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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 14

Holgers Bericht, geschrieben am 10.12.1437

Abb. 26: Ein fahrbarer Backofen

Heute hat mir meine kleine Freundin Anna die Stadt gezeigt. Und dabei habe ich eine Menge Neuigkeiten erfahren, aber auch viel Elend und Hilflosigkeit gesehen.

Als wir heute morgen das Haus verließen, war es draußen eisig kalt und windig. Die großen Ladenschilder an den Häusern klapperten synchron mit unseren Zähnen. Barbara gab mir noch einen dicken Wollmantel ihres Mannes mit auf dem Wege, damit ich bloß nicht krank werde.

Trotz dieses miesen Wetters waren die Gassen gefüllt mit Menschen. Heute war nämlich Markttag! Uns kam schon beim Verlassen des Hauses ein Straßenverkäufer, der lautstark sein noch heißes Brot anbot, entgegen. Sein stures Maultier trieb er durch kräftige Tritte in dessen Weichteile an. Hinter dem Tier war eine leiterartige Karre zu sehen, auf der ein Backofen stand. Ein fahrbarer Backofen (Abb. 26) – das habe ich noch nie bei uns gesehen!

Anna erklärte mir, daß diese fahrenden Bäcker von auswärts kämen und sehr viel billigeres Brot zum Verkauf anbieten würden als die städtischen Bäcker. Obwohl ich erst vor knapp einer Stunde gefrühstückt hatte, verspürte ich schon wieder Hunger. Ich sehnte mich nach einem leckeren Brötchen! Diese morgendlichen Hirsebreie mag ich nämlich überhaupt nicht. So schlug ich Anna vor, ein warmes Brot zu kaufen, denn die Hoffnung, hier irgendwo Brötchen zu bekommen, hatte ich längst aufgegeben. Aber Anna schüttelte nur ihren Kopf und zog mich zu einem Laden fast am Ende der Gasse.

Und auf dem Weg dorthin klärte sie mich über die unterschiedlichen Bäcker hier in der Stadt auf. Es gibt "Uzbecker", die auf dem Lande leben und ihr Brot auf einem Wagen oder einer Karre in der Stadt verkaufen, und "Schlechtbecker", die einfaches Brot backen. Die "Zuckerbecker" stellen gezuckertes Backwerk her, und die "Feinbecker" oder "Weißbrotbecker" backen nur mit Weizenmehl und verkaufen Semmel (!) und Weißbrot. Und einen Weißbrotbäcker gab es wirklich in dieser Gasse. Anna und ich betraten durch die offene Tür den Laden. Eine rundliche, alte Frau fragte nach unseren Wünschen und holte aus einem der fünf riesigen Körbe vier Brötchen heraus. Durch eine weitere, offene Tür konnten wir zwei junge Männer beobachten, die an einem großen Trog Teig kneteten. Ein kleiner Junge schob einige Holzscheite in ein Loch unten am großen Ofen, während der Bäckermeister persönlich aus einem oberen Loch warme, dampfende Weißbrote herauszog.

Ich bezahlte den geforderten Betrag mit meinem neuen Geld, das ich bei einem Geldwechsler für die Rheinischen Gulden bekommen hatte, und verließ mit Anna zusammen den Laden und die Färbergasse.

Leider gibt es, nebenbei erwähnt, kein Brot bzw. Brötchen ohne Steinzusatz! Irgendwie haben die Bäcker bzw. Müller hier noch Schwierigkeiten, die Steinchen vom Mehl zu trennen. Hoffentlich halten das meine Zähne aus!

Wir liefen durch die Webergasse und landeten schließlich in der Gerbergasse. Uah, es stank hier bestialisch! Mein Magen sagte "umkehren!", aber meine Neugierde siegte schließlich! Ich stopfte mir den letzten Bissen in den Mund und schritt auf das erste offene Tor zu. Zwei Männer waren an einem großen Tisch zu sehen. Sie versuchten mit halbmondförmigen Messern die vor ihnen liegenden, verwesenden Häute zu entfleischen. Geschützt hatten sie sich durch lederne Handschuhe, eine lederne Kopfbedeckung und eine lederne Schürze. Ihre Gesichter sahen leichenhaft blaß aus! Kein Wunder, bei diesem Fäulnis- und Verwesungsgeruch!

Neben dem Tisch befanden sich zwei große Tröge, gefüllt mit ätzenden Laugen, in die ein kleiner Junge ohne Handschuhe rohe Häute eintauchte. Wenig später betrat der Meister den Hof. Er ging auf einen Wagen zu, auf dem neue, frische Häute gestapelt lagen. Die Lohgerber kaufen ihre Rohstoffe wie Rinder-, Kalbs- und Schweinehäute, Schaf- und Lammfelle selbst ein und verarbeiten sie zum Verkauf. Die Abfallkörbe neben dem Tisch waren mittlerweile bis zum Rand mit den abgeschabten, stinkenden Fleischfetzen gefüllt. Mir wurde übel! Ich packte Anna, um mit ihr so schnell möglich diesem Gestank zu entfliehen. Einer der jungen Männer folgte mir, um einen der Körbe mitten auf der Straße zu entleeren. Diese schon grünlich-bläulich-braune, hochgiftige Fleischmasse wurde sogleich von mehreren Hunden umringt.

Anna erzählte mir beim Weitergehen, daß die Gerber ihre stinkenden Abfälle auch in den Fluß kippen würden. Im letzten Jahr hätte das hier in der Stadt zu einem großen Fischsterben geführt.

Die nächsten Gassen waren geruchlich und auch sonst angenehmer. Wir sahen dort einen Becherer, der in seinem Laden hölzerne Becher herstellte; einen Faßbinder, der um die Dauben eines Fasses Eisenreifen legte; einen Barbier, der einem alten Mann die Haare schnitt; einen Wagner, der ein Rad anfertigte; einen Seiler, der aus dem Bast abgeschälter Baumrinden Seile drehte; einen Wollschläger, der seine gereinigte rohe Wolle durch Schlagen lockerte, und drei spezialisierte Schuhmacher, einen für Frauenschuhe, einen für Pantoffeln und einen für alte Schuhe zum Flicken.

Die verschiedenen Handwerkszweige scheinen sich in bestimmten Straßen zu konzentrieren. Nur die Bäcker kann man in jeder Gasse finden.

Schließlich landeten wir im Zentrum der Stadt. Das Menschengewühl wurde immer dichter. An einem Fischstand hing auf einer Wäscheleine getrockneter Fisch. Vorne auf einem Tisch hatte die Verkäuferin frische und gesalzene Teile zum Anschauen ausgelegt. Hinter ihr standen noch vier große Körbe, bis oben hin gefüllt mit Heringen. Ein Mann neben ihr teilte gerade einen großen Fisch in drei gleich große Portionen. Ein kleines Mädchen neben ihm goß derweil einen Eimer Fischwasser auf den schmalen Gehweg.

Auch vor einem Fleischstand blieben wir stehen. Auf einer Eisenstange waren, an Haken befestigt, Lunge, Magen, Pansen und Vorderschinken zu bewundern. Neben dem Fleischstand hatte sich ein Knocheneinrenker niedergelassen. Sein Opfer war ein junger Mann, der die Vorbeigehenden durch sein lautes Schreien zum Halten und Zuschauen zwang. Anna berichtete mir, daß diese Knocheneinrenker neben Knochenbrüchen auch Leistenbrüche und den grauen Star behandeln würden. Hoffentlich bleibe ich die restlichen 2 ½ Monate von solchen Leuten verschont!

Anna zog es auf dem Markt besonders zu einem Töpferstand, der neben der im Haushalt üblichen Gebrauchskeramik kleine Tonfigürchen anbot. Mit großen staunenden Augen blieb sie vor jeder einzelnen Figur stehen. Und schließlich verließen wir zu dritt mit Annas neu erworbenen Puppe Elisabeth den Markt.

Etwas vom Hauptmarkt entfernt, entdeckte ich noch einen Fleischstand. Nur hier außerhalb des regulären Marktes durfte laut Anna das Fleisch von Mutterschweinen und das Fleisch für die Juden verkauft werden.

Vorbei ging es an einer noch nicht fertig gestellten Kirche. Nur die Apsis war vorhanden, also der Chor mit dem Altar. Neugierig warf ich einen Blick ins Innere! Der Künstler oder sein Auftraggeber besaß einen makabren Geschmack! An der Decke war ein nackter Menschenkörper zu sehen, an dem in grauenerregender Genauigkeit der Verwesungsvorgang gezeigt wurde. Würmer zuckten in der Leiche, und aufgeblähte Kröten saßen auf den toten Augäpfeln. Die Gliedmaßen waren eigenartig verrenkt und der Leib bläulich-rot aufgedunsen.

Dann kreuzten einige Körperbehinderte und Blinde, die humpelnd, kriechend oder mit Stöcken versehen Richtung Markt schritten, unseren Weg. Sie alle waren trotz der Kälte nur leicht bekleidet. Der Wind hatte ein leichtes Spiel mit ihren grauen, ungefütterten Röcken.

Abb. 27: Bockförmige Krücken mit rundem Handgriff, mit denen gehunfähige Behinderte vorwärts robbten

Ein kleines Mädchen ohne Beine, blieb vor mir "stehen". Sie bat um eine milde Gabe. Ich holte zwei Taler aus meinem Beutel und legte sie in ihre kleinen Hände. Ihre strahlenden Augen beim Anblick meiner Spende sagten mehr als Worte. Mit bockförmigen Krücken (Abb. 27) in ihren Händen robbte sie sich dann langsam wie die anderen Behinderten weiter Richtung Markt.

Die Rufe der Kesselflicker, der Messerschleifer und der Lumpensammler füllten die nächsten Straßenzüge und verschwanden erst in der Schmiedgasse. Denn hier wurden sie übertönt vom Lärm der Schmieden. Durch ein offenes Tor konnte ich in die Werkstatt eines Meisters blicken. Mit seinem großen Hammer schlug er auf den in einen Baumstamm eingelassenen Amboß. Dieser Schmied mit der Figur von Arnold Schwarzenegger war mit Lederschuhen, Lederbeinlingen, Lederschurz und Lederwams bekleidet. Sein kurzes blondes Haar lag in kleinen Locken um seine Stirn. Er stellte gerade Eisenringe her. In seinem Hof konnte ich Räder und Wagen sehen, die repariert werden mußten. Die Wände in der Werkstatt waren mit verschieden großen Eisenringen behangen.

Abb. 28: Die einfacheren Häuser waren im Mittelalter wie dieses Doppelhaus aus unserer Zeit traufenständig

Anna und ich beschlossen nun, den Lärm hinter uns zu lassen und Richtung Stadtmauer zu marschieren. Die Häuser wurden von Gasse zu Gasse schäbiger. Schließlich gab es nur noch schmale, fünf- und sechsgeschossige Mietskasernen, die mit der Traufe (Abb.28) zur Straßenseite standen. Feine Häuser bevorzugen die Giebelseite!

Die Gassen waren hier noch schmaler als sonst und reichlich mit menschlichen Exkrementen und Abfällen aller Art gefüllt. Vorsichtig blickte ich nach oben. Es würde doch keiner wagen, jetzt seinen Nachttopf zu entleeren? Selbst die Kellerwohnungen sind laut Anna vermietet worden, hauptsächlich an unverheiratete Frauen.

Vor einem Brunnen standen Frauen und Kinder, um ihre Krüge mit Wasser zu füllen. Schöpfeimer aus Holz beförderten das kostbare Naß aus dem Backsteinbrunnen. Anna erklärte mir, daß es in ihrer Stadt 34 öffentliche Brunnen geben würde. Strikt verboten wäre es, hier seine Schuhe, Kleider, Tücher oder die Windeln der Kleinkinder zu waschen. Auch die Lebensmittel wie Gemüse, Kräuter usw. dürften hier nicht gesäubert werden.

"Schon gar nicht darf man hier sein krankes oder sogar räudiges Tier trinken lassen, Holger!" fügte sie sachkundig hinzu.

"Aber weißt du, erst vor kurzem hat man aus diesem Brunnen wieder eine tote Katze herausgezogen. Ich glaube, dieser Brunnen zieht die Katzen hier magisch an. Das ist in diesem Monat die fünfte!"

Plötzlich versperrten vier Antoniterschweine unseren Weg.

Maike hatte mir zu Hause von den Antoniterbrüdern erzählt, die den Menschen halfen, die am "Feuer des heiligen Antonius" litten.

Bei dieser Krankheit handelt es sich um eine Vergiftung durch Mutterkorn. Damals wurde dieser giftige Pilz mit seiner Wirtspflanze, dem Roggen, zu Brot verarbeitet. Die durch den Verzehr solchen Brotes verursachten Nerven- und Gefäßschädigungen führen zu schmerzhaften Krampfanfällen, Kontraktionen der Extremitäten, Lähmungen und Muskelschwund, Brandigwerden der Finger, Zehen und ganzer Gliedmaßen. In einigen sehr schweren Fällen werden die abfaulenden Körperteile durch eine Spontanamputation vom Körper selbst unter qualvollen Schmerzen abgestoßen.

Abb. 29: Die mittelalterlichen Juden waren leicht an ihren von den Christen vorgeschriebenen, charakteristischen Hüten zu erkennen

Unsere nächste interessante Station war das Judenviertel. Es befand sich am Stadtrande und war durch eine Mauer von den übrigen Vierteln abgetrennt worden. Vier Tore boten den Juden vom frühen Morgen bis zum Abend die Möglichkeit, ihren Stadtteil zu verlassen. Am Abend wurden die Tore dann von den Stadtboten bis zum nächsten Morgen geschlossen. Durch ihre von den Christen vorgeschriebenen zuckerhutförmigen, spitzen Hüte (Abb. 29) und gelben Abzeichen an ihren Gewändern waren die Juden schon von weitem zu erkennen.

Wie alle Christen der damaligen Zeit wußte auch Anna mir eine Horrorgeschichte über die Juden zu erzählen:
"Die unseligen bösen Juden nahmen den Knaben Werner (von Oberwesel) wahr und beratschlagten, wie sie es anstellen könnten, des Christen Blut habhaft zu werden. Sie nahmen ihn in ihre Dienste, wozu er alle Zeit schnell bereit war. Sie führten den jungen Knaben in einen Keller, wo er Erde ausheben sollte. Der heilige Karfreitag - als alle Kreatur darüber erschrak, daß Gott den bitteren Tod erlitt - dünkte den Juden der passende Termin für ihre Missetat, eben jene Zeit, zu der wir nach Gottes Gebot am nachdrücklichsten der Zeit seiner Pein mit Gebeten und Kirchgang gedenken sollen. Darum warteten sie nicht lange. Sie offenbarten ihren bitteren Grimm und brachten den Knaben zum Schweigen. Ein Klumpen wurde in seinen Mund gedrückt, um sein Schreien zu unterbinden. Einen Pfahl hatten sie da vorbereitet, an dem der Knabe die Marter erlitt. Seine Füße banden sie am oberen Ende fest. Sie schlugen ihm zahlreiche tiefe Wunden mit schneidenden Peitschenhieben... Sie quälten ihn grausam, indem sie ihm mit Zangen die Adern an Füßen, Händen, Hals und Kopf zusammenpreßten, so daß an ihm nichts heil blieb. Drei Tage hing er so, bis sein Blut völlig ausgelaufen war..."

Wir verließen das Judenviertel und begaben uns zum Mühlentor. Immer noch war der Andrang von Händlern, die zum Markt wollten, groß. Zwei Torwächter kontrollierten die Waren auf den heranrollenden Karren und zogen das Torgeld und die Marktgebühren ein.

Direkt neben uns unterhielten sich zwei Männer. Ob Ihr es glaubt oder nicht: Mitten beim Erzählen zog der eine sich die Hose herunter und erledigte sein großes Geschäft. Dabei unterhielten sie sich ungeniert weiter. Die Hose wurde schließlich wieder hochgezogen und dann schritten beide Richtung Zentrum.

Neben dem Tor war ein großer, mächtiger Turm errichtet worden, indem laut Anna die Gefangenen saßen. Der Freiheitsentzug spielt jedoch im Strafsystem nur eine untergeordnete Rolle. Die Verbrecher werden entweder körperlich gezüchtigt oder hingerichtet. Die Gefängnisse dienen vor allem zur Verwahrung von Gefangenen bis zu deren Prozeß oder deren Tötung. Wie das Leben in solchen lichtlosen, dumpffeuchten Gefängnissen aussah, schildert der calvinistische Prediger Anton Prätorius in seinem Buch "Von Zauberey und Zauberern":

'Wenn nun Gefangene vorhanden, hebet und schraubet man die Hölzer auf, die Gefangenen müssen auf ein Klotz, Steine oder Erden niedersitzen, die Beine in die untern, die Arme in die obern Löcher legen. Dann lässet man die Hölzer wieder fest auf einander gehen, verschraubt, keilt und verschließet sie auf das härtest, daß die Gefangen weder Bein noch Arme nothdürftig gebrauchen oder regen können. Das heißt, im Stock liegen oder sitzen...

Etliche machen ihnen noch dazu große, schwere Eisen an die Füße, daß sie die weder ausstrecken, noch an sich ziehen können. Etliche haben enge Löcher in den Mauren, darinn ein Mensch kaum sitzen, liegen oder stehen kann, darinn verschließen sie die Leute ohngebunden, mit eisern Thüren, daß sie sich nicht wenden oder umbkehren mögen... Nach dem nun der Ort ist, sitzen etliche gefangen in großer Kälte, daß ihnen auch die Fuß erfrieren und abfrieren, und sie hernach, wenn sie loskämen, ihr Lebtage Krüppel seyn müssen. Etliche liegen in stäter Finsternuß, daß sie der Sonnen Glanz nimmer sehen, wissen nicht, ob's Tag oder Nacht ist. Sie alle sind ihrer Gliedmaßen wenig oder gar nicht mächtig, haben immerwährende Unruhe, liegen im eigenen Mist und Gestank, viel unfläthiger und elender, denn das Viehe, werden übel gespeiset, können nicht ruhig schlafen, haben viel Bekümmernuß, schwere Gedanken, böse Träume, Schrecken und Anfechtung. Und weil sie Hände und Füße nicht zusammen bringen und wo nöthig hinlenken können, werden sie von Läusen und Mäusen, Steinhunden und Mardern übel geplaget, gebissen und gefressen.' (in: Gabriele Becker u.a., Aus der Zeit der Verzweiflung, Frankfurt a. Main 1977, S. 396/397)

Anna und ich stiegen schließlich eine Holztreppe zur Stadtmauer hoch. Oben gab es einen schmalen Gang, der um die ganze Stadt führte. Der Ausblick von hier war grandios! In der Ferne konnte ich an dem Fluß eine Walkmühle erkennen, in der die Stoffe verdichtet und verfilzt werden. Nur so erhält man, erklärte mir Anna, wasserundurchlässige Tuche. An die Außenmauer lehnten sich armselige Holzhütten, in denen, wie Claudia schon an unserem ersten Tag vermutete, Menschen leben. Also, Heinke, es sind keine Scheunen! Claudia hatte recht. Auch den Galgenplatz, der von einem Wall umgeben war, konnte von hier aus gesehen werden.

Anna machte mich noch auf das Lepra-Hospital aufmerksam, daß drei Kilometer entfernt von der Stadt an einer Wegkreuzung liegt.

Wir verließen die Mauer am nächsten Tor, dem Nordtor. Außen am Toreingang gibt es ein "Elendhaus". Laut Anna können hier erkrankte und hilfsbedürftige Fremde eine Unterkunft erhalten. Nicht weit vom Nordtor entfernt befindet sich innerhalb der Mauer das Antoniterhospital. In einem seiner Seitentrakte wurde vor kurzem ein Zimmer für Irre eingerichtet, berichtete mir meine kleine Stadtführerin. Und schließlich landeten wir im "Im süßen Winkel", dem Prostituiertenviertel. Die "käuflichen" Frauen waren durch ihre roten Kopftücher deutlich von den "ehrlichen" Frauen zu unterscheiden.

Die nächste Gasse, die Schlachtgasse, stank wieder bestialisch! Geronnenes Blut, Schweineohren und abgenagte Knochen lagen auf dem schmutzigen Schnee. Von Barbara erfuhr ich zu Hause noch, daß die Schlachtabfälle in der Nähe der Schöpfwerke in den Stadtfluß gekippt werden.

Auf dem Heimweg kam uns noch ein Lepröser entgegen, der mit seiner Klapper castagnettenartige Geräusche von sich gab und fortlaufend: "Gib, gebt, solang du lebst; wenn du nicht mehr lebst, kannst du nicht mehr geben, gib, gebt!" vor sich her brummelte.

Ich griff erneut in meinen Beutel und holte einige Münzstücke heraus. Der Leprakranke hielt mir seinen Bettelsack an einem langen Stab entgegen und bedankte sich für die Spende. Seine Kleidung bestand aus einem grauen faltenreichen Umhang und einem grauen breitkrempigen Hut. Unter diesem Hut trug er eine graue Kapuze, die nur das Gesicht freiließ. Am Gesicht des noch sehr jungen Mannes konnte ich keine Spur von der gefürchteten Lepra erkennen. Seine Hände waren durch Handschuhe und seine Füße mit Lederschuhen bedeckt.

Außer der Klapper besaß er noch eine Trinkflasche, die an einem Riemen befestigt um die Schulter hing, eine Brottasche und einen Stock. Mit einem Lied: "Aus der Tiefe her ruf ich, Herr, zu dir..." machte er sich davon.

Mit der Klapper hat er laut Anna dem Gesunden sein Kommen anzukündigen, die Trinkflasche benötigt er zum Trinken, denn er darf seinen Durst nicht an den Brunnen oder Bächen löschen. Mit dem Stock kann er auf Nahrung zeigen, denn ihm ist verboten, Menschen oder Waren zu berühren. Von Märkten, Kirchen, Wirtsstuben und anderen von Bettlern bevorzugten Plätzen ist er ausgeschlossen. Betteln darf er sowieso nur an festgelegten Tagen und an bestimmten Stellen der Stadt, z.B. hier!

Ich war froh, wieder in unserer Gasse zu sein. Das große Elend und die vielen unglücklichen Menschen haben mich traurig gemacht. Thomas, Annas siebenjähriger Freund und Nachbarjunge, humpelte uns entgegen. Sein Gesicht sah fürchterlich entstellt aus. Sein linkes Auge hatte ein "blaues Veilchen", und die Nase war geschwollen. Anna flüsterte mir zu, daß Thomas' Vater wohl wieder betrunken gewesen wäre. Dann würde er Thomas immer aufs Bett werfen, ihm ein Kissen aufs Gesicht drücken und losschlagen! Zuletzt bekäme er dann noch ein paar Ohrfeigen ins Gesicht! Armer Thomas, wie kann ich dir nur helfen? Ich fragte Anna, wo der nächste Zuckerbäcker wäre und forderte Thomas auf, mitzukommen. Mit Unmengen an süßem Gebäck versuchten wir die traurigen Momente an diesem Tag zum Vergessen zu bringen!

Holger