Home Geschichte Bücher Weblog Extras über kleio.org

Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 28

Kurts Bericht über die Reise und den Aufenthalt in einem mittelalterlichen Dorf

Donnerstag, den 8.1.1438

Abb. 35: Silberner Klapplöffel mit Futteral

Herr von Münzenberg hatte mir vor wenigen Tagen mitgeteilt, daß er seine Tochter Veronika im Kloster St. Klara mit Neujahrsgeschenken überraschen wollte. Wenn Heinke und ich Interesse und Lust hätten, sollten wir ihn doch begleiten. Er könnte uns während der Zeit, die er im Kloster verbringen würde, eine Unterkunft in einem nahegelegenen Dorf besorgen, so daß wir die Möglichkeit hätten, auch die Dorfbewohner und ihre Lebensverhältnisse zu studieren. Gestern war nun der Abreisetermin. Außer Heinke und mir begleiten ihn noch die Lehrlinge Wolfgang und Johann und die Knechte Reinhard und Lubbert. Jeder von uns wurde mit einem Pferd, reichlichem Reiseproviant, bestehend aus Käse, Eiern und Brot, einem Klapplöffel (Abb. 35), der in einem Lederetui Platz fand, einer Reiseflasche, zwei spitzen Dolchen und zwei Pelzdecken ausgestattet.

Die Reiseflaschen wurden von Stina van Wave mit einem guten Rotwein gefüllt. Vielleicht darf ich meine Reiseflasche, die einem Kürbis gleicht und deren Deckel wie auch deren zweite größere Hälfte als Trinkbecher verwendet werden kann, mit nach Hause nehmen?

Da es sehr kalt war, zogen wir über unsere Stoffhosen pelzgefütterte Lederhosen. Auch Heinke war nicht mehr bereit, "Dame" zu spielen und verlangte lautstark die gleiche Kleidung wie die Männer. Herr von Münzenberg war sichtlich schockiert, gab aber schließlich nach. Und dann erhielt jeder von uns noch einen Biberpelzmantel, eine Biberpelzmütze, ein Paar Reitstiefel mit Sporen und ein Paar lederne Fausthandschuhe. Diese Handschuhe weisen im Gegensatz zu den uns bekannten Fäustlingen neben dem Daumen einen zweiten Einschnitt zwischen Mittel- und Ringfinger auf, um die Zügel am Pferd besser halten oder führen zu können. Auf den Rücken schnallten wir zuletzt noch unseren Reisesack mit dem nötigen Gepäck. Zwei Extrapferde, die mit den Geschenken für Veronika und einigen zusätzlichen Decken bepackt wurden, befanden sich zwischen Heinke und mir und den Lehrlingen.

Das Kloster St. Klara ist nur einen Tagesritt von dieser Stadt entfernt, so daß wir hoffen durften, die Nacht in einem einigermaßen gemütlichen Bett verbringen zu können. Stina van Wave rief uns noch ein "Gott gebe gute Reise!" nach, und dann trabten wir los. Ich saß zum allerersten Male in meinem Leben auf einem Pferd und befürchtete ständig, das Gleichgewicht zu verlieren. Heinke, die von meinen Ängsten wußte, ritt direkt neben mir und griff ab und zu rettend in meine Zügel.

Herr von Münzenberg dagegen hatte ganz andere Sorgen! Reisebegegnungen wie die Begegnung mit einem Priester, einem blinden Bettler, einem alten Weib, einem Weib mit aufgelösten Haaren, einem spinnenden (!) Weib, einem Buckligen, einem Aussätzigen und einem Wasser Tragenden bringen nämlich laut unseres Gastgebers Unglück! Dagegen stellen die Begegnungen mit einem Reiter, einem lastentragenden Mann oder mit einem Mistwagen Glück! Aber die einzigen Menschen, die unseren Weg kreuzten, waren zwei Handwerker.

"Kurt, wandernde Handwerker und Studenten bringen ungünstiges und stürmisches Wetter! Laß' dir das von mir gesagt sein!" rief er mir zu.

Rein zufällig hatten wir dann tatsächlich seit der Mittagszeit, mit einem heftigen Schneesturm zu kämpfen, der unsere Reise so erschwerte, daß wir unser Ziel, nicht wie geplant, schon am Abend erreichen konnten. Wir mußten die Nacht in einem Wirtshaus verbringen.

Aber da bin ich ja mit meinem Erzählen schon wieder viel zu weit. Am Vormittag war das Wetter noch vielversprechend. Es war zwar knackig kalt, aber die Sonne schien an einem superblauen Himmel. Herr von Münzenberg war sehr guter Stimmung und erzählte über sein Reiseleben als Kaufmann.

"Weißt du, Kurt, normalerweise reisen wir Kaufleute nur vom Frühjahr bis zum Herbst, und dann auch nur in großen Karawanen. Die Gefahr ist einfach zu groß, daß irgendwelche Strauchdiebe und Landstreicher dich überfallen. Du bist hier auf den Straßen deines Lebens nicht mehr sicher. Die Adligen betreiben das Jagen, Plündern und Ausrauben von harmlosen Reisenden mittlerweile - wie mir scheint - hauptberuflich. Du kannst froh sein, wenn sie nur dein Geld und nicht auch noch dein Leben wollen!"

"Herr von Münzenberg, wie transportieren Sie ihre Waren? Lieber zu Lande oder zu Wasser?" hörte ich Heinke unseren Gastgeber fragen.

"Spontan würde ich sagen "zu Wasser"! Aber beide Transportwege haben ihre Nachteile. Schau' dir doch nur diese verdammten Straßen an! Na, ja, momentan sieht man wegen des hohen Schnees ja nicht viel. Aber ich sage euch, die ärgsten Löcher und Stellen werden notdürftig mit Reisig und Knüppeln ausgebessert. Im Sommer wirbelt jeder Schritt und jeder Hufschlag Staubwolken auf und erschwert dir das Sehen und das Atmen. Außerdem sitzt dir der Dreck anschließend in allen Ritzen! Und wenn es regnet, verwandelt sich jeder Weg in eine grundlose Schlammpfütze! Mit Frachtwagen, die hochbeladen sind, kommst du auf diesen mit Baumwurzeln übersäten Straßen nur langsam und mühsam vorwärts. Ständig bricht irgendeine Achse oder stürzt ein Wagen um. Aber nicht nur die Straßenverhältnisse ärgern mich! Habt ihr eine Ahnung, wieviel Geld und Zeit mir durch die Zölle und das Stapelrecht der verschiedenen Städte verlorengehen? Nehmen die Landesherren nicht schon genug durch die Grundruhr ein?"

"Grundruhr? Was ist das?" unterbrach ich Herrn von Münzenberg.

"Die Grundruhr gibt dem Landbesitzer, auf dessen Grundstück z.B. ein Achsenbruch geschieht, das Recht auf die Besitznahme aller vom Wagen herabgefallenen Gegenstände. Es liegt doch auf der Hand, daß Wege im schlechten Zustand mehr "abwerfen" als gepflegte! Darum sehen unsere Straßen doch so verheerend aus! Und dann die Zollabgaben! Wege-, Straßen-, Brücken-, Pflaster- und Torzölle! Du kannst gar nicht alle Zollarten aufzählen! Selbst für die Durchreise durch eine Stadt, in der du nichts verkaufen willst, mußt du Durchgangszoll entrichten. Nur weil die blöde Straße, auf der du dich gerade befindest, durch diese Stadt gelegt worden ist. Und dann dieses Stapelrecht! Dadurch wird deine Weiterreise um Tage verhindert."

"Können Sie bitte erklären, was das Stapelrecht ist?" mischte Heinke sich erneut in Herrn von Münzenbergs Monolog.

Abb. 36: Das Stapelhaus Gürzenich in Köln

"Das Stapelrecht zwingt dich, deine mitgeführten Waren zunächst auf dem Markt der Stadt, durch die du kommst, anzubieten. Erst danach darfst du mit dem Rest weiterziehen. In Köln z.B. müssen deine Waren mindestens sechs Tage im Gürzenich (Abb. 36) auf Stapel liegen. Sechs Tage! In den ersten drei Tagen haben die Kölner Bürger das Vorkaufsrecht. Aber sie dürfen pro Person nur eine bestimmte Menge kaufen. Die folgenden drei Tage können dann auch Fremde deine Waren begutachten und erwerben. Aber nur unter Vermittlung von Kölner Bürgern! Es ist nämlich strikt verboten, daß "der Gast mit dem Gast" direkt einen Handel schließt. Aber die Städte leeren deine Taschen mit und ohne Stapelrecht! Du mußt z.B. in jeder Stadt bei einem Wirt Kost und Logis nehmen. Von deinen mitgebrachten Vorräten darfst du dich nicht ernähren. Die wollen doch Geld von dir haben! Deine Wagen mit der Handelsware können nachts nicht von deinen eigenen Leuten bewacht werden! Du mußt Knechte von der Stadt anstellen. Und bei Städten mit Stapelrecht dürfen deine Wagen nur durch städtische Knechte ent- und beladen werden. Außerdem mußt du noch die Lagergebühren bezahlen. Am besten ist, du versuchst, in solchen Städten einen Geschäftspartner zu finden, der dann deine Waren verkauft. Das spart Zeit, Geld und Ärger!"

"Woher wissen die Bürger in der Stadt eigentlich, was die eintreffenden Kaufleute auf ihren vielen Wagen geladen haben? Die tragen doch keine Reklameschilder mit sich herum?" wollte Heinke schließlich wissen.

Nachdem wir unserem Gastgeber erst einmal den Begriff "Reklameschilder" erklärt hatten, beantwortete Herr von Münzenberg Heinkes Frage folgendermaßen: "Du mußt einem städtischen Beamten ein schriftliches Verzeichnis aller Waren samt Preise geben. Diese Angaben werden in ein Zollbuch eingetragen, das für jedermann einsichtbar ist. Dort kannst du über die Art der Ware und ihre Menge, aber auch über den Kaufmann und seine Unterkunft in der Stadt Informationen erhalten. Was willst du mehr?"

"Ja, und ist es nun mit dem Schiff bequemer?" fragte ich neugierig.

Abb. 37: Flußaufwärts müssen die Schiffe getreidelt werden

"Das weiß ich selbst nicht! Die Schiffahrten übers Meer sind sehr gefährlich. Das Seeräuberwesen haben wir immer noch nicht unter Kontrolle, und im Frühjahr und Herbst mußt du ständig mit Unwettern rechnen. Bei den Flußschiffahrten bist du wie auf den Straßen auch nur am Zahlen. Da folgt doch eine Zollstätte nach der anderen! Und die Zölle sind nicht ohne! Immerhin betragen sie 2 - 10% des Warenwertes! Auf den vielbefahrenden Flüssen Seine, Garbonne und Rhein gibt es mindestens alle 10 - 12 km eine Zollstelle. Auf dem Rhein ist es z.T. sogar noch schlimmer! Und vor den Toren Nürnbergs gibt es in einem Umkreis von nur drei Meilen 24 Zollstätten! Auf der Elbe mußt du zwischen Magdeburg und Tangermünde an drei Stellen, zwischen Magdeburg und Hamburg an 17 Stellen Gebühren für freie Fahrt entrichten. Und flußaufwärts muß getreidelt werden, d.h. Pferde müssen dein Schiff vom Ufer aus zum gewünschten Ziel ziehen (Abb.37). Dabei geht ebenfalls viel Zeit verloren."

"Wieviel Kilometer kann man eigentlich pro Tag mit einem Pferd oder mit einem Wagen zurücklegen?" fragte ich weiter.

"Das ist abhängig von dem Zustand des Weges, den Geländeverhältnissen, der Jahreszeit und natürlich von dem Wetter! Ich würde sagen, die durchschnittliche Tagesreise zu Pferd beträgt im Sommer 50 - 60 km, mit Pferdewechsel sogar über 100 km. Die Tagesleistung eines Frachtfuhrwerkes liegt dagegen bei 20 - 30 km."

Mittlerweile war der Himmel grau geworden, und ein heftiger Wind ließ die Schneeflocken vor unseren Augen immer wilder tanzen. Schließlich befanden wir uns in einem richtigen Schneesturm. Es wurde zudem immer kälter. Meine Hände und Füße konnte ich kaum noch bewegen. Da wir keinen Unterschlupf fanden, mußten wir noch mehrere Stunden gegen den "beißenden" Schnee reiten. Schon in kurzer Zeit glichen wir allesamt mehr Schneemännern als menschlichen Wesen. Irgendwann und irgendwo blieb das Pferd unseres Gastgebers stehen, und unsere Pferde machten es ihm nach. Fluchend stieg Herr von Münzenberg ab und befreite sich von seiner Schneeschicht.

"Wir müssen heute nacht in dieser Spelunke von Wirtshaus übernachten. Tut mir leid! Aber das Wetter hat alles verdorben! Lubbert, bringe die Pferde in den Stall!"

Absteigen? Wie denn? Ich bin festgefroren! sagte ich zu mir selbst. Auch von Heinke ging nicht das geringste Lebenszeichen aus. Wir beide waren die letzten, die sich mit Lubberts Hilfe von ihren Pferden lösen konnten. Das Wirtshaus, das wir am Anfang gar nicht gesehen hatten, war tatsächlich eine Spelunke. Aber immerhin war es in der Gaststube einigermaßen warm. Wir bekamen, nachdem unser Gastgeber mit dem Wirt alles geregelt hatte, hölzerne Teller und einen Trinkbecher. Beides sah "sehr appetitlich" aus (sarkastisch gemeint)! Der Trinkbecher war mit einem dünnen, extrem sauren Wein gefüllt, und auf dem Holzteller lag irgend etwas Grünliches, was ekelhaft schmeckte. Heinke und ich beschlossen, den Rest unseres Reiseproviantes zu holen und den köstlichen Wein aus unserer Reiseflasche zu trinken. Die anderen Gäste der Spelunke blickten griesgrämig zu uns hinüber. Besonders wohl fühlten wir uns nicht! Die Schlafräume aber übertrafen das bisher Gesehene! Die Bettücher rochen nach Schweiß und ungewaschenen Füßen. Blut- und Fettflecken ließen kaum noch die ursprünglich weiße Farbe der Bettlaken erahnen. Und zu dritt mußte man sich die Schlafstätte teilen! Heinke legte sich freiwillig auf den Boden. Na, vielleicht ist sie da weniger von Flöhen und Wanzen als ich in diesem Bett traktiert worden! Es war eine schreckliche Nacht! Und da kein Ofen im Raum war, waren wir alle am Frieren! Ausgezogen hatte sich, nebenbei erwähnt, niemand!

Am nächsten Morgen machten wir uns bei Sonnenaufgang wieder auf den Weg. Heinke ritt neben Herrn von Münzenberg und unterhielt sich mit ihm.

"Herr von Münzenberg, wie finden sie eigentlich den Weg zum Dorf oder zu den Städten, in denen sie ver- oder einkaufen wollen?"

"Ich habe mir im Laufe meines Lebens eigene Karten angelegt, auf denen die Streckenverhältnisse, die Flußläufe, gebirgigen Erhebungen, Burgen und wichtigsten Straßenverbindungen festgehalten sind. Für Fahrten in unbekannte Gebiete benötige ich natürlich zuerst ortskundige Führer."

Abb. 38: Einige Damen sind mit ihrem Wagen unterwegs

Nicht weit von dem Wirtshaus entfernt kamen uns zwei vierrädrige Wagen und mehrere Reiter entgegen. Eine vornehm wirkende, ältere Dame saß mit ihren fünf jungen Begleiterinnen im ersten Wagen (Abb. 38). Der zweite Wagen war mit Bettleinen, Kochtöpfen, Krügen, Geschirr, Kleidern und Teppichen beladen worden. Was diese reiche Dame wohl zwang, zu dieser ungemütlichen Jahreszeit zu reisen? Direkt über den achtspeichigen Rädern befand sich der Wagenkasten, der mit gepolsterten Längssitzen ausgestattet war. Von oben wurden die Dame und ihre Begleiterinnen durch eine durch Stangen gestützte Planne vor dem Einschneien geschützt. Holzstangen am unteren Teil des Wagenkastens stellten die Verbindung zwischen Fuhrwerk und Pferd her. Der Lenker selbst hatte auf dem ziehenden Pferd zu sitzen. Sehr bequem kann das Reisen, ehrlich gesagt, mit diesem Wagen nicht sein, denn es gibt noch keine Federung, die die Stöße, verursacht durch die unebene Straße, abschwächen kann.

"Wer hat denn nun Vorfahrt? Wir oder die?" hörte ich Heinke unseren Gastgeber fragen.

"Die!" antwortete Herr von Münzenberg und befahl uns, für die Herrschaften Platz zu machen und sich an den Rand des Weges zu stellen. Die Damen fuhren mit ihren berittenen männlichen Begleitern freundlich grüßend an uns vorbei.

"Hatte Sie Vorfahrt, weil Sie von Adel ist?" wollte Heinke von Herrn von Münzenberg daraufhin sofort wissen.

"Nein, es gibt auf unseren Straßen einige Regeln, die man beachten muß. Der leere Wagen muß dem mit Waren beladenen Wagen weichen. Dieser wiederum muß einem Wagen mit Mist die Vorfahrt gewähren. Aber einem Wagen voller Menschen muß jeder weichen, wegen der Würde der menschlichen Natur. Verstehst du? Na, und dann ist noch wichtig, was für Waren du geladen hast! Die trockene Ware muß der nassen weichen. Der Reiter und der Karren muß dem Wagen Platz machen, es sei denn, der Karren transportiert z.B. nasse Waren. In diesem Fall haben der Reiter und der Wagen dem Karren Vorfahrt zu gewähren. Der zu Fußgehende dagegen muß den Reiter, den Karren und den Wagen vorbeilassen."

Plötzlich standen wir direkt vor einer baufälligen Brücke. Vier riesige Löcher klafften auf ihr. Herr von Münzenberg stieg von seinem Pferd und begutachtete mit Lubbert zusammen den Schaden. "Wir können es wagen!" rief er uns zurückkehrend zu. Wir stiegen nun alle von unseren Pferden ab und begaben uns zu Fuß, unsere Vierbeiner hinter uns herziehend, auf die sehr schmale Brücke. Bei jedem Schritt knarrte das Holz und ließ mich das Schlimmste befürchten. Durch die Löcher, die uns bequem hindurch gelassen hätten, sahen wir den Abgrund. Aber Herr von Münzenberg schien baufälligere Brücken kennengelernt zu haben. Jedenfalls wandte er sich zu Heinke, um ihr noch einige Verkehrsregeln zu nennen: "Nähert sich ein Wagen oder ein Karren einer engen Straße oder einer Brücke, wo ihm der Reiter oder der Wanderer nicht ausweichen kann, so hat der, der zuerst die Brücke betreten hat, Vorfahrt."

"Und wenn sich ein Unfall ereignet? Kann man dann sicher sein, gefunden zu werden?" bohrte Heinke – allmählich die Farbe im Gesicht vor Angst verlierend – weiter.

"Ja, es kommen doch normalerweise immer irgendwelche Leute vorbei, und dann gibt es ja auch noch viele Einsiedler, die ihre Behausungen unmittelbar an den Fernstraßen errichtet haben. Sie helfen einem und bessern auch die Wege aus."

Auf dem Rest unserer Hinreise philosophierte Herr von Münzenberg über Gott und die Welt: Die Erde steht im Mittelpunkt des Weltalls. Die Sonne, der Mond und die fünf Planeten bewegen sich in sieben übereinandergelagerten Himmeln in verschiedener Geschwindigkeit um die Erde, die im Zentrum schwebt. Die anderen leuchtenden Sterne, die man sehen kann, sind ohne Körper und ohne Schwere und hängen frei am achten Himmel. Über diesen achten Himmel wölbt sich die neunte Sphäre, der "crystallinische Himmel", und in der zehnten Sphäre, der Feuersphäre, sitzen Gott, Jesus Christus und die Heiligen. Die "toten" Menschen sind je nach ihrem "Seligkeitsgrad" über die neun Sphären verteilt. Im Mittelpunkt der Erde liegt die Hölle, in die die hoffnungslos schlechten Menschen verdammt werden. Dort haust der Teufel in Bock-, Schlangen-, Drachen-, Hund- oder Krötenform. Für die Menschen hat das Erdendasein laut unseres Gastgebers nur einen einzigen Zweck, nämlich büßend über das Fegefeuer den Himmel zu erreichen.

Zur Mittagszeit trafen wir endlich in unserem Dorf ein. Freundlich und zuvorkommend wurden wir vom Dorfvorsteher und seinen Leuten empfangen. Sie bereiteten für uns sogleich ein Bad vor, in dem wir uns nicht nur aufwärmen, sondern auch gründlich waschen konnten. Das tat gut! Anschließend gab es fürstlich zu essen. So, ich werde mich jetzt auch wieder zu den anderen begeben! Ich habe, glaube ich, genug für heute geschrieben!