lang ihre Häuser nicht verlassen durften. Auf noch gesunde Familienmitglieder wurde dabei keine Rücksicht genommen. Diese Häuser wurden an ihren Türen mit einem roten Kreuz gekennzeichnet und tags und nachts von zwei Wächtern streng bewacht, die auch die nötigen Nahrungsmittel für diese eingesperrten Familien zu besorgen hatten. Oft nutzten die Gefangenen den Botengang ihrer Wächter aus, um aus ihren infizierten Häusern zu fliehen, und irgendwo in den Wäldern in Löchern oder Höhlen oder in Hütten an den Straßen oder in kleinen Schuppen, Scheunen und verlassenen Gebäuden auf dem Lande eine neue Bleibe zu finden. Die Nahrungsmittel schwanden! Die öffentlichen Lagerräume für Getreide und andere Vorräte waren fast leer. Seit Bekanntwerden der Pest existierte praktisch kein Handel mehr, und die Landwirtschaft lag darnieder. Und dann der Anblick der vielen Toten und das Geschrei der Schwerkranken. Jeden Morgen und jeden Abend kamen die Totengräber entweder mit ihren Karren oder ihren Holzbahren und lasen die vor den Häusern liegenden Toten mit ihren Stöcken auf. Anfänglich wurden die Leichen noch in grüne Tücher gehüllt. Später lagen auf solch einem Karren ganze Familien unbedeckt! Die Totenglocke war ständig am Läuten. Dazu riefen die Totenwächter fortlaufend: "Bringt Eure Toten heraus!" Wenn dieser Ruf erschallte, wurden die Leichen z.T. aus den Fenstern auf die Straßen geworfen. In den engen Gassen paßten die Karren nicht durch, und dann mußten die Leichen bis zur Hauptstraße getragen werden! Nur einige Reiche wurden noch in einzelnen Särgen durch die Stadt transportiert. Manchmal sogar in Begleitung von einem Priester! Bei unseren Krankenvisiten kamen wir oft an dem Friedhof vorbei. Eines Morgens sah ich, wie die Totengräber ihre eingesammelten Leichen von ihren Karren in riesige Gruben rutschen ließen, Erde darüber warfen und die randvollen Löcher schließlich schlossen. Viele Menschen erfuhren erst durch den Gestank der verwesenden Körper, daß ihre Nachbarn gestorben waren. Es stank überall nach Tod! Die Angst ging um! Wie oft war ich Zeuge, daß Männer, Frauen und Kinder auf den Straßen oder auf dem Markt tot zusammenbrachen und bis zum Abend am Boden liegen blieben. Die um sie stehenden Leute nahmen kaum Notiz von ihnen und versuchten nur einen weiten Bogen um sie herum zu machen. Mittlerweile sperrten sich die Menschen freiwillig in ihre Häuser ein. Denn viele Pestkranke befanden sich auf den Straßen. Sie verbargen mit Halstüchern ihre Pestbeulen und begaben sich hinkend auf den Markt. Die Wunden im Schritt schmerzten beim Gehen, aber z.T. mußten sie einfach auch als Schwerkranke das Haus verlassen, um ihre Kinder oder ihren noch kränkeren Ehegatten mit Nahrungsmitteln zu versorgen! Meine Nachbarin, Katharina van Lunen, erzählte mir, daß sie Zeuge war, wie ein Pestkranker auf dem Markt eine Dame küssen wollte. Die Frau fing an zu fliehen, wurde aber eingeholt und geküßt. Und dann gestand der Mann ihr, daß er die Pest hätte. Wenige Tage später war die besagte Frau tot. Der Pestkranke belästigte aber noch mehrere Frauen. Thomas verbot mir daraufhin, das Haus zu verlassen. Aber schon kurze Zeit später wurde der kußsüchtige Pestkranke von Wächtern gefangen und getötet. Auf die Frage: Warum hast du das gemacht? antwortete er: Aus Wut auf alle Gesunden! Durch solche Vorfälle wurden die Menschen noch mißtrauischer und mieden jeden Kontakt mit ihren Mitbewohnern. Beim Fleischer nahm ich wie alle anderen Kunden selbst das Fleisch vom Haken und legte mein Geld in einen Topf voll Essig. Ende August und Anfang September erreichte die Pest ihren Höhepunkt. In einer Nacht starben 1 240 Menschen. Einige Leichen waren schon so verwest und zerfallen, als die Totengräber kamen, daß sie nur mit Mühe auf den Karren geladen werden konnten. Ganze Straßenzüge waren völlig entvölkert, Türen und Fenster klapperten gespenstig im Winde. Die entsetzlichen Schreie aber waren weiterhin zu hören. Mütter und Väter mußten die Körper ihrer Kinder den Totengräbern überlassen, verwaiste Kinder liefen heulend, alleinstehende Frauen und Männer rannten brüllend und Hände ringend durch die Gassen und baten um Essen. Aber selten bekamen sie etwas oder wurde ihnen Trost zugesprochen. Mitgefühl gab es nicht mehr. Jeder dachte nur an sich! Ich schließe mich dabei nicht aus!
Da sich viele Pestkranke wegen ihrer starken Schmerzen aus den Fenstern warfen, ordnete der Rat Anfang September an, diese Kranken in ihren Betten festzubinden, damit sie keinen Selbstmord mehr begehen konnten. Ich hatte in der ganzen Zeit nur Angst, Thomas zu verlieren. Ständig war er mit dieser schrecklichen Krankheit konfrontiert. Er hatte bei den Untersuchungen nur ein Tuch über seine Nase und seinen Mund gebunden. Thomas ist Arzt aus Leidenschaft! Normalerweise war den Ärzten befohlen worden, die Kranken nur mit ihren drei Fuß langen roten Stäben zu berühren, aber Thomas hielt das für schwachsinnig. Das einzige, was er von seinen Patienten verlangte, waren offene Fenster und Türen. Die Krankenzimmer rochen alle gleich nach einer Mischung von Rosenwasser und Essig. Thomas konnte mit seinen Händen, über die er stets Handschuhe zog, nur den Puls messen. Zudem begutachtete er jedesmal den Harn der Kranken. Die Stuhlschau nahm er grundsätzlich draußen vor. Die Betten der Pestkranken wurden ziemlich hoch über dem Boden errichtet, weil Avicenna und Averroes, die großen Lehrmeister der Ärzte, behauptet hatten, daß die giftigen Dünste nach oben steigen würden, und die Luft daher an der Decke schlechter als am Boden wäre! Nach dieser Theorie gab es für die gesunden Familienmitgliedern dort unten am Boden eine Überlebenschance. Als Vorbeugemaßnahme empfahl Thomas, Theriak zu trinken. Einige Hebammen rieten ihren Patienten dagegen, täglich das sogenannte Priestersalz, eine Mischung aus gebranntem Salz und zahlreichen aromatischen Arzneien zu sich zu nehmen.
Eines Tages, es war in der zweiten Septemberwoche, fühlte sich Thomas ziemlich schlapp. Er begründete es mit der vielen Arbeit und beruhigte mich dadurch zuerst. Dann jedoch fing er eines Abends plötzlich fürchterlich zu schwitzen an. Da ahnte ich, daß mein Thomas sich den Pestbazillus zugezogen hatte. Aber wie sollte ich ihm helfen? Vermutlich trägt man die Krankheit nicht länger als 15 Tage mit sich herum, dann bricht sie aus. In dieser Zeit kann man aber eine Menge Leute angesteckt haben. Vielleicht bin ich auch schon längst infiziert! ging es mir durch den Kopf. Thomas hatte an diesem Abend schon leichtes Fieber und klagte über schwere Kopfschmerzen und Schmerzen an den Gelenken, unter den Achselhöhlen und an den Leisten. Gegen Morgengrauen begann er zu spucken, und die Schmerzen nahmen zu. Er befahl mir, ihn sofort zu verlassen, damit ich nicht auch sterben müßte. Aber das fiel mir nicht im Traum ein! Was soll ich ohne Thomas auf dieser Welt?! Das Fieber stieg am nächsten Tag, und in der Leiste, in den Achselhöhlen, hinten am Hals und in den Ellenbogen bildeten sich pflaumengroße, schwach purpurfarbene Geschwülste, die so hart waren wie manchmal die Hornhaut an den Füßen sein kann.
Abb. 69: Der Heilige Rochus weist auf seine Pestbeule, die sich im Leistenbereich seines rechten Oberschenkels gebildet hat
Bei vielen Leuten hatte ich sie eher linsengroß zu sehen bekommen. Drei Tage später traten neben den Beulen kleinere, schwarze oder blauschwarze Flecken auf, die den ganzen Körper bedeckten. Das Fieber stieg sehr hoch, und Thomas fing an, wirres Zeug zu sprechen und laut zu träumen. Zwischendrin krümmte er sich und schrie vor Schmerzen! Die trockenen Lippen platzten, was mich anfangs glauben ließ, er würde auch noch Blut spucken. Diese pflaumengroßen Beulen (Abb. 69) wurden immer größer und schmerzhafter. Ich saß an seinem Bett und heulte und schrie wie die Männer und Frauen und Kinder auf den Straßen und in der Nachbarschaft. Ich traute mich nicht mehr, Thomas zu streicheln, weil ich fürchtete, ihm dadurch nur noch weitere Schmerzen zu zufügen! Eines Morgens entdeckte ich, daß einige dieser scheußlichen Beulen geplatzt waren. Das mußte noch mehr schmerzen, denn Thomas drehte total durch. Er schrie und wollte sich umbringen. Nur mit Mühe konnte ich ihn vom Fenster zurückhalten. Ihn ans Bett zu binden, brachte ich nicht über das Herz. Thomas schien mich überhaupt nicht mehr zu kennen. Er schlug wütend auf mich ein und versuchte sich aus meinen Armen zu befreien. Gott sei Dank, fiel er dabei unglücklich zu Boden und blieb liegen! Aus den aufbrechenden Beulen floß eine grüne, ekelhaft riechende Flüssigkeit. Ich säuberte die offenen Wunden mit Wein und verband sie. Am nächsten Tag ging es Thomas etwas besser. Das Fieber hatte nachgelassen, und die Schmerzen waren fast vorüber. Thomas war über den Berg! Wir stellten bei unseren weiteren Krankenbesuchen fest, daß die Patienten, bei denen sich die Pestbeulen innerhalb einer Woche wie bei Thomas öffneten, eine Überlebenschance besaßen. Eine andere Form der Pest, bei der die Patienten unter heftigen Brustschmerzen litten und Blut spuckten, verlief dagegen immer tödlich! Diese Pestkranken verloren durch eine Zungenlähmung ihre Sprache und verlangten ständig zu trinken. Schließlich fielen sie in einen betäubenden Schlaf. Ihr Schlund und ihre Zunge waren ganz schwarz. Die bei der Pest so typischen Beulen oder Flecken gab es bei diesen Kranken überhaupt nicht. Außerdem trat der Tod schon sehr schnell ein. Spätestens drei Tage nach dem Ausbruch der Krankheit starben diese Patienten.
Abb. 70: Der Arzt öffnet eine Pestbeule
Thomas versuchte zumindest den Pestkranken, die wie er die Beulen aufwiesen, zu helfen, indem er ihre Geschwüre mit Schröpfköpfen zur Abzeßbildung bzw. Entleerung nach außen bringen wollte. Aber letztlich standen wir der Krankheit doch hilflos gegenüber! Thomas war den ganzen Tag mit einer Fliete am Öffnen von vereiterten Pestbeulen (Abb. 70)! Manche Eiterbeulen waren aber so hart, daß wir vorher Breiumschläge anwenden mußten, um sie zu öffnen. In manche Geschwüre konnte Thomas trotzdem keinen Schnitt machen. Das Messer ritzte diese Beulen nicht einmal an! Dann Ende September, Anfang Oktober forderte die Pest endlich weniger Todesopfer. Und Mitte Dezember war der grausame Spuk überstanden.
Mittlerweile ist in unserer Stadt wieder Frieden und Gesundheit eingezogen. Die Preise für die Nahrungsmittel sind zwar sehr hoch, aber man bekommt wieder alles. Herr von Münzenberg hat seine Magdalena und die Knechte und Mägde zurückgeholt. Stina van Wave und Melchior sind wie Otto und seine Frau an der Pest gestorben. Herr Bussow hat überlebt. Er hatte, nebenbei bemerkt, schon zwei Wochen nach Eurer Abreise die 15-jährige Tochter eines Zunftgenossen geheiratet. Seine junge Frau starb jedoch als eine der ersten Pestopfer bereits im Juli 1438. Berthold, Kristein und die kleine Maria leben auch nicht mehr. Kristein starb drei Wochen später, nachdem Ihr gegangen wart. Thomas konnte ihr nicht mehr helfen! Berthold und Maria starben am gleichen Tag wie ihre Stiefmutter. Nur Anna sehe ich noch oft. Sie liebt es, bei uns zu sein. Katharina wurde noch vor dem Pestausbruch verheiratet und lebt irgendwo in Mitteldeutschland. Anna hat vor einem Jahr das letzte Mal von ihr etwas gehört. Katharina war zu der Zeit schon das dritte Mal schwanger!
Liebe Freundinnen und Freunde, ich wünsche euch so viel Glück und Liebe in Eurem Leben, wie ich es hier im Übermaß habe. Vielleicht werde ich hier nicht so alt wie Ihr, denn die medizinische Versorgung und das Fachwissen sind wirklich nicht im geringsten mit unserem zu vergleichen! Aber mir ist ein kurzes, glückliches Leben immer schon lieber gewesen, als das einsame traurige Altwerden!
Alles, alles Liebe von Thomas, Anna, Andrea und Heinke!
P.S.: Anna möchte noch Claudia und natürlich ganz besonders Holger grüßen, den sie wohl niemals in ihrem Leben vergessen wird. Ich muß jedesmal, wenn sie bei uns ist, irgend etwas von Dir, lieber Holger, erzählen. Mir fällt bald nichts mehr ein! Aber das macht nichts! Auch Wiederholungen lauscht sie, wenn sie nur ihre große Liebe betreffen, stets mit voller Inbrunst!
P.S.2: Wenn Sie etwas mehr über die Pest oder das Leben im Mittelalter wissen möchten, lesen Sie bitte die "Alltagsgeschichte des Mittelalters"!

