Eintrag 7
Claudias Bericht, geschrieben am 6.12.1437
Heute ist Samstag und Nikolaus! Für diesen Festtag hatte Holger schon am Donnerstagmorgen für die Kinder bunte Murmeln bei einem Töpfer gekauft. Gestern nacht legte er jedem Kind fünf dieser unterschiedlich großen Tonmurmeln in die Schuhe. Dadurch hatte er heute morgen für eine große Überraschung gesorgt. Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen! Anna lag schon bald wieder mit Holger auf dem Boden: Murmelnspielen. Natürlich mußte Holger sich mit den alten Murmeln zufriedengeben, die neuen durfte nur Anna anfassen. Barbara wußte sofort, wer der besagte Nikolaus war. Ich glaube, sie ist ein klein wenig in Holger verliebt. (Kein Wunder bei ihrem Mann!)
Aber total baff standen Holger und ich da, nachdem wir die uns zugedachten Nikolausgeschenke überreicht bekommen hatten. Hier wird nicht am 24.12., sondern am 6.12. groß beschert. Und wir hatten nichts! Wie gern hätte ich ihre mit so viel Liebe ausgesuchten Geschenke mit einem Gegengeschenk bedacht. Holger bekam einen Beutel aus feinstem Ziegenleder, und ich wurde mit einem tiefblauen Oberrock als feinstem Wolltuch überrascht.
"Kennt ihr die Geschichte vom heiligen Nikolaus?" fragte uns Katharina. "Es gab nämlich einst drei Mädchen, die niemand heiraten wollte, weil ihr Vater, ein frommer Mann, sein gesamtes Vermögen verloren hatte und ihnen deshalb keine Mitgift geben konnte. Nikolaus hörte von der traurigen Geschichte und ging eines Nachts zu ihrem Haus und warf heimlich einen Goldklumpen durch das Fenster. Mit dieser Mitgift konnte der fromme Mann seine älteste Tochter verheiraten. Nikolaus kam noch zweimal mit einem Goldklumpen, so daß auch die beiden jüngeren Schwestern einen Ehemann fanden."
"Das hast du sehr gut erzählt, Katharina, aber bitte, mache dich jetzt für den Kirchbesuch fertig", trieb Barbara zur Eile an. Barbara hatte uns schon gestern angekündigt, daß wir den Morgen in der Kirche verbringen würden.
Barbara ist tief religiös. Jeden Tag kann man sie mit ihrem Rosenkranz sehen. 150 Ave Maria und 15 Psalter, unterbrochen durch 10 Vaterunser, hört man sie mehrmals am Tag leise vor sich hinbetend. Hate flüsterte mir in der Küche zu, daß Barbara in den letzten Wochen sehr ernst und still geworden wäre. Vielleicht läge das an der zu erwartenden Geburt. Die letzten zwei Geburten wären haarsträubend abgelaufen. Beide Kinder wären noch im Mutterleib gestorben, und Barbara hätte sich nur langsam von den großen Schmerzen erholt.
Gestern nacht saß Barbara mehrere Stunden über ihr Lieblingsbuch, ein Stundenbuch, das hauptsächlich Mariengebete enthält. Besonders interessant finde ich die kleinen Andachtsbilder dort. Sie sind kunterbunt und haben sich als Malmotive die Passion Christi und Maria als Himmelskönigin und Beschützerin ausgesucht. Den Gebeten schließt sich ein Kalender an, in dem die kirchlichen Festtage und die zu jedem Tag gehörigen Heiligen eingetragen worden sind. Farblich wurde dabei jeder Monat mit Bildern verziert, die die jahreszeitlichen Arbeiten der Bauern und die Vergnügungen ihrer Feudalherren zeigen. Außerdem wurde jedes Monatsbild noch mit astrologisch-medizinischen Ratschlägen in Versform versehen. Der Kalender ist überhaupt nicht mit dem unsrigen zu vergleichen. Die Tage haben irgendwelche kirchlichen Benennungen erhalten, z.B. heißt der 3.5. "INVENTIO SANCTE CRUCIS", oder der 14.9. "EXALTATIO SANCTE CRUCIS", der 2.2. "PURIFICATIO BEATE MARIE" oder der 1.8. "AD VINCULA SANCTI PETRI". Würde nicht über jeden ersten Tag des Monats ein "KL" (für lateinisch Kalendae) stehen und würden die einzeln Monatstage nicht mit kleinen goldenen Ziffern gezählt werden, würde ich mich in diesem Kalender überhaupt nicht zurechtfinden. Einige Tage scheinen sogar ausgelassen worden zu sein!
Heute am Feiertag hieß es für jeden "Auf zur Kirche!". Anna erzählte Holger auf dem Weg dorthin, daß sie keinen Geburtstag, sondern nur einen Namenstag hätte, an dem sie Geschenke erhalten würde. Barbara bestätigte Annas Aussage:
"Für uns ist das wohl mit euren Geburtstagen gleichzusetzen. Manche fasten vor ihrem Namenstag, um am Festtag den Gottesdienst zu besuchen und Opfer und Almosen zu spenden. Am Nachmittag findet dann eine kleine Feier im Familienkreise statt."
"Was war denn am 4.12. los? Da waren doch so viele Leute bei euch zu Besuch und zum Abendessen?" fiel mir plötzlich ein.
"Ja, das war mein Namenstag!" erklärte Barbara mir. Und ich hatte ihr auch da nicht meine Freundschaft durch eine kleine Aufmerksamkeit zeigen können. Diesen Kalender muß ich mir noch einmal ausgiebig vornehmen.
Der sonn- und feiertägliche Besuch des Gottesdienstes ist allgemeine Bürgerpflicht. Von solch gefüllten Kirchen können unsere Pastoren nur träumen.
Unsere Gastgeber durften als reiche und angesehene Bürger in den vordersten Reihen auf ihren reich geschnitzten Stühlen Platz nehmen. Ich konnte auch Heinke und Kurt in der ersten Reihe entdecken. Heinke sah wie eine Prinzessin aus. Perlschnüre waren durch ihr dunkles Haar geflochten worden. Hinter uns waren die Reihen mit einfachen Faltstühlen gefüllt worden. Wir Frauen saßen auf der linken, die Männer auf der rechten Seite. Da Holger und ich Bertholds und Annas Plätze einnahmen, mußten letztere sich mit den einfachen Stühlen begnügen.
Vorne auf dem schmalen, erhöhten Chor saßen noch einige Mönche. Nonnen habe ich keine gesehen! Und dann endlich kam die Hauptperson: der Priester. Er war sehr groß und mager und hatte sein weniges schwarzes Haar Richtung Stirn gekämmt. Seine dunklen schwarzen Augenbrauen gaben ihm ein finsteres Aussehen. Was er predigte, weiß ich nicht. Ich glaube, daß weiß niemand. Denn als Sprache bediente er sich des Lateinischen. Erst als er mit einem langen Holzstab auf einzelne Bilder am Fenster und auf die Altartafeln zeigte, wurde mir klar, daß es wieder um Jesu Christi Leiden ging. Der Stock wanderte nämlich vom Kreuz auf die Geißel, die Leiter, die Säule der Geißelung, auf den Hahn, der den Verrat des Petrus angekündigt hatte, auf die Nägel, den Hammer, die Zange, die Lanze und den Essigschwamm.
Mensch, war das kalt in der Kirche! Mir froren die Füße und die Hände, und meine Nase war laut Katharina leicht gerötet. Die Kälte beschloß schon bald, auch den Rest meines Körpers zu erobern. Langsam kroch sie unter meinem Rock die Beine hoch. Und der da vorne laberte und laberte! Ab und zu ging er, indem er ohne Unterbrechung weitersprach, zu dem rechten Chorpfeiler und wärmte sich im wahrsten Sinne des Wortes seine Hände auf. Wie ich später noch sehen konnte, war hier tatsächlich im Pfeiler ein kleiner Hohlraum mit Holzkohle bestückt worden. Ein Gitter verhängte das Loch, so daß keiner diese heiße Kostbarkeit stehlen konnte. Und dann endlich nach drei Stunden hatte dieser Gottesdienst fast sein Ende erreicht. Jetzt wurde nur noch das Abendmahl zelebriert. In einem Geschichtsbuch hatte ich gelesen, daß seit dem vierten Laterankonzil im Jahre 1215 allen Christen geboten war, mindestens einmal im Jahr zu beichten und die Kommunion zu empfangen. Den Wein, das Blut Christi, trinken die katholischen Geistlichen ja allein, nur Christis Leib teilen sie sich brüderlich mit den Nichtgeistlichen. Während die Menschen links und rechts an uns vorbeiströmten, blieben Holger und ich ruhig sitzen. Bevor sie ihre Oblaten bekamen, hielt ihnen der Priester ein Kreuz zum Küssen entgegen. Einige knieten vor dem Geistlichen und wurden nach Vergebung ihrer Sünden mit Weihwasser gewaschen. Barbara zündete vor einem übergroßen Marienbild eine Dreierkerze an. Katharina erzählte uns derweil, daß derjenige, der unentschuldigt fehlen oder während des Gottesdienstes schlafen würde, zum Rosenkranztragen verurteilt werden würde. Dieser Rosenkranz soll aus großen, hölzernen Kugeln bestehen. Der Ertappte mußte diesen Rosenkranz um seinen Hals legen und am nächsten Sonntag vor der Kirchentür und während der Predigt unter der Kanzel stehen. Ein schrecklicher Gedanke!
Nach der Kirche gingen die meisten Männer in die Weinhäuser. Nur Holger hatte keine große Lust. Er schloß sich uns Frauen an.
Gerade eben haben wir unser Abendessen beendet. Ich hatte mir vorher noch meinen neuen Oberrock angelegt, was ich wohl nicht hätte tun sollen. Mußte ich mein schönes Kleid doch gleich mit Sauce bekleckern. Mir war zum Heulen, aber Barbara nahm mich bei der Hand, ging mit mir in die Küche und entfernte die Fettflecken, indem sie Hühnerfedern, die vorher in heißes Wasser getaucht wurden, auf die schmutzige Stelle legte. Und das Kleid ist tatsächlich wieder sauber geworden! Toll, nicht wahr?!
Claudia

