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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 20

Kurts Bericht, geschrieben am 20.12.1437

Oh, brummt mir mein Schädel! Ich bin gestern mit unserem Gastgeber in der Ratsstube zum Weintrinken gewesen. Mein Kopf scheint mir zu platzen! Maria hat mir soeben einen Umschlag auf die Stirn und Schläfe gelegt. Mit "Holterbliewasser" getränkt! Holterbliewasser soll ein alkoholischer Auszug von Holunderblüten mit Essig gemischt sein. Ich diktiere derweil Heinke meine heutigen und gestrigen Erlebnisse.

An guten Ratschlägen mir gegenüber hat es heute morgen nicht gefehlt. Herr von Münzenberg empfahl mir, nach folgendem Sprichwort zu handeln: "Wer am Abend trinkt, daß er sich kaum auf den Beinen halten kann, der soll am Morgen wieder trinken, damit er länger lebt!"

Nein, ehrlich, er wollte mir weismachen, daß der große Arzt Avicenna sogar ein bis zwei ausgiebige Weinräusche pro Monat für ratsam hielt. Ich sollte mich nicht so anstellen. Den "Kater" könnte ich durch einen erneuten Weingenuß leicht bekämpfen!

Seine Frau erzählte mir nebenbei, daß ein Cousin von ihr wegen zu vielen Weingenusses erblindet wäre. Ich sollte mich in acht nehmen.

"Ach, Frau, was machst du dem Kurt Angst. Dein Vetter Sigibert war ein Geizkragen und hat sich nur schlechte Weine gekauft. Bei diesen billigen Weinen, das weißt du doch, werden die Fässer nicht mit Harz, sondern mit Pech abgedichtet. Dadurch ist er blind geworden."

Otto riet mir, das nächste Mal nach der Mahlzeit und vor dem Weggehen "Arcanum" zu essen. Es handelt sich hierbei um einen Salat aus rohen Kohlblättern mit Salz, Essig und Öl zubereitet. Angeblich soll man durch ihn, auch bei maßlosem Trinken, keinen Rauschzustand bekommen.

Von Wolfgang bekam ich den Tip, wie man die Bier- oder Weinfahne verheimlichen könnte. Man esse die Wurzel des Märzveilchens!

Abb. 30: Der heilige Joseph trägt eine im Spätmittelalter häufig verwendete Lampe

Magdalena erklärte mir schließlich noch, wie ich mir das "Saufen" abgewöhnen könnte: "Kurt, du mußt drei oder vier lebende Aale in eine Kanne mit gutem Wein legen, und zwar so lange bis sie darin ertrunken und gestorben sind. Dann seihe das ganze durch ein Leinentuch und trinke es!"

Dabei habe ich nicht vor, meine Weinfahne zu verheimlichen, noch mir das Weintrinken abzuwöhnen, noch irgendwann einen zweiten derartigen Rausch mir anzutrinken. Ich habe nur schreckliche Kopfschmerzen!

Mal sehen, ob ich noch einiges vom gestrigen Tag zusammenbekomme.

Um kurz nach 18 Uhr begaben Herr von Münzenberg und ich uns zur Ratsstube. Er wollte mich seinen Freunden vorführen, die jeden Freitag dort zu finden wären. Es war schon stockdunkel, und wir mußten mit einer leuchtenden Laterne (Abb. 30) herumlaufen. Nur Diebe würden keine tragen! (und daran wären sie auch zu erkennen!) Die Straßen waren fast leer. Nur Hunde trieben sich rudelweise in den Gassen herum. Ein Nachtwächter, mit Lanze, Horn und Leuchte ausgestattet, lief seine Runden ab und blies alle 15 Minuten in sein Horn.

Die Ratsstube war total voll. Nur mit Mühe fanden wir noch zwei kleine Hocker und einen Holztisch. Zu essen konnte man hier nichts bestellen, nur zu trinken. Auf einem Brett wurden uns zwei Krüge gebracht, die wir selbst mit Wein aus den Fässern füllen mußten. Herr von Münzenberg erledigte das auch sogleich. Ich wollte unseren Gastgeber nicht wieder kränken und trank, obwohl ich nicht die geringste Lust zum Trinken verspürte, kräftig auf sein Wohl. Und trank und trank! Die Leute um mich herum, die Crème de la Crème der Stadt, war am Fluchen, Rülpsen und Furzen! Ich fühlte mich wirklich nicht wie im Kreise feiner Herren! Einige spielten Schach, Dame, Trictrac (Abb. 31) oder zockten mit Karten oder Würfeln.

Abb. 31: Ein beliebtes Brettspiel im Mittelalter war Trictrac, das besonders gern von Kaiser Otto I. (+ 973) gespielt wurde. Neben dem Brett brauchte man für dieses Spiel weiße und schwarze Steinchen und Würfel, die aus Elfenbein oder aus gedübelten Röhrenknochen gefertigt wurden. Anders als bei unseren heutigen Würfeln standen sich die 1 und die 2, die 3 und die 4, die 5 und die 6 gegenüber. Außerdem setzte man die 1 mit Gott, die 2 mit Himmel und Erde, die 3 mit der Dreieinigkeit, die 4 mit den vier Evangelien, die 5 mit den fünf Sinnen und die 6 mit den sechs Fastenwochen gleich.

Das Würfelspiel am Tisch gegenüber wurde laut Herrn von Münzenberg aus gedübelten Röhrenknochen hergestellt. Ich spielte drei Runden mit. Interessant war nur, daß sich anders als bei unseren Würfeln die 1 und 2, die 3 und 4, die 5 und 6 gegenüberstanden! Ich gab die Würfel weiter an Herrn von Münzenberg und wandte mich dem Nachbartisch zu.

"Dieses faule Pack von Franziskanern! Die sollen endlich einmal in ihrem Leben arbeiten. Diese Speichellecker und Heuchler! Predigen andauernd die Abstinenz und füllen sich ihre Wänste voll mit den auserlesensten Speisen!"

Von seinem rechten Partner wurde der Redner vollends unterstützt: "Ja, nur Weiber und Fressen haben sie im Kopf! Sie sollten sich doch wie die Apostel mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt besorgen."

"Ja", fügte ein dritte hinzu, "auch die faulen Dominikaner können nur über alles und jeden meckern, aber wehe man übt Kritik an ihnen! Die wollen uns mit ihrer Hölle doch nur Angst machen, um eines Tages unsere Schätze zu erben! Warum bleiben sie nicht weltlich, wenn sie nicht fromm und enthaltsam sein können! Diese Topfgucker und Tellerlecker! Sie schämen sich nicht, ihr strotzendes Fett zur Schau zu tragen, ihre geröteten Gesichter und die Üppigkeit der Kleider!"

Die Unterhaltung begann mich zu interessieren. Einer von den drei Gesprächspartnern forderte sogar die Abschaffung der Ohrenbeichte und meinte, er könnte auch ohne Priester, Mönch oder Papst mit Gott kommunizieren. Echt ketzerische Gedanken! Und dann berichteten sie von einem Kaufmann namens Felix Fabri, der vor einem halben Jahr einen Mönchen im Bett seiner Frau erschlagen hätte.

"Ja, weißte, was mit so einem Geistlichen geschieht? Der wird noch befördert!"

"Ich werde nie vergessen, was ich vor 28 Jahren in Augsburg sah. Es war an einem Samstag im Monat März des Jahres 1409, da wurden vier Priester wegen Sodomie in einen Käfig am Perlachturm gesteckt. Die Brüder lebten noch am folgenden Freitag, aber dann waren sie endlich verhungert", unterbrach die Runde ein neu hinzutretender Kaufmann, der sich einen Hocker und einen vollen Krug gleich mitgebracht hatte.

Herr von Münzenberg setzte sich nun ebenfalls an den Tisch dieser mittlerweile vier Herren, die er sehr gut zu kennen schien, stellte mich kurz vor und gab seiner Wut über die falschen Brüder ebenfalls freien Lauf.

Das ganze endete damit, daß Herr von Münzenberg und sein Freund, Hannsen von Bobenhausen, der noch später zu uns stieß, mit zwei "geilen" Geschichten dem Abend die Krönung gaben. Herr von Münzenbergs Geschichte handelte von einem einfältigen, etwa 14 Jahre alten Mädchen mit dem Namen Alibech, das sich vorgenommen hatte, Gott vollständig zu dienen. Deshalb begab es sich in die Wüste Thebais. Dort angekommen, begegneten ihm nacheinander zwei Einsiedler, die es bat, ihm den richtigen Weg zu Gott zu zeigen. Diese aber hatten Angst, durch das junge Mädchen in Versuchung zu geraten und wiesen es ab. Schließlich aber fand sich ein dritter Einsiedler, der junge Rustico, bereit, es aufzunehmen, und wie es ihm mit Alibech erging, möchte ich den Autoren dieser Geschichte, Giovanni di Boccaccio, selbst erzählen lassen:

'Er (Rustico) aber, der seine Standhaftigkeit auf eine harte Probe stellen wollte, schickte sie nicht so wie die andern weg, sondern behielt sie in seiner Klause; und als es Nacht geworden war, machte er ihr aus Palmblättern ein Bettchen und hieß sie sich dort niederlegen. Und als das getan war, säumten die Versuchungen nicht lange, seinen Kräften eine Schlacht zu liefern; die ließen ihn aber bald im Stich, und so kehrte er dem Gegner, ohne viel bestürmt worden zu sein, den Rücken und gab sich überwunden. Und indem er die heiligen Gedanken und die Gebete und die Geißelungen fahren ließ, begann er sich die Jugend und die Schönheit des Mädchens ins Gedächtnis zu rufen und überdies zu sinnen, was für Mittel und Wege er mit ihr einhalten solle, damit sie nicht innewerde, daß er das, was er von ihr ersehnte, nur als unkeuscher Mensch erlangen konnte. Er horchte sie also vorerst mit einigen Fragen aus und erkannte so, daß sie noch keinen Mann erkannt hatte und so unschuldig war, wie sie aussah; darum gedachte er sie unter dem Scheine des Gottesdienstes zu seinem Willen zu bringen. Und zuerst legte er ihr mit vielen Worten dar, was für ein Widersacher des Herrgotts der Teufel sei; und dann brachte er ihr bei, daß der Gottesdienst, der Gott am wohlgefälligsten sei, darin bestehe, den Teufel in die Hölle heimzuschicken, worein ihn der Herrgott verdammt habe. Das Mädchen fragte ihn, wie man das mache, und Rustico sagte zu ihr: "Du sollst es alsbald erfahren und darum tu das, was du mich tun siehst", und damit begann er sich der wenigen Kleider, die er am Leibe hatte, zu entledigen, bis er splitternackt dastand, und ebenso tat das Mädchen, und dann kniete er nieder, wie wenn er hätte beten wollen, und sie mußte ihm gegenüber niederknien. Und da seine Begierden bei dieser Stellung, als er sie so schön sah, immer brünstiger wurden, so kam die Auferstehung des Fleisches; Alibech sah es und fragte erstaunt: "Was ist das, Rustico, was ich da bei dir sehe, was sich so hervordrängt und was ich nicht habe?" - "Ach, meine Tochter", sagte Rustico, "das ist der Teufel, von dem ich dir gesprochen habe; und siehst du, gerade jetzt plagt er mich mit gar arger Pein, so daß ich es kaum aushalten kann." Nun sagte das Mädchen: "Gottlob, daß ich da besser daran bin als du, weil ich diesen Teufel nicht habe." Rustico sagte: "Du sagst die Wahrheit, aber du hast dafür etwas anderes, was ich nicht habe." Alibech sagte: "Was denn?" Und Rustico sagte: "Die Hölle. Und ich sage dir, ich glaube, daß dich mir Gott um meines Seelenheils willen gesandt hat; denn wenn du jedesmal, wann mich der Teufel da quält, Mitleid mit mir hättest und es dulden wolltest, daß ich ihn in die Hölle heimschickte, so würdest du nicht nur mir einen großen Trost verschaffen, sondern auch Gott auf eine ihm sonderlich wohlfällige Art dienen, was ja, wie du gesagt hast, die Absicht war, die dich hergeführt hat." Treuherzig antwortete das Mädchen: "Da ich denn die Hölle habe, Vater, so mag es geschehen, wann es Euch beliebt." Nun sagte Rustico: "Gebenedeit seist du, meine Tochter; gehn wir also und schicken wir ihn heim, auf daß er mich dann in Ruhe lasse." Und nach dieser Rede führte er sie zu einem von ihren Bettchen und zeigte ihr, wie sie sich verhalten müsse, um diesen Gottvermaledeiten einzukerkern. Alibech, die noch nie einen Teufel in die Hölle heimgeschickt hatte, fühlte beim ersten Male ein wenig Schmerz, und so sagte sie zu Rustico: "Wahrhaftig, Vater, ein Unhold muß dieser Teufel sein und ein wirklicher Widersacher Gottes; tut er doch, von anderm zu schweigen, aber sogar der Hölle weh, wenn er heimgeschickt wird." Und Rustico sagte: "Meine Tochter, das wird nicht immer so sein." Und um es zu bewirken, daß es nicht immer so sei, schickten sie ihn, bevor sie von dem Bettchen aufstanden, wohl noch sechsmal heim, so daß sie ihm für diesmal die Hoffart aus dem Haupte brachten und er willig Ruhe gab.'

Das Ende der Geschichte sah so aus, daß Alibech von dieser Art Gottesdienst nicht genug bekommen konnte und der total überforderte Rustico das junge Mädchen wieder wegschicken mußte.

Hannsen von Bobenhausen wußte auch noch eine andere Geschichte von di Boccaccio zu erzählen:
"Vor ein paar Jahren war in Barletta ein Priester, Don Gianni di Barolo genannt, der, weil er eine arme Pfaffe hatte, um seinen Unterhalt zu beschaffen, anfing, mit einer beladenen Stute hier und dort die apulischen Märkte zu besuchen und Waren zu kaufen und zu verkaufen. Dabei kam er in vertrauten Umgang mit einem, der sich Pietro da Tresanti nannte und dasselbe Gewerbe mit einem Esel betrieb, und diesen Pietro nannte er zum Zeichen seiner Gewogenheit und Freundschaft nach apulischer Sitte nicht anders als Gevatter Pietro; und so oft der nach Barletta kam, führte er ihn in sein Pfarrhaus und beherbergte ihn dort und erwies ihm alle möglichen Aufmerksamkeiten. Gevatter Pietro wieder, der ein armer Mann war und in Tresanti nur ein so kleines Häuschen hatte, daß es kaum für ihn und sein hübsches junges Weib und seinen Esel genügte, führte Don Gianni jedesmal, wenn der in Tresanti war, in sein Häuschen und bezeigte sich gegen ihn so aufmerksam, wie er nur konnte, zur Vergeltung der Aufmerksamkeiten, die ihm in Barletta zuteil wurden. Was aber die Beherbergung betraf, so konnte ihm Gevatter Pietro, der nur ein kleines Bett hatte, wo er mit seinem hübschen Weibe schlief, nicht so viel Ehre erweisen, wie er gewollt hätte, sondern Don Gianni mußte, nachdem er seine Stute in einem Ställchen neben dem Esel eingestellt hatte, mit ein wenig Stroh neben ihr vorlieb nehmen. Die Frau, die wußte, was für Aufmerksamkeiten der Priester ihrem Manne in Barletta erwies, hatte mehrere Male, wenn der Priester gekommen war, zu einer Nachbarin, die Zita Garapresa di Giudice Leo hieß, schlafen gehn wollen, damit er bei ihrem Manne im Bett schlafen könne, und hatte das dem Priester zu often Malen gesagt, aber er hatte das nie annehmen wollen; und als sie es ihm wieder einmal anbot, sagte er: "Gevatterin Gemmata, mach dir meinethalben keine Sorgen, denn mir geht's sehr gut; wenn es mir beliebt, verwandle ich meine Stute in ein hübsches Mägdlein und unterhalte mich mit ihr, und wann ich dann will, verwandle ich sie wieder in die Stute, und darum trenne ich mich nicht von ihr." Die junge Frau verwunderte sich und glaubte es, und sagte es ihrem Manne und fügte bei: "Wenn er dir wirklich so freund ist, wie du sagst, warum läßt du dich nicht diese Beschwörung lehren? Da könntest du eine Stute aus mir machen und dein Geschäft mit dem Esel und mit der Stute betreiben, und wir würden noch einmal so viel einnehmen, und wann wir dann nach Hause kämen, könntest du mich wieder zu einem Weibe machen, wie ich bin." Gevatter Pietro, der eher ein Dummkopf war als etwas andres, glaubte alles und ging auf ihren Vorschlag ein und drang nun, so gut er es nur verstand, in Don Gianni, er solle ihn das lehren. Don Gianni gab sich alle Mühe, ihm diese Dummheit auszureden; da es ihm aber nicht gelang, sagte er endlich: "Weil ihr's denn durchaus wollt, so werden wir morgen, so wie wir es im Brauche haben, vor Tag aufstehn, und ich werde es euch zeigen, wie es gemacht wird. Das Schwierigste dabei aber ist wahrhaftig, den Schwanz anzusetzen, wie du sehn wirst." Gevatter Pietro und Gevatterin Gemmata, die vor lauter Ungeduld kaum ein Auge zugemacht hatten, standen, als es Tag werden wollte, auf und riefen Don Gianni, und der kam im Hemde, wie er aufgestanden war, in die Kammer Gevatter Pietros und sagte: "Auf der ganzen Welt weiß ich niemand sonst, dem ich das täte, als euch, und darum, weil ihr's denn durchaus wollt, werde ich es tun; aber dabei müßt ihr wahrlich alles tun, was ich euch sage, wenn ihr wollt, daß es einen Erfolg habe." Sie sagten, sie würden alles tun, was er sage. Don Gianni nahm also ein Licht, gab es Gevatter Pietro in die Hand und sagte: "Gib gut acht, wie ich es mache, und behalte genau im Gedächtnis, was ich sage, und hüte dich, wenn du nicht alles verderben willst, ein einziges Wörtlein zu sprechen, was du auch hörst und siehst, und bete zu Gott, daß sich der Schwanz leicht ansetzen lasse." Gevatter Pietro nahm das Licht und sagte, er werde es schon gut machen. Nun ließ Don Gianni die Gevatterin Gemmata sich splitternackt ausziehn und sich auf Händen und Füßen hinstellen, wie die Stuten stehn, indem er sie gleicherweise unterwies, kein Wort zu reden, was auch geschehe; und dann begann er ihr mit den Händen über das Gesicht und den Kopf zu streichen und zu sagen: "Das sei ein schöner Stutenkopf", und über die Haare streichend: "Das sei eine schöne Stutenmähne", und über die Arme: "Das seien schöne Stutenbeine und Stutenfüße", und als er dann über die Brust strich und sie fest und rund fand, erwachte einer, den niemand gerufen hatte, und stand auf, aber er sagte: "Das sei eine schöne Stutenbrust", und so machte er's mit dem Rücken und dem Bauche und dem Kreuze und den Lenden und den Beinen. Und zuletzt, als ihm nichts mehr sonst zu machen übrigblieb als der Schwanz, hob er das Hemd und nahm den Nagel, womit er die Menschen pflanzte, und führte ihn hurtig in die Furche, die dazu bestimmt ist, und sagte: "Das sei ein schöner Stutenschwanz." Gevatter Pietro, der bis jetzt alles aufmerksam beobachtet hatte, sagte, als er diesen Abschluß sah, der ihm nicht wohl gefiel: "Don Gianni, ich will keinen Schwanz, ich will keinen Schwanz!" Schon war jedoch der Wurzelsaft, der alle Keime wachsen läßt, gekommen, als ihn Don Gianni herauszog und sagte: "O weh, Gevatter Pietro, was hast du gemacht? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst kein Wort sprechen, was immer du siehst? Die Stute war schon fast fertig, und du mit deinem Schwatzen hast alles verdorben, und für heute ist keine Möglichkeit mehr, es wieder instand zu bringen." Gevatter Pietro sagte: "Meinetwegen, ich habe den Schwanz nicht haben wollen; warum habt Ihr nicht zu mir gesagt: Mach du ihn? Und dann habt Ihr ihn auch zu tief angesetzt." Don Gianni sagte: "Weil du ihn das erste Mal nicht so gut hättest ansetzen können wie ich." Als die junge Frau diese Reden hörte, stand sie auf und sagte treuherzig zu ihrem Manne: "Du Schafskopf, der du bist! Warum hast du denn dir und mir den Handel verdorben? Hast du schon je eine Stute ohne Schwanz gesehn? So wahr mir Gott helfe, du bist ja arm, aber dir geschähe ganz recht, wenn du noch viel ärmer wärest." Da nun wegen der Worte, die Gevatter Pietro gesprochen hatte, keine Möglichkeit mehr war, die Frau in eine Stute zu verwandeln, kleidete sie sich bekümmert und mißmutig wieder an, und Gevatter Pietro machte sich daran, sein Gewerbe in der gewohnten Weise mit einem Esel zu betreiben und ging mit Don Gianni auf den Markt von Bitonto; und diesen Dienst verlangte er nimmer wieder von ihm."

Mittlerweile hatten sich in der Ratsstube alle um die Erzähler gesammelt, und es wurde gelacht, gescherzt, geblödelt und getrunken ohne Ende. Ich habe keine Ahnung, wann und wie ich nach Hause kam. Unser Gastgeber und sein Freund sollen mich im wahrsten Sinne des Wortes "abgeschleppt" haben. Maria bringt mir gerade einen neuen nassen Umschlag, und diese Gelegenheit benutze ich, mit dem Berichten aufzuhören.

Kurt