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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 23

Claudias Bericht, geschrieben am 23.12.1437

Barbara und ich waren heute im Heiliggeist-Spital, um die Feinbäckerin Fieke Schenknick zu besuchen. Fieke hatte sich am letzten Sonntag beim Brand in ihrem Haus schwere Verbrennungen an den Beinen zugezogen und mußte deshalb ins Spital gebracht werden. Barbara kennt Fieke schon seit ihrer Kindheit und wollte ihre alte Freundin etwas aufheitern. Ich begleitete unsere Gastgeberin, um das Innere eines Spitals kennenzulernen.

Das Heiliggeist-Spital liegt am Rande der Stadt direkt am Fluß und wird durch einen Holzzaun von den übrigen Häusern räumlich abgegrenzt. Im Zentrum der Stadt gibt es noch ein größeres Spital des gleichen Ordens. Aber darüber kann ich persönlich nichts berichten.

Durch eine Eingangspforte gelangten Barbara und ich ins Innere des Backsteingebäudes. Ich hatte das Gefühl, in einer Kirche zu sein. Die Westseite der dreischiffigen, langgestreckten Halle läßt durch drei große bunte Fenster blaurotes Licht hinein; die Ostseite ist mit einer Kanzel und einem Altar, über dem sich eine gekreuzigte Jesus Christus-Figur erhebt, geschmückt worden. Der Mittelgang teilt die Halle durch zwei Säulenreihen in zwei gleich große Bereiche. Links befinden sich die Betten der Frauen und rechts die Betten der Männer.

Während die Wände grauweiß getüncht sind, ist die getäfelte Decke mit christlichen Motiven bunt bemalt worden. Direkt über dem Eingang dieser Halle sieht man z.B. das Blut aus Jesus' Hand in einen Kelch fließen, aus dem ein Lamm trinkt. Die Säulen im Mittelgang sind mit kostbaren Holzschnitzereien, die Heiligenfiguren darstellen, versehen worden. Auf der Frauenseite beschützen die hl. Elisabeth, die hl. Maria und die hl. Katharina, auf der Männerseite der hl. Antonius, der hl. Rochus und der hl. Jakobus die Kranken. Die Betten stehen an den Wänden der Halle nebeneinander. Nirgendwo war ein Ofen oder Feuer zu entdecken. Ich fand es hier ungemütlich kalt! Die Kranken waren zu zweit in ein Bett gelegt worden, natürlich ohne Bekleidung!

Eine Frau in einer nonnenähnlichen Tracht fegte den Mittelgang, als wir die Halle gerade betraten. Barbara erzählte mir, daß hier die größte Sauberkeit herrschen würde. Jedes Jahr würden die Wände getüncht und die Bettdecken aus Fell gereinigt werden.

Ich möchte hier trotzdem nicht liegen. Eine Frau, die wohl gerade erst gestorben war, wurde von zwei Schwestern aus dem Bett gezogen und in ein graues Leinentuch eingenäht. Eine neue Patientin erhielt, nachdem ihr die Beichte von einem älteren Priester abgenommen worden war, das Abendmahl. Danach sollte sie sich ins Badezimmer begeben. Ich sah nur wenige greise Frauen. Die meisten Patientinnen waren noch sehr jung und hatten laut Barbara gerade erst entbunden. Bei Geburtskomplikationen darf man bis zu sechs Wochen hier bleiben.

In der männlichen Abteilung lagen viele alte Männer. Ein muskulöser Knecht trug einen Greisen wie ein kleines Kind auf seinen Armen ebenfalls in das Badezimmer.

"Das hier ist die untere Stube, Claudia", flüsterte Barbara mir zu. "Hier gibt es 32 Betten! Groß, was? Jeder Patient erhält bei seiner Ankunft zwei Bettücher, eine Zudecke und für den Gang zum heimlichen Gemach und zum Badehaus einen Pelz, ein Paar Schuhe und eine Wollmütze. Leider ist das Hospital meistens total überfüllt, so daß nur Schwerkranke eine Aufnahme finden. Siehst du da vorne den schönen Altar und die reich geschnitzte Kanzel? Von dort kann jeder bettlägerige Kranke Gottes Wort vernehmen."

"Welche Leute arbeiten hier? Ist das Personal medizinisch ausgebildet? Ich habe noch gar keinen Arzt gesehen!"

"Nein, der Stadtarzt kommt nur, wenn er gerufen wird. Wer hier im Hospital arbeiten möchte, muß wie beim Eintritt ins Kloster ein Gelübde der Armut, des Gehorsams, der Keuschheit und des Dienstes am Kranken ablegen. Die Angestellten haben wie die Kranken nach den Regeln des Hospitaliter-Ordens zu leben. Und medizinisch ausgebildet? Das sind doch nur die Ärzte!"

Und dann klärte Barbara mich über das Personal in diesem Spital auf. Da gibt es den Spitalpfleger, der das Spitalvermögen verwaltet und der als Vertreter des Rates auch die Oberaufsicht über das Hospital führt. Ihm unterstehen der Spitalmeister und die Spitalmeisterin, die für die Verwaltungs- und die Pflegedienste zuständig sind, d.h. sie haben für die Ordnung und die Sauberkeit im Haus zu sorgen und das Waschen und Baden der Patienten zu überwachen. Zusätzlich sind noch zwei Kinderpflegerinnen und sechs Hilfskräfte angestellt worden. Die letzteren haben die Wäsche zu waschen, den Boden zu putzen, die Kranken zu baden und das Essen zu kochen.

"Das ist hier keine leichte Arbeit. Als Magd mußt du für acht Schwerkranke sorgen, mußt sie füttern, bedienen und sauberhalten!" gab Barbara mir zu verstehen. "Außerdem sind noch sechs Geistliche für dieses Hospital zuständig. Sie lesen hier die täglichen Messen und halten an Sonn- und Festtagen ihre Gottesdienste für die Kranken. Auch die sieben Stundengebete werden von ihnen bei Tag und bei Nacht feierlich mit Gesang verrichtet."

Durch eine Tür links vor dem Altar gelangten wir über eine schmale Treppe in das erste Obergeschoß, die obere Stube. Hier befinden sich entlang einem schmalen Flur in einzelnen Kammern die Betten der "Erste-Klasse-Patienten". Einige Betten sind von bestimmten Zünften für ihre Mitglieder und deren Familienangehörigen reserviert worden. Dafür müssen diese einen ständigen Betrag in die Zunftkasse leisten.

Abb. 34: Eine Dienerin des Hospitals füttert einen kranken Mann

Fieke freute sich riesig, uns zu sehen. Den Feinbäckern gehören in diesem Hospital wie den Waidfärbern zwei Betten. Betreut wird man von Zunftangehörigen. Heute war eine Gheseke Rems für Fieke und eine andere kranke Feinbäckerin, die mit Barbaras Freundin das Zimmer teilte, zuständig. Gheseke hatte gerade das Mittagessen gebracht (Abb. 34). An der Wand entdeckte ich eine große Aussparung, durch die man auf die untere Stube blicken konnte. Laut Fieke nahm man so an den regelmäßigen Gottesdiensten mindestens akustisch teil.

"Das Essen ist hier wirklich gut, Barbara. Man hat mir gesagt, es gibt dreimal in der Woche Fleisch: Rind-, Kalb- und Schweinefleisch. Nur in der Fastenzeit wird ein billiger, gesalzener und getrockneter Seefisch gereicht. An Schmalz, Öl, Salz, Gewürzen, Getreide und eingelegtem Gemüse mangelt es dem Spital nicht", kommentierte Fieke ihre Mahlzeit.

Barbara zeigte mir, während Fieke ihre Fleischspeise zu sich nahm, die anderen Räumlichkeiten des Hospitals. Dem kirchenartigen Krankensaal schließt sich im Norden ein riesiger Gebäudekomplex an. Direkt unter der oberen Stube befinden sich zwei große Küchen. In der einen wird für die Kranken in der unteren Stube (Zweite-Klasse-Patienten), die hier kostenlos untergebracht werden, und in der anderen für die Privatpatienten in der oberen Stube gekocht. Festgeschriebene Essenszeiten für die Kranken gibt es nicht. Je nach deren Bedürfnissen wird die Speise serviert. (Könnten unsere Krankenhäuser das nicht auch wieder einführen??)

"Barbara, wer unterstützt das Hospital finanziell? Das kostet doch eine Stange Geld, die Leute hier durchzufüttern!" fragte ich Barbara.

"Die Hospitäler sind auf freiwillige Spenden angewiesen. Sie erhalten z.B. besonders viele Nahrungsstiftungen. Da gibt es von den Feinbäckern z.B. die Weißbrot- oder Schönbrotstiftungen. Zusätzlich werden sie mit Eiern, Wein, Fleisch und Heringen, Gewürzen, Pfeffer, aber auch mit Holz, Leinentüchern, Decken und Lichtern versorgt. Besonders die Lichtspenden sind sehr gefragt. Die Spitalmeisterin überwacht hier sehr streng den Lichtverbrauch. Kerzenlicht gibt es am Abend nur für den Gang zum heimlichen Gemach, in dem wiederum die ganze Nacht hindurch Kerzen brennen müssen. Das Spital ist aber nicht ohne eigenes Vermögen. Ihm gehören mehrere übereignete Ländereien, einige Weinberge und Nutzungsrechte.Auch in den Testamenten vieler Bürger erhalten die Spitäler reichliche Zuwendungen. Mein Mann behauptet sogar, daß die Hospitäler über die größten liquiden Geldbeträge in der Stadt verfügen und als Bank fungieren."

Neben der Küche für die untere Stube befanden sich zwei Badestuben. In eine von ihnen wurden bei unserem Rundgang zwei alte Männer hineingetragen. Ein heimliches Gemach und ein riesiger Waschraum folgten. Im Westtrakt waren die Milchkühe und das Federvieh untergebracht worden.

Neben den Ställen gab es wiederum zwei Badestuben mit einem weiteren Abort.

"Sauberkeit wird hier wirklich groß geschrieben. Überall sehe ich Badestuben", stellte ich zufrieden fest.

"Ja, aber diese hier sind nicht für die Kranken, sondern für die armen Pfründner."

Und dann mußte mir Barbara erst einmal erklären, was Pfründner sind. Die meisten alten Leute verbringen ihren Lebensabend hier in der Stadt im Kreise der Familie. Aber es gibt auch einige ältere Menschen, die alleine zurechtkommen müssen. Falls sie dazu nicht mehr in der Lage sind, können sie sich in ein Hospital "einkaufen". Es gibt reiche, gern gesehene Pfründner und arme Pfründner. Die reichen Pfründner besitzen hier im Osttrakt ihre Einzelkammern, die z.T. mit Küche, Keller und Stube ausgestattet sind. Zur Zeit leben z.B. 13 reiche Pfründner im Heiliggeist-Spital. Sie haben sogar ihr eigenes Dienstpersonal mitgebracht, das für sie zu putzen, zu waschen und zu kochen hat. Außerdem werden sie von ihren Mägden und Knechten gebadet und versorgt und benötigen daher nicht das hiesige Pflegepersonal. Wenn diese reichen Alten sterben, erbt das Spital ihr gesamtes Vermögen.

Im Westtrakt leben neben den Ställen die armen Pfründner. Ihnen wird zwar eine Bettstatt zur Verfügung gestellt, aber die Bettwäsche müssen sie selbst mitbringen. Nach ihrem Tode wird ihr habseliger Besitz vom Spital beansprucht. Laut Barbara haben einige von diesen Armen ihre Einzelkammern aus Platzgründen in den lichtlosen Kellern und unter der Kirche. Im Gegensatz zu den reichen Alten sind die armen Alten, falls sie körperlich dazu noch in der Lage sind, zum Mithelfen verpflichtet. Sie müssen das Vieh versorgen, die Kranken betreuen, Küchendienste verrichten, im Garten arbeiten oder spinnen. Aber nicht jeder arme Alte findet im Spital eine kostenlose Aufnahme. Die führenden Persönlichkeiten des Spitals betreiben laut Barbara nach moralischen und kirchlichen Gesichtspunkten Auslese.

Im Norden des Gebäudekomplexes gibt es noch eine kleine Kirche, in die sowohl die reichen wie die armen Pfründner zum täglichen Gebet und zum Besuch der Messe gehen. Sowohl im West- wie im Osttrakt befinden sich neben den Badestuben und den Aborten eine große Küche und ein Waschraum. Barbara erzählte mir, daß die reichen Pfründner für ihre Bäder, die sie alle zwei Wochen nehmen dürften, bezahlen müßten, während die Armen montags (alle zwei Wochen) eine Stunde lang ein kostenloses Bad genießen dürften. Nur den Kranken wäre häufigeres Baden erlaubt! Auch herrschten für die Pfründner im Gegensatz zu den Kranken feste Essenszeiten!

Neben der Kirche im Nordtrakt gibt es noch eine kleine Kinderabteilung, in der acht Waisenkinder und Findlinge Unterkunft gefunden haben. Zwei Witwen sorgen für sie. Direkt neben ihrem Wohntrakt befindet sich ein Narrenhäuslein, in dem vier Geisteskranke in Ketten verwahrt werden. Meine Gesprächspartnerin fügte hinzu, daß diese "Irren" hier anständig versorgt, gepflegt und gereinigt würden.

Im Osttrakt liegen neben den Wohnungen der reichen Pfründner noch die Räume für die Spitalmeisterin, den Spitalmeister und die Angestellten und eine Apotheke.

Mittlerweile waren wir wieder bei Fieke angelangt, mit der wir uns dann bis zum späten Nachmittag über den Brand, über Nachbarinnen und Nachbarn (läster, läster...) und Kinder unterhielten.

Claudia