Eintrag 34
Kurts Notiz, Fortsetzung ...
Freitag, den 16.1.1438
Heinke und ich sind heute auf unserem obligatorischen Spaziergang von einer Frau, namens Mechthild, und ihren zwei kleinen Kindern, Jörgen und Grete, um Brot angebettelt worden. Da wir keine Lebensmittel bei uns hatten, liefen wir sogleich zurück, um von unserer Gastgeberin Brot, Käse, Wurst, Eier, Nüsse, gedörrtes Obst und Milch zu kaufen. Wir hatten ja schließlich noch unsere Rheinischen Gulden, damit konnten wir alles bezahlen. Mette van Lune war sehr erstaunt über unsere Wünsche, erkundigte sich nach den Gründen und überließ uns schließlich nach vergeblichen Versuchen ihrerseits, uns von "diesem Wahnsinn" abzuhalten, die geforderten Lebensmittel umsonst. Als Gastgeberin wollte sie dafür nicht bezahlt werden.
Ich verstaute alles in einem Leinensack und begab mich mit Heinke, die zwei Krüge voll Milch in ihren Händen trug, zu der Stelle, an der wir der Frau begegnet waren. Mechthild stand dort noch, während ihre Kinder, als sie uns sahen, uns vor Freude jauchzend entgegenliefen. Wir trugen die Lebensmittel in ihre schäbige Hütte hinein. Der Anblick drinnen war frustrierend! In dem dunklen unmöblierten Raum brannte nur das offene Feuer auf dem Boden. Oben im Dach befand sich ein Loch, das als Rauchabzug diente. Da die Luken wegen der Kälte mit Weidengeflecht verschlossen waren, drang nur von diesem Loch oben an der Decke etwas Tageslicht in den Raum. Auf dem festgestampften Lehmfußboden lag in der Nähe des Feuers auf ein paar Zweigen und etwas Stroh gebettet Mechthilds Mann, Heinrich, der schwer krank ist. Ärzte gibt es nicht in den Dörfern. Da muß jeder selber sehen, daß er von allein wieder gesund wird. Die Wände des Raumes waren mit einer schwarzen Rauchschicht überzogen und wiesen unzählige große Spalten auf, die z.T. mit Moos zugestopft worden waren. Heinrich war durch seine Krankheit so geschwächt, daß er sich nicht erheben konnte. Ich legte den Sack auf den Boden und öffnete ihn. Mechthild und die Kinder saßen erwartungsvoll um ihn herum. Wie hungrige Wölfe stürzten sie sich, nachdem wir sie zum Zugreifen ermunterten, auf das Brot, den Käse und die anderen Lebensmittel. Gierig grapschten sie nach allem und stopften es in ihre Münder. Sie aßen wirklich eine Stunde ohne Unterbrechung. Heinke fütterte derweil Heinrich, der aber vor Schwäche kaum etwas herunterbekam. Anschließend wusch sie den Kranken und deckte ihn mit ihrem dicken Pelzmantel zu.
Als es draußen dunkel wurde, verließen wir schließlich Mechthild, Jörgen, Grete und Heinrich. Auf dem Rückweg fing Heinke zu weinen an. Heute haben sich die vier vollfuttern können, aber was ist, wenn wir nicht mehr da sind? Heinrich würde laut Heinke nicht mehr lang am Leben bleiben! Was wird dann aus Mechthild und den Kleinen?
Im Haus des Herrn van Lune angekommen, erwartete uns schon Herr von Münzenberg. Seine Fröhlichkeit ging uns heute fürchterlich auf den Keks. Gott sei Dank, wurden die Herrschaften bald müde und ließen uns allein.

