Eintrag 11
Heinkes Notizen vom 8.12.1437
Es herrscht hier eine sibirische Kälte! Ich bin den ganzen Tag nur am Frieren. Unsere Gastgeberin, die gesehen hatte, daß ich noch kurz einige Notizen machen wollte, hat mich mit einer fahrbaren Feuerpfanne direkt neben meinen Füßen verwöhnt. Dieses Bronzegestell, gefüllt mit glühender Holzkohle, läuft auf vier Rädern und besitzt an den Schmalseiten zwei Griffe.
Gerade jetzt, es ist gleich 19.30 Uhr, werden die Abortgruben entleert. Fünf Nachtarbeiter müssen den Grubeninhalt auf Pferdekarren laden und in einiger Entfernung von der Stadt in den Fluß kippen. Um die Geruchsbelästigung möglichst gering zu halten, darf dieser Tätigkeit nur zwischen dem Gallustag (dem 16.10.) und dem Ambrosiustag (dem 4.4.) und dann auch nur während der Nacht nachgegangen werden.
Uah! Sie scheinen die Pampe "tonnenweise" auf den Karren zu schaufeln. Das muß doch mal ein Ende haben!
Anscheinend werden die Abfallgruben bis zum "Hals" gefüllt.
Magdalena bestätigt gerade meine Vermutung. Da es sehr teuer ist, hat man es nicht besonders eilig mit dem Entleeren. Vor 17 Jahren soll die letzte Fäkalienabfuhr bei unseren Gastgebern stattgefunden haben.
Das heimliche Gemach und das Scheißhüslein sind durch Röhren mit der unterirdischen Abortgrube verbunden, die sich selbst acht Meter unter der Erde befinden soll und ein Volumen von 30 m3 aufweist. Das Trinkwasser wird, nebenbei erwähnt, aus der gleichen Schichttiefe entnommen, in die diese Abortgruben münden. Auf der Häuserrückseite, also zwischen den gegenüberliegenden Rückseiten zweier Häuserreihen, befindet sich ein offener, gepflasterter Abzugsgraben. Laut Otto darf dort nur schmutziges Wasser hineingekippt werden. Aber einige scheinen auch ihre überfälligen Abortgruben dorthin zu entleeren.
Maria habe ich gerade ausgehorcht, wie es mit dem Wurmbefall in diesem Haus aussieht. Danach habe ich kaum Chancen, ungewurmt davon zu kommen. Mensch, sind die hier naiv! Maria wollte mir weismachen, daß die Würmer im Körper von ganz allein entstehen! Als Gegenmittel empfiehlt sie Ruß vom Schornstein, die Asche verbrannter Schuhsohlen, Harn, Rinderkot, gedörrte Garten- und Feldwürmer...
Durch Erregen von Ekel könnte man nämlich die Würmer vertreiben!
Vati, ich brauche deine Medikamente!
Heinke

