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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 37

Holgers Bericht, geschrieben am 18.1.1438

Gestern nacht hatte ich von dem Henker und den verschiedenen Hinrichtungsarten geträumt. Männer und Frauen wurden zersägt, scheibchenweise zerlegt, geblendet und an ihren Zungen aufgehängt. Überall spritzte Blut, traten Eingeweide heraus und quollen Hirnschlingen aus den offenen Schädeldecken!

Auch heute, am Sonntag, ließ mich das Thema, mittelalterliches Strafwesen, nicht in Ruhe. So beschloß ich nach dem obligatorischen vierstündigen Gottesdienst, noch einen Spaziergang zu der Richtstätte außerhalb der Stadt zu unternehmen. Unseren Gastgebern erzählte ich, daß ich mich mit Kurt beim Kaufmann Reinhold von Münzenberg treffen wollte. Ich brauchte ungefähr 40 Minuten, bis ich die Richtstätte drei Kilometer vor den Toren der Stadt erreichte. Sie liegt auf freiem Feld und stellt eine gemauerte, erhöhte Plattform mit einem viereckigen Grundriß dar. Von außen führt eine Treppe auf den steinernen Fußboden der Plattform. Hier oben können neben dem Verurteilten gut und gern 10 Personen stehen. Genau in der Mitte befindet sich der Galgen aus entrindetem Holz. Er besteht aus drei senkrechten Pfeilern, die in einem Dreieck angeordnet und durch Querbalken miteinander verbunden sind. Gott sei Dank, baumelte gerade niemand daran!

Plötzlich hörte ich hinter mir Schritte. Ängstlich, aber äußerlich ganz "cool" spielend, drehte ich mich um und sah den Henker, wie er gerade die Außentreppe bestieg. Das Herz rutschte mir in die Hose. Der Henker aber lächelte mir freundlich zu und ging direkt an mir vorbei zum Galgen, um mit seinen großen Händen am Gerüst zu rütteln.

"Wird hier bald wieder gehängt?" fragte ich, mehr um die schreckliche Stille zu überbrücken als aus Neugierde.

"Du bist einer von den vier "Zukünftlern"?! Hat dir niemand gesagt, daß du mit mir nicht sprechen darfst? Wenn dich jemand dabei beobachtet, wirst du das Haus deiner Gastgeber nicht mehr betreten dürfen. Wir Henker sind die unehrlichsten unter den unehrlichen Leuten! Hast du keine Angst vor mir wie all die anderen Menschen?"

Letztere Frage ehrlich zu beantworten, hielt ich taktisch für unklug, und so drehte ich mich nur vorsichtig um, um festzustellen, ob irgend jemand uns beide zusammen sehen konnte. Aber weit und breit war niemand zu erspähen!

"Ich glaube, die Leute in der Stadt sind jetzt alle am Essen. Und wenn mich doch jemand sehen sollte, breche ich die Reise eben heute schon ab", gab ich selbstsicher zu verstehen.

"Mutig! Wie heißt du? Mein Name ist Sebastian!" entgegnete der Henker.

Nachdem ich mich vorgestellt und er mich über die Henker und ihr Leben in unserer Zeit ausgefragt hatte, seufzte er: "Kannst du mich und meine Familie vielleicht mitnehmen?"

"Nein, das kann ich leider nicht. Bist du denn hier sehr unglücklich?"

"Wenn es dir nichts ausmacht, komme doch mit zu mir nach Hause. Wir wohnen hier in der Nähe der Richtstätte, außerhalb der Stadt. Wenn wir sehr vorsichtig sind, sieht dich vielleicht niemand."

Dankend nahm ich seine Einladung an und folgte ihm im angemessenen Abstand. Schon nach wenigen Minuten erreichten wir seine Holzhütte, vor der zwei kleine Kinder spielten.

"Das sind meine Kinder, Hildegard und Ulrich. Sie ist vier und er fünf Jahre alt. Kommt und begrüßt den Herrn recht freundlich!"

Während ich nun von den Kindern scheu betrachtet und erst nach zweiter Aufforderung väterlicherseits schüchtern die Hand von ihnen gereicht bekam, öffnete sich die Haustür und Sebastians Frau stand vor dem Eingang. Sie schaute ihren Mann fragend an. Hildegard und Ulrich gewöhnten sich schnell an mich und hingen schon bald an meinen Schultern und Beinen und wollten mit mir herumtoben. Sebastian nutzte die Gelegenheit und ging zu seiner Frau, um sie über mich aufzuklären. Kurz darauf wurde ich auch von ihr herzlich willkommen geheißen. Sie befreite mich von den Kindern und verschwand mit ihnen bald wieder im Haus.

"Es dauert noch ein kleines bißchen mit dem Essen, Holger! Gertrud möchte noch etwas gepökeltes Fleisch für dich zubereiten!"

Und so hatten wir noch etwas Zeit, uns alleine zu unterhalten. Sebastian führte mich durch die Küche hindurch in sein kleines "Arbeitszimmer".

"Versuch' einmal mein Schwert hochzuheben, Holger!" ermunterte er mich.

Oh, ich kann euch sagen, das Ding ist vielleicht schwer! Ich konnte es nur für einen kurzen Augenblick vom Boden heben. Sebastian nahm es mir aus den Händen und wirbelte es durch die Lüfte.

"Das Enthaupten ist gar nicht so einfach! Der Kopf muß so abgeschlagen werden, daß ein Wagenrad zwischen dem Kopf und dem Leib durchfahren kann. Sonst ist der Tote in der Lage, zurückzukehren, um sich für seine Bestrafung bei uns Menschen zu rächen. Außerdem muß ich mit einem einzigen Schlag zwischen zwei Halswirbeln hindurchtreffen, um den Kopf vom Rumpf zu entfernen. Wenn man als Henker daneben schlägt, so kann es geschehen, daß man von den Zuschauern verprügelt, wenn nicht sogar getötet wird, wie es einem Verwandten von mir erging."

"Werden die zum Enthaupten Verurteilten gefesselt, bevor du sie tötest?"

"Es kommt auf die Leute an! Einige sind sehr wild, da muß ich es tun, andere dagegen sind sehr ruhig, knien auf dem Erdboden und sind in Gebete vertieft. Die brauche ich nicht zu fesseln. Bei den Hinrichtungen sind die Enthaupteten die einzigen Todeskandidaten, die ein Begräbnis erhalten. Vielleicht hilft ihnen diese Zuversicht."

"Fällt dir das Töten leicht, Sebastian?"

"Nein, überhaupt nicht! Aber ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater, sie alle waren Henker, und mein kleiner Ulrich wird es auch eines Tages sein müssen. Uns bleibt kein anderer Beruf. Mein Vater sagte mir immer, daß ich die Menschen schnell von ihren Qualen befreien soll. Dann kann ich vielleicht noch irgend etwas Gutes an meinem Beruf entdecken."

"Sind immer viele Zuschauer bei den Hinrichtungen anwesend?"

"Ja, Hinrichtungen sind hier so eine Art Volksfest. Das läßt sich keiner entgehen! Wenn du nach dem Enthaupten den bluttriefenden Kopf mit seinen gräßlichen Reflexen hochhebst, applaudieren dir die Leute. Nebenan vollführt der kopflose Körper auf der Plattform noch seine unwillkürlichen Zuckungen und komischen Verrenkungen, die mich als Kind immer zum Weglaufen veranlaßten. Noch heute ist mir dabei nicht ganz wohl."

"Ich habe gestern von einem Freund alles über die unterschiedlichen Hinrichtungsarten erfahren. Führst du sie alle aus?"

"Leider, ja! Hier das Hanfseil ist für das nächste Hängen gebracht worden. Sie haben vor wenigen Tagen einen Dieb gestellt, der in irgendein Haus eingebrochen war."

"Und wie erhängst du die Leute?"

"Ich stelle zwei Leitern an den Galgen und befestige die Schlinge dieses Seiles am Galgenhaken. Dann besteigen der Verurteilte und ich je eine Leiter. Oben angekommen, lege ich dem zu Hängenden die Schlinge um den Hals, steige wieder hinab und stoße die Leiter, auf der Verurteilte steht, um, so daß dieser frei in der Luft baumelt. Die Schlinge zieht sich durch die Körperschwere zusammen und verschließt dabei die Luftröhre und die Blutgefäße, und dadurch tritt der Tod ein. Das ist die schnellste Methode. Einige Richter plädieren auf langsamere Todesarten beim Hängen. So werden die Verurteilten manchmal durch Pferde qualvoll am Galgen hochgezogen oder an den Füßen aufgehängt. Bei der letzten Variante tritt der Tod erst nach vielen Stunden, z.T. erst nach Tagen ein."

"Nimmst du die Toten vom Galgen?"

"Nein, das ist verboten! Die Toten müssen am Galgen solange hängen bleiben, bis sie, zerhackt und zerfressen von den Raben, stückchenweise herunterfallen."

"Hängst du auch Frauen?"

"Nein, Frauen werden nicht gehängt! Ihre Körper dürfen nicht zur Schau gestellt werden! Sie werden ertränkt, lebendig begraben oder verbrannt. Es ist alles so brutal. Beim Lebendigbegraben werden die Frauen gefesselt und in eine am Galgen ausgehobene Grube mit dem Gesicht nach unten gelegt, damit sie nicht als rachsüchtige Geister zurückkehren können. Dann wird Dornengestrüpp und Sand über sie geschüttet. Oder sie werden verbrannt. Da gibt es ja auch die unterschiedlichsten Methoden:
Entweder werden sie mit gebundenen Gliedern auf den Scheiterhaufen gelegt, oder sie werden an einen Pfahl gebunden und um sie herum wird das Feuer entfacht, oder sie werden auf eine Leiter gebunden und mit dieser ins voll auflodernde Feuer gestoßen. Damit auch nichts von ihnen übrig bleibt, wird noch Öl, Schwefel und Kohle auf den Scheiterhaufen geworfen. Ich persönlich finde das Rädern am schrecklichsten. Die Verbrecher liegen mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden, die Füße und Hände sind an Pflöcken festgebunden und unter die Glieder und den Körper kommen Hölzer, so daß sie völlig hohl liegen. Und dann muß ich ihnen mit einem neun- oder zehnspeichigen Rad alle Glieder und das Rückgrat zerstoßen. Die Anzahl der Stöße werden mir durch das Richterurteil vorgeschrieben. Anschließend wird der Sterbende oder Tote durch die Speichen des Rads geflochten, wobei die Glieder einmal über und einmal unter die Speichen des Rades gelegt werden. Dieses Rad wird zuletzt noch auf den Galgen gesteckt. Häufig ist das Rädern mit dem vorherigen Schleifen des Verbrechers verbunden. Dabei wird der Verurteilte auf ein Brett oder eine Tierhaut gelegt und von einem Pferd zur Richtstätte gezogen. An bestimmten Plätzen stehen meine Helfer, die ihn mit glühenden Zangen in die Brust, in die Arme, Beine und Hüfte zwicken müssen!"

"Schrecklich, wie kannst du das alles nur tun und dabei ruhig schlafen?"

"Ruhig schlafen? Was ist das? Ich habe das schon lange nicht mehr getan. Früher habe ich sehr viel getrunken, aber seitdem ich Gertrud kenne, tue ich das nur noch sehr selten. Gertrud sollte vor sechs Jahren lebendig begraben werden. Sie war gerade 15 Jahre alt. Sie hatte ihr uneheliches Kind umgebracht, weil sie Angst hatte, von ihrem Dienstherrn verstoßen zu werden. Dabei ist sie von seinem Sohn vergewaltigt worden! Ich habe sie zu meiner Frau gewählt und damit vom Tode befreit."

"Können zum Tode Verurteilte also losgesprochen werden?"

"Ja, hier haben die Äbtissinnen das Losschneidungsrecht noch vom Galgen, und Jungfrauen können durch ihre Bereitschaft, einen Verurteilten zu heiraten, ebenfalls Todeskandidaten retten, aber beides ist hier noch nicht ein einziges Mal, seitdem ich Henker bin, geschehen!"

"Kannst du ihnen, den Verurteilten, nicht helfen?"

"Wie, Holger? Das einzige, was ich machen kann, ist, sie nicht so lange zu quälen. Den zum Rädern Verurteilten breche ich grundsätzlich zuerst den Hals. Dann sind sie tot und müssen diese qualvollen Stöße und Schmerzen nicht mehr aushalten. Die zum Feuertod Verurteilten erdrossle ich heimlich an der Leiter oder töte sie durch einen Stich ins Herz, bevor ich sie in die Flammen werfen muß, und den zum Hängen Verurteilten breche ich vor dem Fallenlassen mit beiden Händen den Rückenwirbel. Dann sind sie sofort tot! Mehr kann ich für sie nicht tun!"

Abb. 54: Die Maske des Scharfrichters

Sebastian setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum und schaute mich mit seinen traurigen Augen an: "Besonders schwer fällt mir das Hinrichten von Frauen. Das bringe ich nur schwer übers Herz! Wenn die Hinzurichtenden nach ihrer "Henkersmahlzeit" zu mir kommen und die Glocke zu läuten beginnt, fühle ich mich immer elend. Ich bitte die Hinzurichtenden um Verzeihung und erhalte von einigen von ihnen den Versöhnungskuß. Siehst du dort die Maske an der Wand? Die muß ich beim Töten tragen, um gegen die bösen Blicke der Verurteilten gefeit zu sein (Abb. 54). Und jedesmal erhalte ich ein paar neue weiße oder schwarze Handschuhe zum Töten! Bin ich froh, daß normalerweise nie mehr als 2 - 4 Hinrichtungen im Jahr stattfinden. Im letzten Jahr gab es fünf Todeskandidaten. Einer von ihnen wurde uns aber von den Bürgern der Nachbarstadt abgekauft, weil sie schon lange nicht mehr das Vergnügen hatten, einer Räderung zu sehen zu dürfen!

Es ist kein Vergnügen, Henker zu sein, Holger. Außer dem Töten und dem Bestrafen von kleinen Dieben muß ich noch tollwütige Hunde einfangen und erschlagen, das Getreide bewachen, Aussätzige aus der Stadt treiben und manchmal Kloaken reinigen. Und die Menschen um uns herum meiden uns wie die Pest! Alle haben Angst, uns zu berühren! Im Wirtshaus darf ich nur an einem besonders gekennzeichneten Tisch Platz nehmen. Die Badehäuser darf ich nicht benutzen. In der Kirche habe ich mit meiner Familie ebenfalls einen Sonderplatz. Mein Vieh darf ich nicht mit der Gemeindeherde zusammen grasen lassen. Niemand spielt mit meinen Kindern. Meine Frau muß ohne Hebamme gebären! Das letzte Mal entging sie knapp dem Tod! Die kirchliche Hochzeit wurde uns verwehrt, und ein kirchliches Begräbnis erhalten wir auch nicht! Die Menschen sind schon eigenartig! Wenn sie krank sind, kommen sie heimlich zu mir. Dann bin ich ihr bester Freund und der große Medizinmann und soll für sie magische Heilsäfte und Wundermittel herstellen oder ihnen ihre verrenkten Glieder wieder einrenken. Einige wollen bei mir das Blut von den Hingerichteten kaufen, weil das von Epilepsie und Aussatz befreien soll. Aus den Hirnschädeln der Toten stellen sie Pillen gegen Tollwut her, und die Menschenhaut der Erhängten verwenden sie zur Heilung von Gicht. Ach, was die Leute alles von mir haben wollen: den Kopf, das Gehirn, die Hirnschale, die abgeschnittenen Hände, die Haut, die Knochen, das Blut, das Fett, die Hemde der Verurteilten, das Holz von den Rädern, die Späne vom Galgen, den Galgenstrick, – du kommst dir wie ein Menschenschlachter vor!"

Gertrud unterbrach unser Gespräch und bat uns zum Essen. Wir aßen in aller Ruhe und Gemütlichkeit und unterhielten uns anschließend noch mehrere Stunden. Ulrich und Hildegard waren besonders von meinem gezeichneten Auto begeistert und sausten damit anschließend – nachdem ich ihnen die Anwendung beschrieben hatte – durch das Haus. Sebastian interessierte sich für den medizinischen Fortschritt und Gertrud für die Mode in unserer Zeit. Ich fertigte haufenweise Bilder für meine Gastgeber an. Mein Notizblock ist dabei mächtig dünn geworden. Kurz bevor die Dämmerung eintrat, machte ich mich wieder auf den Heimweg. Unterwegs schwitzte ich Blut und Wasser! Hoffentlich hat mich niemand gesehen. Barbara begrüßte mich so lieb wie eh und je und fragte mich, ob ich einen schönen Tag mit Kurt verbracht hätte. Wenn die wüßte...

Holger

P.S.: Bei unbeabsichtigtem Totschlag, so erklärte mir Sebastian, wird man nicht hingerichtet. In solch einem Fall muß man am Tatort ein steinernes Kreuz für den Toten errichten, 10 Seelenmessen lesen lassen und drei Wallfahrten in die nähere Umgebung und eine nach Rom unternehmen.