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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 40

Heinkes Aufzeichnung, geschrieben am 11.2.1438

Heute war ein Spitzentag! Heute habe ich Thomas wiedergesehen und bin sogar bei ihm zu Hause gewesen!!! Dabei fing der Morgen so nichtssagend an. Aus reiner Langeweile bin ich auf dem Markt spazierengegangen, und da sah ich ihn, wie er das Rathaus verließ. Auch Thomas erkannte mich sofort und winkte mir verlegen zu.

"Was machst du im Rathaus? Ist einer der Ratsherren krank geworden, Thomas?" rief ich ihm wie eine alte Freundin zu. Dabei schlug mein Herz, als ob ich einen Hundertmetersprint in Rekordzeit hinter mich gebracht hätte. Nur nicht anmerken lassen, daß ich verliebt in ihn bin, sagte ich mir ständig.

Thomas war tatsächlich schon wieder im Begriff, ohne mich weiterzugehen. Als er aber meine Frage hörte, drehte er sich um, und antwortete mir: "Nein, es gab heute morgen eine Keilerei auf dem Markt. Ein Mann wurde dabei mit einem Messer am Bein verletzt! Hier im Rathaus wurde die Tiefe der Wunde gemessen, um die Strafhöhe festlegen zu können. Ich habe dem Verletzten nur die Wunde gesäubert und sie zugenäht."

"Die Tiefe der Wunde gemessen?! Womit denn?" wollte ich wissen.

"Mit dem Finger! In einigen Städten hat man sich schon vor Jahren einen Wundpegel besorgt. Ich werde dem Bürgermeister demnächst auch dazu raten. Du siehst auch nicht gerade gesund aus! Ist irgend etwas nicht in Ordnung?"

Ich erzählte Thomas, daß ich seit einigen Tagen an Magenschmerzen leiden und mich nicht besonders gut fühlen würde.

"Komm' mit zu mir. Ich werde dir einen Kümmelwein zum Trinken geben. Mein Onkel sagte immer, Kümmel stärkt den Magen, fördert den Beischlaf und das Urinieren und beruhigt die Blähungen im Bauch. Mal sehen, ob er dir auch hilft."

Ja, und so gelangte ich in Thomas' Haus. Während er für mich im Keller den Kümmelwein suchte, machte ich es mir in seiner Stube am Kachelofen gemütlich. Dort auf der Bank vergaß ich das kalte, ewig graue Wetter und träumte vom Frühling mit seinen vielen bunten Blumen und natürlich von Thomas! Plötzlich knarrte die Tür, und mein "Traummann" trat direkt auf mich zu, reichte mir einen mit Wein gefüllten Becher und befahl: Austrinken!

Uah! Kümmelwein würde ich nicht einmal meinen Feinden anbieten! Er schmeckt grauenhaft! Da ich nach dem Austrinken nicht gleich wieder Verschwinden wollte, versuchte ich Thomas in ein Gespräch zu verwickeln: "Thomas, wie ist bei euch das Medizinstudium aufgebaut? Wo hast du studiert, und wer hat dein Studium finanziert?" bombardierte ich ihn mit meinen Fragen.

"Ich hatte Glück. Mein Onkel, der selbst von Beruf Arzt war, finanzierte mein Studium, so daß ich nicht betteln gehen mußte oder auf Stipendien angewiesen war. Zuerst habe ich in Paris und später in Montpellier studiert. Ich bin nur wenig herumgekommen! Meine Kollegen haben z.T. fünf oder sechs Universitäten kennengelernt."

"Wie alt warst du, als du mit dem Studium angefangen hast?"

"11 oder 12!"

"11 oder 12?! Da gehen wir noch zur Schule, Thomas! Das ist doch nicht dein Ernst?!"

"Doch! Mit sieben Jahren erhielt ich Lateinunterricht, und mit 11 oder 12 Jahren schickte mein Onkel mich nach Paris."

"Müßt ihr dem Direktor der Universität keine abgeschlossene Schulausbildung vorlegen, wenn ihr studieren wollt?"

"Nein! Es wird auch keine Aufnahmeprüfung verlangt!"

"Paris ist eine faszinierende Stadt! Wie sah dein Studentenleben dort aus? Konntest du sofort mit dem Medizinstudium beginnen?"

"Paris findest du toll, Heinke?! Ich fand die Studien- und Lebensbedingungen in Paris nicht so gut wie in Montpellier! In Paris mußte ich hohe Mieten für schmutzige Zimmer in den schlechten Vierteln bezahlen. Als Alternative bot sich nur das Kolleg irgendeines geistlichen Ordens an. Aber da wollte ich nicht hin. Die Statuten der Brüder gefielen mir nicht. Bei ihnen war verboten, zum Trinken in Wirtshäuser zu gehen, außerhalb ihres Kollegs zu schlafen, Lärm zu veranstalten und Frauen mit aufs Zimmer zu nehmen. Nee, ich mag nicht, wenn man mir zu viele Vorschriften erteilt. Mit dem Medizinstudium kannst du erst anfangen, wenn du die Artisten-Fakultät erfolgreich hinter dich gebracht hast. Aber zu Beginn deines Studiums bist du sowieso als "Grünschnabel" erst einmal auf der Suche nach dem richtigen Professor und schaust in mehrere Vorlesungen kostenlos hinein, bis dir irgendein Lehrer und dessen Arbeitsweise gefällt."

"Und was studiert man in der Artisten-Fakultät, Thomas?"

"Die Artes liberales! Im ersten Ausbildungsabschnitt, dem Trivium, wirst du in Grammatik, Rhetorik und Logik unterrichtet."

"Und wie lange dauert dieses Trivium?"

"Es kommt auf dich an. Ich brauchte nur drei Jahre. Einige meiner besten Freunde benötigten acht Jahre. Ja, und dann folgt noch das Quadrivium, das im allgemeinen zwei Jahre dauert, und in dem du in den Fächern Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie unterwiesen wirst."

"Habt ihr Bücher zum Lernen gehabt?"

"Nein, die sind doch viel zu teuer. Nur durch ständiges Zuhören und Wiederkauen behältst du die wichtigen Texte!"

"Wie sieht so ein Unterricht aus? Liest der Professor nur vor, oder dürft ihr auch etwas sagen?"

"Beides, sowohl das Vorlesen als auch das Gespräch wird an den Universitäten praktiziert. Solche Disputationen, an denen zwei oder noch mehrere Lehrer und beliebig viele Studenten teilnehmen, sind sehr spannend. Da knallen die unterschiedlichen Meinungen nur so aufeinander. Manchmal gibt es richtige Lehrer-Studenten-Fehden, wobei die Anhänger jeder Partei ihren Professor durch wüstes Trampeln und Pfeifen anfeuern. Prügeleien bleiben da auch nicht aus."

"Und wo fand der Unterricht in Paris statt?"

"In gemieteten Räumen in der Rue du Fouarre und in der Rue Saint-Jacques."

"Gibt es auf der Artisten-Fakultät so etwas wie eine Abschlußprüfung?"

"Na, klar! In Paris wurden nach dem Trivium meine Kenntnisse in der Grammatik und in der Logik überprüft. Gerade im letzteren Fach solltest du das Organon und das De anima von Aristoteles beherrschen. Bei erfolgreicher Prüfung darfst du dich dann "Baccalaureus" nennen. In der Quadriviumprüfung wirst du u.a. noch über die Physik und über die naturwissenschaftlichen Traktate des Aristoteles ausgefragt. Dabei solltest du Aristoteles' Werke: De generatione et corruptione, De caelo et mundo und Parva naturalia im Schlafe zitieren können. Auch Boetius' Werk: Consolatio Philosophiae gehört zu den beliebtesten Prüfungsthemen. Wenn du die Prüfungen des Quadriviums ebenfalls erfolgreich bestanden hast und ein Magister artium geworden bist, hast du das Recht, Theologie, Medizin, Philosophie oder Jura zu studieren. Ich war 17 Jahre alt, als ich die Artistenfakultät verlassen und mit vier Freunden nach Montpellier ziehen konnte. Hier erst haben wir mit unserem Medizinstudium begonnen. Das Universitätsklima in Montpellier ist ganz anders als in Paris. Die Studenten sind hier viel älter und selbstbewußter. Wenn die Professoren bei ihren Ausführungen ein Kapitel übersprangen oder schwierige Paragraphen am Ende der Stunde abhielten, wurden sie zu Geldbußen verdammt. Wenn dir eine Vorlesung nicht gefiel, konntest du es durch lautes Stampfen und Trommeln auf den Bänken oder auf dem Boden zeigen oder sogar die weiteren Vorlesungen des Professors boykottieren."

"Wie machen die einzelnen Professoren eigentlich auf ihre Vorlesungen aufmerksam?"

"Jeder Lehrer schlägt an seiner Tür die Stunden der Kurse und Visiten an. Du kannst dir dann aussuchen, wo du hingehen möchtest."

"Bei dir hört sich alles so einfach an! Hast du viel Zeit in dein Studium gesteckt?"

"Oh, ja! Das Lernen fiel mir nicht in den Schoß! Der Unterricht begann zwischen 6 - 7 Uhr morgens. Er wurde jedesmal durch Glocken eingeläutet. Das heißt, du mußtest je nach der Jahreszeit zwischen 4 - 6 Uhr morgens aufstehen, eine einstündige Messe über dich ergehen lassen und hattest dann im Sommer von 6 - 10 Uhr den ersten Unterricht. Danach wurde dir eine einstündige Pause gegönnt, in der du deine erste große Mahlzeit am Tag einnehmen konntest. Von 11 - 17 Uhr warst du wieder am Lernen. Danach folgte das kärgliche Abendbrot, das dich für den nächsten Unterrichtsblock von ungefähr 18 - 21/22 Uhr stärken sollte." (Ich habe die Zeitangaben von Thomas – zum besseren Verständnis – auf unsere Zeitrechnung übertragen!)

"Ist euer Studium auch in Semester eingeteilt?"

"Ja, in Montpellier gab es ein langes und ein kurzes Semester. Das lange Semester währte von Sankt Lukas (18.10.) bis Ostern, das kurze von Ostern bis Sankt Lukas! Frei hatten wir 15 Tage zu Weihnachten, drei Tage vor Beginn der Fastenzeit, 14 Tage zu Ostern und natürlich an den zahlreichen kirchlichen Feiertagen und am Mittwoch, der dem Hippokrates gewidmet ist."

"Und wie ist das Medizinstudium aufgebaut? Wie sieht dort die Prüfung aus?"

"In Montpellier umfaßt das Medizinstudium drei Jahre. Zweieinhalb Jahre wirst du theoretisch und ein halbes Jahr praktisch ausgebildet. Nach diesen drei Jahren wirst du ziemlich hart geprüft: die erste Prüfung dauert vier Stunden, und dann erhältst du das Baccalaureat der Medizin. Danach mußt du in drei öffentlichen Vorlesungen medizinische Texte lesen und kommentieren. Deine Kommilitonen bescheinigen dir später auf einem Vorlesungsnachweis, daß du deine Aufgabe gut erfüllt hast. Danach folgt als nächste Prüfung das Per intentionem adipiscendi licentiam, oder einfach Per intentionem genannt. Hier mußt du viermal im Abstand von zwei Tagen jeweils eine These über ein Thema verteidigen, das dir erst am Vorabend gegeben wurde. Diese Verteidigungsreden sollen mindestens eine Stunde dauern. Ich benötigte bei einer These sogar fünf Stunden! Mensch, war ich danach fertig! Acht Tage nach dieser Per intentionem folgt das Rigorosum, die von allen schwierigste Prüfung! Sie findet in der Kapelle Saint-Michel der Notre-Dame-des Tables statt und dauert von 12 - 16 Uhr. Zwei Themen werden behandelt, die am Tag zuvor durch Los ermittelt wurden. In einem Thema geht es um eine Krankheit, in dem anderen um einen Lehrsatz des Hippokrates. Außerdem dürfen dich die anwesenden Lehrmeister und Lizenzträger noch mit zusätzlichen Fragen quälen. Acht Tage später erhältst du die Lizenz, die dir vom Bischof oder seinem Stellvertreter in Anwesenheit mindestens zweier Lehrmeister überreicht wird. Dann mußt du noch als sogenannter "Lizenziat" zwei Jahre studieren, um dich der Triduanes-Prüfung stellen zu können. Dieses Examen dauert drei Tage, an denen du jeden Morgen und jeden Nachmittag mindestens eine Stunde lang ausgequetscht wirst. Hast du alle Fragen ausreichend beantwortet, wird dir endlich der Doktortitel verliehen. Und das ist dann auch so ein Schauspiel für sich! Deine Doktortitelverleihung wird am Vorabend durch Glockengeläut angekündigt. Am nächsten Morgen reitest du dann mit großem Pomp durch die Straßen in die Kirche Saint-Firmin. Zum allerersten Male trägst du das typische Gewand der Doktoren: das purpurne Gewand mit der pelzgesäumten Kapuze. Vor dir spielen drei Pfeifer und vier Trompeter und hinter dir befinden sich alle Studenten der Universität. In der Kirche wird dir dann nach mehreren Ansprachen der heißersehnte Doktorhut, der goldene Ring als Symbol für deine Vermählung mit der Wissenschaft, der vergoldete Gürtel und ein Buch des Hippokrates übergeben. Nachdem du noch den feierlichen Eid abgelegt hast, darfst du dich endlich "Arzt" nennen."

"So ein Fest muß doch fürchterlich teuer sein?"

"Das kannst du sagen! Du mußt die Professoren, die dir die Doktorwürde erteilen, und die Hausmeister der Universität neu einkleiden. Und dann kommen noch die Kosten für das Essen und Trinken auf deiner Doktorfeier dazu! Weißt du, was mich aber noch mehr ärgert, ist die Tatsache, daß einige Universitäten und sogar Städte, die überhaupt keine Hochschulen besitzen, diese Doktortitel einfach verkaufen. Unsereins hat so hart dafür lernen müssen!"

Abb. 55: Bücher auf einem Wandbrett

Auf einem Wandbrett neben dem Kachelofen entdeckte ich zwei Bücher (Abb. 55). Ich erhob mich und griff nach dem mit Perlen geschmückten Buch.

"Ist das das Buch des Hippokrates?"

"Nein, das ist das andere Buch auf dem Brett. Was du da hältst, habe ich mir erst vor einem Jahr gekauft! Es ist das bedeutendste Buch der Heilkunde und wurde im 11. Jh. in Damaskus vom größten Arzt der Welt, Avicenna, geschrieben. Im 12. Jh. wurde es in Toledo ins Lateinische übersetzt und ist nun für unsereins lesbar. Ich bin mächtig stolz auf dieses Buch."

Und dann legte er seinen linken Arm um mich und fragte mich, ob wir nicht zusammen essen sollten. Es war ein wunderbarer Tag! Wir saßen zusammen, speisten und tranken, und ich erzählte ihm über die Studienbedingungen und Prüfungen bei uns zu Hause. Thomas war sehr erstaunt über den großen Anteil an studierenden Frauen, denn an seinen Universitäten war dem weiblichen Geschlecht der Zutritt verwehrt. Und besonders interessant fand er die vielen Praktika in der Medizin. Denn er hatte selbst nur ein einziges Mal eine "Leichenöffnung" miterlebt. Leider wurde unsere Zweisamkeit viel zu früh wieder gestört. Ein kleiner Junge erschien und bat Thomas, schnell zu ihm nach Hause zu kommen, denn sein Vater hätte sich bei der Arbeit schwer verletzt. Thomas bot mir zwar an, hier auf ihn zu warten, aber das wurde mir dann doch zu "heiß". Er bringt es noch zustande, daß wir schon heute abend beide in seinem Bett landen! Verdammt, ich bin nahe dran, mich hoffnungslos in diesen hübschen und zärtlichen Mann zu verlieben. Ich möchte doch aber wieder zurück ins 20. Jh.! So belog ich Thomas und behauptete, daß meine Gastgeberin auf mich warten würde, da wir zusammen ihr Rechnungsbuch durchgehen wollten. Etwas Blöderes fiel mir im Moment nicht ein! Als ob Stina van Wave mir auch nur einen Blick in ihr Buch gönnen würde! Thomas versprach ich, spätestens am Montag wieder bei ihm vorbeizuschauen. Daraufhin nahm er mich in seine Arme, gab mir einen Kuß auf die Stirn und flüsterte mir zu, daß er sich schon sehr auf das Wiedersehen freuen würde. Mensch, das darf nicht wahr sein! Nach all den vielen Mißerfolgen mit meinen Männern aus dem 20. Jh. muß ich mich nun in einen Mann aus dem 15. Jh. verlieben!

Heinke