Eintrag 32
Kurts Bericht, Fortsetzung ...
Mittwoch, den 14.1.1438
Abb. 43: Winter auf dem Lande
Gestern vormittag habe ich auf meinem Spaziergang Johannes Schmiden, der zu den mittelbegüterten Bauern im Dorf zählt, kennengelernt. Er stand vor seinem kleinen Anwesen und fluchte über die schreckliche Kälte. Aber wir unterhielten uns nicht nur über das Wetter, sondern auch über das Dorf und Herrn van Lune. In diesem Jahr hat sich Johannes z.B. zwei Kühe von unserem Gastgeber ausleihen müssen, nachdem ihm seine zwei Milchkühe innerhalb eines Monats wegstarben. Die Kälte biß während des Gespräches unbarmherzig in meine Hände und Füße. Ich musterte daraufhin mein Gegenüber. Johannes hatte sich mit einem Schaffell, das links über der Schulter befestigt war, und einer braunen Kapuze gegen die Kälte zu schützen versucht. Seine graublauen dünnen Hosen und die offenen Holzschuhe entsprachen aber gar nicht der Jahreszeit. Jedenfalls wurde es Johannes auch bald zu kalt, und er forderte mich auf, mit ihm ins Haus zu gehen (Abb. 43).
Er wohnt wie Herr van Lune in einem "Wohnstallscheunenhaus", das aber kaum halb so groß wie das unseres Gastgebers ist. Durch das halbgeöffnete Tor gelangten wir ins Innere des Stallscheunenteiles. Im Gegensatz zu den reich gefüllten Ställen unseres Gastgebers konnte ich nur die zwei geliehenen Kühe und ein Schwein entdecken, obwohl, nach den Stallboxen zu urteilen, für noch mindestens vier Tiere Platz gewesen wäre.
"Sind die anderen Tiere auch alle gestorben?" fragte ich deshalb Johannes.
"Nein, es ist Winterszeit! Wir Bauern sind in dieser kalten Jahreszeit immer sehr knapp mit dem Viehfutter. Deshalb schlachten wir im November und Dezember die meisten unserer Schweine, pökeln das Fleisch ein und stellen Würste her."
"Ach, ja, ich erinnere mich. Ihr Bauern treibt eure Schweine im Herbst zur Eichel- und Bucheckernmast in die Wälder, damit sie vor dem Schlachten richtig schön Fett ansetzen", brachte ich stolz mein Schulwissen an.
"Nein, mit der Eichelmast sieht das heutzutage nicht mehr so rosig aus. Das Ackerland mußte auf Kosten der Wald- und Weideflächen immer weiter ausgedehnt werden. Nun gibt es nur noch einen kleinen Wald in unserer Allmende, der nicht genug Eicheln abwirft. Wir müssen unsere Schweine mit Heu und Stroh und im Winter mit Laub füttern."
"Und was tut ihr, damit nicht auch noch der Restwald verschwindet?"
"Ein Baum darf erst abgehauen werden, wenn er so dick geworden ist, daß man beim Umfassen des Stammes mit dem rechten Arm gerade noch das linke Ohr erreichen kann. Wir dürfen beim Holzsammeln nur die dürren heruntergefallenen Äste aufsuchen. Aber bei dieser Kälte sind kaum noch Zweige zu finden. Der Wald ist für uns sehr wichtig. Das Holz brauchen wir ja nicht nur zum Verheizen, sondern auch zum Herstellen von Möbeln, Fässern, Zäunen und Ställen und zum Bauen von Häusern. Außerdem sammeln unsere Frauen und Kinder dort Beeren, Pilze und Nüsse. Deshalb wird unser Wald in unserer Marktordnung besonders geschützt. Wer Brandstiftung im Wald begeht oder die Rinde von lebenden Bäumen schält, wird grausam bestraft. Im letzten Fall wird dem Frevler der Nabel herausgeschnitten, um ihn damit an den geschädigten Baum zu binden. Und dann wird er so oft um den Baum herumgejagt, bis sein herausgezogener Darm die Wunde des Baumes bedeckt."
Das Gespräch wurde mir nun ein bißchen unangenehm! Ich verspürte bereits – dank meiner reichlichen Phantasie – leichte Schmerzen im Bauchnabelbereich. Jetzt war es höchste Zeit, das Thema zu wechseln.
"Welche Tiere schätzen die Bauern am meisten?" fragte ich Johannes deshalb.
"Die Schweine und die Kühe! Die Schweine sind die Hauptlieferanten an Fleisch. Sie fressen alles und stellen keine hohen Futteransprüche, und sie wachsen sehr schnell."
Wir gingen zu dem einzigen Schwein in Johannes' Stall. Es glich mit seinem braunen Borstenkleid, seinen hohen Beinen und seinem langgestreckten Rüssel mehr unseren Wildschweinen als unseren rosaroten, kurzbeinigen, fetten Hausschweinen.
"Kurt, vom Schwein kannst du alles verwerten: das Fleisch, den Speck, die Weichteile, die Schwarte und sogar das Blut. Aus Schweinefleisch kann man auch die leckeren Würste herstellen, bei denen kleingehacktes Fleisch in Tierdärme oder -mägen gestopft wird."
Und dann zeigte er mir seine zwei Kühe, die viel kleiner und sehr viel magerer als die unsrigen ausfielen. Sie bringen, wie ich zudem aus Johannes Bemerkungen schließen kann, auch nur ein Sechstel des heutigen Milchertrages!
"Die Kühe liefern nicht nur Milch, Butter, Käse, Fleisch, Leder und Felle für Pelze, sondern dienen auch als Zugtiere für Pflug und Wagen."
"Wenn dir eines der geliehenen Kühe stirbt, kannst du Herrn van Lune dann das Tier bezahlen?"
"Wenn das Tier ohne mein Verschulden stirbt, bin ich von jeder Haftung frei!"
"Hättest du dir nicht lieber für die Zugarbeit zwei Pferde ausleihen sollen?"
"Pferde werden nicht ausgeliehen! Aber warum sollte ich auch? Ich weiß, daß die Pferde sich schneller vorwärtsbewegen, eine größere Ausdauer haben und täglich einige Stunden mehr als die Rinder arbeiten können. Aber Pferde werden nicht geschlachtet, geben also kein Fleisch, brauchen teureres Futter und sind weitaus anfälliger für Krankheiten."
"Was für Tiere gibt es im allgemeinen noch auf den Gehöften, die geschlachtet werden können? Schafe, Ziegen?"
"Hör' mir bloß mit den Schafen auf! Die sind doch die Hauptwaldzerstörer. Nagen ständig die jungen Bäume an! Wir haben schon soviel Ärger mit den herrschaftlichen Schäfern gehabt, die ihre Schafe ohne unsere Zustimmung auf unsere Weiden und in unsere Wälder treiben! Aber um auf deine Frage zurückzukommen, Ziegen gibt es noch im Dorf, ich besitze jedoch keine. Ich habe nur noch einige Hühner, Gänse und Enten! Für die habe ich draußen einen kleinen Stall errichtet. So ein knuspriges Hühnchen ist nicht zu verachten!"
Die Lichtverhältnisse hier im Stallscheunenteil des Hauses waren mehr als dürftig. Mit einem kleinen, mit Öl gefüllten Napf, in dem ein Docht schwamm, leuchtete Johannes in die Boxen hinein. Seine Frau bereitete im Flett am offenen Herdfeuer derweil das Mittagessen vor.
Sie trug ein loses, graublaues, langärmeliges Kleid, das in großen Falten bis zu ihren Knöcheln fiel und in der Taille durch einen Gürtel gehalten wurde. Ihre Haare waren unter einem turbanähnlich gebundenen Kopftuch versteckt. Eine graue Schürze sollte das nicht mehr ganz neue Kleid vor Flecken schützen.
Abb. 44: Die Bienenzüchter (oder Bienendiebe)
Johannes stellte mich kurz vor und sagte ihr, daß ich zum Mittagessen bleiben würde. Maria, so hieß sie, begrüßte mich herzlich und fragte ihren Mann, was sie alles zum Essen servieren sollte. Während Johannes seiner Frau nun die gewünschten Speisen aufzählte, schaute ich mich um. Die Wände hier im Flett waren mit den bäuerlichen Werkzeugen behangen. Ich konnte zwei Spaten, zwei Sensen, drei Hacken, eine eiserne und drei hölzerne Schaufeln, drei Dreschflegel aus Halter und Schläger, zwei Beile, zwei Äxte, einen Hobel, drei Siebe, zwei Besen und zwei aus Stroh geflochtene Bienenkörbe (Abb. 44) entdecken.
"Betreibst du Bienenzucht, Johannes?" unterbrach ich das Gespräch meiner neuen Gastgeber.
"Ja, das macht hier im Dorf jeder. Honig und Wachs lassen sich in der Stadt teuer verkaufen."
"Gehst du oft in die Stadt?"
"Nein, nicht so oft! Nur wenn ich den Honig, den Wachs, etwas Getreide und Gemüse verkaufen möchte, und um einige Sachen zu erstehen, die wir nicht selbst herstellen können wie z.B. Salz."
Als ich mich, um auch die andere Seite des Raumes kennenzulernen, umdrehen wollte, wäre ich fast über ein Monstrum von Pflug gefallen. Im Dunklen hatte ich ihn überhaupt nicht gesehen. An der gegenüberliegenden Wand hingen eigenartige Gegenstände, mit denen ich nichts anfangen konnte.
"Was ist das?" wandte ich mich erneut an Johannes, der mittlerweile wieder zur Verfügung stand, um mir "Zukünftler" alles genau zu erklären.
"Hast du noch nie einen Kummet gesehen? Dieser stark gepolsterte Kragen wird den Kühen auf die Schultern gelegt. An ihm wird über dicke Seile der Pflug befestigt, den das Vieh durch den Boden ziehen soll. Ja, und diese Werkzeuge an den Wänden hier brauche ich zum Säen, Pflügen, Ernten und zum Holzkleinhacken, Umgraben, Unkrautjäten, ach, für all die anfallenden bäuerlichen Arbeiten."
"Wieviel Stunden am Tag bist du am Arbeiten, Johannes?"
"Wie alle Bauern von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang! Denn es gibt viel zu tun. Im April muß das Sommerfeld bestellt werden, Anfang Juni muß das Wintergetreide geerntet werden und das Brachland für das Winterfeld gepflügt werden, im Juli wird das Sommerfeld geerntet und Mitte September wird das neue Winterfeld bestellt. Im November schlachten wir unsere Tiere und pökeln das Fleisch ein oder verarbeiten es zu Würsten und dreschen das Getreide. Erst im Dezember wird es etwas ruhiger. Jetzt bessere ich die Wohnung aus, repariere das Werkzeug, ach, es fällt immer irgend etwas an."
"Was baust du an?"
"Roggen und Gerste auf dem Ackerland und in unserem Garten Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen und Linsen, einige Kohl- und Rübenarten, Flachs, Hanf, Lein, Leindotter, Mohn, Hirse, Gurken, Radieschen, Sellerie, Möhren und natürlich Zwiebeln. Außerdem besitzen wir zwei Äpfel-, einen Pflaumen-, einen Birnen- und zwei Kirschbäume."
"Hast du eigentlich außer den Gemüsepflanzen und den Obstbäumen auch Zierpflanzen im Garten?"
"Nein, die kann man doch nicht essen! Dafür ist mein Stück Land mir zu wertvoll!"
"Hast du gute Ernteerträge?"
"Wir haben in den letzten Jahren katastrophales Wetter gehabt. Die Winter werden immer kälter, und die Sommer brachten bisher nur Regen. Unsere Erträge sind von Jahr zu Jahr weniger geworden. Wenn sich dieses Jahr nichts ändert, werden wir in eine schwere Hungersnot geraten. Bei gutem Wetter könnten wir, wenn wir nur genug Mist zum Düngen hätten, noch mehr Erträge als bisher erzielen. Der Viehdung von meinen Tieren reicht jedoch gerade für den Garten aus. Die Böden auf dem Ackerland versuchen wir durch Unterpflügen von Rasenstücken zu verbessern. In anderen Dörfern mischen die Bauern kalkhaltigen Mergel, ein Gemenge aus Kalk und Ton, unter die Erde."
"Wem gehört dein Stück Ackerland? Dir persönlich oder einem anderen?"
"Nein, ich bin nicht so vermögend! Ich habe es von einem Ritter namens Ulrich von Lichtenberg gepachtet. Und zwar handelt es sich um eine Erbpacht. Mein Sohn wird eines Tages meinen Hof übernehmen. Dafür muß ich meinem Grundherrn einen Pachtzins in Naturalien und Geld geben."
"Und Frondienste? Mußt du Frondienste leisten?"
"Nein! Darauf hat der Verpächter keinen Anspruch!"
"Kann der Besitzer dir kündigen oder du ihm?"
"Na, klar! Als Kündigungstermin gilt für beide von uns der Lichtmeßtag (2.2.). Aber mein Verpächter kann sein Gut nur zurückfordern, wenn ich meinen Pachtzins nicht liefere, sein Land ohne seine Zustimmung verkaufe, seinen Hof hier vernachlässige oder ungehorsam bin. Aber das wird bei mir und den anderen Bauern nicht geschehen! Unser Priester prophezeit uns jeden Sonntag, daß wir Bauern bei Nachlässigkeit im Dienst und Ungehorsam gegenüber unserem Grundherrn in der Hölle bestraft werden und daß bei Säumigkeit im Zahlen des Zehnten unsere Seele in große Gefahr gerät, weil wir Gott dadurch seine Steuer verweigern würden. Ich möchte auf keinem Fall in der Hölle landen!"
Plötzlich wurde unser Gespräch durch drei Kinder, die mit lautem Geschrei in das Haus stürzten, unterbrochen. Kurz vor dem Herdfeuer blieben sie stehen und starrten mich Neuankömmling an.
"Das sind meine Kinder, Kurt. Das ist Theodora, sie ist 9 Jahre alt, und das ist Peter, 6 Jahre alt, und das ist unsere Agnes, 4 Jahre alt."
Die Mädchen hatten ihre Haare zu langen dünnen Zöpfen geflochten und trugen die gleichen weiten Kleider wie ihre Mutter. Ein Schaffell diente als Mantel und ein Paar Lederschuhe schützten die Füße. In ihren Händen hielten sie wie ihr Bruder ein Paar Schlittschuhe. Peter hatte wie sein Vater unter seiner Kapuze kurzes dunkelbraunes Haar. Die Mädchen hatten das blonde Haar und die Stupsnase ihrer Mutter geerbt. Nachdem Johannes seine Kinder vorgestellt hatte, begaben sie sich zur Mutter, um von ihr umarmt und liebkost zu werden.
"Und wenn du nicht arbeiten mußt, wenn z.B. ein Sonntag oder ein kirchlicher Feiertag jegliche Arbeit verbietet, was machst du dann in deiner Freizeit?" wollte ich von Johannes wissen.
"An den kirchlichen Feiertagen, aber auch auf den Hochzeiten und den Taufen wird hier, außer daß wir den halben Tag über in der Kirche verbringen, groß gefeiert. Wir schwingen unser Tanzbein, trinken und essen und singen lautstark unsere frechen Lieder. Im Sommer finden solche Feste im Freien statt und im Winter in dem Wirtshaus oder in unseren Stuben. Im Sommer gehe ich mit meiner Familie zuweilen auch an den Fluß zum Baden."
Abb. 45: An der rechten Innenwand des Kamins befinden sich ein Rost, eine Feuerzange und - rechts von dieser - ein Blasebalg
Kaum hatte Johannes seine letzten Worte gesprochen, wurden wir von der kleinen Agnes zum Mittagessen gerufen, und ich lernte die "gute" Stube der Familie Schmiden kennen. Die Tür dorthin befand sich nicht wie bei uns zu Hause in eisernen Angeln, sondern war mit Lederriemen befestigt worden. Im Inneren des Wohnzimmers fiel sofort der schmale, hohe Kamin auf, dessen vorkragender Rauchmantel mit seinem Gesims auf zwei Steinkonsolen ruhte. In seiner Nähe hing an der Decke ein Gerüst zum Trocknen von Wäsche und Kleidern. Auf schlichten Brettern an den Wänden befanden sich kleine Hausgeräte, Schüsseln und Krüge, und an Holzpflöcken hingen Kleider und bäuerliches Werkzeug. Sonst war der Raum noch mit zwei Kisten, einem Spinnrocken und einem Spinnrad, das mit einem Handrad betrieben wurde, einem großen Tisch, zwei Eßbänken und zwei Schemeln vollgestellt worden. Ich begrüßte die zwei Schwestern von Johannes, Gertrud und Veronika, und nahm mit Johannes am Tisch Platz. Der Kamin war direkt gegenüber von mir. Auf zwei eiserne Feuerböcke legte Maria einige Holzscheite. An den Seitenwänden des Kamins entdeckte ich eine Feuerzange, einen Feuerhaken, einen Blasebalg, eine Feuergabel und eine Feuerschippe (Abb. 45). Dann verschwand Maria, und Agnes betrat die Stube und legte vor jede Person einen Holzlöffel, ein kreisrundes Holzbrett und eine geböttcherte hölzerne Schale.
Kurz darauf erschien Maria wieder - diesmal in Begleitung ihrer ältesten Tochter. Sie hielt zwei bauchige Tongefäße mit Milch in ihren Händen und forderte Theodora auf, die riesige Holzschüssel, die diese in ihren Händen hielt, mitten auf den Tisch zu stellen. Und dann wurde nach einem kurzen Tischgebet das Essen für "eröffnet" erklärt. Zuerst aßen wir alle gemeinsam den stark gesalzenen Hirsebrei aus dieser großen Schüssel. Maria erzählte mir, daß sie ihn aus geriebenen Hirsekörnern unter Zugabe von Milch und Salz gekocht hätte.
"Hirsebrei essen wir besonders gern", fügte Johannes hinzu. "Hafer-, Gersten- und Bohnenbrei schmecken halb so gut!"
Abb. 46: Das Brot wird außerhalb des Hauses in einem Erdofen gebacken
Als zweiter Gang wurden Fladenbrot (Abb. 46), gesalzene Butter in einem Tontopf, weißer Quarkklumpen in einer Tonschüssel, Käse und unterschiedliche Wurstsorten serviert. Das Fladenbrot wurde laut Maria aus einem Teil des Getreidebreies gewonnen, den man nur noch rösten mußte. Es schmeckte nicht schlecht.
Da die Würste nur meinetwegen heute den Mittagstisch bereicherten, probierte ich natürlich von jeder etwas. Johannes bot mir stolz sein Messer, das er ständig an seinem Gürtel hängen hatte, zum Schneiden an. Die Blut- und Hirnwurst waren nicht ganz nach meinem Geschmack, die Leberwurst gefiel mir da schon besser.
"Kurt, wenn du uns Anfang Dezember besucht hättest, hätten wir dir ein köstliches Mahl servieren können. Dann hätte Maria dir aus den Füßen, den Mäulern, den Lungen, der Leber, den Nieren, den Gehirnen oder den Därmen der Schweine ein vorzügliches Essen bereitet."
Ich bedankte mich für die lieben Worte, bin aber, ehrlich gesagt, froh, daß mir dieses Essen erspart geblieben ist. Zum Nachtisch gab es gedörrte Äpfel und Nüsse. Leider wurde kein Wasser zum Abwischen der Hände angeboten. Jeder säuberte seine schmutzigen Finger an seiner Kleidung oder am Tischtuch. Beendet wurde das Essen schließlich nach 1 ½ Stunden mit einem kurzen Tischgebet. Während Maria, Veronika und Gertrud den Tisch abräumten, löschte Johannes aus Spargründen einige Kerzen im Raum. Es war dadurch sehr viel dunkler geworden, denn die mit Schweinsblasen notdürftig geschlossenen Luken ließen kaum Licht hindurch. Ich wollte meinen freundlichen Gastgeber nun aber nicht weiter belästigen und verabschiedete mich von ihm.
"Wie lange bist du noch hier im Dorf, Kurt?"
"Nur noch bis zum Samstag! Herr von Münzenberg wollte jedenfalls spätestens bis dahin seinen Besuch im nahegelegenen Kloster beendet haben."
"Dann möchte ich dich und deine Frau zum Mittagessen am Donnerstag einladen. Kommst du?"
Freundlich bedankte ich mich bei Johannes für die nette Einladung und verließ sein Haus, ohne ihm groß zu erklären, daß Heinke nicht meine Frau ist.

