Eintrag 18
Holgers Notizen vom 19.12.1437
Heute war ein anstrengender Tag! Schon früh am Morgen wurden Martin und Henning mit einem vierrädrigen Wagen und einem Pferd zum Holzsammeln in den Wald vor die Stadt geschickt. Ich habe die beiden begleitet.
Es war eine schreckliche Fahrt! Es war eisig kalt, und bei diesem unbequemen und ungefederten Wagen spürte man jedes kleine Schlagloch. Die Straße zum Wald, wenn man überhaupt das Wort "Straße" in den Mund nehmen darf, soll angeblich so breit sein, daß zwei Heuwagen aneinander vorbeifahren und die dazugehörigen Leute noch nebenher gehen können. Pustekuchen! Da paßte gerade unser Wagen durch!
Und wegen des Schnees kamen wir nur langsam voran! Henning behauptete, daß zwei Pferde den Wagen pro Tag ungefähr 20 - 30 Meilen ziehen könnten. Na, vielleicht bei gutem Wetter!
Anfänglich hatten wir viel Gegenverkehr, aber als wir durch ein größeres Waldgebiet fuhren, wurde es einsam und menschenleer. Auf der ganzen Fahrt gab es nicht einen Telegraphenmasten oder die bei uns üblichen Telefon- und Starkstromleitungen oder Industrieanlagen zu sehen. Da war außer Wiesen und Wald und viel Schnee nichts! Wir hielten dann irgendwann, um dürre, herabgefallene Äste zu sammeln. Eigens eingesetzte Forstknechte, hieß es, würden kontrollieren, daß niemand langes Holz hauen würde, wo ihm kürzeres wohl täte. Und so suchten wir den Waldboden ab. Tatsächlich sahen wir auch einen Holzhüter, den wir aber, weil er ja "unehrlich" ist, links liegen ließen. Martin erzählte mir, daß die Holzhüter auch die Waldheide und den Waldhonig beaufsichtigen würden.
Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bis wir den Wagen einigermaßen mit Eichen-, Buchen-, Eschen-, Birken-, Ulmen- und Kieferästchen gefüllt hatten. Ich bin total geschafft!
Aber nun haben wir wieder genug Heizungsmaterial. Gestern war ein Köhler bei Barbara. Er transportierte auf einem langen hohen Wagen, an dessen Ende ein kippbarer Korb aus dichtem Weidengeflecht angebracht war, die kostbare Holzkohle. Dieser Korb stellt die Maßeinheit beim Verkauf dar. Barbara verlangte sieben Körbe. Laut der Aussage des Köhlers muß für eine einzige Köhlerei ein ganzer Wald im Umkreis von einem Kilometer innerhalb von 40 Tagen kahlgeschlagen werden.
P.S.: Das Feuer zündet man hier noch auf primitive Weise mit Hilfe von Steinen und Stahl an!
P.S.2: Geht nie ohne ein Blashorn in den Wald! Wenn man nicht ständig sein Kommen durch Lärm ankündigt, kann man "bußlos" erschlagen werden, weil man seine Friedfertigkeit nicht rechtzeitig verkündet hat!
Holger

