Eintrag 33
Fortsetzung ... Bericht, geschrieben von Heinke
Donnerstag, den 15.1.1438
Heute waren Kurt und ich bei Johannes und Maria zum Mittagessen eingeladen worden. Es gab Hirsebrei, gepökeltes Fleisch, Wurst, Käse, Fladenbrot, gedörrte Äpfel und Birnen und Nüsse. Nach dem Mittagessen waren die Männer am Eßtisch sitzen geblieben, und wir Frauen nahmen um den Ofen herum Platz. Gertrud, Veronika und Theodora hielten zwischen ihre Knien Spinnrocken mit Schafwolle oder Flachs, und Maria war am Spinnrad mit dem Weben eines Leinenstoffes beschäftigt. In dieser gemütlichen Runde kamen wir sogleich ins Gespräch.
Maria erzählte mir, daß sie die Winterszeit eigentlich gar nicht so schlecht fände, wenn es nur nicht immer so eisig kalt sein würde. Denn sie hätte nur zu dieser Jahreszeit Gelegenheit, neue Kleider für sich und ihre Familie herzustellen.
"In den anderen Jahreszeiten fallen soviel Arbeiten an. Da muß man den Gartenboden umgraben, dem Mann auf dem Feld helfen, Unkraut jäten, mit der Sense das Getreide mähen und zu Garben binden, an der Heuernte und am Dreschen teilnehmen, das Vieh versorgen und melken, die Milch zu Butter, Quark und Käse verarbeiten, die Haustiere schlachten, Vorräte anlegen, Lichterziehen, Beerensammeln im Wald, das Strohdach ausbessern, Getreide dreschen und Bier brauen. Dabei fallen zusätzlich noch die Hausfrauenpflichten an wie Essen kochen, Wäsche waschen und ausbessern und Kinder versorgen."
Und dann erfuhr ich so nebenbei, daß Maria, Veronika und Gertrud viel jünger sind, als ich sie altersmäßig eingeschätzt habe. Maria ist erst 27 Jahre, Veronika 28 Jahre, Gertrud 24 Jahre und Johannes 29 Jahre alt. Ihre Gesichter und zerschundenen Hände sind durch die viele und harte Arbeit früh gealtert.
Peter und Agnes hingen immer wieder an ihrer Mutter, um sich einige Streicheleinheiten abzuholen.
"Kinder sind für die Bauern sehr wichtig. Je mehr Kinder man hat, um so mehr Hilfskräfte hat man!" kommentierte ich die Szene. Maria erwiderte daraufhin: "Ja, die Kinder von Bauern müssen schon sehr früh mithelfen. Sonst würden wir die Arbeiten nicht schaffen! Wenn eine Bäuerin keine Kinder von ihrem Mann bekommt, hat dieser sogar die Pflicht, sie zu einem anderen Bauern zum Schwängern zu schicken."
"Oder", fügte Veronika hinzu, "sie werden mit einem Geldbeutel um den Hals zur nächsten Kirmes in die Stadt geschickt, damit sie endlich ein Kind bekommen."
"Die Ehe ist eben dazu da, Kinder zu zeugen!" mischte sich auch Gertrud ins Gespräch.
"Und warum seid ihr nicht verheiratet?" fragte ich neugierig die Schwestern von Johannes.
"Es gibt keine Männer zum Heiraten hier. Einige reiche Bauern haben noch unverheiratete Söhne, aber unser Bruder besitzt nicht genug Geld für die geforderte Mitgift. Reiche Bauern heiraten Töchter von reichen Bauern! So ist das hier", gab Veronika seufzend zu verstehen.
"Ach, Veronika, sei froh, daß du den Franz nicht geheiratet hast. Der schlägt seine Frau doch immer so blau, daß sie sich nicht aus dem Haus wagt!" tröstete Gertrud ihre ältere Schwester.
Und dann erfuhr ich, daß Männer, die sich von ihren Frauen schlagen ließen, hier im Dorf gezwungen wurden, auf einem Esel für jedermann sichtbar durch die Gemeinde zu reiten.
Über die Ehe kamen wir zur Jungfräulichkeit der Braut und den strengen Moralvorschriften für die Frauen allgemein.
"Also ich finde gleiches Recht für alle! Wenn die Männer vor ihrer Ehe Geschlechtsverkehr mit anderen Frauen haben dürfen, warum dann nicht auch wir Frauen mit anderen Männern?! Sonst, fordere ich, müssen beide unberührt in die Ehe gehen!" brachte ich meine emanzipatorische Meinung lautstark zum Ausdruck.
"Was für ein Mist wird da erzählt!" rief Johannes aus dem Hintergrund. "Wenn zwei ledige Personen einander heiraten, und beide noch unberührt sind, so wird das erste Kind, was sie zeugen, ein Narr! Das weiß doch jeder."
Kurt hatte sich schon erhoben und von Johannes verabschiedet. Ich folgte seinem Beispiel, obwohl ich gern noch etwas geplaudert hätte. Maria zog aus einer der beiden großen Kisten, aus der beim Öffnen ein angenehmer Kräuterduft entströmte, ein besticktes Tuch heraus, das sie mir schenkte. Ich drückte sie noch einmal kräftig in meinen Armen und gab jedem von ihnen einen Abschiedskuß.
Heinke
Kurts Bericht
Johannes hatte mir heute seine Ängste gestanden. Er befürchtet, daß es in diesem Jahr zu einer der schlimmsten Hungersnöte, "seit er denken kann", kommen wird. Die letzten Jahre waren schon schrecklich. Die langen kalten Winter, die verregneten Sommer, Hagelschlag und die Mäuse- und Hamsterplagen hätten große Ernteausfälle gebracht. Die Reserven sind zum größten Teil aufgebraucht. Im letzten Jahr hatten noch zusätzlich riesige Heuschreckenschwärme ihr Land heimgesucht. Viele Dorfbewohner wären in die Städte geflohen. Er selbst hätte schon verhungerte Menschen auf der Straße gesehen.
"Und dann kommen noch die vielen Privatkriege der Ritter dazu! Die kennen nur eine Strategie, die Bauern des anderen zu töten oder zu verstümmeln, die Ernten zu vernichten, unser Vieh zu rauben, Scheunen und Häuser zu zerstören, damit der Gegner ja nichts mehr besitzt. Weißt du, Kurt, was wir Bauern in einem Jahr hart erarbeiten, verprassen die Adligen in einer einzigen Stunde. Mir stinkt das alles!"
Kurt

