Eintrag 12
Kurts Bericht, geschrieben am 9.12.1437
Ich komme wohl immer nur in der Nacht zum Schreiben! Otto liegt schon in seinem Bett und schnarcht.
Also heute habe ich das Zentrum unserer Gastgeberstadt kennengelernt: den Marktplatz und seine wichtigsten Gebäude.
Hier in der Altstadt gibt es fast nur mehrstöckige Steinbauten. Fachwerkbauten oder reine Holzbauten sind mehr in Richtung Stadtrand zu finden. Der Marktplatz dient eben der Repräsentation! Deshalb sind auch fast alle Häuser in ihren ersten Etagen mit teuren Glasfenstern versehen worden.
Die Mitte des Platzes wird durch einen reich verzierten Marktbrunnen gekrönt. Hier herrscht zu jeder Tageszeit ein buntes Treiben. Der Bleibrunnen, der der heiligen Elisabeth geweiht wurde, besteht aus drei, nach oben hin kleiner werdenden Schalen und endet mit einem Baldachin, unter dem die Muttergottes mit dem Jesuskind zwischen vier reizenden Engeln sitzt. Die einzelnen Schalen wurden mit biblischen Szenen geschmückt.
Das höchste Bauwerk der Stadt, das alle anderen Gebäude überragt, ist der Dom St. Johann. Seine beiden hohen Türme sind ein Kunstwerk für sich. Sie wirken durch ihre steinernen Rippen und dem Gewirr von zierlichen Figuren wie zwei sehr zerbrechliche Gebilde. Der Dom bietet sich als Vorzeigestück der gotischen Kirchenkunst an, denn er macht trotz seiner Größe keinen wuchtigen, schweren Eindruck auf seine Betrachter. Er scheint sich eher nach oben hin auflösen und mit dem Himmel verschmelzen zu wollen. Die Bauzeit betrug nur 100 Jahre! Der Stadtgründer, ein Herzog, wollte sich gegen Ende des 13. Jhs. mit dem Dom eine Grabkammer schaffen.
Dicht neben dieser Hauptkirche liegen der kleine Friedhof der Stadt und die kleine Kirche der Franziskaner. Herr von Münzenberg und ich betraten das Innere des Domes. Die großen bunten Glasfenster lassen so viel Licht hindurch, daß ich die hohen schmalen Säulen mit ihrem reichen Statuenschmuck ohne Probleme bewundern konnte. Die Kanzel stellt mit ihren feinen Verzierungen ein weiteres wahres Kunstwerk dar.
An Nikolaus und am Sonntag war der Dom reichlich mit Besuchern gefüllt, so daß ich die Schönheit der Kirche gar nicht wahrgenommen hatte. Heute waren nur vier Personen zu entdecken. Vor dem Altar kniete der Priester, den wir an Nikolaus fast vier Stunden über uns ergehen lassen mußten. Wie üblich zur Adventszeit wurde der Kanzel- und Altarschmuck in Violett gehalten. In den ersten drei Reihen sind für die angesehensten Bürger der Stadt reichverzierte Stühle aufgestellt worden. Zur Gottesdienstzeit wird der Restraum mit einfachen Faltstühlen gefüllt. Na, das ist immerhin besser als vier Stunden lang stehen zu müssen!
"Das ist Vater Matthias, der Hauptpriester unserer Kirche", flüsterte mir Herr von Münzenberg zu. "Kein besonders freundlicher Mensch! Er liebt es, seine Macht und seinen Einfluß zu zeigen. Seine Lieblingsthemen sind das Jüngste Gericht und das Fegefeuer. Wenn er dabei so richtig in Fahrt ist, werden dich seine Beschreibungen noch Nächte lang verfolgen! Der versteht es eben, einem richtig schön Angst zu machen! Manchmal wird er von Vater Jakob vertreten. Den solltest du kennenlernen! Er hat den Umfang eines Weinfasses! Der kann aber auch schlucken! Lade den bloß nie zu einer Heiratsfeier ein! Wein und Weiber haben es ihm schon immer angetan! Seit drei Jahren soll er ein Verhältnis mit seiner Köchin haben! Besser er treibt's mit ihr als mit unseren Frauen. Man kennt ja die Geilheit dieser Geistlichen! Und reich sind diese Brüder! Vater Matthias besitzt ein riesiges Haus samt sieben Knechten! Was mich als Stadtkämmerer wurmt, ist die Tatsache, daß diese Kleriker alle Steuerfreiheit genießen. Und wovon leben sie? Vom Zehnten und den Gebühren für die Taufen, Heiraten und Beerdigungen. Weißt du, wie viele Geistliche in unserer Stadt leben? Fast 250! Laß' uns wieder hinausgehen."
Abb. 24: Das Rathaus in Münster, erbaut im 14. Jh.
Wir ließen die Kirche hinter uns und schritten zu den beiden bedeutendsten Gebäuden der Stadt: zum Rathaus (Abb. 24) und zum Gewandhaus.
Das Gewandhaus ist das Kaufhaus der Gewandschneider, die die vornehmste Gilde der Stadt bilden. Das viergeschossige Haus besitzt einen Weinkeller, drei große offene Korbbogenarkaden und vier Etagen, die mit ihren relativ großen Glasfenstern den Reichtum ihrer Besitzer zeigen.
Vor dem zweigeschossigen Rathaus steht ein Monstrum von Kanone, von der Herr von Münzenberg behauptet, sie sei die größte in Norddeutschland und habe ein Gewicht von 140 Zentnern. Im Keller des Rathauses liegen der Weinkeller und die Ratsstube, in der man laut Herrn von Münzenberg in aller Gemütlichkeit unter seinesgleichen Wein oder Bier trinken kann. Im Erdgeschoß gibt es wie beim Gewandhaus einen Arkadengang, in dem die Kaufleute an Markttagen ihre Verkaufsstände aufschlagen können. Im ersten Obergeschoß liegt der Ratssaal. Im zweiten Obergeschoß befinden sich die Schatzkammer und das Archiv. Fast hätte ich vergessen, noch die zwei Schreibstuben im Erdgeschoß zu erwähnen.
Über dem Haupteingang des Rathauses ist vor wenigen Jahren eine Räderuhr angebracht worden. Im Gegensatz zu unseren Uhren verfügt sie nur über einen Zeiger, der die Stunden angibt. Die vergangenen Minuten interessieren nicht! Mit der Zeitrechnung hatte ich anfänglich sowieso meine Schwierigkeiten. Wenn nämlich bei dieser Uhr der Zeiger auf der Ziffer 4 steht, bedeutet das nicht, daß es 4 Uhr oder 16 Uhr ist. Nein, es ist dann "vier Uhr auf den Tag" oder "vier Uhr in der Nacht", und das heißt sehr grob auf unsere Zeitrechnung übertragen: es ist ungefähr 10 Uhr oder 22 Uhr.
Das Innere des Rathauses gleicht einem einzigen Kunstwerk. Die Wände sind alle farbig bemalt worden, riesige Kronleuchter mit unzähligen Kerzen hängen von den Decken, selbst das Treppengeländer ist reich verziert worden, und die großen bunten Glasfenster im Ratssaal ähneln denen in der Kirche. Gerade im letztgenannten Raum hat man keine Mühen und Kosten gescheut, um den Besucher zum Staunen zu bringen. Die Ratsstühle haben reich geschnitzte Lehnen, und die gewölbte Decke des Saales ist genauso kunterbunt und interessant gestaltet wie die Wände. Ein Holzregal, ebenfalls reich verziert, trägt fast 40 Bücher.
"Hier in diesem Saal finden die Gerichtsverhandlungen statt, werden fremde Fürsten und vornehme Herren empfangen, behandeln wir Ratsmänner die wichtigen städtischen Probleme und schwingen ab und zu das Tanzbein. Wir Bürger sind sehr stolz auf unser Rathaus und auf diesen Saal. Merkst du, wie schön warm es hier ist?" schaute mich Herr von Münzenberg fragend an. Ja, er hatte recht, es war richtig angenehm in diesem doch so großen Saal. Wo aber waren die Kachelöfen?
"Das ist ja das besondere an unserem Ratssaal! Wir besitzen eine Warmluftheizung. Im Keller befindet sich ein Raum, in dem geheizt wird. Die erwärmte Luft steigt nach oben und wird mittels Tonröhren in diesen Saal geleitet. Komm' mit!" Und dann ging er auf eine Wand zu, bückte sich und fuhr fort: "Hier siehst du eine Öffnung! Es gibt noch weitere 11 Öffnungen dieser Art. Sie können alle mit bronzenen Deckeln geschlossen werden, so daß wir in der Lage sind, den Wärmezufluß nach oben zu regulieren."
"Und wie viele Leute sitzen hier im Rat? Wer kann in dieses Gremium eigentlich gewählt werden, und welche Aufgaben haben die Ratsmänner?"
Mit diesen Fragen bombardiert, ahnte unser Gastgeber, daß ich wohl wieder meine Fragestunde hatte.
"Setz' dich auf einen dieser Stühle. Ich glaube, jetzt muß ich wieder Rede und Antwort stehen! Also, es gibt bei uns 12 Ratsmitglieder. Die Bedingungen, die man erfüllen muß, um gewählt zu werden, sind folgende: Du mußt deine freie Geburt nachweisen können, und du darfst keines Mannes Eigen oder Bediensteter sein. Außerdem darf dein Vater kein Pfaffe sein. Du mußt über einen fleckenlosen Ruf verfügen und in der Stadt wohnen. Deine Nahrung darfst du nicht mit irgendeinem Handwerk verdienen. Erfüllst du diese sechs Vorschriften, steht deiner Wahl nichts im Wege! Bei uns gilt nur noch zusätzlich die Regel, daß niemals zwei Brüder oder Nahverwandte zugleich im Rat sein dürfen. Sonst gibt es zu leicht Vetternwirtschaft! Bist du gewählt worden, kannst du dieses Amt lebenslänglich ausüben. Denn die alle zwei Jahre stattfindenden Ratswahlen und die damit verbundenen Ratswechsel sind eine Farce! Mein Bruder Hanns und ich wechseln uns alle zwei Jahre ab. So ist Hanns zwei Jahre der Stadtkämmerer, dann ich, dann Hanns... Die Besetzung der städtischen Ämter bleibt uns Ratsmännern selbst überlassen. Hans Pelifex und Johann Brakel stehen als die zwei Bürgermeister an der Spitze des Rates. Stadtkämmerer gibt es ebenfalls zwei. Aber mein Kollege Konrad Pfleger ist schon seit über einem Jahr aus Krankheitsgründen nur noch sporadisch tätig. Wir oder besser ich verwalte das gesamte städtische Vermögen und den Grundbesitz, z.B. die fünf Dörfer der Stadt. Auch das Vermögen der Ratswaage, des Ratskellers, des Brauhauses, der Badestuben und der Freudenhäuser unterliegen meinem Ressort. Ich versuche das städtische Kapital gewinnbringend anzulegen, und damit das Vermögen unserer Stadt zu vermehren. Aber ich bin nicht nur der höchste Finanzbeamte hier, ich fungiere auch als Kreditgeber im Namen der Stadt, als Münzer und Wechsler und vertrete unsere Stadt sehr oft auch als Gesandter, bin Stadtbaumeister und Beisitzer im Ratsgericht. Wir leben hier ja nach Lübecker Recht, d.h. der Rat übt auch die Gerichtsbarkeit aus. Und das Stadterbebuch, in dem die Besitzveränderungen eingetragen werden, führe ich auch."
Er hatte vom Regal ein riesiges Buch genommen und ließ mich die undefinierbaren Hieroglyphen bewundern. Plötzlich klopfte es an der Tür, und ein graues Männchen betrat den großen Saal.
"Ach, Kurt, darf ich dir unseren Ratsschreiber, Herrn Tidemann Dünnewert vorstellen!"
Wie ein gehorsames Kind begrüßte dieser mich in gebeugter Haltung und überreichte Herrn von Münzenberg einen von ihm ausgefertigten Vertragsbrief. "Würden Sie bitte an diesen Brief das Gerichtssiegel heften, Herr Stadtkämmerer!"
Und schon war er mit einer tiefen Verbeugung wieder verschwunden.
"Herr Dünnewert ist für uns Ratsherren unersetzbar. Er versteht Latein zu lesen und zu schreiben und kennt sich völlig in unserem Landrecht aus. Er fertigt alle Urkunden aus und legt sie uns zur Unterschrift vor. Auf ihn kann man sich verlassen! Er ist auch in alle Geheimnisse der städtischen Politik eingeweiht worden und versteht sich trefflich auf diplomatische Geschäfte. Ich nehme ihn zu allen wichtigen Gesandtschaften mit."
"Herr von Münzenberg, Sie nehmen ja eine wichtige Position in der Stadt ein. Die nächste Frage könnte etwas kompromittierend sein. Entschuldigen, Sie bitte im voraus! Wer mit soviel fremdem Geld zu tun hat, gerät leicht in Versuchung, wenn Sie verstehen, was ich damit meine. Werden Sie kontrolliert?"
"Ja, vor fast 30 Jahren kam dieser kuriose Gedanke auch in der Stadtbevölkerung auf. Seitdem wird die Finanzverwaltung von 16 Bürgern überwacht. Aber die haben doch alle keine Ahnung. Wenn ich wollte, könnte ich sie alle überlisten!"
"Wie kommt die Stadt zu Geld?"
"Oh, da gibt es viele Einnahmequellen. Ich zählte vorhin ja schon einige Einrichtungen auf: die Ratswaage, das Brauhaus, die Badestuben und die Freudenhäuser bringen eine Menge Geld ein. Auch der städtische Grundbesitz läßt die Kasse füllen. Und dann nicht zu vergessen die Steuern! Es werden bei uns direkte und indirekte Steuern erhoben. Von der Bede, der Vermögenssteuer, hatte ich dir schon erzählt. Jeder Bürger ist verpflichtet, der Steuerbehörde die notwendigen Angaben mitzuteilen, auf Grund deren eine gerechte Steuerschätzung stattfinden kann. Das muß in Eidesform geschehen. Wer Steuern hinterzieht, indem er sein Vermögen zu gering einschätzt, wird nicht nur für meineidig erklärt, sondern verliert sein ganzes Vermögen, wird zeugnis-, rats-, amts- und eidesunfähig. Die indirekte Steuer, bei uns »Ungelt« genannt, wird vor allem auf Lebensmitteln wie Getreide, Wein, Bier, Met und Salz erhoben. Die Einnahmen aus dieser indirekten Steuer dürfen jedoch nur für städtische Bedürfnisse verwendet werden. Eine Sonderkommission wacht darüber. Ja, und dann müssen alle außer den Ärmsten eine Kopfsteuer leisten. Zudem haben die Gewerbetreibenden, auch die geistlichen (!), aus den Einkünften ihres Gewerbes einmal im Jahr Steuern zu zahlen. Zusätzlich erhält die Stadt noch Geld von den Neubürgern und den Juden. Und dann füllen noch die unterschiedlichen Zölle, die auf dem Markt, am Tor, auf den Brücken, auf den Straßen usw. erhoben werden, die Stadtskasse."
"Wieviel verdient man eigentlich als Stadtkämmerer?"
"Verdienen? Lieber Kurt, das macht man ehrenamtlich. Nur die Aufwandsentschädigungen und Kosten, die mir im Dienste der Stadt erwachsen, bekomme ich zurückerstattet. Mein Magen sagt mir, daß es gleich Zeit für die Mittagsmahlzeit ist. Komm' Kurt, wir wollen unsere Frauen nicht warten lassen!"
Neben dem Eingangstor des Rathauses entdeckte ich draußen noch ein eigenartig geformtes Eisenstück an der Mauer befestigt. Herr von Münzenberg ahnte wohl meine Frage und antwortete mir sogleich:
"Dieses Eisen gibt die Länge und Breite eines Gewölbeziegels an. Wenn du welche kaufst, kannst du hier selbst überprüfen, ob sie das richtige Maß haben. Wenn du etwas zurücktreten würdest, kannst du an der Wand dort noch die gebräuchlichen Längenmaße angeschlagen sehen: Fuß, Elle und Klafter."
Nebenbei erklärte er mir, daß ein Fuß eben der Länge eines Fußes, die Elle der Länge eines menschlichen Unterarmes und ein Klafter der Länge, die mit ausgestreckten Armen umfaßt werden könnte, entspräche. Aber das stimmt nicht ganz. Von Maike hatte ich schon vorher erfahren, daß die Ellenmaße sich von Stadt zu Stadt unterscheiden. So beträgt die Nürnberger Elle 0,645 m, die Wiener Elle 0,775 m, die Kölner Elle 0,579 m, die Frankfurter Elle 0,547 m, die Basler Elle ca. 0,6 m, die Luzerner Elle 0,498 m, die Konstanzer Elle 0,680 m und die Grazer Elle 0,864 m. Also Elle ist nicht gleich Elle!
Abb. 25: Das Heilige-Geist-Spital in Lübeck
"Siehst du, da hinten wurden auch die Umrisse verschiedener Brote für jedermann sichtbar angebracht. So kann jeder selbst kontrollieren, ob er betrogen wurde."
Nach dem Mittagessen schlief Herr von Münzenberg ein Weilchen, um mir am frühen Nachmittag im Stadtzentrum noch das Hochzeitshaus, in dessen Festsaal die reichsten Familien zum Tanzen einladen, die drei großen Getreidemagazine, in denen 1,5 Millionen Liter Getreide lagern, das Zollhaus, die Waage, die Münze, einige Beginenhäuser, die sich durch nichts von den Bürgerhäusern unterscheiden, und neun Stadthöfe der Zisterzienser zu zeigen.
"Leben tun die Brüder hier nicht, aber morgen werden sie ihre Produkte wieder spottbillig auf dem Markt anbieten. Die Zisterzienser haben deshalb in dieser Stadt unter unseren Handwerkern und Händlern keine Freunde."
Zuletzt sah ich noch das Hospital: das Heilige-Geist-Spital (Abb. 25). Als riesiger Komplex liegt es in der Nähe des Domes. Es scheint aber weniger ein Krankenhaus als eine Art Altenheim zu sein, jedenfalls schließe ich das aus den Erklärungen von Herrn von Münzenberg.
Kurt

