Eintrag 21
Holgers Aufzeichnung, geschrieben am 22.12.1437
Bevor ich mich jetzt ins Bett begebe, um den versäumten Schlaf nachzuholen, möchte ich noch kurz über den Brand von gestern nacht berichten.
Also, gestern abend, wir waren gerade erst ins Bett gegangen, hörten wir plötzlich die schreienden Rufe "Feuer! Feuer", und schon gleich darauf läuteten die Kirchenglocken am ganzen Ort Sturm! Herr Bussow war sofort aus dem Bett gesprungen. Ich konnte ihm kaum folgen. Seine Gesellen und Lehrlinge standen bereits notdürftig gekleidet in der Halle und warteten auf seine Instruktionen.
Hans und Martin liefen mit ihm in den Stall, holten den vierrädrigen Wagen, dem die zwei Pferde vorgespannt wurden, und rasten mit einem Affentempo an uns vorbei. Heinrich, Henning, Katharina, Kristein, Barbara, Claudia, Anna, die Mägde und ich waren am Brunnen, um die ledernen Eimer, die die Frauen aus der Küche und den Ställen mitgebracht hatten, mit Wasser zu füllen. Mit diesen Eimern stürzten wir auf die Gasse und sahen, daß die Feinbäckerei am Ende der Straße lichterloh brannte. Obwohl die Stadt große Propaganda für Ziegeldächer betreibt - ein Viertel der Baukosten soll erstattet werden - haben die meisten Häuser immer noch Strohdächer. Außerdem stehen die Häuser hier viel zu dicht aneinander. Dabei hatte vor 27 Jahren ein großes Feuer 2/3 der Stadt zerstört! Aber die Bürger haben nichts dazu gelernt!
Mittlerweile trafen auch die Nachbarn von Herrn Bussow mit ihren Gesellen und Lehrlingen ein. Wir bildeten mit ihnen zusammen eine "Eimerkette", die von dem nächstgelegenen Brunnen bis zum brennenden Haus führte. Es mußte alles schnell gehen! Die vollen Eimer glitten von einer Hand in die andere, die leeren wurden dabei mit den Füßen wieder Richtung Brunnen geschoben. Wagen mit riesigen Fässern voll Wasser bahnten sich einen Weg zur Brandstelle. Einige Männer versuchten mit ihren Beilen, Hämmern und Pickeln eine Brandschneise zu schaffen. Die Häuser links und rechts des brennenden Hauses mußten ständig mit Wasser feucht gehalten werden. Aber es war schon zu spät! Das rechte Haus hatte ebenfalls Feuer gefangen. Plötzlich sahen wir Herrn Bussow mit seinem Wagen sich einen Weg durch die Menschenmasse bahnend. "Platz da! Geht aus dem Weg! Haut ab!" Zwei Wächter halfen ihm, indem sie schaulustige Alte und Kinder beiseite trieben. Kurz vor dem brennenden Haus stoppte Herr Bussow und warf herbeieilenden Männern Spritzen, Kessel, Leitern, Feuerhaken und weitere Eimer zu. Krachend stürzte in der Zwischenzeit eine Mauer ein! Ob das mit Absicht oder aus Versehen geschah, konnte ich nicht sehen. Einige Frauen und Kinder bauten Dämme in der Gasse, um das zum Löschen benutzte Wasser wieder auffangen und neu verwenden zu können. Nach vier Stunden dachten wir, wir hätten es geschafft, aber da fing das Feuer wieder an! Erst nach sieben Stunden konnte der Brand endgültig gelöscht werden. Während ich mich nach Hause begeben durfte, mußten noch einige Männer an der Brandstelle zurückbleiben, um ein eventuelles neues Aufflackern sofort verhindern zu können.
P.S.: Von Heinrich erfuhr ich gerade einige erwähnenswerte Tatsachen:
- Die Nachtwächter hatten in der ganzen Stadt in Richtung der Brandstelle leuchtende Laternen aufgestellt. So wußte jeder Bürger, wo er zum Helfen hinlaufen mußte.
- Damit solche Feuerkatastrophen von einigen Mitbürgern nicht zum Plündern ausgenutzt werden konnten, wurden die Wachen auf den Mauern und in den Straßen verstärkt und den Fremden, die in der Stadt übernachteten, verboten, ihre Herberge zu verlassen.
Ich werde jetzt erst einmal vier Stunden schlafen. Dann kommt jemand vom Rat, um uns für unseren besonderen Einsatz zu danken und uns zu belohnen. Wir, d.h. die "Mannschaft von Herrn Bussow", waren nämlich die ersten, die an der Brandstelle zum Löschen bereitstanden. Heinrich freut sich schon riesig auf das bißchen Extrageld! Ich schlafe jetzt erst einmal!
Holger

