
Jolanthe von Lothringen, die Landgräfin von Hessen, als die Heilige Barbara
Ihre Herkunft wirft große Fragen auf. Die Farben, mit denen sie hier dargestellt wurde, bestätigen, dass sie aus dem Hause von Lothringen stammte. Aber um welche Jolanthe (oder Yolande) handelte es sich? Bisher wurde sie stets als eine Tochter des Grafen Friedrich II. von Vaudémont (oder Baudemont) († 1470) betrachtet, die jedoch bereits 45 (!) Jahre alt gewesen wäre, als sie den Landgrafen Wilhelm II. von Hessen im Jahr 1497 ehelichte (siehe: Rajah Scheepers: Regentin per Staatsstreich? Landgräfin Anna von Hessen (1485-1525), Königstein/Taunus 2007, S. 63). Mit diesem hohen Alter wäre sie jedoch für keinen hohen Adligen, der noch unbedingt Erben produzieren musste, attraktiv und akzeptabel gewesen. Sie wäre zudem 48 Jahre alt gewesen, als sie ihr erstes und einziges Kind auf die Welt brachte, was wirklich nahezu unmöglich ist. Vermutlich handelt es sich daher bei ihr eher um die älteste Tochter des Herzogs René II. von Lothringen (1451-1508) aus seiner ersten Ehe mit Jeanne d'Harcourt († 1488), die am 9. September 1471 geschlossen und im Jahr 1485 annulliert wurde, weil Jeanne angeblich keine Kinder bekommen konnte. Es wäre sehr wichtig, an Originalunterlagen dieser Ehe zu gelangen. Hatte es wirklich keine Kinder in dieser Ehe gegeben? Denn wie es aussieht, hatte Jeanne d'Harcourt mindestens eine Tochter, aber eben nicht die gewünschten Söhne auf die Welt bringen können. Vielleicht hatte sie wie Margarete Beaufort, die Mutter des englischen Königs Heinrich VII., eine sehr komplizierte Geburt durchgemacht, die ihr die Möglichkeit nahm, noch einmal schwanger zu werden. Und sie wird nicht die einzige Frau in der Renaissance gewesen sein, deren Ehe annulliert wurde, weil sie zwar eine Tochter, aber keine Söhne gebar. Das bekannteste Beispiel hierfür stellt Katharina von Aragon (1485-1536), die erste Gattin des englischen Königs Heinrich VIII., dar, deren Ehe im Jahr 1532 annulliert wurde, weil sie nach vielen Tot- und Fehlgeburten nur einer Tochter, der zukünftigen englischen Königin Maria Tudor (1516-1558), das Leben schenken konnte. Heinrich VIII. heiratete zu ihren Lebzeiten, im Jahr 1533, Anna Boleyn (1507-1536), die ihm noch seine zweite Tochter, die zukünftige englische Königin Elisabeth I. (1533-1603), gebar. Als die Ehe von Jeanne d'Harcourt annulliert wurde, hatte das wie im Falle von Maria Tudor, der englischen Königstochter, schwere Konsequenzen für ihre Tochter Jolanthe, denn damit wurde deren legale Geburt angetastet. Wilhelm II. von Hessen muss daher eine ungewöhnlich hohe Mitgift erhalten haben, um diesen Schandfleck vergessen zu lassen. Wie hoch war daher die Mitgift, die die lothringische Prinzessin in ihre Ehe brachte? War sie höher als die üblichen Mitgiften, die man lothringischen Prinzessinnen gegeben hatte? Es besteht außerdem zurzeit von René II. von Lothringen der Brauch, die ältesten Töchter nach ihren Großmüttern zu nennen. Die Mutter von René II. war Jolanthe oder Yolande von Anjou († 1483). Die vier Töchter aus seiner zweiten Ehe heißen: Anna, Isabella, Claudia und Katharina. Daher spricht auch dieses dafür, dass es sich bei Jolanthe, der ersten Gattin des hessischen Landgrafen Wilhelm II., um die älteste Tochter des Herzogs René II. von Lothringen aus dessen erster Ehe handelt. Außerdem muss natürlich der Tochter Jolanthe des Grafen Friedrich II. von Vaudémont ebenfalls nachgegangen werden. Haben wir außer ihrem Geburtsjahr 1452 noch irgendeine Information von ihr? Starb sie vielleicht als kleines Kind? Es ist nämlich erstaunlich, dass sich für sie kein Bräutigam fand, als sie noch jung war. Oft spricht dieses für körperliche Defekte. Warum sollte daher Wilhelm II. von Hessen eine "alte Prinzessin" heiraten, die niemand haben wollte, als sie noch jung war?
