Eintrag 5
Heinkes Bericht, geschrieben am 6.12.1437
Heute ist Nikolaus! Und was für eine wohltuende Ruhe herrscht wegen des Feiertages im Haus! Das werde ich zum Schreiben nutzen! Denn ich habe mittlerweile alle Räume im Haus und den Rest der Familie zumindest namensmäßig kennengelernt.
Von der Eingangshalle, von der Küche und von der Straße aus gibt es Zugänge zum Gewölbekeller. So einen großen Keller habe ich noch nie gesehen! Er besteht aus drei Geschossen (abwärts!) und ist in jeder Etage durch eine Reihe von vier Rundbogenöffnungen in zwei gleichgroße Bereiche geteilt worden. Hier werden Waren, Vorräte, Holz und Holzkohle gelagert bzw. ausgestellt.
In der Eingangshalle führt rechts eine Tür in einen Raum, in dem die Handelsdiener einfache geschäftliche Abwicklungen tätigen und in dem kleinere Warenlieferungen vorläufig gelagert werden. Die winzigen Fenster in der Kammer sind nicht verglast. Vorne links in der Halle, direkt unter der Treppe, gelangt man in die kleine Schlafkammer der Knechte und Lehrlinge.
In der Küche, zu der von der Halle eine Tür hinten rechts führt, bin ich nicht besonders gern. In ihr gelangt man durch eine schmale Holztreppe, die sich neben dem Steinherd befindet, in den Vorratskeller. An den Küchenwänden stehen die Töpfe auf Brettern und hängen die Zinn- und Metallkannen mit ihren Henkeln an Holzhaken. Ein Holzkasten dient zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, und ein Schragentisch ist mit einem Hackklotz und zwei Senfmühlen belegt worden. Und in eine Ecke gequetscht, liegt das "heimliche Gemach", das nur durch lose Bretter vom Küchenraum getrennt wird. Kein Wunder, daß es hier immer so eigenartig riecht! Insgesamt konnte ich auf den Brettern und in den Nischen der Küche 4 große und 14 kleine zinnerne Schüsseln, 5 Kannen, 20 Tonschüsseln, 5 Kessel, 7 Töpfe und 4 Pfannen entdecken. Zwei lederne mit Wasser gefüllte Eimer und ein gefüllter Wasserkessel müssen hier laut Maria ständig wegen der großen Brandgefahr griffbereit zur Verfügung stehen.
Zum Säubern der Tische nimmt Maria einen Flicklappen aus minderwertigem, grobem Leinenzeug. Ach, diese Küche ist wirklich ein gräßlicher Raum! Mir brennen hier auch jedesmal die Augen. Der Rauch zieht nämlich nicht durch einen Schornstein, sondern durch die Türen und die Ritzen des Hauses ab.
Da lob' ich mir den Kachelofen in der Stube. Er wird von einem Extrazimmer aus beheizt und wärmt deshalb ohne Rauch!
In der dritten und vierten Etage befinden sich einfache Räume mit lose gelegten Bretterböden und kleinen, mit geöltem Pergament versehenen Fenstern. Hier werden Extrastühle, -tische und -betten aufbewahrt sowie in Tonnen verpacktes Pelzwerk und Kisten mit Rosenkränzen.
Der Hof, der in der Mitte einen Brunnen besitzt, ist umgeben von Schuppen und Ställen aus Holz, in denen Pferde, Kühe, Schweine und Hühner gehalten werden, einer Waschküche, einem kleinen Backhaus, einer Spültonne, aus der Wasser zum Säubern der Haushaltsgeräte geholt wird, einer Badestube und der Gemeinschaftstoilette.
Die Badestube wurde wie das Backhaus aus Stein gebaut. Sie ist innen mit Holz verkleidet worden, hat einen aus Steinwerk in die Mauer gearbeiteten Kamin, zwei tiefliegende Fenster, eine niedrige Tür und zwei runde hohe Sitzwannen.
Neben den Ställen befinden sich – außer im Winter natürlich – die Obst-, Gemüse- und Zierpflanzengärten. Magdalena erzählte mir gestern, daß im Zierpflanzengarten in den wärmeren Jahreszeiten Akeleien, Madonnenlilien, Maiglöckchen, Osterglocken, Pfingstrosen, Rosen, Schwertlilien und Veilchen ihre ganze Schönheit zeigen würden.
Außer mit Maria bin ich oft mit Magdalena zusammen, die mich heute morgen über die Familienverhältnisse unseres Gastgebers aufgeklärt hat.
Ihr Vater, Reinhold von Münzenberg, wurde im Jahre 1368 hier in dieser Stadt geboren. Er stammt aus einer reichen und angesehenen Kaufmannsfamilie. Mit jungen Jahren schon wurde er als ältester Sohn seines Vaters zu allen wichtigen Fahrten mitgenommen. Mit 18 Jahren vertrat er die geschäftlichen Interessen des Hauses in Nowgorod, wo er 10 Jahre seines Lebens verbrachte. Erst mit 40 Jahren heiratete er die 16-jährige Ida von der Lintgasse, die ebenfalls aus einer hier ansässigen, reichen Kaufmannsfamilie stammte. Aber schon ein Jahr später war er Witwer geworden. Ida starb an der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes. Sie hatte ihren Sohn Martin nie zu Gesicht bekommen. Dieser Martin, der wie seine Mutter strohblond und sehr hübsch sein soll, ist nun schon 28 Jahre alt und vertritt die Interessen des Hauses in dem Familienkontor in Brügge.
Mit 43 Jahren schloß Magdalenas Vater seine zweite Ehe. Die Auserwählte war die 15-jährige Stina van Wave, deren Familie zu den reichsten und angesehensten Kaufmannsfamilien in Köln zählt. Sie schenkte ihrem Mann 10 Kinder, von denen noch acht am Leben sind.
Johannes, 25 Jahre alt, lebt in Nowgorod, wo er die geschäftlichen Interessen des Hauses vertritt. Agnes, 23 Jahre alt, ist seit acht Jahren mit einem verarmten landadligen Ritter namens Kuno von Beseburg verheiratet. Seit dieser Zeit bringt sie mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr ein Kind auf die Welt. Gerade vor einem Monat wurde sie von einer Tochter, die sie Christine nannte, entbunden. Von ihren anderen Kindern sind nur noch der 6-jährige Kuno und der 3-jährige Bruns am Leben.
Wolfram, 22 Jahre alt, ist der Geistliche der Familie. Er lebt hier am Ort als Kanoniker in der Stiftsgemeinschaft St. Johann. Elisabeth, 21 Jahre alt, ist seit fünf Jahren mit einem Geschäftsfreund ihres Vaters namens Hans Allenpeck verheiratet. Sie hat noch keine Kinder. Vielleicht bringt es ihr 67-jähriger Ehemann ja nicht mehr? meinte Magdalena scherzhaft. Die beiden leben in Venedig, im Kaufhaus der Deutschen am Rialto. Hans Allenpeck vertritt die Interessen unseres Gastgebers dort seit 32 Jahren. In erster Ehe war er mit einer Schwester von Reinold von Münzenberg namens Margarethe verheiratet gewesen.
Veronika, 20 Jahre alt, lebt seit drei Monaten im vornehmen Kloster St. Klara. Vor zwei Tagen kam ein Brief von ihr an. Sie hat große Sehnsucht nach Hause, sagt Magdalena. Ständig bittet sie ihre Eltern und Geschwister, sie zu besuchen. Magdalena las mir den Brief vor. Nach dem Text zu schließen, war Veronika sehr unzufrieden mit dem wenigen und schlechten Essen im Kloster. Sie bittet ihre Mutter um Konfekt, mit Zucker überzogen, und wegen der Kälte um eine zweite Pelzdecke.
Das Kloster St. Klara sei nur einen Tagesritt von der Stadt entfernt, fügte Magdalena hinzu. Hier am Ort gibt es auch ein Nonnenkloster. Aber als vor einem halben Jahr dort der Blitz eingeschlagen hatte und große Teile der Gebäude Feuer gefangen hatten, machte die Stadt im Kloster eine schreckliche Entdeckung. Ein Mann und eine Nonne waren in einem Bett erstickt gefunden worden. Die anschließende Inquisition ergab, daß noch mehrere Männer in der fraglichen Nacht ein Stelldichein mit den Nonnen hatten. Die Nonnen, die aus dem Feuer gerettet werden konnten, waren fast alle schwanger oder hatten vor kurzem erst entbunden. "Da wollte mein Vater natürlich nicht die Veronika hinschicken! Weißt du, was man sagt? Die Nonnen dort hätten die männlichen Findelkinder behalten, großgezogen und geschlechtlich benutzt! Kannst du dir das vorstellen?"
Sebastian, 18 Jahre alt, lebt seit neun Jahren in Köln bei seinem Onkel Jakob van Wave. Der Bruder ihrer Mutter ist schon 57 Jahre alt, hat aber nur zwei Töchter, die beide ins Kloster gehen möchten. Sebastian ist für ihn der so lang ersehnte Sohn geworden. Er soll später alles von ihm erben.
Ja, und dann folgen nur noch Magdalena, 16 Jahre alt, Vaters absoluter Liebling, und Melchior, 10 Jahre alt.
Ein Bruder unseres Gastgebers namens Hanns und eine verwitwete Schwester namens Rixe leben hier noch am Ort, und eine andere Schwester namens Fieke lebt mit ihrem Mann in Gent. Zusätzlich zählen zur Familie noch das Gesinde und die Auszubildenden. Die Lehrlinge Wolfgang Kremser, 16 Jahre alt, und Johann Rock, 15 Jahre alt, habe ich schon am ersten Tag kennengelernt. Die älteren Lehrlinge, Engelbrecht Witte und Hans Klunder, befinden sich in Nowgorod bei Johannes. Mit den Mägden, Grete Vischer, 20 Jahre alt, und Maria Huchtbrock, 24 Jahre alt, habe ich schon Freundschaft geschlossen. Die häßliche Magd, die mir am ersten Abend die Sicht versperrte, ist Amalia Werbick, 31 Jahre alt. So einen häßlichen Menschen habe ich noch nie gesehen. Breitgedrückte Nase, schiefer Mund mit wulstigen Lippen, schlecht gestellte und übergroße Zähne, grün-gelbe Gesichtsfarbe... wollt Ihr noch mehr hören? Brr!
Die älteste Magd ist Agnes Sydenneer, 64 Jahre alt, die mit Otto Lodigke liiert ist. Sie ist eine reizende Person, immer freundlich und hilfsbereit. Magdalena erzählte mir, daß Agnes ihre Patentante wäre. Otto sei der Patenonkel von Sebastian.
Und dann gibt es noch die 13-jährige Magd Elisabeth Schürstab, die von Agnes und Otto wie eine Tochter behandelt wird.
Neben Otto Lodigke, 69 Jahre alt, gibt es noch drei Knechte: Reinhard Ruwe, 16 Jahre alt, Everd Moyelik, 19 Jahre alt, und Lubbert Pfeerdeknecht, 23 Jahre alt.
Unsere Gastgeberin habe ich in den letzten Tagen auch liebgewonnen. Unter ihrer rauhen Schale verbirgt sich ein butterweiches Herz. Stellt Euch vor, sie läßt für mich zwei Kleider nähen! Einem Schneider gab sie zwei ausgesprochen feine Stoffe, die dieser in 14 Tagen in zwei feine Oberröcke verwandeln soll. Magdalena erklärte mir, daß dies der beste Schneider am Ort wäre. Falls man trotzdem Mängel entdecken sollte, kann man innerhalb von 14 Tagen auf die Fehlerbeseitigung oder auf eine Ersatzleistung pochen.
Stina van Wave ist eine sehr beschäftigte Frau. Da unser Gastgeber nicht nur Kaufmann ist, sondern auch im Dienste der Stadt steht, liegt während seiner Abwesenheit das gesamte Geschäft in ihren Händen. Sie führt aber auch sonst die Rechnungs- und Haushaltsbücher, wickelt und schließt selbständig kleinere Geschäfte ab, nimmt Zahlungen an, bezahlt Rechnungen, verhandelt mit Handwerkern, Lieferanten und gibt Verwandten und Bekannten kleinere Darlehen.
P.S.: Magdalena hat mir gerade die riesige Truhe im Elternschlafzimmer gezeigt. Diese reichgeschnitzte Brautkiste aus Tannenholz ist bis oben hin mit tollen Kleidern gefüllt. Aber was mich besonders erstaunte, ist die Tatsache, daß die verschiedenen Teile der Kiste durch Zapfen, Zapfloch und Holzdübel verbunden sind. Denn laut Magdalena ist die Verwendung von Eisennägeln und Leim streng verboten, weil Jesus Christus z.B. mit Eisennägeln an das Kreuz geschlagen wurde! Und noch etwas Interessantes habe ich erfahren! Wißt ihr, welche Handwerker hier Tischleuchter herstellen? Nein? Das machen an diesem Ort die Kessel- oder Pfannenschmiede! Darauf wäre ich auch nie gekommen!

