Eintrag 19
Heinkes Aufzeichnung, geschrieben am 19.12.1437
Claudia war gerade da. Sie hat als letzte von uns mitbekommen, daß das Ungeziefer auch das Blut von "Zukünftlern" nicht verschmäht. Sie war außer sich! Besonders um ihre schönen langen Haare tut es mir leid! Ich habe schon vor drei Tagen meine Haare etwas kürzer schneiden lassen. So kann ich sie besser pflegen. Hier gibt es ja sowieso niemanden, dem ich gefallen möchte. Und tagsüber laufe ich wie alle Frauen in meiner Umgebung mit einer Haube herum. Hoffentlich beruhigt sich Claudia bald wieder!
Heute morgen mußte ich schon um kurz vor 6 Uhr das heimliche Gemach aufsuchen. Als ich zurück ins Bett wollte, sah ich Otto mit unserem schwarzen Pferd vor dem Stall stehen. Er streichelte es und schlug ein paar Kreuze über den Rappen. Neugierig fragte ich, was denn passiert wäre.
"Unser bestes Pferd nimmt fürchterlich an Gewicht ab. Das liegt nur an den vielen Würmern in seinem Inneren. Jetzt werde ich drei Tage lang, jeden Morgen vor dem Sonnenaufgang, den lieben Gott, seinen Sohn und den heiligen Geist um Hilfe bitten", bekam ich zu hören.
Und ohne sich von mir weiter stören zu lassen, murmelte er folgendes vor sich hin:
"Im Namen des Vaters (er schlug das Kreuz über seine Brust) und des Sohnes (erneutes Kreuz!) und des heiligen Geistes (Kreuz!). Ich beschwöre dich Wurm bei Gott dem Vater (Kreuz!) und dem Sohne (Kreuz!) und dem heiligen Geiste (Kreuz!), daß du weder Fleisch, Blut oder Bein dieses Pferdes essest, verzehrest oder aussaugst, sondern werdest so geduldig, wie der heilige Hiob gewesen ist, so gütig, wie der heilige Johannes der Täufer war, als er den Herrn im Jordan taufete, im Namen des Vaters (Kreuz!) und des Sohnes (Kreuz!) und des heiligen Geistes (Kreuz!)."
Danach sprach er dem Pferd noch drei Vaterunser und drei Ave Maria ins rechte Ohr und brachte es schließlich zurück in den Stall. Ob das hilft?
Ich beschloß, wieder ins Bett zu kriechen. Leider waren mittlerweile jedoch alle am Aufstehen! Mist!
Nun ist es schon wieder Abend. Ich hatte mir heute vorgenommen, Magdalena und Melchior über die Schule auszufragen. Magdalena erzählte mir, daß es in ihrer Stadt drei verschiedene Schultypen geben würde, bei deren Besuch man Schulgeld zu entrichten hätte. Da sind zuerst einmal die "geistlichen" Schulen, z.B. die Domschule, die zur Ausbildung des Priesternachwuchses dient, und in der die "Sieben freien Künste" und die Glaubenslehre den Kernunterricht bilden. Für die Mädchen bietet sich in diesem Fall die Schule der Franziskannerinnen an. Herr von Münzenberg wollte Magdalena aber nicht in diese Schule schicken, weil die Nonnen "ihm zu blöd" wären. Keine von ihnen wäre des Lateinischen mächtig, und das Credo, Ave Maria und Pater noster würden sie ihre Schülerinnen nur "mechanisch nachplappern" lassen. Nur Spinnen, Handarbeiten, Singen und gutes Benehmen zu beherrschen, wäre laut unseres Gastgebers für eine zukünftige Kaufmannsfrau zu wenig!
Als zweite Alternative bietet sich die Lateinschule an, die aber leider nur für Jungen zugänglich ist. Hier wird ausschließlich in Latein gesprochen. Selbst im Privatbereich sind die Schüler unter Strafandrohung gezwungen, ihre Gespräche in Latein zu halten. Diese Lateinschulen unterstehen dem Rat, der für die Schule, ihre Baulichkeit, ihr Lehrpersonal und ihren Lehrbetrieb sorgt. Die Lehrer sind niedrige Geistliche oder Laien, die auf ihre Kenntnisse hin überhaupt nicht geprüft werden. Magdalena berichtete mir von einem Lehrer, den ihr Vater aus solch einer Schule hinausgeworfen hätte, weil er nicht einmal des Schreibens kundig war.
Als dritte Schulform gibt es seit einigen Jahren hier zwei private Schreib- und Rechenschulen, eine für Jungen und eine für Mädchen. Auf diese Schulen sind Magdalena und Melchior geschickt worden. Die Schreib- und Rechenschulen unterstehen wie die Lateinschulen dem Rat. Magdalenas sechsjährige Ausbildung begann mit der Erlernung des Alphabets, dann folgte die Unterweisung in Lesen (Schwerpunkt: religiöse Texte) und Schreiben, und schließlich erhielt sie noch etwas Mathematikunterricht. Ein Studium für Mädchen kommt für Herrn von Münzenberg, selbst wenn das jemals möglich sein sollte, nicht in Frage. Die Mitgift sei schon "geldverschlingend" genug!
Melchior besucht ebenfalls eine private Schreib- und Rechenschule. Mit sechs Jahren wurde er eingeschult. Die erste Zeit über wurde er, wie er mir berichtete, mit Backwerk wie Brezeln, Zuckerwerk, Feigen, Rosinen und Mandeln in die Schule geschickt, damit er sich leichter an das Neue gewöhnen würde. Seine Unterrichtsfächer sind Latein, Kirchengesang, Lesen, Schreiben, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie und Arithmetik. Der Unterricht dauert je nach den Lichtverhältnissen bis zu 12 Stunden. Im Sommer z.B. beginnt die Schule um 5 Uhr morgens und endet um 5 Uhr abends. Es gibt einen Lehrer und zwei Helfer für 17 Kinder, die, in vier Gruppen geteilt, in einem Raum unterrichtet werden. Ein Wechsel von einer Gruppe zu einer anderen kann je nach den Lernerfolgen alle Vierteljahre stattfinden. Schüler wie Lehrer haben nicht nur regelmäßig in der Schule zu erscheinen, sondern müssen auch an Gottesdiensten und Leichenbegängnissen teilnehmen.
Als ich Melchior über die Schule ausfragte, saß er gerade in der Stube am Tisch und erledigte einige Hausaufgaben auf dem Schreibpult vom Vater. Zwei Elfenbeingriffel, ein Tintenfaß, einige Rechenpfennige, ein Abacus und fünf Wachstafeln lagen um ihn herum.
Die Wachstafeln bestanden aus Holz, das in der Mitte ausgehöhlt worden war. In diese Vertiefungen wurde Wachs gegossen. Geht Melchior morgens in die Schule, werden alle fünf Tafeln durch eine Schnur zu einer kleinen Mappe zusammengefügt und am Gürtel befestigt. Auf diesen Wachstafeln kann man schreiben, und falls der "alte" Text nicht mehr benötigt wird, die Fläche wieder glattstreichen und neu beschreiben.
Melchior erzählte mir, daß sie in der Schule nur Bänke und keine Tische zur Verfügung hätten. Wenn sie mit den Rechenpfennigen arbeiten würden, müßten sie sich auf den Boden setzen. Der Lehrer säße dagegen auf einem erhöhten Platz mit Pult. Schließlich schilderte mir Melchior, wie sein Lehrer die Kinder zu strafen pflegt. Normalerweise schlägt er entweder mit seiner Rute ausgiebig zu oder läßt die betroffenen Kinder stundenlang auf Erbsen knien, am Schulpranger stehen oder schwere Latten tragen. Letztens mußten einige Kinder sogar schmutziges Spülwasser trinken und aus dem Hundetrog essen. Diese sadistischen Lehrer! Ein Segen, wir haben diesen Paukern in unserer Zeit das Recht zum Schlagen genommen!
Melchior war gerade mit seinen Rechenaufgaben beschäftigt. Ich warf einen Blick in sein Rechenschulbuch, das sogar in Deutsch geschrieben war. Eine Aufgabe fragte, wie groß die Kosten für sieben Florentiner Händler wären, nachdem sie sich in Genua eine bestimmte Menge Wolle und in Pisa eine bestimmte Anzahl Tuche gekauft hätten. Die unterschiedlichen Münzen, Gewichte und Maße sollten dabei berücksichtigt werden.
Nach Erledigung seiner Schulaufgaben zeigte Melchior mir noch, wie man mit dem Abacus rechnet.
Als ich ins Bett ging, saß Stina van Wave, die sich schon am frühen Morgen ins Arbeitszimmer ihres Mannes begeben hatte, immer noch im besagten Zimmer und erledigte Geschäftspost. Was für eine ungewöhnliche Frau!
Heinke

