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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 29

Kurts Bericht, Fortsetzung ...

Samstag, den 10.1.1438

Heinke und ich haben in den letzten beiden Tagen mehrere Spaziergänge durch und um das Dorf herum unternommen. Mittlerweile kennen wir alle Häuser bzw. Hütten und konnten auch von den neugierigen Bewohnern ausreichend begutachtet werden.

Durch das Dorf führen zwei einigermaßen passable Hauptwege, an deren Kreuzungsstelle, im Zentrum, der Dorfplatz mit seiner mächtigen, schneebeladenen Dorflinde, der Dorfbrunnen, die Kirche mit dem Friedhof, die Schmiede und das Wirtshaus liegen. Im Sommer treffen sich hier im Herzen des Dorfes an den Sonn- und Feiertagen alt und jung, um zu schwatzen, zu spielen und zu tanzen. Aber im Augenblick begegnen wir hier kaum einer Menschenseele! Es ist noch kälter geworden. Heinke und ich sind vom Dorfvorsteher, Heinrich van Lune, und seiner Frau Mette mit zusätzlichen Pelzmänteln und -hosen versorgt worden.

Unter der Linde finden im Frühjahr, im Sommer und im Herbst die Gemeindeversammlungen und die Gerichtsverhandlungen statt. Große Sitzsteine sind dafür in der Nähe des Baumes aufgestellt worden. Das Wirtshaus, das im Winter ab und zu zum Gemeindehaus und Gerichtssaal umfunktioniert wird, beherbergt tagsüber die Dorfschule, in der die Kinder von einem Laien das Credo, Vaterunser und das Ave Maria eingepaukt bekommen. Die kleine Kirche aus Fachwerk befindet sich auf der höchsten Erhebung des Dorfes. Sie besitzt nur kleine Fenster und einen Glockenturm, der ebenfalls aus Fachwerk ist. Um die Kirche herum wurde ein kleiner Friedhof angelegt. Noch finden die Toten des Dorfes hier ihre letzte Ruhestätte. Kirche und Friedhof sind von einem Holzzaun umgeben.

Durch das Dorf schlängelt sich ein kleiner Fluß, der von Kindern und Erwachsenen momentan zum Schlittschuhlaufen benutzt wird. Gestern war Heinke dort ebenfalls für zwei Stunden.

Ich bin lieber noch einmal um das Dorf herumgegangen. Lubbert hat mir dabei Gesellschaft geleistet. Die umzäunten, bäuerlichen Gehöfte mit ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sind aus Fachwerk oder Holz und liegen regellos in einem Netz von Gassen nebeneinander. Meistens sind an den Eingängen der Häuser Symbole wie eine Garbe, eine Sichel, ein Pflug oder irgendwelche hölzernen Haustiere aufgehängt worden. Direkt neben den Gehöften befinden sich die Gärten, die ebenfalls von einem Lattenzaun umgeben sind. Diese Gemüse-, Kräuter- oder/und Obstgärten, von denen jetzt natürlich nichts zu sehen ist, dürfen im Gegensatz zu den Feldern individuell bebaut werden. Das Ackerland der Bauern liegt direkt hinter dem Dorfgraben und der Dorfmauer. Von Lubbert, der aus diesem Dorf stammt, erfuhr ich, daß das Ackerland in einzelne Felder von unterschiedlicher Form und Größe aufgeteilt worden ist, die sich wiederum aus einzelnen Streifen oder Parzellen zusammensetzen. Die Parzellen eines Bauern liegen über die gesamte Gemarkung verstreut und bilden nicht wie bei uns eine einheitliche Fläche. Hinter dem Ackerland erstrecken sich die gemeinschaftlich genutzten Weide- und Waldflächen.

Auf dem Rückweg sah ich am Dorfrand wieder die zahlreichen armseligen Behausungen der "Häusler". Laut Lubbert besitzen diese Dorfbewohner kein Land zum Bebauen und verdienen sich durch Tagelöhnerei ihren Unterhalt. Ihre Hütten aus Lehm und Holz ragen nur wenig über dem Erdboden empor, und die Dächer sind wie alle Bauten hier mit Stroh bedeckt.