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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 31

Kurts Bericht, Fortsetzung ...

Montag, den 12.1.1438

Jetzt wird es aber Zeit, daß ich über unseren neuen Gastgeber, Heinrich van Lune, und seine Familie berichte.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wer reicher ist, Herr van Lune oder Herr von Münzenberg! Herrn van Lunes Haus stellt eine Art "Wohnstallscheunengebäude" dar.

Durch ein riesiges Einfahrtstor, durch das bequem hochbeladene Erntewagen ins Innere des Hauses hineinfahren können, betritt man die Diele, die beiderseitig von mehreren schmalen Stallplätzen flankiert wird (Abb. 40). Unzählige Schweine, Kühe und Pferde sind dort untergebracht. Die Diele selbst wird zur Erntezeit als Dreschraum benutzt.

Abb. 40: Das Eingangstor, die Diele und die Stallplätze, die sich links und rechts von der Diele befinden

Abb. 41: Blick vom Eingang auf das Flett

Abb. 42: Die offene Feuerstelle im Flett

Den Ställen und der Diele folgt das Flett (Abb. 41), ein Wohnabschnitt, in dem die Mägde und Knechte zu arbeiten und zu essen haben. Die einzige Aufwärmmöglichkeit, die es hier gibt, geht von einem offenen Herdfeuer aus (Abb. 42). Über den Ställen und der Diele befindet sich der vom Flett einzusehende Bansenraum, in dem das Getreide über Winter gelagert wird.

Heute morgen habe ich mich an diesem Herdfeuer mit Katharina, der unverheirateten Schwester unseres Gastgebers unterhalten wollen. Sie dient im Haus ihres Bruders als Magd und war mit einem Stößel am Butterschlagen. Das schmale hölzerne Butterfaß hüpfte bei jedem Stoß ein wenig zur Seite. Katharina, Anfang 40, ist unverheiratet geblieben. Vielleicht, weil sie so fürchterlich mundfaul ist!? Ich habe nicht einmal einen "Guten Morgen" aus ihr herausbekommen. Aber dafür durfte ich in ihrer Gegenwart die lausige Kälte im Flett spüren. Bisher hatte ich immer gedacht, daß das Vieh und das gelagerte Getreide eine gewisse Wärmestrahlung von sich geben würden. Aber es war hier höchstens 5 Grad wärmer als draußen. Kein Wunder, daß die Leute im Dorf alle an rheumatischen Erkrankungen leiden. Diese Fachwerk-Lehmwände sind einfach zu dünn. Der Fußboden ist nicht isoliert und leitet die Kälte nach oben, und die verdammten Türen lassen sich nicht dicht genug schließen. Sowieso sind in den Wänden haufenweise Spalten zu entdecken, durch die der kalte Wind nur so hindurchpfeift. Ich halte mich da lieber in der gemütlichen Stube mit dem Kachelofen auf. Hinter dem Flett befindet sich, durch eine Wand von dem Stallscheunenteil des Hauses getrennt, der Wohnbereich der Familie. Drei Türen führen entweder zu der Schlafkammer des Gesindes (Männer) oder zu der Schlafkammer der älteren Kinder des Gastgebers oder in die Stube. Über der Stube liegen die Wohnschlafstube der Familie und zwei kleine Kämmerchen für die Mägde. Heinke und ich schlafen in der Stube. Für uns wird dort jede Nacht ein "Bretterbett" aufgestellt. Über den hölzernen Bretterboden des Bettes wird eine Daunenmatratze und ein Laken gelegt, und dann folgen noch die üblichen vielen prallen Kissen am Kopfende, damit wir auch ja im Sitzen schlafen können. Und schließlich wird noch ein zinnernes Nachtgeschirr in bauchiger Topfform unter das Bett geschoben, damit wir nicht in die fürchterliche Kälte müssen.

Die Zimmer sind genauso luxuriös eingerichtet wie die bei Herrn von Münzenberg. In der Wohnschlafstube gibt es das obligatorische Himmelbett und in der Stube den von einem anderen Raum aus beheizten Kachelofen. Es fehlen auch nicht die Stühle mit den bunten Kissen und das kostbare Silbergeschirr auf den Regalen. Auf den kleinen Schränken stehen erotische Trinkgefäße, für die unser Gastgeber eine besondere Schwäche hat. Heinke regt sich jedesmal auf, wenn sie von ihm das "Hodenglas" gereicht bekommt. Wenn Blicke da töten könnten!

Auf den Bänken des Ofens, nebenbei bemerkt, schlafen jede Nacht die beiden Onkel unseres Gastgebers und rauben Heinke durch ihr Geschnarche den wohlverdienten Schlaf. Mir macht das zum Glück nichts aus!

Herr van Lune ist 42 Jahre alt, hat schulterlange, braune gelockte Haare, grünblaue Augen und eine "Steckdosennase". Seine Körperstatur erinnert mich an eine Schwangere kurz vor der Geburt. Wie seine Frau Mette, 45 Jahre alt, die angeblich aus einem Rittergeschlecht stammt, ist er nach dem letzten Modetrend der städtischen und adligen Gesellschaft gekleidet. Seine Gewänder sind genauso schwarz und kostbar wie die von Herrn von Münzenberg. An seinem breiten Gürtel hängen beim Ausgehen zwei Dolche und ein Schwert. Frau Mettes Röcke sind ebenfalls aus kostbaren Stoffen gefertigt worden. Heute hat sie um ihre eng geschnürte Taille einen schmalen Gürtel gelegt, der mit Perlen und Kupferplättchen verziert ist. Ihr Kleid endet in einer kostbaren Schleppe, die über den Boden gezogen wird. Ihre blonden gelockten Haare sind mit kostbaren Spangen zu zwei gewaltigen Hörnern links und rechts über ihren Ohren geformt worden. Als Schleier dienen durchsichtige mit Perlen versehene Tücher. Ab und zu setzt sie auch Häubchen mit bunten Bändern auf.

Neben den Brüdern seines Vaters, Otto (62 Jahre) und Karl (60 Jahre), leben im Hause unseres Gastgebers noch die Schwester seines Vaters, Maria (65 Jahre), mit ihrer unehelichen Tochter Hildegard (44 Jahre), seine Schwester Katharina (40? Jahre), sein jüngster Bruder Josef (25 Jahre), seine fünf Söhne Heinrich (18 Jahre), Jakob (15 Jahre), Otto (13 Jahre), Karl (9 Jahre) und Friedrich (5 Jahre) und fünf Mägde und zwei Knechte. Als Hausherr, so erklärte Herr van Lune mir, stehen ihm die Schutzgewalt über die zum Hause gehörigen Personen und die Verfügungsgewalt über den Besitz zu. Nur bei der Veräußerung seines Grundbesitzes ist er auf die Zustimmung seiner Söhne angewiesen. Er vertritt "seine Leute" vor Gericht und haftet auch für sie. Zur Aufrechterhaltung der häuslichen Ordnung muß er des öfteren sein Züchtigungsrecht über sie anwenden. Sonst würde es hier wie in Sodom und Gomorrha zugehen!

Durch seinen planmäßigen Verkauf landwirtschaftlicher Überschüsse auf den städtischen Märkten hatte er es in den letzten Jahrzehnten zu viel Geld gebracht, das er in Herrn von Münzenbergs Kreditgeschäften günstig anlegen ließ. Hier im Dorf gibt es kaum noch Leute, die nicht in irgendeiner Weise von ihm abhängig sind. Einigen hat er Zug- und Melkvieh, anderen Saatgut gegen einen Jahreszins in Geld und Getreide ausgeliehen.

Ich hatte heute mittag mit Herrn van Lune ein interessantes Gespräch über seine Tätigkeit als Dorfvorsteher und Richter.

"Herr van Lune, wie oft finden eigentlich im Jahr Gemeindeversammlungen statt, und über was wird dort diskutiert?"

"Wir treten mindestens einmal im Jahr zu unterschiedlichen Terminen zusammen. Meisten aber müssen wir öfters tagen, weil irgendwelche Zwistigkeiten oder Probleme aufgetreten sind. Hast du gesehen, wo wir uns treffen?"

Ich nickte.

"Unter der Linde werden die Amtsträger gewählt, die Weistümer vorgelesen, herrschaftliche Mandate und Verordnungen verkündet, wirtschaftliche Fragen wie Beweidung der Flur, die Instandhaltung gemeinschaftlicher Einrichtungen geregelt, die Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben der Gemeindegelder abgelegt, na, und über Gemeindeangelegenheiten gesprochen, wie über die Entlohnung der Dorfhirten, die Versorgung des Zuchtbullen, über die Anbaufolge bei der Dreifelderwirtschaft, über den Beginn der Heu- und Getreideernte, über die Nutzung der Allmende und der Mühle, über die Grenzsteinsetzung und über die Unterstützung unserer armen und kranken Dorfbewohner."

"Ich muß noch einmal nachfragen! Was sind Weistümer?"

"Gibt es das bei euch nicht mehr? In den Weistümern sind die seit alter Zeit geltenden Rechte aufgezeichnet worden. Wir lassen sie bei jeder Gemeindeversammlung vorlesen, damit die Dorfbewohner ihre Rechte am Acker und der Allmende kennen und die Flur-, Weide- und Waldordnung einhalten!"

"Ist hier die Beteiligung an solchen Gemeindeversammlungen eigentlich groß?"

"Das meine ich wohl! Denn alle Gemeindemitglieder sind zur Teilnahme verpflichtet. Nur in echten Notfällen darf man einen Stellvertreter entsenden!"

"Also z.B. seine Frau!"

"Nein, Frauen und Kinder haben da nichts zu suchen. Nur zwei Frauen im Dorf, die nach dem Tode ihrer Männer die Höfe selbständig weiterführen, dürfen an unseren Versammlungen teilnehmen. Wo kämen wir denn sonst hin?"

"Aber Fremde wie Herr von Münzenberg haben doch auf solchen Gemeindeversammlungen nichts zu melden, oder?"

"Doch! Wer hier Güter im Dorf hat, besitzt Mitspracherechte. Wir bezeichnen sie als "Mitmärker". Wir haben einige hochangesehene Persönlichkeiten darunter: die Ritter Franz von Beringen und Ulrich von Lichtenberg, den Grafen Martin von und zu Kahlingen, zwei Bischöfe und Herrn von Münzenberg als Vertreter eurer Gaststadt."

"Das Gericht wird auch von ihnen geleitet, Herr van Lune. Wie oft kommt die Gemeinde da zusammen? Wer steht ihnen als Richter zur Seite?"

"Wir haben hier nur das niedere Gericht, d.h. wir verhandeln nur über kleinere Fälle wie z.B. über unrechtes Maß und Gewicht, über Störungen des dörflichen Friedens durch Beleidigung oder Körperverletzung, über Schuldsachen und Erbschaftsangelegenheiten, über Verstöße gegen Besitzrechte und gegen dorf- und feldrechtliche Anordnungen und über kleine Tagesdiebstähle im Wert bis zu drei Schillingen. Dafür kommen wir an drei Gerichtsterminen im Jahr zusammen. Nach Bedarf natürlich auch mehrere Male. Das Gerichtsverfahren wird durch mich und 12 Dorfschöffen geleitet, die von der Gemeinde gewählt wurden. Es handelt sich bei ihnen um erfahrene Leute, die vielfältige Aufgaben in der Gemeinde wahrnehmen wie die Sicherung der Feld- und Gemarkungsgrenzen, die Überwachung von Feuerschutzbestimmungen und die Kontrolle von Maßen und Gewichten. Und mit unseren Weistümern finden sie immer das richtige Urteil für bzw. gegen die Angeklagten. Die Teilnahme an diesen Gerichtsverhandlungen ist natürlich für alle Pflicht!"

"Was geschieht eigentlich mit den Strafgeldern? Wer bekommt die? Man erzählte mir, daß Sie, obwohl Sie es doch finanziell nicht nötig haben, daran verdienen?!"

Etwas schockiert über meine dreiste Frage, räusperte sich Herr van Lune und versuchte so gelassen wie nur möglich zu antworten: "2/3 gelangt in die Dorfkasse, 1/3 gehört mir! Von dem Geld in der Dorfkasse müssen schließlich die Dorfbeamten bezahlt werden!"

Taktisch klug lenkte er dann das Thema auf die dörflichen Ämter. So erfuhr ich etwas über die Flurschützen, die die Flur- und Allmendeordnung kontrollieren, und über den Dorfoberhirten, dem die Tag- und die Nachthirten, die Rinder- und die Schweinehirten unterstehen, und über die Dorfknechte, die Botengänge für die Gemeinde erledigen müssen. Und dann verschwand unser Gastgeber wegen angeblich dringender Geschäfte und ließ mich allein. Erst zur Abendmahlzeit waren wir wieder zusammen. Apropos Essen! Nur die auserlesensten Speisen werden serviert wie Schweinekopf und Lendenbraten in saurer Sauce und Eingeweide-Augen-Hirn-Vorspeisen, als ausgesuchte Delikatessen. Die Bauern schätzen hier besonders das fette Schweinefleisch und ziehen es dem fettarmen, um ein Drittel billigeren Rindfleisch vor. Wenn es zwischendrin nicht noch Käse und Weißbrot geben würde, würde Heinke an Unterernährung sterben. Sie macht keinen Hehl daraus, daß sie die Speisen für "abartig" hält. Ein Segen, zum Nachtisch gibt es oft Kuchen wie Honigkuchen, Butterkuchen, Speckkuchen, Pfefferkuchen etc. oder Nüsse.