Eintrag 13
Kurts Bericht, geschrieben am 10.12.1437
Dieser Mittwoch heute war wirklich ein sehr interessanter Tag!
Damit es so wurde, wie ich es mir gewünscht hatte, mußte ich beim Aufstehen erst einmal ein paar Stoßgebete gen Himmel senden. Denn unserem Gastgeber durfte auf dem Weg zum Markt kein altes Weib oder jemand mit Wasser entgegenkommen. Sonst wäre der nämlich, so abergläubisch wie er ist, zurückgegangen, und ich hätte nichts vom bunten Marktleben mitbekommen.
Wie kann man nur so abergläubisch sein?! Die beliebtesten Sprüche unseres Gastgebers muß ich unbedingt verewigen:
"Wer zu Markte geht, der soll sich fürsehen, daß ihm nicht ein altes Weib oder jemand mit Wasser begegne, sonst drehe er lieber wieder um."
"Tritt man aus dem Hause und hat etwas vergessen, so kehre man gleich wieder um, denn man hat kein Glück. Bleibt jemand beim Ausgehen hängen, oder hat er etwas vergessen und muß umkehren, so stehe er ab von dem Geschäfte."
"Geld auf bloßer Erde gefunden bedeutet Unglück, während es glückbringend ist, es auf hölzerner Diele zu finden."
"Eine Nadel zu finden, bringt dem Finder Glück, wenn Knopf oder Öhr ihm zugewendet sind, Unglück bedeutet die Spitze."
"Das Knarren des Tisches, das Krachen der Balken, das Zerspringen der Gläser und des Reifens am Fasse sind Anzeichen drohenden Unglücks."
... ja, ja, und die herabfallende spiekende Schere kündigt Gäste an! Ich weiß, ich weiß!
Selbst die Wochentage haben für ihn fast alle eine Bedeutung:
Der Sonntag ist natürlich ein Glückstag.
Der Montag dagegen ist der Unglückstag in der Woche. Man soll an ihm keine Geschäfte beginnen, keinen Bau anfangen und Geschäfte halber nicht ausgehen.
Für Dienstag und Samstag hatte er keinen Spruch parat.
Aber der Mittwoch verspricht wieder mehr Glück.
Am Donnerstag "trägt kein Vogel zu Nest", was so viel heißen soll wie: Heirate bloß nicht an diesem Tag!
Freitags sollte man ein neues Hemd anziehen, um die Krätze zu heilen, und sich die Nägel schneiden! Damit du an diesem Tag Glück hast: Bade bloß nicht die Kinder!
So geht das den lieben langen Tag! Ich halte es nicht mehr aus!
Auf den Markttag freue ich mich schon seit unserer Ankunft. Ich konnte es heute morgen gar nicht erwarten, endlich den Treffpunkt für den Austausch von Waren, Nachrichten und Gerüchten kennenzulernen.Und voll war es! Der ganze Marktplatz war mit Marktbuden und Menschen gefüllt.
Oh, war das ein Gewühle und Gedränge! Leute mit Traggestellen auf dem Rücken, auf denen die unterschiedlichsten Lebensmittel befestigt waren, zwängten sich an einem vorbei. Das Brüllen und Grunzen des Viehs, das Grölen und Randalieren von zornig gewordenen Menschen, das Hämmern, Hobeln und Klopfen der Handwerker, das Schwatzen von Kunden und das Rufen der Verkäufer sorgten bei diesem Schauspiel für die richtige Geräuschkulisse.
Über dem Marktplatz flatterte derweil eine rote Fahne, die laut der Information meines Gastgebers signalisierte, daß jetzt zuerst einmal die Bürger ihren privaten Bedarf auf dem Markt decken durften, allerdings nur in Haushaltsmengen!
Wer mehr einkaufen wollte, weil z.B. ein Familienfest bevorstand, mußte sich beim Richter zuvor eine besondere Erlaubnis besorgen. Erst als um die Mittagszeit die Fahne eingezogen wurde, konnten die Gewerbetreibenden für ihren Betrieb einkaufen.
Auf Ständen, Tischen, in Krambuden und auf Verkaufsständen unter den Laubengängen der Kaufmannshäuser waren die Waren einzeln ausgelegt worden. Und immer noch strömten neue Händler und Verkäufer auf den Markt. Das Rattern der Wagen und das Stampfen der Pferde erhöhten den Lärmpegel.
"Speckkuchen! Frische, heiße Speckkuchen!" "Warme Schafsfüßchen! Warme Schafsfüßchen! Gönnen Sie ihrem Magen etwas Gutes!" "Holz zu verkaufen!" "Hört ihr Leut und laßt euch sagen, unsre Uhr hat drei geschlagen!"
Butterhändlerinnen, Essighändler, Händler mit fetten Gänsen, Fischhändler, Weißkrautverkäufer, Schweinehändler, Milchverkäufer, Salzverkäufer und Fleischverkäufer versuchten den vorbeidrängenden Kunden, ihre Waren als kulinarische Kostbarkeiten oder als "einzigartig" anzubieten!
"Hat die Stadt wirklich nur knapp 10 000 Einwohner? Mensch, ist das hier voll!" schrie ich Herrn von Münzenberg zu.
"Seit den letzten sieben Jahren wird die Zahl wohl nicht mehr stimmen! Viele Bauern haben sich wegen der langen kalten Winter und den regnerischen Sommern, die für die jährlichen Mißernten verantwortlich sind, illegal in die Stadt geflüchtet. Wir haben seit 1433 jedes Jahr mit einer großen Hungersnot zu kämpfen. Hoffentlich folgen auf diese fünf mageren Jahre jetzt endlich fünf fette Jahre!"
Auch viele Mönche waren unterwegs, um entweder ihre Waren anzubieten oder einzukaufen. Zwei Franziskaner, die über ihren kastanienbraunen Tuniken kleine offene Mäntelchen trugen, standen direkt vor uns am Fischstand. Um ihren Leib hatten sie einen Strick gebunden, und, obwohl es gestern wieder stark geschneit hatte, trugen sie nur offene (!) Sandalen. Abhärtung ist eben alles! Auch ihr Kopf war nicht bedeckt, so daß ihre Topfdeckelfrisur mit Aussparung in der Mitte genau zu begutachten war. Hinter uns stand Maria, mit zwei großen Körben bewaffnet. Oh, stanken die geistlichen Brüder vor mir! Ich hätte ihnen am liebsten zugerufen: "Gott schuf auch das Wasser und die Seife! Übt Nächstenliebe und wascht euch!"
An uns vorbei gingen drei Dominikaner. Ihre offenen schwarzen Mäntel mit Kapuze ließen bei jedem Schritt die weißen Tuniken zum Vorschein kommen.
Eine Frau verkaufte am Fischstand Heringe und andere kleine Fische, die alle säuberlich nebeneinandergelegt worden waren. Wählen konnte man zwischen gesalzenen, geräucherten, frisch geschlachteten und lebenden Exemplaren. Herr von Münzenberg entschied sich für die lebenden Fische, die in einer Tonne herumschwammen. Der Ehemann der Fischverkäuferin nahm sechs große Fische heraus, schnitt die Köpfe mit einem übergroßen Messer ab und überreichte den immer noch zappelnden Körper Maria, die die Fische in ihren Korb legte.
"Kann man eigentlich beim Fischkauf sicher sein, daß die Ware noch in Ordnung ist?" wollte ich von meinem Gastgeber wissen.
"Na, klar! Bei uns gelten harte Lebensmittelgesetze! Die Fischer dürfen lebende Fische und Krebse nicht länger als acht Tage anbieten. Die frisch geschlachteten Teile, die hier zu sehen sind, stammen von Fischen, die heute morgen getötet wurden. Werden die Verkäufer diesen Fisch nicht los, müssen sie die Reste heute abend wegwerfen. Der gesalzene Fisch darf erst dann verkauft werden, wenn durch einen Beschauer Stichproben entnommen und die Fässer mit dem eingebrannten städtischen Wappen gekennzeichnet worden sind. Siehst du die beiden Herren dort drüben? Das sind städtische Beamte, die die Gewichte und Waren kontrollieren und aufpassen, daß nicht unrechtmäßig verkauft oder gekauft wird."
Vorbei ging es an einem "öffentlichen" Schreiber, der gegen Bezahlung Briefe und andere Schriftstücke für Schreibunkundige abfaßte.
Bei einer Mehlhändlerin kaufte Herr von Münzenberg Grieß.
"Dort drüben kannst du die Beginen sehen! Sie verkaufen ihre selbstgefertigten, spottbilligen Tücher! Und meine werde ich wieder nicht los!"
Das waren also Beginen. Zu zweit verkauften sie in ihren grauen Gewändern und ihren schwarzen Wolltüchern, unter denen eine weiße Kapuze und ein weißer Schleier vorlugten, Stoffe in jeder Größe und Farbe. Herr von Münzenberg erzählte mir, daß es sich bei diesen "Grauen Schwestern" hauptsächlich um kinderlose Witwen, Töchter kinderreicher Handwerker, alte Dienstbotinnen, alleinstehende Frauen aus dem wohlhabenden Bürgerstande und z.T. auch um Frauen aus dem städtischen Geschlecht handeln würde. Sie leben normalerweise von der Rente des Stiftungsvermögens. Wenn das aber nicht ausreichen sollte, verdienen sie sich durch ihre Hände Arbeit dazu. In letzter Zeit wären sie als Leichenbitterinnen oder Klageweiber sehr gefragt. Sie leben im Prinzip wie die Nonnen, müssen sich wie diese in die Beginengemeinschaft einkaufen und ein Probejahr über sich ergehen lassen. Solange man in der Schwesterngemeinschaft lebt, ist jeglicher Verkehr mit Männern verboten. Aber im Unterschied zu den Nonnen kann man jederzeit aus der Gemeinschaft austreten und heiraten. Auch behalten die Beginen ihr eigenes Vermögen sowie das Verfügungsrecht darüber.
Wir bahnten uns beim Sprechen einen Weg durch die immer dichter werdende Menge.
"Guten Morgen, Henning!" begrüßte Herr von Münzenberg einen Mann mit hochrotem Kopf. Nach einem kurzen Austausch von Förmlichkeiten: "Wie geht's dir, mir geht's gut!" fanden wir uns wieder im Menschenfluß.
"Das war Henning Rumor, unser städtischer Marktmeister! Er weist den Händlern mit seinen Gehilfen ihre Plätze zu, regelt die Standgebühren und sorgt dafür, daß die angeordneten Höchstpreise nicht überschritten werden. Ihm unterstehen alle hier herumlaufenden Beschauer und Vermesser."
Vor einem Fleischstand machten wir erneut Halt. Frisches Fleisch ist zu dieser Jahreszeit sehr schwer erhältlich. Aber hier bot der Verkäufer Würste, Rindfleisch, Hammelfleisch und Ziegenfleisch an. Alle Fleischstückchen lagen wieder einzeln auf dem Tisch. Die Würstchen füllten säuberlich geordnet einen Nebentisch.
"Händler, wende mir jene drei Fleischstücke um!" hörte ich Herrn von Münzenberg befehlen. Das Berühren von frischem Fisch und frischem Fleisch war dem Kunden hier streng verboten.
"Aus was für einem Fleisch wurden die Würste gemacht?"
Aus reinem Schweinefleisch bekam er als Antwort, und dann kaufte Herr von Münzenberg von jeder Fleischsorte vier Kilogramm und 15 genormte Würstchen. Das Rindfleisch und das Hammelfleisch kamen auf denselben Preis, das Ziegenfleisch war etwas billiger, und die Würste waren sehr teuer.
"Wer überprüft die Qualität des Fleisches?" fragte ich neugierig.
"Drei von unseren Ratsmännern und drei vereidigte Metzger begutachten, wenn es sein muß, täglich das Fleisch. Sie besehen sich auch das lebende Vieh vor dem Schlachten. Und wehe, ein Metzger wagt, seinem Fleisch durch Zusätze ein frischeres Aussehen zu verpassen! Der hat dann für immer ausgemetzgert! Komm' laß uns noch zur Semmelverkäuferin dort drüben gehen!"
"Und die Gewichte hier stimmen auch alle?" rief ich dem vorausschreitenden Herrn von Münzenberg nach.
"Ja, die Normalgewichte liegen bei der Ratswaage. Sie wurden dort in Gegenwart der Bürgermeister, zweier Ratskollegen, zweier Zolleinnehmer, des Eichmeisters und eines Wägers auf ihre Zuverlässigkeit hin geprüft. Also wir geben den Leuten hier wirklich keine falschen Maße! Der Vermesser führt auf dem Markt die Aufsicht darüber, daß sich alle Verkäufer nach unseren gültigen Gewichten und Längen richten. Bei Vergehen drohen schwere Strafen: Geldstrafe, Vermögenseinzug, Aberkennung der Bürgerrechte und/oder Verweisung aus der Stadt."
Vor der Semmelverkäuferin, die er um 40 Semmel bat, erzählte er mir, daß den Bäckern strikt verboten wäre, in den Teig für Semmel und Brezel mindere Mehlsorten hineinzumischen. Mit hochrotem Kopf und ziemlich verlegen überreichte uns die blonde Verkäuferin die gewünschten Brötchen, die sie aus einem riesigen, runden Korb mit zwei Henkeln "gefischt" hatte. Nachdem unser Gastgeber bezahlt hatte, wandte er sich mir erneut zu und fuhr fort:
"Drei Ratsmänner und zwei Bäcker haben die Aufgabe, das Brot zu besehen. Alle 14 Tage oder einmal im Monat geschieht das. Und wenn ein Bäcker seine Semmel oder Brote zu klein verkauft, dann haben wir Leute unseren Spaß. Hast du schon einmal von der Bäckertaufe gehört? Dann werden diese betrügerischen Bäcker auf einen speziellen Stuhl gesetzt, angebunden und mittels eines Wippgalgens mehrmals in unseren Tümpel getaucht, und zwar entsprechend der fehlenden Gewichtsmenge. In Luzern schwemmt man diese Bäcker, d.h. man zieht sie an einem Seil eine vorgeschriebene Strecke den Fluß hinab. So hat es mir jedenfalls ein Geschäftsfreund erzählt."
"Schon wieder sehe ich zwei Franziskaner! Ihr habt hier wohl viele von diesen Brüdern?"
"Ja, die Franziskaner sind hier stark vertreten. Aber das dort drüben sind keine. Sie sind zwar genauso kastanienbraun gekleidet wie jene, aber es sind Karmeliter. Vielleicht trete ich der Ordensgemeinschaft demnächst bei. Denn wer mit ihrem Skapulier stirbt, dem ist die Rettung vor der Hölle sicher! Leider stehen wir Kaufleute dem Höllenrachen ja sehr nahe."
Just in diesem Augenblick kreuzte eine Bettlerin unseren Weg und bat um eine milde Gabe. Herr von Münzenberg öffnete seinen Beutel am Gürtel und ließ einige Taler in ihre schmutzigen Hände fallen. Die Frau war außer sich vor Freude, ergriff den Rock meines Gastgebers, küßte diesen und versprach, für Herrn von Münzenberg bei Gott ein gutes Wort einzulegen.
"Vor diesen Bettlern mußt du dich arg in acht nehmen. Die betrügen einen, wo sie nur können. Manche täuschen dir nur gebrochene Glieder, unheilbare Geschwüre, Blutstürze und anderes vor. Die stopfen sich doch vorher einfach Maulbeersaft, mit Zinnober gemischt, oder irgendeine andere rote Flüssigkeit in den Mund, um sie bei passender Gelegenheit auszuspucken. Weißt du, einige imitieren sogar eitrige Beulen, indem sie die Tücher um Kopf oder Hals mit Safran tränken. Oh, diese Brüder und Schwestern kennen alle Künste und Tricks, um dich zu überlisten! In unserer Stadt haben wir zwei Bettelmeister eingestellt, die die fremden Bettler aus der Stadt vertreiben und den einheimischen Bettlern spezielle Marken verpassen. Nur derjenige, der wie die Frau gerade eben, diese runde Tonscheibe mit dem Wappen unserer Stadt an seiner Kleidung sichtbar angebracht hat, darf betteln."
Mit schnellen Schritten ging es zurück nach Hause. Maria hatte allerhand Schwierigkeiten uns mit ihren großen Körben zu folgen.
Für denjenigen oder diejenige mit einer schwachen Blase sei gesagt, daß ich hier vier öffentliche hölzerne Bedürfnisanstalten entdecken konnte. Da ich aber selbst nie das "Bedürfnis" verspürte, kann ich euch nicht sagen, wie sie von innen aussehen!
Sorry! Kurt

