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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 41

Heinkes Aufzeichnung, geschrieben am 16.2.1438

Es fiel mir sehr schwer, meinen Vorsatz, Thomas erst Montag wiedersehen zu wollen, einzuhalten. Schon ein paarmal stand ich vor seinem Haus, traute mich aber nicht anzuklopfen. Heute morgen jedoch hielten mich keine zehn Pferde mehr zurück. Ich raste durch die Gassen und befand mich schon kurz nach 8 Uhr vor seiner Tür. Während ich mir noch überlegte, wie ich klopfen und wie ich mein so frühes Erscheinen begründen sollte, öffnete sich bereits die Tür ohne mein Zutun, und Thomas erschien in seiner Ausgehkleidung.

"Oh, Heinke, ich hatte dich erst heute nachmittag erwartet. Ich muß jetzt leider zum Examen leprosorum, zur Lepraschau. Möchtest du vielleicht dabei sein?"

Abb. 56: Die Lepraschau

Na, klar! Ich hakte mich bei Thomas ein, und dann gingen wir gemeinsam Richtung Marktplatz. Unterwegs erfuhr ich, daß Thomas zusammen mit einem Bader und zwei Hebammen ab und zu lepraverdächtige Personen zu untersuchen hat (Abb. 56).

"Hoffentlich sind wir schnell fertig! Ich möchte den Nachmittag gern mit dir alleine verbringen!" flüsterte er mir zu und drückte mir einen Kuß auf die Wange. Ich kam mir vor wie seine langjährige Ehefrau! Es war alles so vertraut, so entspannt!

Die Lepraschau fand bei dem Bader Gregor Horst in einem speziellen Zimmer statt. Die zwei älteren, von Thomas bereits erwähnten Hebammen, Anna und Magdalena, und sieben lepraverdächtige Personen warteten schon in einem Vorraum auf uns. Thomas stellte mich kurz vor, begab sich mit mir in den Behandlungsraum und verlangte, den ersten Patienten zu sehen.

Eine ungefähr 40-jährige Frau wurde von Anna unsanft durch die Tür gestoßen. Bevor der Bader und Magdalena sich ebenfalls zu uns gesellten, versuchte die Patientin ein Stück gepökeltes Fleisch, das sie unter ihrem Gewand versteckt gehalten hatte, bei Thomas loszuwerden.

"Gute Frau, du weißt doch, daß ich einen Eid ableisten mußte, jeden Leprakranken anzuzeigen. Ich darf auch keine Geschenke annehmen. Hier steck' es wieder weg und iß es lieber selber!"

Mit zitternen Händen nahm sie das Fleisch zurück und ließ es wieder unter ihrem Rock verschwinden.

"So, gute Frau, wie heißt du, und wie ist der Name deines Mannes?"

Ja, und dann folgten noch weitere formelle Fragen wie nach ihrem Alter, ihrem Umgang und ihren bisherigen Krankheiten. Danach schaute sich Thomas in einem bauchigen Glaskolben ihren Urin an und wollte wissen, ob sie häufig aufstoßen müßte und ob der sexuelle Trieb bei ihr zugenommen hätte. Die Patientin verneinte beides und wurde schließlich aufgefordert, sich zu entkleiden. Der Bader und Thomas entfernten sich und ließen die Frau mit den Hebammen alleine.

"Nein, Gregor, ich glaube nicht, daß sie Lepra hat. Ihr Atem riecht nicht danach!" hörte ich Thomas beim Hinausgehen zum Bader sagen. Ich selbst blieb im Raum zurück und beobachtete die Hebammen bei ihrer Untersuchung. Sie hatten eine verdächtige Stelle am linken Bein entdeckt und konnten sich wohl nicht ganz einigen, denn sie warfen der Patientin ein Laken zu, mit dem sie ihren Körper bis auf das Bein bedecken sollte. Thomas wurde wieder hereingebeten, begutachtete die Stelle und murmelte etwas vor sich hin. Das Gesicht der Patientin begann sofort zu strahlen! Keine Lepra! Dann verschwand Thomas wieder, aber nicht ohne mir einige Augenzwinker zuzuwerfen. Die Patientin zog sich geschwind an und verließ ebenfalls den Raum. Ich folgte ihr und sah noch, wie ihr ein Schreiben in die Hand gedrückt wurde.

"Was hast du ihr da gegeben, Thomas?"

"Einen Schaubrief, in dem ich ihre Reinheit bescheinigt habe. Damit kann sie den anderen Leuten beweisen, daß sie keine Lepra hat."

"Was hat sie denn?"

"Sie hat am linken Bein und auch im Gesicht kleine, braunrote, weiche Knötchen, die z.T. zu einem kleinen Geschwür verschmolzen sind. Das haben viele Leute hier, aber das ist keine Lepra!"

"Wer schickt diese Leute zu dir? Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie von selbst kommen!"

"Sag' das nicht! Aber in diesem Fall hast du recht. Diese Frau wurde von einer Nachbarin bei einer der Hebammen angezeigt. So, kommst du wieder mit in den Behandlungsraum? Der nächste Patient wartet auf uns!"

Wieder saß eine Frau auf dem Behandlungsstuhl und schaute völlig verschüchtert auf ihre Hände.

"Hedwig von der Hove?" fragte sie der Bader. Ein leises "Ja" war im Zimmer zu vernehmen.

"Warum bist du erst jetzt gekommen? Wir hatten dir bei der letzten Untersuchung gesagt, daß du nach sechs Wochen wieder erscheinen sollst. Jetzt ist fast ein halbes Jahr vergangen. Wir hätten dich damals auch gleich in das Leprahaus stecken können!" schrie Gregor die ungefähr 20-jährige Patientin an. Thomas näherte sich ebenfalls der Frau und drängte den Bader behutsam zur Seite. Mit ruhiger Stimme stellte er die gleichen Fragen wie zuvor. Auch diese Patientin beantwortete alles mit einem "Nein".

"Fühlst du dich nicht träge? Leidest du nicht an Juckreiz? Gib' mir deine Hand, ich möchte deinen Puls messen?"

Dann schaute er hinter ihre Ohren und forderte mich auf, zu ihm zu kommen.

"Siehst du diese rötlichen Flecken hier, Heinke", flüsterte er mir zu. "Die Lepraknötchen treten meistens zuerst hinter den Ohren auf. Letztes Mal war ich noch nicht sicher, ob sie Lepra hat, deshalb habe ich sie gebeten, in sechs Wochen wiederzukommen. Aber schau, auch im Gesicht, an der Nase, an den Wangen, am Kinn und auf den Lippen sind kleine Knötchen entstanden. Sie wird bestimmt auch schon welche am Gesäß, an ihren Ellenbogen, an den Knien und an den Genitalien haben."

Er wandte sich wieder den Hebammen zu und bat sie, die Frau im nackten Zustand genau zu beschauen. Ja, und Thomas hatte recht! Die junge Frau wußte wohl schon, daß sie Lepra hatte und fing an zu weinen. Ich hätte sie so gern in den Arm genommen, aber traute mich nicht. Ich habe mich bisher überhaupt noch nie mit Lepra beschäftigt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ansteckend diese Krankheit ist! Deshalb blieb ich feige auf meinem Platz sitzen und ließ die arme Frau ohne Trost. Thomas wurde bald wieder hereingerufen, schaute sich die Knötchen an den Beinen und Armen an und streichelte der Frau über den Kopf. Wie lieb er mit seinen Patienten umgeht! Er ist einfach zu jedem lieb! Schwere Zweifel überkamen mich in diesem Augenblick. Ob er wohl auch nur lieb zu mir ist und nicht mehr? Liebt er mich überhaupt, oder mag er mich nur?

Die Frau erhob sich und verließ zusammen mit einer der Hebammen schluchzend das Zimmer. Thomas kam auf mich zu und legte seinen Kopf auf meinen Schoß. "Die Frau ist gerade 22 Jahre alt und hat vier kleine Kinder! Mensch, manchmal finde ich meinen Beruf zum Kotzen!"

Seine Arme schlangen sich um meinen Körper, und sein Gesicht drückte er noch tiefer in meinen Schoß. Sanft strich ich ihm über sein lockiges Haar und fragte ihn, was mit der Frau nun geschehen würde.

Er hob seinen Kopf und antwortete mir: "Sie wird in eines der Leprahäuser außerhalb der Stadt gebracht. Dort wird man ihr die Haare kurz scheren und ihr die typische Leprakleidung geben. Sie wird ihre Familie wohl nur beim Betteln in der Stadt ab und zu von der Ferne aus sehen können. Denn Kontakt darf sie zu ihnen nicht mehr haben! Sie ist für ihre Familie und Verwandten tot! Verstehst du, sie ist durch meine ärztliche Diagnose aus der christlichen Gemeinschaft ausgestoßen und für tot erklärt worden!"

"Darf sie denn wirklich nicht bei ihrer Familie bleiben?"

"Nein, wenn sie sich weigert, ins Leprahaus zu gehen, wird sie aus der Stadt verwiesen. Nur einigen reichen Bürgern ist vom Rat bisher die Erlaubnis erteilt worden, statt in den Leprahospitälern in ihren eigenen Häusern zu wohnen."

"Gibt es denn keine Möglichkeit, sie zu heilen?"

Abb. 57: Das Erdrauch-Kraut

"Es gibt mehrere Methoden, aber sie sind nicht sehr erfolgversprechend. Einige Kollegen raten ihren leprakranken Patienten, die beschädigten Hautpartien mit Schwefel einzureiben. Andere schwören auf die indische Myrobalanenfrucht oder auf das Erdrauch-Kraut (Abb. 57). Avicenna empfiehlt eine Schlangensuppe, die unter anderem mit Porree, Dill und Kichererbsen zubereitet wird. Nach seiner Meinung könnten auch Arzneimittel, die aus dem Blut einer schwarzen Schlange hergestellt worden sind, die Lepra vernichten."

"Warum sollen die Leprakranken Schlangenfleisch essen oder Schlangenblut trinken? Wo liegt da der tiefere Sinn?"

"Dazu rät auch schon der große römische Arzt Galen! Durch den Genuß von Schlangenfleisch, hofft man, wird sich die kranke Haut des Leprösen wie bei der Schlange abschälen, und die gesunde Haut kommt zum Vorschein! Ich werde der Frau vielleicht destillierten Alkohol verschreiben. Viele meiner Kollegen halten diese Therapie für die beste!"

"Ach, das hilft doch alles nichts!" mischte sich Magdalena ins Gespräch. "Nur das Blut einer Jungfrau kann von der Lepra befreien und sonst nichts!"

"Unsinn!" unterbrach Anna ihre Kollegin. "Mein Vetter wurde durch seine Pilgerfahrt nach Rom von der Lepra geheilt. Entweder nimmt man diese Strapaze auf sich, oder man betet zum Heiligen Georg oder zur Heiligen Elisabeth."

"...oder zum Heiligen Lazarus und zum Heiligen Martin", ergänzte der Bader ihren Satz.

Für die Leprakranken gibt es wirklich unzählige Heilige, die sie in ihrer Not anrufen können. Thomas nannte mir noch den Heiligen Jakob, den Heiligen Johannes, die Heilige Katharina und den Heiligen Nikolaus.

"Thomas, woran kannst du die Lepra erkennen? Es gibt doch eine ganze Anzahl von Hautkrankheiten. Wie kannst du so sicher sein, daß die Frau wirklich Lepra hat?"

"Die Lepra beginnt innen im Körper und kommt erst in einem späteren Stadium außen zum Vorschein. Zuerst kannst du nur einige unspezifische Zeichen wahrnehmen. Die Frau hatte ich deshalb das letzte Mal auch wieder nach Hause geschickt. Die Gesichtsfarbe ändert sich, das Atmen fällt den Leprakranken schwerer, die Verdauung wird schlechter, und der Atem und der Schweiß riechen unangenehm. Dann leiden sie unter häufigem Aufstoßen und schweren Träumen, fühlen sich schlaff und jammern über kalte Füße. Sie werden träger und melancholischer. Ihre Stimme klingt heiser, und sie werden geradezu sexbesessen. Später treten dann die spezischen Zeichen der Lepra auf. Das Gesicht wird rot, fast schwarz, die Kopf- und Barthaare werden dünn und fallen aus. Wenn überhaupt noch Haare nachwachsen, sind sie kurz und dünn. Die Augen werden rund und rot und sehen entzündet aus. Das Weiße der Augen wird dabei dunkel und trübe und ist übersät mit vielen kleinen roten Äderchen. Der Blick wird starr, weil die Kranken im späten Stadium ihre Augenlider nicht mehr bewegen können. Die Augenbrauen und Wimpern fallen aus. An den Wurzeln dieser Härchen bleiben sogar kleine Fleischstückchen hängen. Die Brauen werden hart und schwielig, die Augenlider, die Wangen und das Kinn fangen an, zu schwellen. Außerdem ist das ganze Gesicht mit Knötchen bedeckt. Die Ohren werden rund, und die Nase wird außen groß und dick, innen aber sehr eng. Die Kranken können schließlich nur noch durch den offenen Mund atmen, und aus ihrer Nase entströmt ein übler Geruch. Dann bildet sich der Nasenknorpel zurück, so daß der Nasenrücken schließlich einsinkt. Die Lippen schwellen an, werden dunkelfarben und hart. Das Zahnfleisch wird rauh, wund und riecht unangenehm. Die Spitze der Zunge und ihre Unterseite werden körnig, weil sie mit unzähligen weißen, grünen oder schwarzen kleinen Erhebungen übersät sind. Nicht anders sieht der Gaumen aus! Die Adern der Zunge werden groß und geschwollen. Der Leprakranke kann schließlich seine Daumen und Zeigefinger nicht mehr bewegen, die Zeh- und Fingernägel werden bleich und brechen. Die Haut des gesamten Körpers wird trocken, schorfig und ist mit dunklen Flecken bedeckt. An den Gelenken bilden sich Knoten, und an den Innenflächen der Hände und Füße entstehen offene, übelriechende Geschwüre. Die Kranken leiden unter heftigem Juckreiz und sind besonders gegen Kälte empfindlich. Dabei werden sie gleichzeitig an ihren Beinen und Händen schmerzunempfindlich. Bei einigen Leprösen fallen die oberen Schneidezähne heraus oder – was noch schlimmer ist – verschwinden mit der Zeit ganze Extremitäten."

"Thomas, können wir bitte weitermachen! Ich möchte hier nicht den ganzen Tag verbringen!" unterbrach Gregor, der Bader, Thomas' Ausführungen.

Durch zwei Stadtangestellte wurde dann ein total verhüllter Mann in unser Zimmer hineingezerrt. Er wehrte sich mit aller Kraft, auch nur einen Schritt selbst vorwärtszugehen. Unsanft zwangen die Männer ihn, auf dem Stuhl vor Thomas Platz zu nehmen. Gregor riß ihm die Kapuze vom Gesicht und trat erschrocken zurück. Neugierig erhob ich mich von meinem Stuhl und ging langsam auf Thomas zu.

Abb. 58: Die verstümmelte Krallenhand

Uah! Der Mann sah furchterregend aus! Sein Gesicht war völlig aufgequollen und dunkelrot. Seine Augen blickten starr auf mich, seine Augenlider waren nach außen gekippt und hingen entstellt herab. Die Wimpern und Augenbrauen fehlten ganz. Die Nase war eingefallen, und die Unterlippe hing schlaff herunter. Unter seinen Gewand erschien eine krallenartig aussehende Hand, mit der er Kontakt zu Thomas aufnehmen wollte (Abb. 58).

Wir waren alle schockiert! Nur Thomas schien sich schnell wieder unter Kontrolle zu haben. Er nahm die Hand des Patienten zwischen seine Hände und rief die Ehefrau des Mannes herein. Schuldbewußt, mit gesenktem Haupt, näherte sie sich Thomas.

"Seit wann hat ihr Mann Lepra?" fragte er die Frau.

"Ich weiß nicht, wann es anfing. Ich glaube, es begann zwei oder drei Jahre nach unser Heirat, also vor ungefähr 20 Jahren."

"Wieviel Kinder habt ihr?"

"Keines! Sie sind alle kurz nach der Geburt gestorben! Wir haben nur uns allein", erwiderte die Frau.

"Setz' dich hier hin!" befahl der Bader und zeigte auf den Stuhl, auf dem ich zuvor gesessen hatte.

Thomas löste sich vom Mann und untersuchte die Frau. Flecken waren im Gesicht nicht zu entdecken. Aus seiner Tasche holte Thomas ein eigenartiges Gerät, mit dem er den Naseneingang spreizte und im Scheine einer Öllampe das Naseninnere begutachtete. Dann nahm er eine Nadel und stach der Frau mehrmals in die Wade, ohne das diese jedoch einen Laut von sich gab.

"Nehmen sie bitte die Erbse mit ihrem rechten Daumen und rechten Zeigefinger aus meiner Hand auf", bat er sie anschließend. Aber die Frau bekam ihre beiden Finger nicht mehr zusammen.

"Ich glaube, auf die Singprobe können wir verzichten! Da wird nur heiseres Gekrächze erschallen!" spielte sich der Bader auf. "Oder sollen wir noch die Blutprobe machen?"

Thomas wies diesen Vorschlag energisch zurück und schaute zu mir hinüber. Auch diese Patientin hatte also die Lepra. Der schwer gehbehinderte Mann und seine Ehefrau wurden von den zwei Stadtbeamten sogleich ins Leprahaus transportiert.

"Na, dann können die beiden mindestens zusammen bleiben, nicht Thomas?" unterbrach ich die Stille des Raumes.

"Stell' dir das nicht so schön vor, Heinke! Sie werden getrennt leben. Die Männer haben ihr eigenes Haus und dürfen auch mit ihren Ehefrauen keinen sexuellen Kontakt mehr haben. So will es die Hausordnung der Leprosorien."

"Wie ist so ein Hospital aufgebaut? Wer sorgt für die Kranken?"

"Gibt es bei euch keine Lepra mehr? Ihr Glücklichen! Eines unserer Leprosenhospitäler liegt westlich der Stadt, an der Hauptstraße zum nächsten großen Ort. Die Leprakranken kannst du dort oft an der ersten Weggabelung sehen, wie sie von den Reisenden Almosen erbetteln. Das Hospital liegt nicht weit vom Fluß entfernt und umschließt mit seinen Mauern die Holzhütten für die weiblichen und männlichen Kranken, die Wohnungen für das Pflege- und Hilfspersonal, eine Kirche ohne Glocken, damit keine Gesunden durch ihr Geläute angelockt werden, landwirtschaftliche Gebäude wie Scheunen, Speicher und Ställe, einen Brunnen aus Feldsteinen, einen Friedhof, ein Wasch-, ein Brau- und ein Badehaus. In der Nähe von diesem Hospital befindet sich mehr in Richtung Stadt ein zweites, aber viel kleiner ausfallendes Leprahaus. Hier leben nur noch wenige leichte Fälle und viele gesunde alte Pfründner, die sich in diesem Hospital ihren Alterssitz gekauft haben. Verwaltet werden beide Häuser vom Rat der Stadt, der dort jeweils einen Pfleger für ein Jahr ehrenamtlich eingesetzt hat. Meistens handelt es sich bei ihnen um Ratsmänner, die die Hospitäler nach außen hin vertreten und deren Vermögensverwaltung überwachen. Sie selbst leben dort nicht, schauen aber regelmäßig nach dem Rechten. In den Hospitälern vertreten sogenannte Spitalmeister die Interessen der Pfleger und des Rates. Diese haben darüber zu wachen, daß die strengen Hausordnungen eingehalten werden, und sind zudem noch für die interne Verwaltung zuständig. Der Rat kann von ihnen jederzeit Rechenschaft verlangen. Du mußt nämlich wissen, daß in diesen Leprahospitälern viel Geld und Vermögen steckt. Da wir glauben, daß die Leprösen nach ihrem Tode sogleich die Erlösung erwartet, wollen sich die großzügigen Spender die Gebete der Aussätzigen, die eine Vermittlerrolle zwischen dem Spender und Gott einnehmen, erkaufen. Dabei sind die Reichen natürlich nicht knauserig. Zusätzlich erhalten diese Hospitäler noch reichliche Zuschüsse an Holz, Brot und Wein. Seit kurzem müssen sich reiche Lepröse regelrecht in diese Häuser einkaufen. Es genügt nicht mehr, das gesamte bewegliche Habe wie Hausgeschirr, Bett, Laken, Decken und anderes mitzubringen."

"Können die Leprakranken in den Spitälern ihren alten Berufen nachgehen?"

"Nein, sie dürfen ihren Beruf nicht mehr ausüben! Nur das Holzsägen ist ihnen erlaubt! Sie müssen als "arme Kinder Gottes" wie sie auch genannt werden, von den Stiftungen der Bürger leben."

"Wer versorgt die Kranken in den Leprahäusern? Stellen sich tatsächlich auch Gesunde als Hilfskräfte zur Verfügung?"

"Ja! Der Dienst an den Leprösen oder Aussätzigen wird als Dienst an Jesus Christus gesehen. Mittlerweile arbeiten in den Hospitälern hauptsächlich Nichtgeistliche. Vor langer Zeit, noch während der ersten Kreuzzüge wurde der Lazariter Orden gegründet, der sich ausschließlich um die Pflege der Aussätzigen kümmerte. Ihre Vorsteher waren am Anfang oft selbst leprös. Zuerst war der Orden in Palästina wirksam, später traf man ihn auch im Abendland an. Durch sie wurden die Leprahospitäler zu klosterähnlichen Anstalten, was sie auch heute noch sind. Die Kranken werden zu Enthaltsamkeit, Armut und Gehorsam verpflichtet und müssen ihre Gebetszeiten genauestens einhalten. Schon die Aufnahme erinnert an die Mönchs- oder Nonnenweihen. Während den gemeinsamen Mahlzeiten wird den Kranken wie im Kloster aus der Heiligen Schrift oder aus anderen frommen Büchern vorgelesen. Würfelspiel, Tanzen, Ruhestörung, Mißachtung der Schlafenszeiten und der Gebetspflichten, Versäumen des Kirchganges oder sexuelle Beziehungen können mit der Verweisung bestraft werden. Das ist alles in den Hausordnungen nachzulesen."

Gregor brachte mittlerweile wieder einen neuen Patienten in unseren Raum. Ein fürchterlicher Gestank füllte mit seinem Eintritt das Zimmer! Mensch, ich bin ja gar nicht mehr so geruchsempfindlich, aber das war zu viel! Thomas löste sich von mir und schritt auf den Mann zu, um von ihm wie üblich den Namen usw. zu erfahren. Im Gegensatz zu den anderen Patienten beantwortete er die Fragen, ob er häufig aufstoßen müßte und unter starkem Juckreiz oder Schlaflosigkeit leiden würde, mit einem lauten "Ja!".

"Laß uns die Blutprobe machen!" schlug der Bader erneut vor.

Aber Thomas winkte wieder ab und empfahl dem Patienten, sich einmal gründlich zu waschen. Denn nur so würde der starke Juckreiz und damit verbunden das schlechte Einschlafen aufhören. Und dann entließ er den total verdutzt dastehenden Mann.

Draußen war das Wetter umgeschlagen, und statt des schönen blauen Himmels, der uns heute morgen begrüßte, sah ich nur dicke graue, schneebeladene Wolken. Thomas blickte ebenfalls aus dem Fenster und beendete die Lepraschau mit der Bemerkung, daß unter solchen Lichtverhältnissen nicht "besehen" werden darf.

Während der Bader und die Hebammen scherzend und guter Laune im Nebenraum verschwanden und den übrigen Lepraverdächtigten mitteilten, sie könnten nach Hause gehen, begab ich mich zu Thomas, um ihn über den letzten Patienten auszufragen.

"Thomas, wollte der letzte Patient dir vorspielen, er hätte Lepra? Es kann doch keiner so verrückt sein, sich selbst von der Menschheit ausschließen zu wollen?"

"Und ob! Ich habe dir doch erzählt, daß die Leprahospitäler sehr reich sind. Viele Arme versuchen sich unter dem Vorwand, sie hätten Lepra, dort einzuschmuggeln. In den Leprahäusern gibt es immer reichlich zu essen. Deftige Schweinebraten, ausgesuchtes gutes Brot, Wein, Obst, Gemüse, Kompott und sogar Konfekt werden den Kranken zu den Mahlzeiten serviert. Selbst bei allgemeiner Fleischknappheit bekommen die Leprösen jeden Tag ihre Fleischportionen! Die verdrücken doch jeden Abend fast ein Pfund Fleisch pro Person, während ich mir selbst höchstens 150 - 200 g gönnen kann! Die erhalten dort soviel zu futtern, daß sie ihre Essensreste sogar nach draußen verkaufen können. In der Karwoche werden ihnen jedes Jahr von der Stadt große Körbe voller Feigen überreicht. Feigen kann selbst ich mir nicht einmal leisten! Kein Wunder, daß sich immer mehr gesunde alte Patrizier in unsere Leprahospitäler einkaufen wollen. Da die Leprösen ja bei ihrer Aufnahme als "lebendige Tote" offiziell aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, haben sie sich auch nicht an die Fastengebote zu halten. Weißt du, was die pro Tag an Wein schlucken? 2 ½ Liter!!! Viel arbeitsscheues Gesinde, das sich mit Roßmist beschmiert, möchte von mir gern ins Leprahospital eingewiesen werden!"

Wir schlüpften in unsere dicken Pelzmäntel, und während ich noch den Spruch über der Eingangstür zu entziffern versuchte: "Blut / Harn / Knoll / Drüsen / Gliedergefühl / Atemgestank und Zeichen viel – fürwahr, red ich / die zeigen an, daß dieser sei ein malzig (=aussätziger) Mann", löschte Thomas die Lichter und schloß die Luken, um dann meine rechte Hand zu ergreifen und mich aus den Räumen zu ziehen. Draußen hatte es schon heftig zu schneien begonnen. Dicke Schneeflocken fielen auf unseren Kopf und unsere Kleidung. Thomas jubelte wie ein kleiner Junge und löste sich sogleich von mir, um mich kräftig mit Schneebällen bombardieren zu können. Das konnte ich mir natürlich nicht gefallen lassen, und so entstand der "Schneeballkrieg" zwischen Thomas und Heinke. Am Anfang sah es für mich gar nicht so schlecht aus, aber Thomas' Angriff wurde immer massiver, und zuletzt lagen wir beide im Schnee und versuchten uns gegenseitig, die Gesichter "einzuseifen". Soviel Schnee habe ich schon lange nicht mehr schlucken müssen! Mit einem flüchtigen Kuß auf meinen Mund verkündete Thomas schließlich lautstark seinen Sieg, zog mich hoch und raste mit mir zu seinem Haus. Nachdem wir uns vom Schnee befreit hatten, betraten wir die warme Stube, deckten den Tisch und unterhielten uns weiter.

"Thomas, der Bader wollte bei zwei Patienten eine Blutprobe machen, und du hast sie immer abgelehnt. Warum?"

"Es war eindeutig klar, daß diese Leute Lepra hatten. Und die Blutproben bringen nicht viel. Wenn das Blut dick, verbrannt oder trübe ist oder eine Art Fettschicht an seiner Oberfläche aufweist, spricht das für Lepra. Aber das ist nicht so leicht zu sehen! Außerdem besteht Lepraverdacht, wenn in einem Tuch, durch das das Blut durchgeseiht wird, Sand zurückbleibt. Ebenfalls spricht es für Lepra, wenn sich Salz oder Wasser nicht in dem Blut auflösen, oder wenn Essig, den man ins Blut hineinkippt, heftig aufwallt. Ich halte aber von diesen Blutproben nicht viel."

"Und wie stellt ihr Ärzte euch vor, wie man Lepra bekommt?"

"Wir glauben, daß die Leber zuviel schwarze Galle produziert und daß die Milz nicht mehr in der Lage ist, diesen gefährlichen Stoff abzubauen, weil z.B. die Milzporen verstopft sind. Diese nicht abzubauende Galle zerstört allmählich den ganzen Körper und führt zu den Erscheinungen der Lepra. Einige Kollegen behaupten, daß dieser Überschuß an schwarzer Galle durch schlecht durchlüftete, übelriechende Wohnungen, durch dichte und nebelige Luft oder sehr kalte oder sehr warme Luft verursacht wird. Andere Kollegen glauben, daß dieser Überschuß durch Fehler in der Ernährung hervorgerufen wird. Sie warnen vor dem Verzehr von stark gesalzenen, scharf gewürzten und fetten Fleischsorten wie die vom Schwein, dem Esel oder Bären und vor dem Verzehr von bestimmten Fischsorten, Schnecken, Erbsen, Bohnen, Linsen und vor allen leicht verderblichen und verdorbenen Speisen bzw. vor Gerichten mit trocken-kalter Komplexion! Außerdem raten sie ihren Patienten, jede Art von Völlerei und den Genuß von starken Weinen zu meiden. Mein Onkel sagte immer, daß eine schlechte, zur Lepra führende Säftemischung durch ein zu arbeitsreiches Leben, durch Elend und Armut, Kummer, Sorgen und Angst bewirkt wird! Mein Professor empfahl den Leprösen Medikamente, die Erbrechen, Schweißausbrüche oder Durchfälle zur Folge hatten. Auf diese Art sollten die schädlichen Säfte aus dem Körper getrieben werden. Gregor, der Bader, glaubt im Aderlaß, das Allheilmittel entdeckt zu haben. Vielleicht – weil er dabei reich wird! Letztens riet er mir sogar, die leprösen Männer zu kastrieren!"

"Und wie kann man als Gesunder Lepra bekommen? Wie kann man sich anstecken?"

"Durch den Schweiß, den Atem, den Speichel des Kranken – ja, und durch den Geschlechtsverkehr mit Leprösen! Eine gesunde Frau, die mit einem Leprösen verkehrt, kommt ohne Ansteckung davon, wenn sie gleich danach ihre Monatsblutung bekommt; ein gesunder Mann wird angesteckt, wenn er mit einer Leprösen verkehrt oder mit einer gesunden Frau, die unmittelbar vorher einem Leprösen beiwohnte und noch dessen schlechten Samen in sich trägt!"

Den Rest des schönen Nachmittags verbrachten wir schwatzend, tobend, schmusend und streichelnd. Die sich ankündigende Dunkelheit zwang mich dann aber leider zum Aufbruch. Thomas wurde sauer, weil ich gehen wollte. Aber ich kann doch unmöglich bei ihm bleiben! Was soll ich meinen Gastgebern erzählen? Nur schwer gelang es mir, mich von Thomas' Umarmungen zu lösen. Erst nachdem ich ihm feierlich versprach, morgen wieder bei ihm vorbeizuschauen, wurde ich schließlich nach einem langen Kuß entlassen.

Heinke

P.S.: Wenn Sie mehr über die Lepra wissen möchten, lesen Sie dazu bitte die entsprechenden Kapitel in der "Alltagsgeschichte des Mittelalters".