Eintrag 8
Claudias Bericht, geschrieben am 7.12.1437
Heute war ein aufregender Tag. Ich habe einen Nonnenmacher und einen Hundeschinder kennengelernt!
Könnt Ihr euch vorstellen, was ein Nonnenmacher ist?
Ich habe heute morgen einen gesehen. Er hat zwei männliche Rinder kastriert. Das habe ich mir natürlich nicht wie alle anderen anschauen können. Das laute Brüllen der Tiere hat mir schon genug zu schaffen gemacht! Holger und Anna mußten aber den ganzen Tag darüber reden. Ich hätte die beiden sonstwo hin gewünscht!
Als nach dem Mittagessen Annas kleiner Hund im Hof hinter der Waschküche tot aufgefunden wurde, wollte Holger ihn irgendwo am Rande des Grundstückes begraben. Er hatte das Loch schon fast fertig, als Herr Bussow sich ihm wutschnaubend näherte.
"Sag' mal, bist du von allen guten Geistern verlassen? Willst du mir Ärger einheimsen? Laß' den Hund da liegen und schütte das Loch wieder zu!"
Mit rotem Kopf rief er Martin zu sich, der kurz danach das Haus verließ. Barbara lief auf Holger zu und entschuldigte sich für das Benehmen ihres Mannes:
"Holger, wer seinen todkranken Hund oder seine todkranke Katze selbst tötet oder seine toten Haustiere im eigenen Garten begräbt, pfuscht dem Hundeschinder ins Werk. Wenn der dahinter kommt, steckt er sein »unehrliches« Messer in deinen Türpfosten. Du bleibst dann solange »unehrlich«, bis du dem Hundeschinder eine Abfindungssumme gezahlt hast."
"Und warum ziehe ich das Messer nicht einfach heraus?" hörte ich Holger sagen.
"Damit würdest du noch alles viel schlimmer machen. Dann wirst du wie er und seine Familie für immer »unehrlich« sein. Auch der Bauer darf in der Zeit einer Tierseuche nie das tote Vieh aus seinem Stall schaffen oder vergraben."
Dann erklärte sie Holger, daß die Hundeschinder und Hundshautgerber die Hundshaut und andere Lederarten z.T. mit Hundekot verarbeiteten.
"Du darfst solche Leute und ihre Familienangehörigen nie aus Nächstenliebe zu Grabe tragen oder an der Leichenbegleitung teilnehmen! Ja, nicht nur die Berührung mit ihnen selbst, auch die mit ihren Pferden, Karren, Geräten macht dich für immer unehrlich!"
Kurz darauf konnten wir den Hundeschinder mit seinem klapprigen Wagen und seinem müden Pferd sehen. Er war so alt wie unser Gastgeber. Keine Begrüßung, ja kein Laut war zu vernehmen. Martin mußte dem Hundeschinder den toten Hund zeigen, der diesen dann lieblos über die Schulter warf und in den Wagen schmiß. Anna fing fürchterlich zu weinen an, was Herr Bussow mit einem Hagel von Ohrfeigen quittierte. Hätte sich Holger nicht zwischen Anna und die Schläge gestellt, hätte das ein böses Ende nehmen können.
Hate erzählte mir hinterher in der Küche, daß die Hundeschinder im Sommer ihre Haupteinnahmezeit hätten. Viele Hunde wären dann mit der Hundswut befallen und würden die Straßen unsicher machen. Die Hundeschinder dürften diese herumstreunenden Hunde erschlagen. Die Beschimpfung »Du Hund« wäre außerdem eine schwere Kränkung.
"Wer z.B. eine schwere Ehrenkränkung zu widerrufen hat, muß dreimal laut sagen, daß er »hündisch gelogen« habe. Dabei muß er sich noch zusätzlich mit Hundekot auf den Mund schlagen."
Von Katharina erfuhr ich noch, daß die Tierkadaver "zwei Bogenschüsse" weit vor die Stadt gebracht werden.
Hoffentlich träume ich nicht gleich im Bett von Hundekot, abgezogenem Hundefell etc.
Claudia

