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Eine Zeitreise in eine spätmittelalterliche Stadt 1437/1438

Inhaltsverzeichnis

Als Buch erhältlich:

Zeitreise 1 – Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt
288 Seiten, mit 90 Bildern, ISBN 3-8334-2419-2, € 18,90

Eintrag 1

Marburg, den 2.12.1989

Es kann losgehen! Alle Vorbereitungen für die Reise ins 15. Jh. sind getroffen worden. Da uns nicht viel Zeit zur Verfügung gestanden hat, müssen sich Holger, Heinke, Claudia und Kurt außer mit den Kleidungsstücken, die sie jetzt für ihre große Reise anziehen, mit nur einer einzigen Ersatzkleidung zufriedengeben. Aber schließlich besaßen die meisten Menschen im Mittelalter auch nicht mehr! Da der Besuch in den Wintermonaten Dezember, Januar und Februar stattfindet, mußte zudem für einigermaßen warmes Zeug gesorgt werden. Claudia und Heinke ziehen gerade ihre Leinenhemde über den Kopf. Auf Schlüpfer und warme Wollstrumpfhosen wollten sie ebenfalls nicht verzichten, obwohl die beiden letztgenannten Kleidungsstücke den mittelalterlichen Frauen auch bei Temperaturen unter 0 Grad unbekannt waren. Aber Heinke schlug lauten Protest an und meinte, daß sie ja nicht auf allen Komfort verzichten müßten.

Claudia erhält nun als Untergewand ein fest anliegendes, langes, knallrotes Leinengewand, das unten mit einem Stoß feineren Stoffes gleicher Farbe versehen worden ist. Als Obergewand reicht Eve ihr einen dunkelblauen Tabbard. Der Tabbard, ein beliebtes Kleidungsstück im Spätmittelalter, weist T-Shirt-ähnliche Kurzärmel auf und wird in der Taille durch einen Gürtel zusammengehalten. Dabei fällt der untere Teil dieses Gewandes – wie jetzt bei Claudia – in viele kleine Falten. Da der Tabbard bis über die Füße reicht, muß er beim Vorwärtsschreiten vorne leicht hochgehoben werden. Hierbei wird natürlich der feinere Stoff des Untergewandes sichtbar. Die hintere Schleppe wird einfach nachgeschleift. An den kurzen Ärmeln befestigt Eve gelbe, aus feinstem Seidenstoff gefertigte Flügelärmel, die ebenfalls bis zum Boden reichen und am Rande mit Pelz besetzt sind.

Heinke nimmt aus Ulrikes Händen als Untergewand ein schwarzes Wollstoffkleid entgegen. Es ist wie Claudias Untergewand unten mit einem Stoß feineren Stoffes gleicher Farbe versehen worden. Als Oberrock erhält Heinke eine rote Fucke. Die Fucke stellt ein Gewand dar, das dem Körper sehr eng anliegt und seitlich zum größten Teil aufgeschlitzt ist. Außerdem besitzt es noch einen großen, spitz zulaufenden Halsausschnitt und wird auf seiner Vorderseite durch Knöpfe geschlossen. Eigentlich ist bei diesem Kleidungsstück ein Gürtel wirklich nicht notwendig, trotzdem konnten die Damen im Mittelalter auf ihn nicht verzichten. So liegt auch Heinkes Gürtel zeitgerecht auf ihren Hüften. Ulrike knüpft schließlich an die T-Shirt-ähnlichen Kurzärmel der Fucke bauschige, lange, weiße Ärmel an.

Abb. 1: Höfische Gesellschaft mit Schnabelschuhen

Zusätzlich erhalten Heinke und Claudia noch vier Paar verschiedenfarbige Flügelärmel überreicht, damit sie, wenn sie schon die Kleider nicht oft wechseln können, zumindest in der Lage sind, die Ärmel zu variieren und zu waschen. An Heinkes schmalem Ledergürtel mit silberner Schnalle und Claudias perlenbesticktem Stoffgürtel befestigt Eve nacheinander je einen roten Beutel aus Hasenleder, gefüllt mit einigen Rheinischen Gulden, einen silbervergoldeten Kasten, der Platz für einen Löffel und ein Messer aufweist, ein Nadeldöschen, einen Schlüsselbund, ein silbernes Kettchen und einen Rosenkranz aus kleinen Holz- und größeren Silberkugeln und einem herabhängenden silbernen Kreuz.

Dann schlüpfen Heinke und Claudia in ihre neuen absatzlosen und knöchelhohen Rindslederschuhe. Natürlich handelt es sich hierbei um die berühmt-berüchtigten Schnabelschuhe (Abb. 1). Heinkes ersten Gehversuche lösen bei uns ein Gejohle aus. Dauernd kommt sie mit dem langen Oberrock und den spitzen Schuhen in Konflikt, während Claudia, vornehm das Obergewand ein wenig hebend, stolz an ihr vorbeischreitet.

Auf der Straße werden unter diesen Schuhen sogenannte Trippen (Abb. 2) befestigt. Das sind vorne zugespitzte Holzschuhe mit einer meistens schwarzen, verstellbaren Riemen-Schnalleneinrichtung. Diese Trippen sind unter dem Ballen und der Ferse nach Art unser heutigen Absätze verstärkt. Verläßt man die Wohnung, schnallt man diese Holzschuhe unter die Schnabelschuhe, damit letztere nicht schmutzig werden. Zu Hause und bei der Arbeit trägt man pantoffelartige Schuhe, bei denen die Ferse vom Oberleder nicht umschlossen wird.

Abb. 2: Trippen

"Dri Chinisin mit dim Kintribiß...", stimmen Michael und Holger lautstark an und brechen in ein schallendes Gelächter aus, als Heinke und Claudia durch den Ankleideraum trippeln. Dabei klappt es doch immer besser mit dem Gehen! Ulrike überreicht den beiden schließlich drei Halsketten und acht Fingerringe, die nach Lust und Laune über die einzelnen Finger solo, zu zweit oder mehr gesteckt werden können.

Dann erhalten Claudia und Heinke noch ihre Mäntel, die Heuken. Die Heuke stellt einen ärmellosen Überwurf dar, der bei den Frauen auch den Kopf schützen soll, d.h. diese Mantelart wird über den Kopf gelegt und fällt von da über den Rücken bis zum Boden hinab. Geschlossen wird dieser Mantel, indem man die rechte Seite des Umhanges ziemlich großzügig über die andere Seite in Ellenbogenhöhe legt und dort unsichtbar befestigt. Heinkes und Claudias schwarzen Heuken sind aus dickem, zottigem Wollzeug und innen wegen der zu erwartenden tiefen Temperaturen mit Kaninchenfell gefüttert.

Zu guter Letzt legt Heinke als unverheiratete Frau auf ihr offenes, schulterlanges, schwarzes Haar einen feinen Schleier, und Claudia bekommt als verheiratete Frau ein weißleinenes, vierzipfeliges Kopftuch, das nicht nur über den Nacken herabfällt, sondern auch den Hals vorne verhüllt, indem das rechte Ende des Tuches vorne auf der linken Schulter befestigt wird. Über dieses schlichte Tuch wird beim Ausgang normalerweise ein zweites, größeres, schwarzes oder weißes Leinentuch gelegt, das die Schultern und z.T. den Rücken bedeckt (Abb. 3).

Abb. 3: Der Wimpel, eine bei verheirateten Frauen sehr beliebte Kopfbedeckung

Nun müssen nur noch die Männer mit der passenden Kleidung ausgestattet werden. Holger ist als erster an der Reihe. Ihm wird von Eve ein stark gefaltetes, beigefarbenes Hemd, das einen großen Ausschnitt, von Schulter zu Schulter reichend, aufweist, überreicht. Ein zusätzliches Unterhemd gibt es nicht. Schon kurz zuvor hatte er sich einen schwarzen Slip und eine bunte Wollstrumpfhose mit Füßlingen übergezogen. Die linke Hosenhälfte ist schwarz, die rechte Hälfte grün gefärbt. Die verschiedenfarbigen Strümpfe oder Beinlinge, die an einem Hosengürtel aus starkem Leder befestigt werden, sind am Gesäß unter zusätzlicher Verwendung eines keilförmigen Stoffeinsatzes zusammengenäht worden. Das Geschlechtsteil wird mit einem gelben Latz, der an drei Stellen mit Kalbslederriemen, auch Nesteln genannt, an die Strumpfhose geknüpft wurde, verdeckt (Abb. 4). Vorne über dem Latz können die Beinlinge, die den Beinen hautnah anliegen, mittels eines Knopfes miteinander verbunden werden. Nebenbei erwähnt, stellte der Latz in der damaligen Mode das Non-plus-ultra dar. Normalerweise wurde er noch reichlich auswattiert, damit er weit über der Hose hervorstand und die ganze Männlichkeit voll zur Geltung brachte.

Abb. 4: Fähnrich mit Beinlingen und Hosenlatz

Über das Hemd zieht Holger ein blaues Samtwams, das kostbare Stickereien aufweist und bis zur Hüfte fällt. Der Ausschnitt, der vorne keilförmig bis zum Gürtel reicht, ist wiederum sehr großzügig und läßt den Hals, den Nacken und die Schultern frei. Nur zehn kleine Knöpfe verschließen die untere vordere Hälfte des Wamses. Eve fügt an die Wamsärmel, die bis kurz über die Ellenbogen reichen, noch feine mehrfarbige Seidenflügelärmel an. Wie Heinke und Claudia wird Holger mit einigen Ersatzärmeln für die Reise versorgt.

Kurt weigerte sich, solch ein Paradiesvogel wie Holger zu werden. Er wünschte sich eine etwas konservativer wirkende Kleidung. So reicht Eve ihm jetzt ein weißes Leinenhemd, eine weiße Leinenunterhose mit einem Stoffgurt – im Mittelalter wurde diese Art von Unterhose Bruch genannt –, zwei schwarze Wollstoffstrümpfe, die an dem erwähnten Gurt mit ungefähr 30 cm langen Kalbslederbändern befestigt werden, und ein knielanges schwarzes Gewand, wie es damals die Kleriker, Mönche, Gelehrten – schlechthin Respektpersonen – trugen. Dieser knielange, aus gutem schwarzem Wollstoff gefertigte Rock, ebenfalls Tabbard genannt, weist im Gegensatz zu dem weiblichen Stück lange Ärmel auf und ist an seinen Seiten von der Taille bis zu den Knien aufgeschlitzt. Am unteren Saum, an den Seitenschlitzen, an den Ärmelaufschlägen und am Hals ist er mit Pelz verbrämt. Außerdem ist er innen noch mit Kaninchenfell gefüttert.

Nun werden Holger und Kurt noch Gürtel aus Leder überreicht, die mit einem edlen Metall beschlagen wurden und einen Verschluß aus Metallschnalle und -haken besitzen. An diesen Gürteln hängen bei Kurt eine Ledertasche und bei Holger ein Beutel aus Damast. Beide, Tasche und Beutel, werden mit Rheinischen Gulden gefüllt. Die mittelalterlichen Taschen sind, wie ich von Herrn von Münzenberg erfahren habe, viel schwerer und massiver als die Beutel und werden vorwiegend aus Leder gefertigt. Rinds-, Kalb- und Hasenleder wurden damals zur Verarbeitung genommen, aber das feinste Leder – laut Herrn von Münzenberg – gewann man aus Ziegenhäuten. Neben der Tasche oder dem Beutel hängt Ulrike bei beiden Männern noch ein kurzes Messer und einen Dolch.

Abb. 5: Gugel mit Schwanz

Als Mantel dient wie bei den Frauen die Heuke. Diesen runden, ärmellosen Umhang gibt es bei den Männern in lang und in kurz zur Auswahl. Gerade bei den jungen Männern war die kurze Variante, die z.T. nur bis zu den Hüften reichte, besonders beliebt. Aber in Anbetracht des zu erwartenden lausig kalten Wetters beschlossen wir, beide Männer mit langen Heuken zu versehen. Bei Kurt ist der Mantel am Halse mit wenigen Knöpfen verschließbar, bei Holger gibt es am oberen Rand eine Schnur, die zu einer großen Schleife gebunden werden kann.

Als Kopfbedeckung stehen Hut oder Mütze zur Verfügung. Kurt entscheidet sich für einen schwarzen Filzhut, der wie ein stumpfer Kegel aussieht. Wie ich gelesen habe, waren diese Filzhüte neben den Wollhüten die beliebtesten Hüte der damaligen Zeit. Sie konnten in allen möglichen Formen erstanden werden.

Holger nimmt die blaue Gugel (Abb. 5) aus derbem Stoff. Diese Kopfbedeckung ist eine Art Kapuze, die den Kopf und den Hals bis zum Kinn fest umschließt, so daß nur eine Öffnung für das Gesicht übrigbleibt. Holgers Gugel ist noch mit einem breiten Schulterkragen verbunden und besitzt einen langen Schwanz, den er, nachdem er die Kapuze über den Kopf gezogen hat, fachmännisch über die rechte Schulter legt. Schnabelschuhe, Trippen, Halsketten, Fingerringe und bei den Männern die obligatorischen Siegelringe vervollständigen schließlich das Bild des mittelalterlichen Mannes.

So, jetzt wird es ernst. Die vier machen sich mit je einem kleinen Wollsack auf den Weg ins Jahr 1437. Damit auch wir von ihrer aufregenden Reise etwas haben, haben sie den Auftrag erhalten, alles Erwähnenswerte in ihren Tagebüchern für uns festzuhalten!