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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 2

Heinkes Bericht über den ersten Tag, den 2.12.1437

Am frühen Nachmittag landeten wir nur zwei oder drei Kilometer entfernt von unserer norddeutschen Gastgeberstadt. Die Schneehöhe beträgt hier mindestens einen Meter! So einen Winter haben wir in Deutschland schon lange nicht mehr zu sehen und zu spüren bekommen. So waren mir die Füße natürlich schon nach wenigen Minuten eingefroren! Frei gefegte Wege, geschweige denn Straßen, konnte man vergeblich suchen. Nur einige Karren und Fußtritte hatten den Schnee auf dem Weg zur Stadt etwas kompakter werden lassen. So kalt habe ich es mir hier nicht in meinen kühnsten Träumen vorgestellt! Holger ergriff als erster die Initiative und trieb uns zum Vorwärtsmarschieren an. Er wollte nicht schon vor den Toren erfrieren. Langsam trippelten wir mit unseren unbequemen Holzschuhen voran. Mindestens meine Stiefel hätte ich mitnehmen sollen! Hinter uns hörten wir das Knarren eines Leiterwagens. Die erste menschliche Begegnung! Aber der Fahrer hob nicht einmal sein Gesicht oder erwiderte unsere lieb gemeinten Grüße. Wären wir nicht zur Seite gesprungen, hätte der Typ uns glatt überrollt. Ohne auch nur einen Blick auf uns zu werfen, ließ er seinen Wagen an uns vorbeiklappern. Das bleiche Gesicht des Fahrers war starr nach vorne gerichtet, nur sein dünnes braunes Tuch, das ihn umgab, flatterte im Winde. "Erfroren, der Mann ist erfroren", gab ich unseren Leuten zu verstehen. Kein Wunder! Meine Hände ließen sich kaum noch bewegen. Hinten auf dem Wagen zwischen einer Ladung dürrer Zweige konnten wir eine Frau, in ein blaugraues Tuch gehüllt, entdecken. Auch sie blickte völlig apathisch in die Ferne.

Während die mit eisernen Felgen beschlagenen Räder den Wagen von uns entfernten, wurden wir erneut überholt. Ein alter Mann trieb mit einem dicken Stock bewaffnet einen mageren Esel an uns vorbei. Das Tier hatte er voll mit Holzscheiten beladen. Zu grüßen fiel nun keinem mehr von uns ein. Schließlich überholte uns noch eine alte Frau, die sich schwerbeladen mit Zweigen zu Fuß Richtung Stadt quälte. Alle überholten uns! Das lag nur an diesen blöden Schuhen. Schnee ist weiß und sauber! Also weg mit diesen Trippen! war mein rettender Gedanke. Da die Füße sowieso schon abgestorben und gefühllos waren, machte mir der direkte Schuhkontakt mit dem Schnee nichts mehr aus. Die langen Schnäbel der Schuhe band ich mittels zweier kleiner Schnüre, die meinen Wollsack umschlossen, hoch. Claudia, Holger und Kurt mußten neidvoll miterleben, wie ich davonlief und folgten schon wenig später meinem klugen Einfall.

Vorbei ging es an knorrigen blätterlosen Linden- und Vogelbeerbäumen, einem kleinen Erdwall und einem zugefrorenen Graben, der mit Hausmüll, Bauschutt, Mist und Abfällen aller möglichen Art zugeschüttet war und dementsprechend stank.

Vor uns lag die gewaltige Stadtmauer, deren Wehrtürme, Wehrgänge und Schießscharten immer deutlicher auszumachen waren. Direkt vor der Mauer befanden sich große Ställe. Aber Tiere waren weder zu hören noch zu sehen. Links konnte man in der Ferne eine Mühle erkennen, und rechts entdeckte Holger ein Dorf oder irgendeine Häuseransammlung. Claudia meinte, daß sie in einem der hinteren Ställe zwei Kinder gesehen hätte. Sollte das hier eine Slumsiedlung sein?

Endlich erreichten wir das gewaltige Tor. Unmittelbar daneben befand sich ein verkommen aussehender Gasthof mit dem Namen "Der arme Ritter". Das Schild mit einem stolzen Ritter zu Pferde schwankte vom Winde getrieben hin und her. Holger bat den grimmig dreinblickenden Torwächter um Einlaß. "Erst zahlen!" war dessen lakonische Antwort. Ohne Torgeld war nichts zu machen. Holger griff in seinen Beutel und holte einen Rheinischen Gulden heraus. Anscheinend ist der Gulden sehr viel wert. Der Torwächter wurde richtig freundlich, versuchte Holger zu erklären, daß er soviel Wechselgeld nicht besitzen würde und bat ihn um kleinere Münzen. Na, ja, wir hatten nichts anderes. Also war Holger großzügig und schenkte ihm den (unbekannten) Rest.

Hinter dem Tor trafen just in diesem Augenblick unsere Gastgeber ein. Sie hatten von Maike eine genaue Beschreibung von uns erhalten und erkannten uns daraufhin sofort. Kurt und ich sollten bei einem Kaufmann namens Reinhold von Münzenberg Unterkunft und Essen finden, Holger und Claudia bei einem Waidfärber namens Johannes Bussow.

Beide Herren gehören der wohlhabenden Schicht der Stadt an, so daß wir leider, oder Gott sei Dank für uns, mehr Einblicke in ihr Leben haben werden. Der Kaufmann, der, wie ich im Laufe des Tages noch erfahren sollte, 69 Jahre alt ist, stampfte uns entgegen. Mensch, ist der dick! Er war wie Kurt völlig in Schwarz gekleidet. Sein schwarzer Pelzhut glich einer umgekehrten Waschschüssel mit weit ausladendem Rand. Die bis zu den Füßen reichende Heuke wies an der rechten Seite einen großen Schlitz auf, so daß der rechte Arm frei lag. Sein Gürtel war gleich mit zwei übereinander hängenden Beuteln versehen. Der äußere kleinere war mit feinen Stickereien und Gold- und Silberfäden verziert. Außerdem war noch ein silberner Dolchgriff, der in einer silbernen Waffenscheide ruhte, zu entdecken. Mit seiner freien rechten Hand, die mindestens sechs Ringe zeigte, drückte er meine Rechte und klopfte Kurt väterlich auf die Schulter. Er sieht wirklich sehr freundlich aus, obwohl ich die große Warze schräg links unter dem Mund abstoßend finde. Der Waidfärber ist viel jünger, Mitte 30 schätzungsweise. Er war in blauer Heuke und blauer Mütze erschienen. Neben dem Kaufmann ähnelte er figurmäßig mehr einem dürren Klappergerüst.

Herr von Münzenberg war der erste, der zum Heimgehen aufforderte, was uns allen nur recht war. Holger, Claudia und der Waidfärber trennten sich schon am Tor von uns und verschwanden in einer engen Gasse. Die Hauptstraße, auf der wir zu unserem neuen Zuhause marschierten, ist laut unseres Gastgebers nur am Tor gepflastert. Dann besteht sie ausschließlich aus festgestampftem Lehm. Davon sah ich aber durch die dicke Schneeschicht nichts! Die Straße ist so breit angelegt worden, daß zwei Wagen gleichzeitig passieren können. Links und rechts wird sie von schmalen Häusern begrenzt, und hin und wieder gehen von ihr beidseitig schmalere Gassen ab.

Je weiter wir zur Stadtmitte vorstießen, um so bestialischer wurde jedoch der Gestank. Am Stadttor war es ja noch auszuhalten, aber hier... Wie muß es erst im warmen Sommer stinken! Etwas verlegen zog ich mein Taschentuch aus dem linken Ärmel, und hielt es vor die Nase. Wenn es regnete, würde diese Straße zu einem wahren Schlammbad werden, erklärte uns Herr von Münzenberg. Die Stadt hoffe aber, in den nächsten Jahren den Burgweg, so hieß diese Hauptstraße, mehr bepflastern zu können. Alles wäre nur eine Geldfrage!

Der Burgweg schien mir mittlerweile schmaler zu werden, oder vielleicht lag es auch nur an den Häusern, die sich mit ihren ersten, zweiten und eventuell dritten und vierten Stockwerken immer mehr Richtung Straße bewegten und schließlich nur noch einen Spalt Tageslicht und Luft hindurchließen. Einrichtungen wie Erker, balkonartige Vorbauten und Außentreppen ließen die Straße zusätzlich immer enger werden. Die abzweigenden Nebenstraßen waren krumm und höchstens ein bis zwei Meter breit. Die oberen Etagen der gegenüberliegenden Häuser waren oft nur noch einen Arm breit voneinander entfernt. Ungleichmäßig verteilt lagen auf den Straßen Trittsteine, auf denen man sich bei Regenwetter sozusagen von Stein zu Stein vorwärtsbewegen konnte. In der Mitte der Hauptstraße und der Gassen befand sich für alle sichtbar der Abflußkanal für das Abwasser. Hier mußte man vorsichtig gehen. Er war spiegelglatt. Kurt geriet schon arg ins Schlittern. In diesem wahren Chaos sich kreuzender, brechender und verschränkender Häuserlinien würde ich mich glatt verirren. Und dabei dachte ich immer, in so einer kleinen mittelalterlichen Stadt würde ich mich in Kürze zurechtfinden können.

Hundescheiße! Was für ein vertrauter Anblick! Zum Glück ist dieser Hundemist durch den weißen Schnee schon von weitem sichtbar. Aber das war erst der Anfang. Vorbei ging es an Hausmüll, dampfendem Stallmist, zwei Katzenkadavern, einem toten Hund und einem Schweinefuß, um den sich sechs gierige Hunde balgten, Richtung Marktplatz. Interessant waren die vielen übergroßen Schilder an den Häusern. Anstatt Hausnummern zeichnete sich jedes Häuschen durch ein Symbol oder eine spezielle Bezeichnung aus. Da gab es das "Zum bunten Ochsen" oder "Zum heißen Stein" oder "Zum geilen Mönchen", oder große Bilder deuteten auf den Hausbesitzer hin. Zwei sich kreuzende Scheren ließen den Schneider erkennen, drei riesige Töpfe den Töpfer. Am meisten imponierte mir ein riesiger Handschuh. Jeder Finger war mindestens 50 cm groß! Herr von Münzenberg erklärte uns, daß hier ein Handschuhmacher sein Zuhause hätte. Die Werkstätten und Verkaufsläden der Handwerker befanden sich zu ebener Erde, aber leider war es schon zu dunkel, um noch etwas erkennen zu können. Die meisten Häuser sind noch mit Stroh bedeckt. Erst als wir uns der Stadtmitte näherten, sahen wir Tonziegel auf den Dächern.

Die Menschen, die uns entgegenkamen, waren fast alle schwer am Holz- oder Holzkohleschleppen. Kurz vor unserem Ziel lief uns noch ein Schwein mit einem Glöckchen am Hals entgegen. Laut unseres Gastgebers handelte es sich um ein Antoniterschwein, also ein Schwein, das den Antonitermönchen gehörte. Neben ihren Schweinen dürften nur noch die Schweine der Bäcker frei in der Stadt herumlaufen, die anderen Bewohner müßten ihre Tiere in ihren eigenen Ställen im Hinterhof unterbringen. Die Haltung von Mutterschweinen wäre seit einigen Jahren sogar innerhalb der Stadtmauern verboten. Dafür gäbe es Extraställe vor der Stadt. Also waren das doch Ställe, die ich gesehen hatte! Im Sommer wären weit aus mehr Tiere auf den Straßen anzutreffen. Im November würde man jedoch viele Tiere aus Kostengründen schlachten.

Die kleineren Gassen links und rechts waren nur mit einer Häuserfront geziert. Auf der anderen Seite befanden sich hohe Mauern, die zum Hinterhof der Häuser gehörten, die die nächste Gasse belegten. Nach zehn Minuten erreichten wir endlich den großen, hellen, luftigen Marktplatz, weg von dieser schrecklichen Enge. Stolz ließ uns der Kaufmann die den Marktplatz flankierenden Häuser bewundern. Fast durchweg handelte es sich um Steinbauten und nicht wie bisher um Fachwerkhäuser.

Das Rathaus war schnell zu entdecken. Man scheute kein Geld und keine Mühe, um den Stolz der Stadt im richtigen Licht erstrahlen zu lassen.

Der höchste und mächtigste Bau war natürlich die Kirche. Leider, so meinte der Kaufmann, könnten wir durch den Schnee nicht die Bepflasterung des Marktplatzes sehen. Erst vor wenigen Jahren wäre dieser nämlich mit harten behauenen Quadersteinen versehen worden.

"Und, wenn Sie sich jetzt bitte einmal umdrehen würden, das hier ist mein bescheidenes Zuhause!"

Von bescheiden kann wirklich keine Rede sein! Solch ein Haus möchte ich auch gern besitzen! Herrn von Münzenbergs Backsteinhaus mit einem Stufengiebel weist vier Stockwerke auf. Wie alle bisher gesehenen Häuser zeigt es den Vorbeigehenden seine prächtige Giebelfrontansicht. Gemalte Phantasieblumen und wie echt wirkende Weinranken klettern von der Parterrefassade bis zu den obersten Stockwerken empor, und ein zierlicher Erker auf der rechten Seite ist mit großen Fenstern versehen worden.

Ein zentral liegendes, mächtiges, spitzbogiges, zweiflügeliges Tor führt in das Innere des Hauses. In der Tormitte befindet sich noch eine kleinere Holztür, die einen riesigen, eisernen Türklopfer und ein klobiges, ungewohnt voluminöses Eisenschloß besitzt. Die hochkantig-rechteckigen Fenster in dem ersten und zweiten Obergeschoß sind im oberen Drittel verglast, der Rest ist mit Luken verschlossen. Die Fenster im Erdgeschoß und in dem dritten und vierten Obergeschoß sind dagegen winzig klein und z.T. mit Holzluken geschlossen oder mit Leinwandstoff behangen worden.

"Leider können Sie von hier aus nicht meine neuen Dachziegel bewundern. Im letzten Sommer habe ich das Dach nämlich mit grünen und gelben Hohlziegeln decken lassen. Diese Tonziegelart nennen wir bei uns >Mönche und Nonnen<. Ist Ihnen der Begriff bekannt? Die Flachziegel, >Biberschwänze< genannt, gefielen mir nicht mehr. Die Fenster habe ich dann auch gleich grün-gelb umrahmen lassen." Mächtig stolz hörte sich unser Kaufmann an. Vor dem Tor war ein Schild angebracht, auf dem zwei blaue Fische und ein kunterbunter Hahn abgebildet waren. Bevor ich aber nach der Bedeutung fragen konnte, öffnete sich die kleine Tür, und vier wilde Hunde stürmten auf uns zu. "Fieke, Sivi, Karl und Marle, ruhig, ihr macht unserem Besuch ja Angst!"

Nach der Begeisterung der Hunde zu schließen, waren wir diesen jedenfalls herzlich willkommen.

Ein Knecht unseres Gastgebers, der in der kleinen Holztür stand, pfiff die Hunde zurück. Otto Lodigke, mit diesem Namen wurde er uns vorgestellt, ist genauso alt wie sein Herr, nur sehr viel schlanker. Seine gebückte Haltung mit den zu langen Vorderarmen hatte mich erst zum Lachen gebracht, aber Verspottungen hat er wirklich nicht verdient. Er hat so ein liebenswertes Wesen und hilft, wo er nur kann!

An Otto vorbei betraten wir eine mächtige zweischiffige Halle, die, obwohl das Tor zum Hinterhof offenstand, fast ganz im Dunkeln lag. Erst allmählich gewöhnten sich meine Augen an die neuen Lichtverhältnisse. Aber draußen war es mittlerweile auch schon dunkler geworden, so daß eben nicht mehr viel Licht hineinfallen konnte. Zwei Mägde, mit Grete Vischer und Maria Huchtbrock vorgestellt, zündeten Fackeln an den Wänden der Halle an. Mit der Zeit konnten wir den Boden mit seiner Ziegelbepflasterung und vier Türen, je zwei auf der linken und rechten Seite, erkennen. Die beiden jungen Mägde verschwanden mit ihrer graublauen Kleidung, nachdem sie unsere Mäntel entgegengenommen hatten, in der hinteren rechten Tür. Wie ich später erfuhr, liegt hier die Küche.

Zwischen der vorderen und hinteren linken Tür führt eine Wendeltreppe in die erste Etage, die wir auch gleich mit dem Hausherrn bestiegen. Oben gelangten wir durch eine niedrige Tür in den kleinen, ebenfalls niedrigen Arbeitsraum des Kaufmannes. Dort befanden sich nahe dem Fenster ein hochlehniger Stuhl und ein Holztisch, der mit einem Tintenfaß, einem Gänsekiel, einer Schere, einem Siegelring, einem stößelförmigem Siegel und einer Sanduhr voll beladen war.

Vom Arbeitszimmer führt eine niedrige Tür in die gute Stube. Hier erwartete uns das Empfangskomitee. Die Räume riechen, nebenbei bemerkt, alle irgendwie muffig!

Abb. 6: Diese Dame entsprach dem Schönheitsideal des 15. Jhs.

In der Stube begrüßte uns zuerst die Frau unseres Gastgebers: Stina van Wave. Sie steht ihrem Mann, was die Korpulenz angeht, in nichts nach. Nur ihre Gesichtszüge sind härter und strenger als die ihres Gatten. Vielleicht bewirkt aber auch nur ihr kleiner Bartansatz über dem Mund diesen Eindruck. Wie es wohl zu dieser Zeit üblich war, hat sie ihre Stirn durch Entfernung der vorderen Stirnhaare erhöhen lassen. Diese Kahlheit finde ich persönlich häßlich! Ihre schwarzen Haare, die nur noch ansatzweise zu sehen waren, hatte sie hoch gebunden und mit einem beigefarbenen Hut und einem feinen, durchsichtigen Tuch bedeckt (Abb. 6).

Unsere Gastgeberin ist 28 Jahre jünger als ihr Ehegatte. Das erzählte mir ihre Tochter Magdalena, 16 Jahre alt, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihrer Mutter besitzt. Denn Magdalena hat die blauen Augen und, wie noch rötliche Haarsträhnen beim Vater erkennen lassen, das feuerrote, volle Haar ihres Vaters geerbt. Schlank ist sie nicht gerade. Sie hat schon da und dort ihre kleinen Fettpölsterchen, aber als dick kann sie auch nicht bezeichnet werden. Sie ist sehr entgegenkommend und vermittelt einem das Gefühl, sie schon Jahre zu kennen. Mit ihr werde ich bestimmt prima auskommen!

Ja, und dann gibt es da noch das Nesthäkchen, den 10-jährigen Melchior. Er gleicht mit seinem schönen lockigen schwarzen Haar und den braunen Augen seiner Mutter, aber er ist für sein Alter meines Erachtens zu klein. Außerdem ist er sehr blaß und still. Heute habe ich jedenfalls kein einziges Wort von ihm vernommen. Die anderen Söhne und Töchter leben wohl nicht mehr im Hause. Aber darüber werde ich Magdalena noch aushorchen!

Schließlich wurden uns noch zwei Lehrlinge, die sozusagen zur Familie gehören, vorgestellt: Johann Rock, 15 Jahre alt, und mit seinen struppigen blonden Haarsträhnen und seinem verschmitzten Lächeln mehr einem Tom Sawyer als einem Kaufmannsgehilfen gleichend, und Wolfgang Kremser, 16 Jahre alt, der auf mich schon bei dieser ersten Begegnung einen ekelhaften, schleimigen Eindruck machte. Jedenfalls konnte ich diesen Wolfgang auf Anhieb nicht ausstehen. Er schmeichelt sich besonders gern bei der Hausherrin ein, indem er ständig ihren Handgriffen zuvorkommen will, und da eine Schmeichelei und dort ein freundliches Augenrollen und ekelhaftes Schmunzeln von sich gibt. Auch mich begutachtete er heute vom Busen bis zum Po. Ich hatte wirklich das Gefühl, nackt vor ihm zu stehen! Am liebsten hätte ich noch ein sackartiges braunes Gewand über meine Kleider gezogen!

Apropos Kleidung! Frau Stina van Wave, unsere Hausherrin, hatte wie ich eine rote Fucke an, aber statt eines Teiles des Unterkleides füllte ein weißes, seidenes Brusttuch den viereckigen Ausschnitt des Oberkleides. Ihre Fucke war an den Kurzärmeln und am Saum mit Pelz besetzt. Weite bauschige, blaue Flügelärmel, die an den Kurzärmeln angeknüpft worden waren, reichten bis zum Boden. An den Seitenschlitzen des Oberkleides waren Teile des gelben Unterkleides zu erblicken. An ihren Fingern befanden sich wie bei Magdalena silberne und goldene Ringe mit einem oder sogar mehreren Edelsteinen. Ein großer Rubinring zierte ihren rechten dicken Mittelfinger, und vier schwere Perlenketten hingen an ihrem fleischigen Hals.

Magdalena, die ihre geflochtenen Haare hochgesteckt und mit einem Perlen besetzten Band verziert hatte, trug einen grünen Tabbard mit langer Schleppe und mit reichlichem Perlenbesatz. Ein schwarzer Stoffgürtel mit Silberplättchen schnürte ihre Taille und trug die gleichen Anhängsel wie meiner. Ihre bauschig-weiten, roten Ärmel berührten ebenfalls den Boden.

Abb. 7: Ein spätmittelalterlicher Kronleuchter

Die Stube wurde bei unserem Empfang gerade von Otto mit Licht versorgt. Ein hirschgeweihähnlicher, 12-armiger Messingleuchter mit vielen großen weißen Kerzen diente als künstliche Lichtquelle (Abb. 7).

Maria, die Magd, die wir unten in der Halle kennengelernt hatten, verwickelte die Gastgeber in ein langanhaltenes Gespräch. Es schienen irgendwelche Probleme beim Essenkochen aufgetreten zu sein. Dabei fand ich Zeit, mir die Stube genauer anzuschauen.

Dieser Raum macht wirklich einen beklemmenden Eindruck auf mich. Die eng gelegten Holzbalken an der Decke mit ihren zierlichen Ornamenten lassen seine Enge noch fühlbarer werden. Die Wände sind allesamt getäfelt. Drei zweiflügelige Fenster sind nur im oberen Drittel mit runden Butzenscheiben aus Waldglas, die in Blei gefaßt sind, versehen worden. Die restlichen Zweidrittel der Fenster waren mit Holzluken verschlossen. Neugierig näherte ich mich den Fenstern. Ich wollte wissen, ob sich hinter den geschlossenen Luken ebenfalls teures Glas befand! Nein, da war kein Glas, da war nichts! Ich warf einen Blick auf den großen Marktplatz, auf dem nur noch wenige Menschen zu sehen waren.

"Mach' bitte das Fenster zu, Heinke! Es wird kalt!" rief mir Magdalena zu. Diese grünlich, ziemlich dicken Butzenscheiben im oberen Fensterdrittel lassen wenig Licht hindurch. Zum Durchschauen wie die unsrigen sind diese Waldgläser nicht geeignet. Ich schloß die Luken und blickte mich weiter in der Stube um. Links neben der Tür, durch die wir den Raum betreten hatten, stand ein schmaler Waschschrank, in dessen mittlerem Teil in einer Einbuchtung ein Waschgefäß angebracht worden war. Dieses Waschgefäß ähnelte einer großen Teekanne und hing an einem Haken. Direkt unter der Kanne befand sich eine Schüssel. Beides, Kanne wie Schüssel, waren aus Messing. Wiederum links von dieser Wascheinrichtung gab es eine Holzrolle, über die ein langes weißes, am Rande reich verziertes Handtuch gehängt worden war (Abb. 8).

Abb. 8: Waschnische mit kesselartigem Waschgefäß, Schüssel und Leinenhandtuch

Darüber war ein kleines Brettchen angebracht worden, auf dem sich drei Bücher, die in seidenen Schutzhüllen verborgen waren, eine Sanduhr, die nur die vergangenen Stunden anzeigen konnte, und eine kleine Glasvitrine befanden.

Auf der Seite gegenüber der Fensterfront entdeckte ich den Kachelofen, der sich auf einer Steinplatte auf sechs Beinen zur Decke erhob. Ich schritt auf ihn zu. Mensch, den Kachelofen hätte ich auch gern! Er besteht aus vielen farbig glasierten Kacheln, die als Motive unterschiedliche Berufe wie Mönche, Kaufleute, Bäcker, Schuster, Schmiede, Schneider... zeigen! Und war das hier angenehm warm!

Rechts neben dem Kachelofen befand sich in knapp einem Meter Entfernung eine riesige Truhe, über die eine kostbare Damastdecke mit Fransenschmuck gelegt worden war. Der Truhendeckel wurde genutzt, um auf ihm zwei Zinnkannen und acht Zinnbecher kreisförmig anzuordnen.

Genau in der Mitte des Raumes hing von der Decke ein Vogelkäfig herab, der zwei stumme Drosseln gefangenhielt. Die rechte Wand, die der Eingangstür gegenüberlag, wies eine weitere kleine Tür auf, die von zwei Spießen und drei beachtlich langen Dolchen umrahmt wurde. Neben ihr war ein hohes Schränkchen auf vier schmalen Beinen aufgestellt worden. Es war zwar unbemalt, wirkte aber durch seine reichen Holzschnitzereien besonders anziehend auf mich. Auf ihm waren eine Goldschale mit Äpfeln(!), vier fein geschliffene Gläser und mehrere Silberbecher aufgestellt worden. Als Unterlage diente ein schmales, mit Blumen besticktes Tüchlein.

Über diesem Anrichteschrank waren in einer Holzkonstruktion vier kostbare Teller so angeordnet worden, daß ihre bunten Vorderseiten schon von weitem zu bewundern waren.

Den Innenraum der Stube füllten zwei Bänke, ein reich verzierter dreibeiniger Schemel, zwei Faltstühle und ein breiter Tisch, der mit einer fast bis zum Boden reichenden, bunt gemusterten Tischdecke geschmückt war. Die Bänke und Faltstühle waren um den Tisch gestellt worden. Nur der reich verzierte Stuhl stand ziemlich funktionslos neben der "Waffentür".

Die Bänke wie die Stühle waren reichlich mit Kissen versorgt worden, die in runder und quadratischer Form und in allen möglichen Farben vorhanden waren.

Abb. 9: Links neben dem Messingspiegel befindet sich eine Paternosterschnur (vergleichbar mit dem Rosenkranz)

Der Fußboden, der nur zwei schmale Läufer orientalischer Art aufwies, war mit quadratischen Tonfliesen verlegt worden, die aus kleinen, glasierten bunten Steinchen bestanden. Die bemalten Wände schmückten zusätzlich noch zwei Heiligenbilder, ein kleiner runder konvexer Messingspiegel und ein eigenartiger Gegenstand, von dem ich nicht weiß, welche Funktion er hat. Er setzte sich aus einer offenen Kette mit 29 großen Glaskugeln zusammen und besaß an seinen Kettenenden je eine Kordel (Abb. 9).

Mittlerweile schien, was das Essen betraf, alles geregelt worden zu sein, denn wir wurden vom Hausherrn zu Tisch gebeten. Natürlich nach festgefügter Sitzordnung! Der Hausherr und Kurt nahmen auf den Stühlen Platz, wir Frauen auf der Bank am Fenster und die zwei Lehrlinge und der Sohn unseres Gastgebers auf der Bank am Kachelofen. Auf den Tisch wurden Messer, langstielige Löffel, Trinkgläser mit buckeligen Nuppen und zwei silberne Salzfäßchen gelegt bzw. gestellt. Die Salzfäßchen, die von einem hier ansässigen Goldschläger hergestellt worden waren, fanden besonders Kurts Interesse.

Muttis Liebling, ein total verzogener Zwerghund, stürzte mit Maria, die für jeden von uns große Leinenservietten brachte, in die Stube. Nachdem er ausreichend gekläfft hatte, wurde er auf ein großes Seidenkissen auf den Boden gesetzt. Kurt und ich folgten dem Beispiel unseres Gastgebers und legten die Servietten über die linke Schulter. Schließlich wurde das Essen Gang für Gang serviert. Zuerst gab es kleine Vögel in Schmalz gebraten, dann Schweinskeule mit Gurken, dann ein mit Brot gefüllter Kapaun in einer gelben Sauce, dann Eier auf hölzernen Spießen, dann Wildschweinfleisch in schwarzer Sauce, dann eine Art Brezel, in Öl gekocht, und zu guter Letzt gab es honighaltigen Konfekt. Zum Trinken konnten wir wählen zwischen Elsässer, Neckarwein, Rheinwein, Weißwein mit Kräutern, Gewürzen oder Honig und zwischen Einbecker oder Braunschweiger Bier. Als ausgesprochener Vegetarier war ich von den Speisen natürlich nicht sonderlich angetan, aber Kurt schien es sehr gut zu schmecken. Darüber freute sich der Hausherr sehr. Zum Abschluß wurde uns noch ein Glas Branntwein gereicht, der laut Herrn von Münzenberg die größte Neuheit auf dem Trinksektor darstellte. Ich fühlte mich wie Kurt, ich kann es nicht verhehlen, pudelwohl. Nur die gierig-geilen Blicke dieses "Wolfgangleins" störten mich am Tisch. Diesen eingebildeten Schnösel könnte ich sonstwo hinschießen!

Abb. 10: Bank mit verstellbarer Rückenlehne

Nachdem das Essen beendet war, zogen sich die Männer zurück, und wir Frauen machten es uns gemütlich. Die Rückenlehne von der "Kachelofenbank" war verstellbar, so daß wir uns mit unseren Füßen Richtung Ofen setzen konnten (Abb. 10). Ach, tat das gut!

Ich legte mein Kissen, das auf der Rückseite mit Leder bezogen war, auf meinen Bauch und lauschte einer Geschichte, die von Magdalena aus einem der kostbaren mit Messingschließen versehenen Bücher in Latein vorgelesen wurde. Soweit ich es mitbekam, handelte es sich um Marias Verkündigung. Aber interessanter als den Text fand ich die vielen mit Goldfarbe bemalten Bilderchen, die Magdalena uns nach jeder vorgelesenen Seite zeigte und erklärte.

Irgendwann, ich habe nicht auf meine Uhr geschaut, wurde zum Schlafengehen aufgefordert. Mir war es nur recht. Vorher wollte ich aber noch ein gewisses Örtchen aufsuchen. Magdalena erklärte mir, daß ich zwischen dem "Scheißhüslein" auf dem Hof und dem kleinen "heimlichen Gemach" in der Küche wählen könnte.

Durchs Arbeitszimmer tastete ich mich langsam die Wendeltreppe hinunter. Es war stockdunkel. Wo war nun das "Scheißhüslein"? Zum "heimlichen Gemach" wollte ich nicht, denn die Küche war mir noch zu belebt. Was sollte ich den Mägden und Knechten dort schließlich sagen? Arbeitet ruhig weiter, ich muß nur mal mein Geschäft erledigen?!

Plötzlich tauchte aus dem Dunkeln eine Stimme auf. "Kann ich Ihnen behilflich sein?" Wolfgang Kremser erschien sozusagen aus der Schwärze des Hofes. Oh, diesen Schleimi würde ich nicht um Hilfe bitten, wenn mir der Dreck bis zum Hals stehen würde! Mit einer kurzen Handbewegung zeigte ich meine Ablehnung und schritt in den Hof. Wo war dieses verdammte Häuschen? Wolfgang hatte sich bald verzogen und ließ mich, Gott sei Dank, alleine suchen. Auf einmal stand Otto direkt hinter mir und reichte mir eine kleine Öllampe. Mit seinem linken Arm wies er in den hinteren linken Teil des Hofes. Konnte er Gedanken lesen? Ich warf ihm einen lieben Blick zu und ging freudig auf das gezeigte Holzhäuschen zu. Die Tür war nur leicht angelehnt, und ein ekelhafter Geruch strömte mir entgegen. Mit meiner Öllampe leuchtete ich in den kleinen Raum hinein.

Vier Sitzgelegenheiten boten sich meinen erstaunten Augen. Ein Mehrpersonenklo ohne Trennwände! Wenn ich mir hier keine Verstopfung hole, heiße ich Methusalem! Ich brauche nun einmal als zivilisierter Mensch meine Einsamkeit beim Entleeren. Hoffentlich kommt jetzt niemand! waren meine Gedanken. Vorsichtig setzte ich mich auf eine dieser Holztoiletten. Was hatte Bernd Herrmann in seiner Abhandlung "Parasitologische Untersuchung mittelalterlicher Kloaken" geschrieben? Fand man da nicht die Eier vom Spulwurm, Peitschenwurm, Fischbandwurm, Großen Leberegel, Lanzettegel, Madenwurm und Schweinebandwurm? Mir graut!

Nur die Eier vom Rinderbandwurm konnte man bisher nicht entdecken. Angeblich wäre das ein Beweis für die gute Arbeit der mittelalterlichen Fleischbeschauer.

Hoffentlich bleibe ich von den Würmern verschont! Ich höre meinen Vater, Arzt von Beruf, wie er mir erklärt, daß überreicher Wurmbefall zu Übelkeit, Erbrechen, kolikartigen Leibschmerzen, Anämie, Ödembildung, Mattigkeit, Schlaflosigkeit, Schwächung der Immunität und bei den Kindern zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen führen kann.

Vielleicht leidet der Sohn unseres Gastgebers an Würmern und ist deshalb so klein? Na, und blaß ist er auch! Hat er schon die Anämie? Nach Bernd Herrmanns Aussagen konnte der Wurmbefall auch tödlich werden, wenn nämlich durch ein Wurmknäuel ein Darmverschluß eintrat oder die Larven der Würmer in andere Körperregionen wie z.B. in die Leber, das Gehirn, die Milz, die Nieren oder die Lunge wanderten.

Neben meinem Sitz lagen kleine Stofflappen zum Abwischen bereit. Mir blieb nichts anderes übrig, ich hatte meine Papiertaschentücher nicht mitgenommen. Neben den Lappen standen zwei Tonkrüge mit Wasser zum Händewaschen. Na, jedenfalls versuchen die Menschen hier sauber zu sein! Nachdem ich meine nassen Hände an meiner Kleidung trockengerieben hatte, verließ ich mit der Lampe das Scheißhüslein und kehrte zum Haus zurück. Otto kam mir aus der Küche entgegen und wünschte mir eine gute erste Nacht. Die Lampe sollte ich behalten, damit ich nicht über die Stufen fallen würde. "Bitte, beachten Sie, daß es im Haus verboten ist, mit offenem Licht umherzugehen! Falls Sie heute abend wieder zum Häuschen müssen, nehmen Sie die Öllampe mit, und benutzen Sie bitte keine Kerzen! Es besteht bei uns gerade im Winter immer hohe Brandgefahr!" Dann schritt er zur Tür und dem Tor am Vordereingang und verriegelte beides.

"Die Nacht ist die Zeit der Versuchung, der Gespenster und des Teufels. Deshalb ist es besser, man läßt sie gar nicht erst hinein", war sein kurzes Schlußwort.

Über die Treppe, den Arbeitsraum, die Stube und durch die "Waffentür" gelangte ich in den Raum mit der schon von außen gesehenen Erkernische und den großen Glasfenstern. Vor diesen Fenstern befand sich ein Altar mit einer Jesusfigur, natürlich wieder am Kreuz dargestellt. Vor dem Altar lag ein kleiner orientalischer Teppich. Sonst gab es in diesem Kapellenraum nur noch eine weitere Wendeltreppe, auf deren oberen Stufen Magdalena saß und auf mich wartete.

Hier in der zweiten Etage befinden sich die Stubenschlafzimmer der Familie von Münzenberg/van Wave. Zuerst durchschritt ich mit Magdalena das Schlafzimmer der Eltern, das am Tage auch Stubenfunktion besitzen kann. Ein "Himmelbett" in Blumenmuster, ein zweites Bett ohne Vorhänge, eine Bank mit den obligatorisch vielen Kissen, ein Kachelofen, eine riesige Truhe, ein klobiger Kastentisch und zwei kleinere Kisten lassen kaum Platz zum Stehen frei. Neben diesem Zimmer liegt ein weiterer Schlafraum, der mit fast den gleichen Möbeln vollgestopft wurde, nur leider ohne Ofen.

"Das ist unser Bett! Du wirst mit mir zusammen schlafen. Denn seitdem meine Schwester Veronika Nonne im Kloster St. Klara geworden ist, steht ihre Betthälfte für Gäste zur Verfügung."

Betthälfte?! Das Bett ist nicht nur zu kurz, sondern auch viel zu schmal für zwei Personen. Mensch, das können ja Nächte werden! dachte ich mir.

Magdalena zog sich aus und legte ihren Tabbard in einen der Truhenbänke, die das Bett flankieren. Ihr Untergewand hängte sie an einen Haken an der Wand. Dann bewegte sie sich völlig nackt auf eine kleine Truhe zu, die auf vier dünnen Beinchen steht und vorne zwei Türen und unter diesen zwei Schubladen und ein Holzbrett, das direkt dem Boden aufliegt, besitzt. Auf diesem Holzbrett befand sich ein Messingbecken und eine Wasserkanne. Beides zog Magdalena hervor, stellte sie auf die Truhe und wusch sich das Gesicht und die Hände. Rechts neben der Truhe konnte das Handtuch von einer Holzrolle genommen werden. Dann löste sie die Zopfflechten und stopfte ihr schönes langes Haar in eine weiße Schlafhaube. Auf meine Frage, warum sie zwar nackt, aber mit dieser Schlafmütze ins Bett gehen würde, erhielt ich als Antwort: "Na, um mich vor dem Luftzug zu schützen. Ich möchte nicht krank werden."

Und dann kroch sie über eine der erhöhten Truhenbänke ins Bett hinein. Unmengen an Kissen sorgten dafür, daß wir mehr sitzend als liegend die Nacht verbringen sollten. Aber zum Liegen waren die Betten im Mittelalter ja sowieso zu klein.

Ich folgte dem Beispiel Magdalenas und lag wenige Minuten später neben ihr. Zwei nackte Frauen in einem zu kleinen Bett! Mensch, was würden unsere Regisseure daraus für einen Porno machen! Hoffentlich akzeptiert Magdalena meine "Fremdartigkeit" (ich bin schließlich aus dem 20. Jahrhundert!) und kommt mir nicht zu nahe!

Aber alle Bedenken waren umsonst. Magdalena schlief schon wie ein Murmeltier!

Abb. 11: Ein typisches Stubenschlafzimmer des 15. Jhs.

Ich war noch zu aufgeregt, um ihr zu folgen. So nutzte ich die Zeit, diese Aufzeichnungen anzufertigen und mein Bett zu studieren. Die Kopfkissenbezüge sind an den Seiten nicht zugeknüpft, sondern mit einer Kordel nur lose zugeschnürt. Die Matratze fühlt sich sehr weich an. Wahrscheinlich ist sie mit Daunen gefüllt worden.

Über die Matratze ist ein blaugestreiftes Leinenbettlaken gezogen worden, und zum Zudecken gibt es eine mit Daunen gefüllte Bettdecke und eine zusätzliche Pelzdecke. Über mir befindet sich der Betthimmel, der aus einem Leinentuch besteht, das in einem Rahmen gespannt ist und durch Stricke von der Decke aus gehalten wird. An diesem Rahmen sind links, rechts und vorne je eine Stange angebracht, an denen mit Hilfe von Messingringen drei große Vorhänge laufen. Sie sind nach oben gebunden worden. Der Vorhang hinter meinem Kopf wurde an der Wand angebracht. Die Bettdecke und die Wandbehänge sind natürlich wieder mit schönen Motiven ausgestattet worden. Eingewebte schwebende Vögel und ein Einhorn mit einer Jungfrau sind zu sehen (Abb. 11).

P.S.: Leider mußte ich gestern nacht mein Schreiben abrupt unterbrechen. Denn plötzlich betraten Maria und eine mir noch unbekannte, wirklich häßlich aussehende Magd unser Schlafzimmer. Neben unserem Bett errichteten sie aus vier Brettern und einem Seil, das zwischen den Brettern verlaufend den Boden ergab, eine weitere Schlafstätte. Dann schleppten sie eine Matratze, einige Kissen und Decken in unser Zimmer. Mehr konnte ich nicht sehen, denn die häßliche Magd löschte meine Öllampe und ließ die an unseren Bett befindlichen, bisher noch nach oben gebundenen Vorhänge herab und zog sie zu, so daß für mich an diesem Abend das Beobachten zu Ende war.

Heute ist schon der zweite Tag unser Ankunft, der 3.12.1437. Es wird gerade zur ersten Mahlzeit gerufen. Also bis später!

Heinke