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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 22

Kurts Bericht, geschrieben vom 22.12.–24.12.1437

Montag, den 22.12.1437

Momentan überschlagen sich hier die Ereignisse! Ein großes Feuer brach gestern nacht in dem Viertel aus, in dem Holger und Claudia mit ihrer Gastfamilie leben. Den beiden ist, Gott sei Dank, nichts passiert. Laut Claudia, die uns heute morgen schon einen Besuch abstattete, soll Holger sich sogar durch seinen besonderen Einsatz beim Feuerlöschen eine Belohnung verdient haben.

Dann erschien kurz nach dem Mittagessen ein Knecht von Hanns von Münzenberg, dem Bruder unseres Gastgebers. Seine wilden Gebärden ließen nichts Gutes ahnen. Schon seit Samstag hatte Herr von Münzenberg auf Hiobsbotschaften gewartet. Ein schwarzer Hund hatte nämlich an diesem Tag seinen Weg gekreuzt! Und das, so hatte er mir erklärt, würde bedeuten, daß irgend jemand sterben würde.

Die Informationen des Knechtes schienen Herrn von Münzenberg zu beunruhigen. Nervös zupfte er an seinem Gewand und gab mir schließlich mit einem Handzeichen zu verstehen, daß ich zu ihm kommen sollte.

"Kurt, kannst du mich bitte ins Haus meines Bruders begleiten. Ich fühle mich nicht sehr wohl!"

Da mittlerweile ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen uns entstanden war, zog ich sofort meinen Wollstoffmantel über, ergriff meine Biberfellmütze und verließ zusammen mit ihm und dem Knecht das Haus. Unterwegs erzählte er mir, daß sein Bruder im Arbeitszimmer zusammengebrochen wäre. Einer der beiden Stadtärzte wäre auch schon informiert worden.

"Kurt, dabei ist mein Bruder von strotzender Gesundheit. Fast jedes dritte Jahr verbringt er vier Wochen in den Heilquellen von Aachen oder Wiesbaden. Dieser schwarze Hund am Samstag! Ich habe es Dir prophezeit!" Und dann fing er an, irgend etwas auszurechnen.
"Kurt, er stirbt!"

Ja, nicht nur schwarze Hunde kündigen den Tod an, sondern auch Zahlen! Man nimmt z.B. den Tag des Krankheitsanfanges, zählt dann die Tage vom 26.6. (einschließlich) bis zu dem Tage der Krankheit und dividiert die erhaltene Summe durch drei. Bleibt 1 übrig, so schwebt der Kranke in Gefahr, bleibt 2 übrig, dauert die Krankheit längere Zeit, und geht die Division auf, so ist der Kranke in Todesgefahr!

Als wir das Haus seines Bruders betraten, wurden wir von dessen Frau in die Schlafstube geführt. Hanns von Münzenberg lag bzw. saß regungslos in seinem Bett. Ein Arzt hielt gerade ein Glas mit Urin gegen das spärliche Licht, das durch die Fenster in den Raum drang. Doktor Blasius, so hieß er, war nicht mehr der Jüngste, war spindeldürr und klapprig und machte auch sonst keinen angenehmen Eindruck auf mich. Die Haut schien nur über sein Skelett gespannt worden zu sein. Das Gesicht bestand fast ausschließlich aus einer riesigen Adlernase. Die dürren, spinnenbeinähnlichen Finger ergriffen die Hand des Kranken zum Pulsfühlen. Dann legte er zum Temperaturmessen seine Hände auf die Brust des Patienten und beschnupperte mit seiner großen Nase dessen Atem. Dabei fielen seine fettigen, grauen Haarsträhnen ins Gesicht des zu Behandelnden.

Ich sah ihm sofort an, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, was Hanns von Münzenberg fehlte, und trotzdem beruhigte er meinen Gastgeber und empfahl der Frau des Hauses, ihrem Mann Branntwein zu verabreichen, das Allheilmittel des 15. Jahrhunderts.

Nachdem der Arzt verschwunden war, bat uns die Frau des Erkrankten doch endlich Platz zu nehmen und erzählte uns, was geschehen war. Für mich steht eindeutig fest, daß Hanns von Münzenberg einen schweren Schlaganfall erlitten hat. Schlaganfall, Lähmung, Herzinfarkt, fallende Sucht und Tollwut sind für die Menschen hier unerklärliche und unheimliche Krankheiten. Herr von Münzenberg ist fest der Überzeugung, daß bei solchen unerklärlichen Krankheiten nur ungewöhnliche Heilmittel helfen würden wie getrocknete Hirnschale, Rabeneier, Wolfsherzen und Wieselblut.

Wir warteten und warteten. Es tat sich nichts. Gegen Abend beschlossen wir, nach Hause zu gehen. Morgen früh werden wir noch einmal nach dem Rechten schauen. Vielleicht erholt sich der Kranke doch noch, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann.

Dienstag, 23.12.1437

Abb. 32: Die sterbende Maria hält in ihrer linken Hand die Todeskerze für die bevorstehende lange dunkle Fahrt ins Jenseits

Wie besprochen, verließen wir heute morgen sehr zeitig die Wohnung, um den Kranken zu besuchen. Als wir uns dem Haus des Bruders genähert hatten, spürten wir, daß irgend etwas geschehen sein mußte. Das Tor war weit geöffnet, und von links und rechts strömten Menschen in das Innere. Wir liefen ihnen nach und gelangten mit ihnen zusammen in die Schlafstube. Die Frau des Hauses kniete am Fußende des Bettes und registrierte uns überhaupt nicht. Erst eine Magd machte sie auf Herrn von Münzenberg aufmerksam. Von der Hausherrin erfuhren wir dann persönlich, daß Hanns von Münzenberg in der Nacht unregelmäßiger zu atmen begonnen hätte. Sie hatte deshalb nach dem Priester schicken lassen. Wie gestern saß Hanns von Münzenberg mit seinen weitaufgerissenen Augen ohne die geringste Regung im Bett.

Vater Matthias, der neben ihm stand, versuchte dem Sterbenden eine weiße Wachskerze in die Hand zu drücken. Aber alle Bemühungen blieben erfolglos, so daß ein Knecht des Hauses in kniender Stellung die Hand des Sterbenden und damit die Kerze in richtiger Position zu halten verpflichtet wurde (Abb.32).

Nun folgte der große Auftritt von Vater Matthias. In Anwesenheit der Nachbarn, Verwandten und Bekannten des Sterbenden und einiger Grauer Schwestern, dreier Franziskaner- und zweier Dominikanermönche stellte er seine obligatorischen Fragen,
ob Hanns von Münzenberg bereit wäre, im Einklang mit dem christlichen Glauben zu leben und zu sterben,
ob er bei Gott um die Verzeihung seiner Sünden bitten würde,
ob er den Willen zur Besserung hätte,
ob ihn sein Gewissen an ungebeichtete Sünden mahnen würde,
ob er bereit wäre, seinen Nächsten zu verzeihen,
und ob er willig wäre, unrechtmäßig erworbenes Gut nach seinen Möglichkeiten zurückzuerstatten.

Aber leider blieb Vater Matthias ohne Antwort. Denn Hanns von Münzenberg machte das "Schauspiel" nicht mehr mit.

Auf dem Tisch neben dem Bett befanden sich drei Kerzenständer, ein Kreuz, ein Kästchen, eine Weinflasche und ein Kelch. Vater Matthias holte aus dem kostbaren Kästchen eine Oblate und füllte Wein in den Kelch. Beides verwandelte er dann durch "heilige" Sprüche in Leib und Blut Christi. Plötzlich kippte Hanns von Münzenberg auf die Seite, direkt auf den zitternden Knecht. Sein Leben schien zu Ende zu gehen, denn sein Atmen wurde noch unregelmäßiger. Auf einen Wink des Priesters hin fingen die anwesenden Zuschauer sogleich mit dem Singen der sieben Bußpsalmen an. Anschließend wurden die Sterbegebete heruntergeleiert. Vater Matthias ließ sich derweil von einem jungen Priester, den er mitgebracht hatte, das heilige Öl geben, mit dem er die Stirn und die Hände des Sterbenden salbte. Dabei sprach er folgendes: "Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem Erbarmen; er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes. Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf."

Nun fehlte nur noch die letzte Kommunion. Vater Matthias nahm die Oblate vom Tisch und versuchte diese mit Hilfe des Knechtes in den Mund des Sterbenden zu stopfen! Mensch, wenn der Anlaß nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich grölen können!

Während der Hauptpriester selbst den Wein aus dem Kelch trank, durchfuhr ein heftiges Zucken den Leib des Sterbenden, und dann war "Ende der Vorstellung"! Hanns von Münzenberg befand sich nun auf der langen dunklen Fahrt! Vater Matthias drückte ihm noch die Augen zu, legte ihm einen Rosenkranz über seine Hände und erteilte ihm die Absolution. Das Glaubensbekenntnis, die Beichte der Sünden und die Bitte um Verzeihung für die Hinterbliebenen - all das, was ein Sterbender vor seinem Abgang seinen Zuschauern vorzuführen hatte - konnte von Hanns von Münzenberg nicht erfüllt werden. Aber seine frommen Verfügungen zu Gunsten der Hinterbliebenen und der Kirche und die Wahl seines Grabes hatte er in einem Testament festhalten lassen. Zur Aufbewahrung war dieses Vater Matthias schon vor zwei Jahren übergeben worden. Auch ich konnte einen Blick in das letzte Vermächtnis des Toten werfen. Laut unseres Gastgebers sind die Testamente alle gleich aufgebaut. Sie beginnen mit dem Glaubensbekenntnis, dann folgt die Wiedergutmachung der unrechtmäßigen Handlungen und die Vergebung anderer Schuldiger, schließlich die Bekanntgabe der gewünschten Grabposition und zuletzt die Anordnungen und Wünsche zum Geleit, zur Fackel- und Kerzenbeleuchtung und zur Gottesdienstordnung. Mildtätige Stiftungen, Almosenverteilungen und Verfügungen hinsichtlich der Grabinschrift bildeten sozusagen das Schlußwort.

Hanns von Münzenberg versprach der Kirche statt der üblichen 10%, die ein Toter der Kirche zu vermachen hatte, 20%. Das Wort Christi, daß eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gelänge als ein Wohlhabender ins Himmelreich, ließ die Reichen die Kirchen und Klöster an ihrem Todestag mit großzügigen Spenden überschütten. Hanns von Münzenberg mußte arge Sorgen um sein Seelenheil haben, denn er beschenkte auch noch die Franziskaner, die Dominikaner, die Karmeliter und die Grauen Schwestern. Ebenso ließ er Almosen an die Armen in den städtischen Spitälern und an die kinderreichen Witwen der Stadt, die z.T. durch Betteln für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sorgen hatten, verteilen. Von den Beschenkten wiederum durfte der Tote erwarten, daß sie durch ihre Gebete alles versuchen würden, Gott und Jesus Christus von der Großzügigkeit und der Güte des Spenders zu überzeugen, damit er doch noch ins Himmelreich hineingelassen werden würde.

Abb. 33: Der Tote wird ins Leichentuch eingenäht

In einem persönlichen Schreiben, das Herr von Münzenberg von seiner Schwägerin überreicht bekommen hatte, bat Hanns von Münzenberg seinen Bruder, die Stiftungen und die ihm dafür zukommenden Messen, Gottesdienste und Gebete öffentlich durch Anschlag in der Kirche zur besseren Kontrolle bekanntzugeben. Schließlich bekamen die Mönche, Kleriker und Grauen Schwestern ihre finanziellen Zuwendungen nicht ohne Gegengabe!

Mittlerweile wurde der noch warme Tote von seinen Knechten vom Kopf bis zu den Füßen in ein kostbares rotes Leichentuch eingenäht und unten in der Halle in einen gerade bereitgestellten Eichensarg, mit dem Gesicht gen Himmel gerichtet, gelegt (Abb. 33). Dann ließ mich unser Gastgeber nach Hause gehen. Er selbst wollte mit einigen anderen Kaufleuten die Totenwache bis zum nächsten Morgen übernehmen.

Mittwoch, den 24.12.1437

Den Heiligabend habe ich mir hier auch anders vorgestellt!

Statt Geschenke gab es eine Beerdigung mit anschließendem Leichenschmaus!

Hanns von Münzenberg wurde nämlich schon heute bestattet. Sein Bruder, unser Gastgeber, war die Nacht über bei ihm geblieben und hatte an der Totenwache für ihn teilgenommen. Nach Hause kam er nur, um sich für das Begräbnis umzuziehen. Nichts da mit schwarzer Trauerkleidung! Die Verwandten und Freunde erschienen zu Ehren des Toten in ihren prächtigsten, roten, blauen und grünen Gewändern. Auch die vorhandenen Schmuckstücke wurden zur Feier des Tages zur Schau gestellt. Statt Blumen hielten die Teilnehmer der Trauerprozession Fackeln, Kerzen und goldbestickte Stoffe in ihren Händen.

So ging es unter Kirchengeläut vom Haus des Toten in Richtung Domfriedhof. Die engen Gassen waren links und rechts gefüllt mit Schaulustigen, die uns und unsere Mienen genauestens studierten. Uns? Ja, also an der Spitze der Prozession befanden sich zwei Priester, zwei Franziskaner und zwei Dominikaner, die den Sarg gemeinsam auf ihren Schultern trugen. Ihre Gesichter waren unter riesigen Kapuzen versteckt, so daß niemand erkennen konnte, wie groß ihre Anteilnahme wirklich war. Ihnen folgten ungefähr 25 Graue Schwestern, die als bezahlte Klageweiber für die richtige Traueratmosphäre sorgten. Da vor wenigen Jahren verzweifelte Gebärden, hysterische Heulkrämpfe und ähnliches vom Rat verboten worden waren, vernahm man von ihnen nur leises Wimmern und den Gesang von kirchlichen Trauerliedern. Ihnen schlossen sich die vom Toten bedachten Armen aus den Spitälern und die verwitweten Frauen mit ihren Kindern an. Mit ihren gen Himmel gesandten Gebeten erfüllten sie schon hier für jedermann sichtbar die Spendenbedingungen!

Obwohl der Weg zwischen Haus und Friedhof höchstens zehn Minuten betrug, benötigten wir eine Dreiviertelstunde. Auf dem Friedhof angelangt, wurden Heinke und ich dann Zeugen, wie drei arme Tote von zwei Totengräbern aus ihren geliehenen Särgen in eine große Gemeinschaftsgrube gekippt wurden. Hanns von Münzenberg konnte sich dagegen ein Einzelgrab mit Sarkophag und Grabstein leisten.

Die anschließende Totenmesse dauerte trotz der schrecklichen Kälte 1 ½ Stunden. Kein Wunder, wenn Vater Matthias für die Predigt verantwortlich ist! Dann wurde der Sarg endlich von vier Totengräbern langsam unter Weihrauchopfern und Weihwasser in den offenen Sarkophag gesenkt, und Hanns von Münzenberg fand, wie es der Brauch vorschrieb, mit dem Kopf nach Westen und den Füßen nach Osten gerichtet, seine ewige Ruhe. Nachdem Vater Matthias dem Toten noch die zweite Absolution erteilt hatte und zwei Graue Schwestern kniend am Grabe zurückgeblieben waren, begaben wir anderen uns wieder Richtung Friedhofsausgang. Dort machte Heinke eine kuriose Entdeckung. Auf einer Eiche befand sich zwischen den stärksten Astgabeln, ob Ihr es glaubt oder nicht, ein Sarg! Stina van Wave erklärte uns, daß es sich hier um einen Exkommunizierten, d.h. einen von der christlichen Gemeinschaft Ausgestoßenen, handeln würde, der kein Recht hatte, in geweihter Erde bestattet zu werden. Die Familienangehörigen hätten aber noch nicht aufgegeben. Sie versuchten für den Toten, beim Bischof Abbuße zu leisten. Vielleicht haben sie ja Glück!

Im Haus der Witwe wurde schließlich trotz der gerade erhobenen Luxusbeschränkung, die auch das Essen betraf, ausgiebig geschmaust. Lästig waren nur die Unterbrechungen! Wir mußten noch zweimal in den Dom, um für den Toten zu beten und, was noch schlimmer war, um Vater Matthias' Langzeitpredigten über uns ergehen zu lassen!

Kurt