Eintrag 27
Holgers Aufzeichnung, geschrieben am 5.1.1438
Heute bin ich zum zweiten Male geboren worden. 10 Tage lang litt ich unter fürchterlichen Zahnschmerzen. Das Brot ist hier leider mit unzähligen kleinen Steinpartikeln versetzt, die von den Mühlsteinen herrühren. Ich war schon so vorsichtig beim Kauen, da ich weiß, daß meine Zähne nicht die besten sind, und dann passierte es doch. Es krachte in meinem Mund, und ein halber Zahn fiel heraus. Barbara gab den Müllern die Schuld, die das Getreidemehl angeblich absichtlich(!) mit Sand oder Holzspänen strecken würden. Alle im Haus hatten Mitleid mit mir. Henning empfahl mir, eine Erbse an den schmerzenden Zahn zu halten und diese dann ins Wasser zu werfen. Nach seiner Meinung würde der Schmerz vom Zahn auf die Erbse übertragen werden. Ich tat ihm den Gefallen und probierte es mit der Erbse aus. Aber es brachte nichts!
Heinrich führte mich sogar eines Nachts nach draußen. Er stellte mich mit dem Rücken zum abnehmenden Mond und befahl mir, mich soweit rückwärts zu beugen, bis ich den Mond sehen könnte. Dabei mußte ich ein "Ave Maria" und folgendes sprechen:
"Gott hilf, daß mir meine Zähne
Weder hitzen noch schwitzen
Weder zären noch schwären.
Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist!"
Da das auch nichts brachte, schleppte Heinrich mich am nächsten Tag zu einem fließenden Wasser und ließ mich unter mehrfachen Bekreuzigungen dreimal folgenden Spruch aufsagen, bei dem ich jedesmal einen Mund voll Wasser nehmen mußte: "Petrus stand unter einem Eichenbusch, da sprach unser lieber Herr Jesus Christ zu Petrus: 'Warum bist du so traurig?' Petrus sprach: 'Warum sollte ich nicht traurig sein? Die Zähne wollen mir im Munde verfaulen.' Da sprach unser lieber Herr Jesus Christ zu Petrus: 'Petrus geh in den Grund und nimm Wasser in den Mund und spei' es wieder aus in den Grund.'"
Aber wieder blieb der Erfolg aus!
Mittlerweile war ich vor Schmerzen zu allem bereit. Barbara betete für mich den ganzen Tag zur Heiligen Apollonia, die im 3. Jh. vom heidnischen Pöbel schwer mißhandelt worden war, und der unter anderem die Zähne ausgeschlagen wurden. Herr Bussow ergriff dann gestern die Initiative und ging mit mir zu einem Bader. Dort wurde ich auf einem Stuhl von zwei Knechten festgehalten, während der Bademeister den stark eiternden Restzahn herauszog. Die Prozedur war unerträglich. Ich habe geschrien wie noch nie in meinem Leben! Und dann bin ich in Ohnmacht gefallen und erst wieder in meinem Bett wach geworden. Die Badeknechte sollen mich nach Hause getragen haben. Muß das für die Nachbarn ein Schauspiel gewesen sein! Anna hat mir heute morgen erzählt, daß sie meinen kranken Zahn in das Loch eines Baumes gesteckt habe, damit ich keine Zahnschmerzen mehr bekomme. Von ihrem Vater und ihrer Mutter wären da auch schon Zähne verborgen worden. Hoffentlich bringt das was! Noch einmal stehe ich das nicht durch!
Holger

