Eintrag 43
Heinkes Bericht, geschrieben am 20.2.1438
Maria ist tot! Ich kann es immer noch nicht glauben, daß ich sie nie wiedersehen werde! Sie war neben Magdalena die einzige Person im Münzenberger Haus, zu der ich mich noch besonders hingezogen fühlte. Und nun ist sie tot! Grete Vischer, eine andere Magd unseres Gastgebers, beichtete Herrn von Münzenberg heute morgen, daß Maria gestern abend unbedingt noch einen Spaziergang machen wollte, weil sie sich nicht besonders wohl gefühlt hätte. Am Morgen war sie aber immer noch nicht heimgekommen. Nachdem wir davon erfahren hatten, machten wir uns sogleich auf den Weg und suchten sie in allen Winkeln der Stadt. Und dann fand Otto sie endlich am Fluß außerhalb der Stadtmauer. Sie war nur leicht bekleidet und lag am Flußufer wie eine Schlafende. Sie war erfroren! Ja, und dann ging das Gefrage los! Was suchte sie nachts am Fluß? Warum war sie so dünn bekleidet? Tat sie das in der Absicht, sich umzubringen?
Ich wollte zu ihr gehen, aber Magdalena hielt mich zurück. "Heinke, du kannst da jetzt nicht hin! Wir wissen noch nicht, ob es ein Unfall oder Selbstmord war. Wenn sie Selbstmord begangen hat, dann dürfen wir sie nicht anrühren! Oder willst du unehrlich werden?!"
Grete wurde zu Herrn von Münzenberg und den ihn umgebenden Herren gerufen. Als beste Freundin von Maria wüßte sie vielleicht etwas! Grete schüttelte immer nur den Kopf und wischte sich die Tränen mit ihrem linken Handrücken aus dem Gesicht.
Die hohen Herren konnten sich nicht einigen, und so beschlossen sie schließlich aus "Sicherheitsgründen", den Leichnam von einem Abdecker abholen zu lassen und irgendwo vor der Stadt zu verscharren.
Ich nahm Grete, die direkt neben mir stand, in meine Arme und trocknete ihr Gesicht mit meinem Kleid. "Maria war meine beste Freundin. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Sie war wie eine Schwester zu mir!" gestand sie mir schluchzend.
"Wollen wir ein wenig spazierengehen, Grete?" fragte ich sie, nahm ihre Hand, ohne auf ihre Antwort zu warten, und verließ die Menschenansammlung.
"Ach, Maria hat selbst schuld! Warum hat sie sich auch immer auf die Schmeicheleien der Männer eingelassen? Die haben doch nur eines im Kopf!!! Aber die Rechnung müssen wir Frauen doch letztendlich bezahlen!!!"
"Was willst du damit sagen, Grete?"
"Versprichst du mir hoch und heilig, daß du niemandem etwas sagen wirst? Niemandem!"
Ich schwor beim Tode meiner Eltern, niemandem etwas zu verraten, und erfuhr dann von Grete, daß Maria wohl doch Selbstmord begangen hatte, weil sie schwanger war.
"Aber, Grete, das ist doch kein Grund sich umzubringen! Soweit ich mitbekommen habe, ist doch hier in der Stadt jeder dritte unehelich geboren worden. Warum sollte sie sich deswegen töten?"
"Heinke, du hast keine Ahnung. Maria war sehr sensibel. Sie hätte es nicht ertragen, aus dem Haus geworfen zu werden und eventuell im Freudenhaus zu arbeiten, um für sich und das Kind sorgen zu können. Und hinausgeworfen hätte man sie! Sie wollte immer einen anständigen Handwerker heiraten. Davon hatte sie ihr Leben lang geträumt. Aber mit dem unehelichen Kind hätte sie ihren Traum nie mehr verwirklichen können. Ich kenne eine Magd, der hat man nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes unter dem Pranger die Flechten abgeschnitten und sie anschließend aus der Stadt getrieben! Und das Kind nach der Geburt zu töten, hätte Maria auch nicht gekonnt. Sie wußte doch, daß man dafür gepfählt und lebendig begraben oder ertränkt wird."
"Und die Väter dieser unehelichen Kinder? Was geschieht mit ihnen?"
"Die leugnen alles! Und wie willst du ihnen beweisen, daß sie die Väter sind!? Nur wenn wir Frauen unter Zeugen vergewaltigt worden sind, geht's dem Mannsbild an den Kragen. Erst dann werden sie ebenfalls lebendig begraben, ersäuft oder enthauptet. Glimpflich kommen nur die geistlichen Notzüchter weg! Sie werden entmannt, und ihre Hoden werden dann zur Abschreckung auf dem Rathausplatz öffentlich ausgestellt. Aber das habe ich nur vom Hörensagen und selbst noch nie gesehen. Die Geistlichen sind doch viel zu gewitzt, als daß sie sich dabei erwischen lassen!"
"Aber warum hat Maria dann nicht abgetrieben oder versucht, zu verhindern, überhaupt schwanger zu werden? Kennt ihr keine Verhütungsmittel?"
"Doch, natürlich! Wir kennen die unterschiedlichsten Methoden. Abtreibungen werden bewirkt durch den Rauch von Hufen und Eselsmist oder von Myrrhe, Schwefel, Färberröte, Raute und Habichts- oder Taubenmist. Oder man trinkt Wein mit Myrrhe oder Tee vom Sadebaum oder Abkochungen von Feigen oder vom wilden Dost! Die Samen von Petersilie, Fenchel und Sellerie, von Majoran, Thymian, Rosmarin und Lavendel fördern ebenfalls den Abgang! Oder man nimmt Mutterkorn, Bohnenkraut, Aronstab, Bibernellwurzeln oder Rattenkot, das man in jeder Apotheke erhält. Man kann auch versuchen, das Kind auf mechanische Art loszuwerden, indem man z.B. schwer trägt oder hebt oder indem eine Freundin durch die Bauchdecke hindurch den Uterus kräftig knetet und zusammendrückt. Empfängnisverhütung kennen wir auch. Eine Bekannte von mir behauptet, daß man vor dem Geschlechtsverkehr zur Verhütung die Milch einer anderen Frau trinken muß. Maria meinte, daß man sich vor einer unerwünschten Schwangerschaft durch das Trinken von Widder- oder Hasenurin schützen kann oder sich einen Beutel mit Hasenkot um den Hals hängt. Aber das hat bei ihr wohl nicht gewirkt! Meine Schwester brachte mir bei, ein mit dem Saft der Christrose oder Osterluzei getränktes Baumwollstück in die Scheide zu legen. Du kannst es auch in den Saft der Raute, des Sadebaumes, der Gartenkresse oder in Kuhgalle tauchen! Aber all diese genannten Methoden wirken entweder nicht oder sind sehr gefährlich! Ich hasse die Männer! Ich hasse sie, weil sie Schuld am Tode meiner besten Freundin haben!"
Grete fing wieder an, zu weinen. Ich nahm sie erneut in den Arm und versuchte so gut es ging, die fehlende Maria zu ersetzen. Maria, auch ich werde dich vermissen! Aber ich weiß, daß du dort droben bei Gott bist, dem es egal ist, ob du Selbstmord begangen hast oder auf natürliche Weise gestorben bist. Gott richtet sich, ein Segen, nicht nach den Gesetzen der Kirchen und der Menschen!
Heinke

