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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 6

Kurts Bericht, geschrieben am 6.12.1437

Heute nachmittag möchte ich meinen Bericht auch endlich schreiben. Zur Entschuldigung kann ich nur anführen, daß ich bisher keine einzige freie Minute dazu fand. Herr von Münzenberg, ein ausgesprochen freundlicher Mensch, hält mich wirklich von morgens bis abends auf Trab.

Dabei hatte ich am zweiten Tag unserer Ankunft das unwohle Gefühl, daß ich es mir mit unserem Gastgeber für immer verdorben hätte. Er war nämlich mit seinem Schachspiel aus Elfenbein zu mir gekommen. Eine Partie Schach? hatte er mich gefragt. Aber ich kann Spiele, egal ob es sich um Brett-, Würfel- oder Kartenspiele handelt, nun einmal nicht ausstehen! Meine Freunde wissen das natürlich, aber nicht Herr von Münzenberg. Deshalb hatte ihn meine Ablehnung schwer verletzt. Dabei hätte ich gar nicht freundlich sein können, denn ich habe nicht die geringste Ahnung von Schach! Aber seit gestern scheint wieder alles, in Ordnung zu sein. Er hat mir wohl verziehen!

Abb. 23: Wie die Kammer dieses Erzbischofs könnte auch das Arbeitszimmer unseres Kaufherrn ausgesehen haben

Reinold von Münzenberg ist nicht nur ein großer Kaufmann, sondern auch der Finanzminister dieser Stadt. Sein Leben läuft sehr geregelt ab. Er steht morgens bei Sonnenaufgang auf, um der Frühmesse in seiner Kapelle beiwohnen zu können. Dann verzehrt er in aller Ruhe die dünne Morgensuppe, um anschließend in seine Schreibstube (Abb. 23) oder zu einer Ratssitzung zu gehen. Um 11 Uhr gibt es das Mittagessen, auf das eine längere Ruhepause folgt. Am Nachmittag setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch, um Briefe, Urkunden und Anweisungen auszustellen. Um 16.30 Uhr gibt es die Abendmahlzeit, und anschließend ist er wieder in seiner Schreibstube zu finden, um weitere Geschäftspapiere zu erledigen.

Gestern nachmittag fand ich unseren Gastgeber an seinem Arbeitstisch über ein Buch gebeugt. Er hatte eine Brille vor seinen Augen, deren Gläser aus Bergkristall sind. Das Glas, nebenbei bemerkt, ist nicht absolut durchsichtig. Mich würde das verrückt machen! Sein Schreibtisch steht direkt am großen Glasfenster, so daß er relativ lange ohne Licht lesen und schreiben kann. Auf dem Tisch befand sich ein hohes verstellbares Pult zum Auflegen von Büchern. Es gibt auch noch ein niedrigeres, sanft ansteigendes Pult, das beim Schreiben verwendet wird. Als ich eintrat, empfing er mich wie üblich mit seinem lieben Lächeln, schlug das in ein rotes Tuch gebundene Buch zu und fragte nach meinen Wünschen. Mensch, das Buch muß sehr wertvoll gewesen sein! Es hatte eine goldene Webkante und einen Perlenbehang an den äußeren vier Ecken. Neben dem Tisch entdeckte ich auf einem dreifüßigen hohen Gestell ein Gefäß mit rotglühenden Holzkohlen, das für Wärme in diesem Raum sorgte. Ich gestand ihm, daß ich ihn gern über seinen Beruf etwas ausfragen möchte.

Daraufhin bot er mir freundlicherweise einen zweiten Faltstuhl zum Sitzen an und begann:
"Nun Kurt, was möchtest du wissen?"

"Sind Sie beruflich eigentlich noch viel unterwegs, Herr von Münzenberg? Oder können Sie alle Geschäfte vom Schreibtisch aus erledigen?"

"Nein, auf Handelsreisen muß ich, Gott sei Dank, nicht mehr oft gehen. Das habe ich mein Leben lang getan. Mit dem Alter fallen einem solche Reisen auch immer schwerer. Ich leite die Geschäfte meines Hauses von hier aus. Meine Kinder, Verwandten und Freunde vertreten die Interessen des Hauses im Ausland. In den wichtigsten Handelsstädten in ganz Europa habe ich meine Leute sitzen. Mein Sohn Johannes ist in Nowgorod. Weißt du, wo das ist? Diese Stadt liegt an der großen Handelsstraße zum Kaspischen Meer. Sie ist der Hauptstapelplatz für den Handel mit Rußland. Ich habe dort selbst 10 Jahre lang in der stark befestigten Handelsniederlassung Peterhof gelebt. Mein ältester Sohn Martin ist in Brügge für uns tätig. Brügge ist der besuchteste Marktplatz Europas. Martin vertritt dort zusammen mit fünf anderen Landsleuten von der Hanse auch die deutschen Interessen. Ich besitze sogar drei Häuser in Brügge. Sie liegen im kurzen Ghenthof bei der St. Gillisbrücke. Mein Sohn Sebastian wird eines Tages das Geschäft meines Schwagers Jakob van Wave in Köln erben. Jakob und ich sind nicht nur über meine Frau verwandt, sondern schon fast 30 Jahre lang Geschäftspartner. Hans Allenpeck, ebenfalls ein alter Geschäftsfreund, ehemaliger Schwager und jetziger Schwiegersohn, sitzt in Venedig, im Kaufhaus der Deutschen am Rialto. In Venedig verfügen wir Deutschen über ausgedehnte Warenlager, 100 Kammern, eine Kapelle, einen Festsaal und eine Weinschenke. Und sonst habe ich noch meinen Cousin Sivert in Dorpat, meinen Schwager Dirck Wulff von Füchteln, der mit meiner Schwester Fieke verheiratet ist, in Gent, meinen ehemaligen Schwager, Martin von der Lintgasse, einen Bruder meiner ersten Frau, in Riga, meinen Geschäftsfreund Hans Kutzeburger in Bergen und meinen Geschäftsfreund Johannes Stotterot in Reval. So ein Familienunternehmen ist das beste, was es gibt. Denn nur diese Organisationsform bietet die Garantie für Zuverlässigkeit! Außer mit den eben erwähnten Orten habe ich noch lebhafte Handelsbeziehungen nach Lübeck und Hamburg. Etwas dürftiger sind meine geschäftlichen Verbindungen mit Amsterdam, Antwerpen, Herenthal, Utrecht, Delft, Nürnberg, Frankfurt a. M., Konstanz, Aachen, Wismar, Stettin, Straßburg, Lucca, Toul, Amiens, St. Thomas, La Rochelle, Rouen und London."

"Mit welchen Waren handeln Sie?" unterbrach ich ihn.

"Mit fast allem! Mit Nahrungsmitteln wie Getreide, Bier und Wein, feinen Gewürzen wie Ingwer, Muskatblüte, Pfeffer, mit Tuchen, Seife, Wachs, Salz, Butter, Feigen, Mandeln, Rosinen, Haselnüssen, Pelzwerk, Seide, Kupfer, Eisen, Blei, Silber, Stockfisch, Reis, Korallen, Edelsteinen und Rosenkränzen. Mehr fällt mir momentan nicht ein. Aber laß mich mal in meine Papiere schauen."

Und dann kramte er in seinen Blättern und überflutete mich mit neuen Informationen, z.B. was er wo aufkauft und wohin verkauft.

"Ich sage dir, aus der flandrischen und englischen Wolle können die feinsten Tuche hergestellt werden", begann er wieder loszulegen, nachdem er gesehen hatte, daß ich mit dem Abfassen meiner Notizen fertig war.

"Martin lebt genau am wirtschaftlichen Nabel der Welt. In Brügge, wo ich auch vier Jahre lang wirtschaftlich aktiv war, herrscht ein angenehmes Geschäftsklima. Im allgemeinen werden hier korrekte, höfliche Beziehungen unterhalten. Und mit den Flamen hat man wirklich kaum Ärger. Da sieht es schon ganz anders in Venedig aus! Hier wirst du viel unsanfter angefaßt. Außerdem gilt hier die Regel, das Geld soll im Lande bleiben. Mit dem Erlös deiner verkauften Waren mußt du in Venedig wieder neue Artikel einkaufen!"

"Wer sind Ihre Kunden?" warf ich meine nächste Frage ein.

"Privatkunden und Handwerker, die meine angebotenen Rohstoffe verarbeiten und weiterverkaufen. Auch Frauen zählen zu meinen Kunden. Manche Waren wie Feigen lasse ich auch selbst auf dem Markt anbieten. In Lübeck geht das Pelz- und Wachsgeschäft sehr gut. Die Kirchen in dieser Stadt und im Umkreis sind treue Kunden."

"Und welche Waren bringen viel Geld ein?"

"Seide, Gewürze und Edelsteine!" antwortete er sofort und stellte das Pult vom Tisch auf den Boden, klappte die Tischplatte hoch und ließ mich in das Innere seines Schreibtisches blicken, in dem sich hinten und an den Seiten viele kleine Schublädchen befanden. Eines dieser Schublädchen öffnete er und zeigte mir dessen Inhalt: Edelsteine.

"Am wertvollsten und am häufigsten gewünscht sind Diamant und Rubin. Aber ich handele auch mit Granat, Smaragd, Hyazinth, Saphir, Topas, Chrysolith, Balas, Türkis, Achat, Jaspis, Beryll, Gagat, Bergkristall und anderen Edel- und Halbedelsteinen. Ja, und mit Korallen. Nur mit Perlen habe ich nichts zu tun. Die echten Perlen sind viel zu teuer! Damit kann ich kein großes Geschäft machen. Sie werden am Persischen Golf von Perlenfischern gewonnen. Und das kostet viel Geld!"

"Aber Sie besitzen doch welche, nicht wahr? Ihre Frau und auch ihre Tochter haben doch mehrere Perlenketten", entgegnete ich.

"Nein, das sind keine echten Perlen. Das sind Glasperlen aus Venedig, hergestellt von Glasmachern. Es gibt auch Edelsteinimitationen aus gefärbtem Glas. Aber nur die echten Edelsteine schützen ihre Träger. Der Diamant z.B. bewahrt vor jeglichem Schaden, der durch andere Menschen verursacht werden könnte. Schwangere Frauen, die ihn tragen, werden einer glücklichen Geburt entgegensehen können. Am linken Arme wirkt er als Talisman gegen wilde Tiere, Gift und böse Geister. Der Rubin und der Balas schützen Hab und Gut. Einige behaupten, daß der Rubin Schnupfen und böse Dünste anziehen würde. Das kann ich nicht bestätigen. Der Smaragd verhindert Augenkrankheiten, bewahrt vor fallender Sucht und wendet Blitze ab. Der Türkis schützt vor dem Verlust von Gliedmaßen. Der Saphir heilt Geschwulste, indem er über sie gestrichen wird, und erlöst von möglicher Gefangenschaft. Außerdem wirkt er kleingemahlen als Abführmittel und hilft gegen die Wassersucht. Der Granat hat nur geringe Kraft. Es ist aber gut, ihn vor Gericht bei sich zu haben. Außerdem macht er das Herz fröhlich. Der Achat hilft gegen den Stich des Skorpions und macht, links getragen, weise und angenehm. Wenn du ihn beim Schlafen unter deinen Kopf legst, erzeugt er viele Traumbilder."

Bei jeder neuen Information zeigte er mir einen anderen Edelstein, den er aus dem Schublädchen holte und in seine Hand legte.

"Dieser Beryll hier hilft, wenn du ihn zermalmst und mit Wasser trinkst, gegen Krankheiten der Leber. Außerdem bewahrt er vor Feinden und macht dein Herz lustig. Der Gagat fördert die Geburt. Der Topas hält seinen Träger keusch, und der Chrysolith vertreibt die Melancholie."

Mit dem letzten Edelstein verschwand das Schublädchen, und ein neues wurde aus dem Inneren des Tisches herausgezogen.

"Das hier sind Korallen. Ich kaufe bleiche, rote und schwarze ein. Und hier sind helle und schwarze Bernsteine. Die hellen bekomme ich aus Livland und Preußen, die schwarzen aus England und Frankreich. Korallen, nebenbei erwähnt, wenden ebenfalls Blitze ab. Aber ich kaufe sie hauptsächlich zur Herstellung von Rosenkränzen."

Wie der große Zauberer Merlin kam mir unser Gastgeber vor, als seine Hände, die nur kurz ins Innere des Tisches griffen, plötzlich mit verschiedenen Rosenkränzen behangen vor mir erschienen.

"Zur Herstellung von Rosenkränzen verwendet man Kügelchen aus Holz, Korallen, Bernstein, schwarze Muscheln, Calcedone und z.T. Silber."

"Was sind Calcedone?"

"Der Calcedon ist ein durchsichtiger Halbedelstein und bildet den Hauptbestandteil des Achats. Gewöhnlich sind im Rosenkranz die größeren Kugeln aus Calcedon oder aus Silber. Am unteren Ende des Rosenkranzes können ein silbernes Kreuz, ein "Agnus Dei", der wunderkräftige Krötenstein oder weltliche Dinge, wie hier der Bisamknopf, der Moschus enthält und als Parfümbüchschen dient, oder auch Herzchen, Ringe oder Edelsteine hängen."

"Stop, was ist Krötenstein für ein Material? Das sieht doch total unscheinbar aus."

"Der Krötenstein ist das getrocknete Hirn einer Kröte!"

Na, das glaube ich nicht. Ich habe mir vorgenommen, morgen den Holger einmal zu fragen, was das wirklich ist.

"Aber, Kurt, das hier ist das Beste!" fuhr der Kaufmann fort und zeigte mir einen Ring an seinem rechten Zeigefinger.

"Elektron! Das ist Elektron!"

Auf meine Frage, was denn dieses Elektron wäre, erhielt ich folgende Antwort:
"Elektron wird aus den sieben Metallen: Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber und Silber gewonnen. Aus diesen sieben Metallen wird es unter ganz bestimmten Regeln zusammengeschmolzen. Man kann daraus Gefäße, Leuchter, Waffen, Amulette, Glocken, Spiegel und Ringe herstellen. Ein Gefäß aus Elektron schützt vor Gift, in dem es dieses durch Farbveränderung anzeigt. So ein Ring aus Elektron kann alles Gift an sich ziehen, zeigt dir deine Feinde, macht dich gegebenenfalls unsichtbar und offenbart die Unzüchtigen und Ehebrecher. Prima, was!"

Ehrlich gesagt, mittlerweile hatte ich vom Hokuspokus genug und versuchte unseren Gastgeber durch meine nächste Frage wieder auf den Boden der Realität zu bringen: "Wie kann man eigentlich vom Schreibtisch aus alle anfallenden Geschäfte erledigen?"

"Ach, in solch einem Familienunternehmen klappt das sehr gut. Meinen Leuten draußen kann ich gar nicht jedesmal bis ins kleinste gehende Anordnungen geben. Weißt du, sie arbeiten für die Familie, sind alle durch Gewinnbeteiligung am Erfolg unseres Hauses interessiert und tun deshalb schon ihr Bestes. Wenn sie nur auf meine Entschlüsse warten würden, wären wir wirtschaftlich nicht da, wo wir jetzt sind. Meine Söhne, meine Verwandten und Freunde sind mit ihrer Kundschaft verwachsen und wissen, was diese wünschen. Ich gebe hier und dort noch Ratschläge und bin sonst eigentlich nur für den Lübecker Raum zuständig. Während ich die Rosenkränze z.B. verpacke und nach Venedig schicke, wo sie sehr gefragt sind, nimmt dort mein Freund und Schwiegersohn, Hans Allenpeck, den Verkauf der Rosenkränze vor und ersteht für das verdiente Geld Seidenstoffe, Rohbaumwolle, Glas, Brasilienholz und andere wertvolle Gegenstände. Diese Waren sendet er wieder an mich. Wenn bestimmte Warenmengen oder sogar der gesamte Vorrat abgesetzt werden konnte, wird Rechenschaft gehalten, und der Gewinn entweder in barem Gelde ausgezahlt, was selten geschieht, oder zu neuen Unternehmungen benutzt."

"Gibt es bei Ihnen eigentlich Monopolbildungen? Ich meine, darf ein Kaufmann z.B. alle Seide aufkaufen und dann den Preis für diese Ware bestimmen?"

"Wir nennen das nicht Monopol, sondern »Fürkauf«. Oh, es ist eigentlich streng verboten, das gesamte Angebot einer bestimmten Warensorte aufzukaufen, um diese dann allein anbieten zu können. Auch die künstliche Verknappung der Waren durch Zurückhaltung wird schwer bestraft. Aber in Schwaben und im Elsaß soll das schon öfters mit Salz, Getreide und Silber versucht worden sein."

"Wie sieht es eigentlich mit dem Geld aus? Ich habe noch vage in Erinnerung, daß es zig verschiedene Münzen im Mittelalter, äh, in Ihrer Zeit gibt. Wie bezahlen Sie Ihre Einkäufe?"

"Geld, das ist wirklich eine schwierige Angelegenheit. Momentan gibt es viel zu wenig Geldmünzen auf dem Markt."

Er zog wieder ein Schublädchen heraus und streckte mir eine Münze entgegen.

"Das hier ist ein Goldflorin. Er ist die Handelsmünze für ganz Mittel- und Osteuropa. Der Geldverkehr erhält durch ihn erst einen festen und allgemein anerkannten Wertmaßstab."

Er legte die Goldmünze in meine Hand. Auf der Vorderseite war Johannes der Täufer zu sehen, auf der Rückseite eine Lilie.

"Neben ihm spielen eigentlich nur noch die Golddukaten von Venedig eine Rolle. Ich habe in anderen Schubladen noch englische Nobel, französische Kronen, flämische Pfunde, lübische Markstücke, westfälische Groschen, Kölner Pfennige, einige Heller und Rheinische Gulden. Dieser Rheinische Gulden ist die wichtigste Goldmünze in Deutschland. Zur Begleichung der beim Einkauf entstandenen Kosten bediene ich mich selbst der Wechselbriefe. Mit diesen Wechselbriefen, die ich beim Verkauf meiner Waren ebenfalls erhalte, bekomme ich in einer fremden Stadt Kredit oder Bargeld bei den Partnern meines Geschäftsfreundes, der mir das Geld eigentlich zahlen müßte. Das ist doch weitaus besser, als größere Geldbeträge mit sich herumzuschleppen."

"Wie sieht es aus, wenn man bankrott ist und dringend Geld benötigt. Kann man sich außer bei den Juden sonst noch irgendwo Geld leihen?"

"Na, klar! Aber die Bankhäuser arbeiten mit Wucherzinsen. 60% im Jahr und 100% im Monat sind keine Seltenheit! Gott schütze unser Haus vor diesen Blutsaugern""

"Geben diese Bankhäuser jedem Kredit? Auch mir?"

"Benötigst du etwas? Ja, wenn du kein Soldat, Offizier oder Student bist, werden sie auch dir Geld leihen."

"Wie verträgt sich das aber mit dem kirchlichen Gebot, für geliehenes Geld keine Zinsen zu nehmen?"

"Ach, die schlauen Füchse wissen diese Zinsbestimmungen zu umgehen. In ihren Kreditverträgen wirst du nichts von überhöhten Zinsen lesen. Dem Kreditnehmer aber wird ein niedrigerer Betrag als die im Vertrag genannte Kreditsumme ausgezahlt. Einige Bankiers leihen ihr Geld zinslos aus, verlangen aber >Schadensersatz< bei Verzögerung der Rückzahlung. Verstehst Du, ganz schön gewitzt, was!"

"Ist das Leben als Kaufmann sehr risikoreich? Haben Sie schon große Verluste einstecken müssen? Erzählen Sie doch etwas über ihr Leben!"

"Risikoreich ist unser Leben. Das kannst du laut sagen! Du weißt nie, ob du den Wohlstand und den Reichtum, den du dir erarbeitet hast, immer halten kannst. Vor vier Jahren hatte ich ein regelrechtes Pechjahr. Meine gekauften Tuche wurden von Würmern zerfressen. Bei einer Reissendung hatten zwei nicht völlig dichte Fässer Wasser angezogen, und der Inhalt war natürlich verdorben. Dann fand ich auf der Frankfurter Messe für den Restreis keine Abnehmer. Die Seide ging in diesem besagten Jahr auch schlecht weg, und für Pelzwerk sank der Preis. Den gekauften Stockfisch wurde ich weder in Köln noch in Straßburg los. Aber das reichte noch nicht. Mein damaliger Handelsdiener, Nikolaus Henlein, wurde, als er mit meinen Waren umherzog, von Raubrittern unter Führung des widerlichen Grafen von Segenhagen überfallen. Sie hatten ihn bzw. mich nicht nur um 1 700 Rheinische Gulden erleichtert, sondern hielten meinen Diener zwei Jahre lang gefangen.

Mein Bruder Engelbrecht, der vor meinem Sohn Martin die Interessen unseres Hauses in Brügge vertreten hatte, saß sogar wegen Schulden vier Jahre im Gefängnis. Wir konnten damals, das ist bestimmt schon 30 Jahre her, seine Schulden nicht begleichen. Ach, das war aber auch ein Nichtsnutz von Bruder! Er war alles andere als ein Kaufmann. Sein Leichtsinn, seine geringen Geschäftskenntnisse und Unvorsichtigkeiten haben ihn ins Schuldgefängnis gebracht."

"Wie sieht denn so ein Schuldgefängnis aus?"

"Nach den Beschreibungen meines Bruders bestand es aus einem oberen Stockwerk und einer Dunkelkammer. Das obere Stockwerk besaß eine Reihe kleiner Gemächer, die nur durch einen Vorhang verschlossen waren. So konnten die Eingesperrten jederzeit ohne Zwang beaufsichtigt werden. In diesem Gefängnis soll es auch eine Kapelle und mehrere große Räume gegeben haben. Mein Bruder konnte sich zum Schlafen entweder eines der Gemächer mieten, ich glaube gegen einen wöchentlichen Zins von 5 Groschen, oder er mußte sein Nachtlager im allgemeinen Wohnraum aufschlagen. Da er sein eigenes Bett mitgenommen hatte, brauchte er keines zu mieten. Die Verpflegung der Gefangenen geschah auf deren Kosten. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten durfte Engelbrecht wie alle anderen Gefangenen durch die Gnade des Fürsten und des Magistrates zeitweilig außerhalb des Gefängnisses leben. Mir ist so etwas, Gott beschütze mich, noch nicht passiert. Ich bin ein sehr vorsichtiger Kaufmann. Ich verteile meine Waren immer auf mehrere Schiffe oder Maultierkarawanen. Aufmerksam verfolge ich den Wechsel des Marktes. Ich glaube, stolz von mir sagen zu können, daß mir keine Konjunktur, bei der sich eine Aussicht auf Gewinn eröffnet, entgeht. Aber manchmal bin ich wütend und verzweifelt. Der Nachrichtenverkehr ist viel zu langsam. Hast du eine Ahnung, wie lange meine Briefe unterwegs sind, falls sie nicht verlorengehen? Von Lübeck nach Brügge dauert es je nach der Beförderungsart und der Jahreszeit zwischen 3 - 48 Tagen! Der Durchschnitt liegt, wenn du ein Schiff benutzt, bei 10 - 12 Tagen! Von Danzig bis Brügge dauert der Briefverkehr 10 - 37 Tage, von Riga nach Brügge 39 - 73 Tage und von Köln nach Brügge 3 - 40 Tage. Dabei ist diese letzte Route im Sommer ohne Schwierigkeiten in 6 - 8 Tagen mit dem Pferd zu schaffen.

Aber das ist nicht alles! Uns Kaufleuten wird nicht genug Schutz gewährt. Diese vielen Kriege und politischen Unruhen machen uns das Leben zur Tortur. Wir reisen momentan nur noch in großen Karawanen mit z.T. 600 anderen Kaufleuten. Wir müssen uns eben selbst schützen."

"Wer erledigt eigentlich diese Brieftransporte?"

"Dafür haben wir unsere Läufer und Boten."

"Haben Sie als erfolgreicher Kaufmann persönlich viel von der Welt gesehen?"

"Oh, ja! Ich war viel unterwegs. Oft war ich monatelang nicht zu Hause. Als junger Mann mußte ich die Waren meines Vaters ins Ausland begleiten. Ich habe große Teile in Deutschland, Flandern, Italien, Livland und Rußland kennengelernt. Vier Jahre habe ich in Brügge gelebt, drei Jahre in Venedig, 10 Jahre in Nowgorod."

"Welche Leute arbeiten für Sie, abgesehen von ihren Kinder und Verwandten?"

"Ich habe viele Angestellte: Läufer, Fuhrleute, Schiffer, Knechte, Handelsdiener und Lehrlinge. Die Handelsdiener begleiten die Waren und werden für jedes Geschäft eigens von mir angestellt. Zwei meiner Lehrlinge hast du ja kennengelernt."

"Können Sie bitte etwas über die Ausbildung der Lehrlinge erzählen", unterbrach ich Herrn von Münzenberg erneut.

"Die Lehrzeit dauert fünf oder sechs Jahre. Meistens sind die Lehrlinge 13 oder 14 Jahre alt, wenn sie zu mir kommen. Sie müssen viel lernen. Warenkunde, Rechnen, Buchführung, fremde Sprachen sind das A und O eines jeden Kaufmannes. Sie müssen die Rechte, Zölle, Straßen, Münzen und Gewichte der verschiedenen Länder, in die sie ihr Handel führen wird, kennen. Außerdem sollten sie fit in Menschenkunde sein. Schließlich muß ich als Kaufmann mein Gegenüber, mit dem ich geschäftlich verkehre und dem ich vielleicht mein Hab' und Gut anvertraue, richtig einschätzen können. Meine Lehrlinge erhalten zwei Jahre lang freien Unterhalt. Der Lohn beträgt pro Jahr 16 Schillinge, und zusätzlich werden sie jährlich mit zwei neuen Röcken ausgestattet. Die Löhne und Preise sind in den letzten Jahren, nebenbei erwähnt, leider sehr rasch gestiegen. Seinen Lohn muß der Lehrling bei mir in meine Unternehmungen stecken, was ihm hinterher nicht nur einen Batzen Gewinn einbringt, sondern ihm auch günstige Startbedingungen für seinen eigenen beruflichen Werdegang verschafft. Nach diesen fünf bis sechs Jahren wird er für zwei Jahre ins Ausland geschickt. Nur so kann er Erfahrungen an fremden Märkten unter fremden Völkern sammeln. Er arbeitet in dieser Zeit auf meinen Auftrag hin und auf meine Kosten. Die jungen Männer müssen ja erst lernen, auf eigenen Füßen zu stehen."

"Ich habe über diese Zeit im Ausland schreckliche Sachen gehört. Die Aufnahmeriten gerade hier in der Hanse sind doch grausam!"

"Ich erinnere mich noch genau an meine Lehrjahre im Ausland. Wir Lehrlinge lebten damals zu zehn in einem Zimmer. Wegen der Feuergefahr gab es weder Öfen noch Licht in diesen Räumen. Und das im kalten winterlichen Nowgorod! Wir schliefen auf Seegrasmatratzen in Boxen, die mit Schiebetüren verschlossen wurden. Es war kaum Platz für einen vorhanden, aber sie packten uns zu zweit ins Bett. Unser Meister hatte an seiner Wand eine Ochsenschwanzpeitsche, die er gern und ausgiebig benutzte. Meine Aufnahme in die Hanse werde ich nie vergessen. Ich wurde zuerst über einem stinkenden, mit Abfall geschürten Feuer den Schornstein hinaufgezogen und anschließend mit Kot beschmiert. Dann wurde ich zum Waschen in Weintonnen mit eiskaltem Wasser getaucht. Zuletzt durften mich die stärksten Männer unter dem dumpfen Ton der Zimbeln bewußtlos schlagen. In einigen Faktoreien z.B. in Bergen ist das Scheinhängen, also das Hängen bis zur Bewußtlosigkeit, beliebt. Dabei habe ich meinen besten Jugendfreund verloren. Aber weißt du, Kurt, das war immer schon so mit dem Aufnahmeritus. Unsere Väter, Großväter usw. mußten das über sich ergehen lassen. Und auch unsere Söhne, Enkel und weiteren Nachfahren werden das durchmachen müssen."

Mensch, dieses "Schicksalsdenken" fand ich immer schon zum K.....! Aber die Erdenbürger handeln ja heute noch in manchen Angelegenheiten so "mittelalterlich"! Man denke doch nur an die schlagenden Verbindungen! Deshalb hielt ich es für Zeitverschwendung, unseren Gastgeber davon zu überzeugen, daß solche Riten erst dann aufhören, wenn einer so mutig und intelligent ist, diese Bräuche nicht als wichtige Traditionsträger zu sehen, sondern als primitive, eigentlich menschenunwürdige Handlungen! Und so lenkte ich vom Thema ab, indem ich fragte, wieviel Steuern Herr von Münzenberg in seiner Position zahlen müßte.

"Bei uns gibt es die Bede und die Kopfsteuer", erwiderte er. "Die Kopfsteuer müssen nur die Ärmsten nicht zahlen. Die Bede oder Vermögenssteuer setzt sich aus einem fixen Satz, den jeder Haushalt zahlen muß, und aus einer je nach dem Vermögensstand abgestuften veränderlichen Abgabe zusammen. Bei beweglichem Vermögen, zu dem natürlich auch unsere Häuser gehören, beträgt sie 1,3%, bei liegendem Gute fast 7%. Aber ein reichlich bemessener Teil des Vermögens bleibt steuerfrei, so z.B. der dritte Teil des Wohnhauses, ein Pferd, eine Kuh, Hausrat und Kleider, zwei silberne Becher pro Familie, sowie ein Jahresvorrat an Getreide, Wein, Brennholz, Viehfutter und Stroh."

"Ich möchte demnächst selbst ein Unternehmen eröffnen. Was mich nun interessiert, was machen Sie mit den Gewinnen aus ihren Verkäufen? Wie legen Sie ihr Geld an?"

"Natürlich bin ich bestrebt, mein Vermögen durch geschickte Geldanlagen zu vermehren. Das ist eigentlich meine Aufgabe in den letzten drei Jahren geworden. Ich habe das Geld unseres Handelshauses nicht nur in Silbergeschirr und Edelsteinen angelegt. Im guten Viertel St. Johannis besitze ich 14 Häuserblocks, fünf in der Glockengasse und neun in der Beckergasse. Häuser werfen bedeutende Beträge ab. Vermietet habe ich sie an Handwerksfamilien und Händlerinnen. Zum Teil wohnen sieben bis acht Parteien in einem Haus. Selbst die Keller bin ich an alleinstehende Frauen losgeworden.

Außerdem bin ich Besitzer einer Saline in Oldesloe. 10 große Pfannen und verschiedene kleinere sind dort für mich in Betrieb. Vor kurzem bin ich in Böhmen in die Silbergewinnung eingestiegen. Vielleicht werde ich demnächst auch bei der Goldgewinnung in Siebenbürgen mitmischen.

Viel Geld habe ich auch in Grund und Boden angelegt. Grundbesitz stellt eine sichere Kapitalanlage dar. Ich habe Landbesitz vor den Mauern der Stadt und ein Landgut, auf dem meine Familie die Sommermonate verbringt. Das von den Pächtern gelieferte Getreide wird z.T. in meinem großen Haushalt verbraucht, z.T. wird es aber auch gelagert, um in Notzeiten auf die Vorräte zurückgreifen zu können.

Außerdem habe ich gewerbliche Anlagen wie Verkaufsstände, Fischbänke, Back-, Brau- und Schlachthäuser, Schmieden, Mühlen, z.B. eine Walkmühle gekauft. Diese Anlagen konnte ich alle gewinnbringend vermieten.

Und ich kann nicht leugnen, daß ich auch durch Darlehensgeschäfte mein Vermögen vergrößere. Bei den Zinsen! Ich wäre Jesus Christus persönlich, würde ich die Chance nicht nutzen. Seit einem Jahr gehöre ich der Münzerhausgenossenschaft an. Die Mitglieder dieser Genossenschaft sind hauptsächlich Geldmakler, Bankier und Unternehmer. Wir kaufen Gold und Silber, beschaffen uns also das Prägematerial, und betreiben dann den Geldwechsel. Nur so wird man ein reicher Mann. Durch Lotterieteilnahmen in Frankfurt a. M. sind noch nicht viele vermögend geworden. Von nichts kommt nichts."

Weitere Fragen konnte ich nicht loswerden. Maria bat uns zu Tisch.

Jetzt ist es schon wieder abend, fast zehn Uhr. Otto, der wie ein echtes Familienmitglied behandelt wird, und ich schlafen in der Stube. Ich werde jetzt mit dem Schreiben aufhören! Denn morgen werde ich schon sehr früh aufstehen müssen. Herr von Münzenberg will mir sein in Tonnen verpacktes Pelzwerk zeigen.

Kurt