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Frohe Weihnachten / Merry Christmas

Eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2018 wünscht Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, Ihre Maike Vogt-Lüerssen von Downunder.

Möge das nächste Jahr für Sie mit Gesundheit, Freude, Spaß, Liebe und netten Überraschungen gefüllt sein! Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die meine Bücher und E-Books gekauft haben und mir damit ermöglichen, meiner großen Leidenschaft, der Geschichte, weiterhin nachgehen zu können.

Martin Luther

Katharina von Bora - Seine andere Hälfte

Im 15. und 16. Jahrhundert waren die Klöster gefüllt mit Männern und Frauen, die nicht die geringste Neigung zum geistlichen Leben verspürten und die nur aus Versorgungsgründen von ihren Eltern, Vormündern und Verwandten in diese kirchlichen Institutionen gesteckt wurden. Aufgrund dieser Tatsache sind auch die vielen negativ ausgefallenen Visitationsberichte aus dieser Zeit zu verstehen, in denen besonders die Verweltlichung des Klosterlebens beklagt wurde. Bei einer 1563 vorgenommenen Untersuchung der 88 österreichischen Klöster zählte man 387 Mönche und 86 Nonnen. Diese 387 Mönche unterhielten in ihren Gotteshäusern 237 Konkubinen und 49 Ehefrauen. Die 86 vorhandenen Nonnen besaßen insgesamt 50 eigene Kinder. Als offene Bordelle waren schließlich die Nonnenklöster in Interlaken, Frauenbrunn, Trub, Gottstadt bei Bern, Ulm und Mühlhausen allgemein bekannt.

Vielerorts war es Brauch geworden, daß die Geistlichen, ob Priester oder Mönche, ihren hierarchischen Vorgesetzten für ihre unerlaubten Beziehungen eine vereinbarte Entschädigung entrichteten, den Hurenzins.

Die religiösen Pflichten in den Klöstern wurden zudem nur noch nachlässig ausgeübt. Schreiben und Lesen konnten sowieso nur noch wenige unter ihnen, und die körperliche Arbeit erledigte sowieso das Dienstpersonal.

So bemerkten kontrollierende Bischöfe "eine Tendenz zum Zuspätkommen - besonders zur Messe am frühen Morgen - und zum Weggehen vor Beendigung des Gottesdienstes, oft unter fadenscheinigen Vorwänden. Doch das am meisten verbreitete Übel war, die Messe so schnell wie möglich herunterzuleiern, um sie hinter sich zu bringen: Silben wurden am Wortanfang und Wortende ausgelassen, Wechselgesänge versäumt, so daß eine Seite des Chores schon die zweite Hälfte des Gesanges anstimmte, noch bevor die andere die erste Hälfte beendet hatte. Sätze wurden vor sich hingemurmelt und teilweise verschluckt." (in: Eileen Power: Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann? Das Leben der Frau im Mittelalter, Berlin 1984, S. 122).

Zur Entschuldigung all dieser Nonnen und Mönche muß noch einmal betont werden, daß die meisten von ihnen von ihren Eltern, Vormündern und Verwandten zum Klosterleben gezwungen und nie nach ihren eigenen Wünschen gefragt worden waren. Besonders die Töchter des ärmeren Adels und des Bürgertums wurden ins Kloster abgeschoben, um den hohen Mitgiftforderungen zu entgehen. Barbara Pirckheimer († 1532), bekannter unter ihrem Nonnennamen Caritas, wurde z.B. im Alter von 13 Jahren dem Klarissenkloster in Nürnberg überantwortet. Von ihren sieben Schwestern durfte nur eine heiraten, die anderen hatten Barbaras Beispiel zu folgen.

Katharina von Bora
Abb. 3: Katharina von Bora

In der Reformationszeit verließen deshalb viele Nonnen ihre "Gefängnisse" und versuchten sich ein bürgerliches Leben mit Familie aufzubauen. Eine unter ihnen war Katharina von Bora (Abb. 3), die am 29.1.1499 geboren wurde.

Leider liegen Katharinas Kindheit und Jugendzeit im Dunkeln, da – wie für das 15. und 16. Jh. allgemein üblich – die Briefe von Frauen, aus denen man Informationen aus ihrem Leben hätte entnehmen können, im Gegensatz zu denen ihrer Väter, Ehemänner und Söhne vernichtet wurden, da man sie für wertlos hielt.

Katharinas Vater, Jan von Bora, der aus einem armen sächsischen Adelsgeschlecht stammte, steckte seine Tochter, als er zum zweitenmal heiratete, im Alter von 11 Jahren im Jahre 1510 in das wegen seiner Strenge bekannte Zisterzienserinnenkloster Nimbschen bei Grimma, das ungefähr 30 km südöstlich von Leipzig lag. Gerade diese strengen Klöster, in denen noch Sitte, Ordnung und Moral herrschten, waren bei den Eltern sehr begehrt. Freiheiten und Ausschweifungen, die das Klosterleben noch erträglich gemacht hätten, gab es hier nicht. Der italienische Schriftsteller und Abt Agnolo Firenzuola († 1545) hatte Mitleid mit den Mädchen, die nur wegen der Gier und Habsucht der Väter, des Eigennutzes der Mütter und der Mißgunst der Stiefmütter ihr zukünftiges Leben als Nonnen fristen mußten.

Katharina haßte das Klosterleben von Anfang an. Es kam ihr vor, als ob man sie zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt hätte. Die 40 Nonnen in Nimbschen lebten in strenger Klausur. Gespräche mit Verwandten waren nur mit der Genehmigung der Äbtissin und in Gegenwart einer Zuhörerin durch ein vergittertes Redefenster erlaubt. Das Schreiben und der Erhalt von Briefen war andererseits nur gestattet, sofern die Äbtissin diese gelesen hatte. Freundschaften unter den Nonnen waren strikt verboten - ebenso der Besitz von Tieren. Dafür herrschte das Schweigegebot. Nur bei den Gebeten und Gesängen durfte der Mund geöffnet werden.

In der Nacht vom 4.4. auf den 5.4.1523 wagte die mittlerweile 24-jährige Katharina schließlich mit acht weiteren Nonnen die Flucht aus dem Kloster. Drei Bürger aus Torgau und der dortige Pfarrer, Gabriel Zwilling, halfen ihnen, indem sie einen Wagen mit einer großen Plandecke besorgten. Die Flucht war besonders für die Helfer gefährlich, denn Herzog Georg von Sachsen († 1539) hatte auf die Entführung von Nonnen die Todesstrafe gesetzt. Erst in Torgau waren die neun Nonnen und die vier Männer in Sicherheit, denn diese Stadt gehörte dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen († 1525), dem Schirmherrn von Martin Luther.

Nach einigen weiteren Tagesreisen trafen sie allesamt in Wittenberg ein. Und hier traten auch die ersten Schwierigkeiten bei der Unterbringung der Nonnen und bei der Beschaffung von Arbeit für sie auf. Denn Wittenberg war mittlerweile überschwemmt mit entlaufenden Nonnen, deren Eltern nicht bereit waren, ihre Töchter zu Hause wieder aufzunehmen.

Die protestantischen Geistlichen hielten es in diesem Fall für das Beste, so schnell wie möglich Ehegatten für die Nonnen zu finden. Standen jedoch keine unverheirateten Männer zur Verfügung, versuchte man den Frauen eine Anstellung als Lehrerin oder Magd zu verschaffen. Andernfalls bestand die Gefahr, daß sie schließlich als Prostituierte ihr Geld verdienen mußten. Katharina von Bora wurde als Magd bei dem berühmten Maler Lukas Cranach dem Älteren und seiner Frau Barbara aufgenommen, die mit ihren 12 Malergesellen einen großen Haushalt führten.

Während ihre Mitschwestern im Laufe der Zeit eine nach der anderen weggeheiratet wurden, fand sich jedoch für Katharina von Bora kein Ehemann. Mit ihren hohen Wangenknochen und ihren schräg stehenden schmalen Augen war sie zudem keine Schönheit. Ihre romantische Beziehung zum Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner († 1565) endete leider durch den Einwand von dessen Vater nicht in einer Ehe. Katharina von Bora war zwar adlig, aber völlig mittellos.

Luthers Thesen an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg
Abb. 4: Am 31.10.1517 schlug Luther nach den Aussagen seines Freundes und Zeitgenossen, dem Reformator Philipp Melanchthon, seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg; an die Stelle der 1760 verbrannten Holztür wurde 1858 eine eherne Tür mit den Thesen errichtet

Martin Luther, der ehemalige Augustinerchorherr, der mit seinem 95-Thesen-Anschlag an die Wittenberger Schloßkirche (Abb. 4) im Jahre 1517 für große Aufregung nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der Bevölkerung und im Adel gesorgt hatte, hatte sich um das Wohl der neun entflohenen Nonnen aus dem Kloster Nimbschen schon seit ihrer Ankunft gekümmert. Für Katharina von Bora suchte er nun einen anderen Heiratskandidaten und fand ihn im Pfarrer Glatz in Orlamünde, den jedoch Katharina als zukünftigen Ehegatten ablehnte. Dafür gestand sie Martin Luther, daß sie nur Nikolaus von Amsdorf (1483-1556) (Abb. 5) oder ihn selbst heiraten wolle. Auf den Mund gefallen war Katharina nie. Und Martin Luther, der nun von ihr als Ehegatte ausgesucht worden war, mußte sich dieses Angebot genauestens überlegen. Schließlich konnte er die Ehe nicht immer von seiner Kanzel als etwas Gottgewolltes verkünden und sich seiner eigenen Vermählung ständig entziehen.

Nikolaus von Amsdorft
Abb. 5: Nikolaus von Amsdorft

Eigentlich hatte er vor, eine der schönen Schwestern von Schonfeldt zu ehelichen, die mit Katharina von Bora aus dem Kloster Nimbschen geflohen waren. Ave von Schonfeldt dauerte die Unentschiedenheit Luthers jedoch zu lange, und sie heiratete schließlich einen tüchtigen Mediziner. Auch ihre Schwester Margaretha schaute sich anderweitig um und wurde fündig.

Als Ehegatten für Nonnen boten sich natürlich besonders ehemalige Priester und Mönche an. Daneben wurden die "geistlichen" Schwestern hauptsächlich von Handwerkern geheiratet.

Der mittlerweile 42-jährige Martin Luther willigte schließlich in die Ehe mit der 26-jährigen Katharina von Bora ein. Die Hochzeit der beiden wurde am Abend des 13.6.1525 im Kreise weniger Freunde gefeiert. Erst 14 Tage später lud das frischvermählte Paar zum festlichen Hochzeitsmahl ein. Auch die Eltern Martin Luthers, Hans Luther († 1530) und Margarethe Lindemann († 1531), waren anwesend, nachdem sich Vater und Sohn endlich versöhnt hatten. Hans Luther war nämlich über die Entscheidung seines Sohnes im Jahre 1505, Mönch zu werden, zutiefst enttäuscht. Er träumte von einer Juristenlaufbahn seines intelligenten Sohnes und davon, daß nach dem Tod zwei seiner Söhne Martin den Familiennamen durch reichliche Nachkommenschaft erhalten würde.

Der gern über andere spottende Erasmus von Rotterdam wußte nichts Besseres, als in seiner Korrespondenz nach allen Himmelsrichtungen das Gerücht zu verbreiten, die Braut erwarte schon in wenigen Wochen ein Kind, und deshalb hätte sich Luther mit seiner Eheschließung beeilen müssen, was der große Humanist später zu seinem Bedauern widerrufen mußte. Denn Katharina bekam ihr erstes Kind erst 11 Monate nach der Trauung.

Am 21.6.1525, acht Tage nach der Eheschließung, schrieb Martin Luther seinem Freund Nikolaus von Amsdorf: "Denn ich empfinde nicht hitzige Liebe oder Leidenschaft für meine Frau, aber ich habe sie sehr gern." (in: Martin Luther - privat. Briefe an Familie und Freunde, ausgewählt von Hartmut Müller, Freiburg im Breisgau 1990, S. 43). Ein Jahr später, am 17.6.1526, bezeichnete er sich in einem Brief an seinen Freund Georg Spalatin, dem sächsischen Hofkaplan, bereits als glücklicher Ehemann und seine Katharina als die beste Frau und das geliebte Weib.

Jetzt hatte er schließlich endlich jemanden, der für ihn sorgte: "Ehe ich heiratete, hat mir ein ganzes Jahr hindurch niemand das Bett zurechtgemacht, in dem das Stroh von meinem Schweiß faulte. Ich war müde und arbeitete mich den Tag ab und fiel so ins Bett, wußte nichts darum." (in: Richard Friedenthal: Luther - Sein Leben und seine Zeit, München und Zürich 1990, S. 538). Außerdem begann er bereits kurz nach seiner Eheschließung seine "Käthe" sehr zu schätzen: "Ich wollte meine Käthe nicht um Frankreich und um Venedig dazu hergeben, erstens darum, weil Gott sie mir geschenkt und mich ihr gegeben hat; zweitens, weil ich oft erfahre, daß andere Frauen mehr Fehler haben als meine Käthe (obwohl sie auch einige hat, stehen (ihnen) doch viele große Tugenden entgegen); drittens, weil sie den Glauben des Ehestandes, das ist Treue und Ehre, wahrt. So soll umgekehrt auch das Weib über den Mann denken." (in: Weimarer Ausgabe Tischreden1, 49 (1531))

Der oft cholerische und schwermütige Martin Luther, der als konservativ, unnachgiebig, unbelehrbar und oft gereizt galt, hätte wirklich keine bessere und zu ihm passendere Frau finden können. Mit seinen vorstehenden Wangenknochen und seinen tiefliegenden Augen glich er seiner Frau sogar äußerlich.

Die erste Zeit der Ehe war für ihn jedoch nicht ganz leicht, da er bisher völlig allein gelebt hatte. Besonders die Redesucht Katharinas, die im Kloster so lange hat schweigen müssen, fiel ihm anfangs auf die Nerven. Zudem hatte sie sich angewöhnt, bei ihm sitzen zu bleiben, auch wenn er studieren wollte.

Katharina erwies sich andererseits als sehr fleißig, sehr sparsam, nicht anspruchsvoll, umsichtig, energisch, mundfertig, wenn auch nicht unbedingt für intelligent. Letzteres durfte sie auch nicht sein, denn Martin Luther konnte kluge Frauen nicht ausstehen. "... wenn Weiber wolberedt sind, das ist an ihnen nicht zu loben; es steht ihnen baß an, daß sie stammlen und nicht wol reden können. Das zieret sie viel besser." (in: Becker, Bovenschen; Brackert u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes, Frankfurt am Main 1977, S. 21). Seiner Meinung nach hatte sich die Frau dem Mann wegen ihrer geringeren Körperstärke und -kraft und ihres kleineren Verstandes unterzuordnen. Zudem hatte sie in der Gemeinde zu schweigen.

Luthers sehr negatives Frauenbild konnte Katharina von Bora an vielen Stellen korrigieren. Denn letztendlich war seine Käthe – wie Martin Luther seine Gattin nannte – die Stärkere und Kräftigere in ihrer Ehe, die ihren oft schwer depressiven Mann seelisch wieder aufrichtete und ihren häufig erkrankten Ehegatten – Luther litt an Nieren- und Blasensteinen, Gicht und schweren Kreislaufstörungen – mit aller Liebe gesund pflegte. Außerdem ruhte die ganze Last des Haushaltes auf ihren Schultern. So nannte sie Martin Luther schließlich auch respektvoll "Herr Käthe", da sie doch letztendlich wirklich der Herr im Haus war.

das Lutherhaus zu Wittenberg
Abb. 6: Das Lutherhaus in Wittenberg, ehemaliges Augustiner-Eremitenkloster. Rechts vom Turm befanden sich die Räume seiner Familie und sein Arbeitszimmer. Links versammelten sich die Studenten im großen oder kleinen Hörsaal.

Schon morgens um 4.00 Uhr stand sie auf, um ihre sämtlichen Hausarbeiten erledigen zu können. 1532 hatte Luther vom Kurfürsten Johann dem Beständigen († 1532), dem Bruder und Nachfolger von Friedrich dem Weisen, ein ehemaliges Klosteranwesen geschenkt bekommen (Abb. 19b). Durch die allmähliche Umgestaltung des Zellenbaues wurde das alte Gemäuer zum stattlichen Wohnhaus der Familie Luther. Katharina ließ hier noch zusätzlich eine neue Badestube einrichten und verwandelte den ehemaligen Friedhof in einen Gemüse- und Obstgarten, in dem sie Erbsen, Bohnen, Rettiche, Kürbisse, Steckrüben, Kohl, Salat, Gurken und Kirschen, Birnen, Äpfel, Nüsse, Maulbeeren, Melonen, gelbe Pflaumen, Pfirsiche, Quitten, Pomeranzen, Feigen und Weintrauben ernten konnte. Melonen- und Kürbispflanzen waren übrigens erst seit kurzem aus dem Mittelmeergebiet nach Deutschland eingeführt worden. Außerdem ließ sie Ställe für die Schweinezucht bauen. So besaß sie z.B. 1542 acht oder sogar zehn Schweine, drei Ferkel, fünf Kühe, neun Kälber, eine Ziege und zwei Zicklein, mehrere Pferde, Hühner, Tauben, Gänse und den absoluten Liebling Luthers, einen Hund, der auf den Namen Tölpel hörte. Damit hatten die Luthers zu dieser Zeit den größten Viehbesitz in Wittenberg. So war Katharina von Bora schließlich nicht nur Gärtnerin, Bäuerin, Wirtschafterin, sondern auch Bierbrauerin und Imkerin. Zusätzlich bewirtschaftete sie seit 1531 einen Garten vor dem Elstertor, der Obstbäume und einen Fischteich aufwies und in dem Bienenzucht betrieben wurde, seit 1535 schließlich noch einen weiteren Garten vor dem Elstertor, seit 1539 das Pachtland "Gut Boos" vor den Toren Wittenbergs, dann seit 1540 den Familienbesitz der Boras, Zülsdorf oder Zölsdorf, der ihrem Bruder Hans von Bora gehört hatte und den ihr ihr Gatte, als das Gut zum Verkauf stand, geschenkt hatte und seit 1544 einen Hopfengarten vor dem Elstertor und einen Acker im Elzholz. Damit hatten die Luthers schließlich seit 1542 den größten Grundbesitz in Wittenberg.

Diese täglich anfallenden Arbeiten wurden nur durch die Geburten ihrer Kinder kurz unterbrochen, bei denen ihr Gatte immer sehr besorgt um sie war. Ob er nach seiner Heirat mit Katharina immer noch so dachte wie in den Jahren 1522 und 1525? "... Daher man auch siehet, wie schwach und ungesund die unfruchtbaren Weiber sind; die aber fruchtbar sind, sind gesünder, reinlicher und lustiger. Ob sie sich aber auch müde und zuletzt tottragen, das schadet nicht, laß sie nur tottragen, sie sind drum da. Es ist besser, kurz gesund denn lange ungesund leben." (in: Martin Luther: Vom ehelichen Leben, Stuttgart 1978, S. 41). "... Darum soll man die Weiber in Kindesnöten vermahnen, daß sie ihren möglichen Fleiß allda beweisen, das ist, ihre höchste Kraft und Macht dran strecken, daß das Kind genese, ob sie gleich darüber sterben. Denn etliche Frauen sorgen mehr für sich, wie sie mit dem Leben davon kommen, denn für das Kind, als die sich vor dem Tod fürchten und die Schmerzen gern übergehen wollten. Das ist nicht recht noch christlich." (in: Martin Luther, ebenda, S. 68).

Katharina brachte am 20.5.1526 (oder am 7.6.) ihr erstes Kind auf die Welt, einen Sohn, der Johannes († 1575) genannt wurde. Luther erwartete von seinem Stammhalter zeitlebens besonders viel. So wurde Johannes auch weitaus strenger als seine jüngeren Geschwister erzogen. Mit sieben Jahren schrieb ihn sein Vater schon an der Universität Wittenberg ein. Mit 13 Jahren erreichte Johannes bereits den Grad des Baccalaureus, der ihm gestattete, nun voll ins Studium der Theologie oder Jurisprudens einzusteigen.

Am 10.12.1527 gebar Katharina ihre Tochter Elisabeth, die bereits im August 1528 sterben sollte. Es folgten am 4.5.1529 Magdalena († 1542), Luthers Lieblingskind, am 9.11.1531 Martin († 1565), am 28.1.1533 Paul († 1593) und am 17.12.1534 Margarethe († 1570).

Aber Katharina hatte nicht nur für ihre Kinder und ihren Mann zu sorgen. Im Laufe der Zeit füllte sich ihr Haus mit Verwandten, die von ihr verpflegt werden wollten. So gesellte sich Katharinas Tante, Magdalena von Bora, und eine Großnichte namens Anna Strauss zu ihnen, und von ihres Gatten Seite wurden insgesamt 11 Kinder seiner verstorbenen Geschwister mit aufgezogen. Dazu kamen noch Luthers zuverlässiger, aber leider fauler Dienstbote Wolf Seberger und die vielen Studenten, die als zahlende Gäste zumindest Geld einbrachten. Die vielen durchreisenden, entlaufenden Mönche und Nonnen, Kranken und Waisen, die ebenfalls herzlich willkommen geheißen wurden, zahlten für Speise und Trank natürlich nichts.

Katharina mußte schon sehr sparsam sein und gut haushalten können, um mit dem Gehalt ihres Mannes dieser Gastfreundschaft ständig nachkommen zu können. Oft befand sich die Familie Luther jedoch in arger finanzieller Bedrängnis.

Aus der anfänglichen Vernunftehe zwischen Luther und seiner Käthe war mittlerweile eine herzliche Liebesbeziehung geworden. In seinen Briefen standen somit als Anrede- und Schlußformen stets "meinem Liebchen" und "dein Herzliebchen". So schrieb er ihr am 27.2.1532 aus Torgau folgenden Brief: "Meine herzliebe Käthe! Ich hoffe, wenn Doktor Brück Urlaub bekommen wird, wie er mich vertröstet, so will ich morgen oder übermorgen mit ihm kommen. Bitte Gott, daß er uns frisch und gesund heimbringe!

Doktor Caspar sagt, der Fußbrand unseres gnädigen Herrn (Kurfürst Johann des Beständigen) habe nicht weitergefressen an seinem Fuß. Seine Fürstlichen Gnaden ist am ganzen Leib so gesund wie ein Fisch, aber der Teufel hat ihn in den Fuß gebissen und gestochen. Betet, betet weiter! Denn auch Doktor Caspar meint, Gott allein müsse hier helfen.

Weil Johannes (ein Diener Luthers) wegzieht, fordern es Ehre und Notwendigkeit, daß wir ihn mit Anstand verabschieden. Denn Du weißt, daß er treu und fleißig gedient und sich wahrlich dem Evangelium entsprechend demütig betragen und alles getan und erduldet hat. Darum denke daran, wie oft wir bösen Buben und undankbaren Schelmen etwas gegeben haben, was alles verloren war. So greife nun hier in die Tasche und laß einen solch frommen Gesellen nicht Mangel leiden, da Du weißt, daß es wohl angelegt und Gott gefällig ist. Ich weiß wohl, daß wenig da ist; aber ich würde ihm gern 10 Gulden geben, wenn ich sie hätte; aber weniger als 5 Gulden sollst Du ihm nicht geben, weil er nicht neu eingekleidet worden ist. Wenn Du mehr geben kannst, so tu's, ich bitte Dich darum. Zwar könnte der gemeine Kasten (Kirchenkasse) mir zu Ehren gerade diesem von meinen Dienern wohl etwas schenken, wenn man bedenkt, daß ich meine Diener auf meine Kosten unterhalten muß für den Dienst und Nutzen ihrer Kirche; aber, wie sie wollen. Laß Du es ja an nichts fehlen, solange ein Becher da ist. Hiermit Gott befohlen, Amen. Küßt mir den jungen Hansen von mir und fordert Hänschen (sein Sohn Johannes), Lenchen (seine Tochter Magdalena) und Muhme Lehne (Katharinas Tante) auf, für den lieben Fürsten und für mich zu beten. Ich kann in dieser Stadt, obwohl jetzt Jahrmarkt ist, nichts finden, was ich den Kindern kaufen könnte. Wenn ich nichts Besonderes mitbringen sollte, so lege Du für mich einen Vorrat an Geschenken an." (in: Martin Luther – privat, ebenda, S. 93).

Seine letzten Lebensjahre schienen Martin Luther in Wittenberg nicht mehr sonderlich gefallen zu haben. So schrieb er seiner "Käthe" am 28.7.1545 folgendes aus Zeitz: "Meiner freundlichen lieben Hausfrau Katharina Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann. Gnade und Friede! Liebe Käthe, wie unsere Reise gegangen ist, wird (unser Sohn) Hans alles wohl berichten... Ich wollt´s gerne so machen, daß ich nicht wieder nach Wittenberg zu kommen brauchte. Mein Herz ist erkaltet, daß ich nicht gerne mehr da bin. Ich wollte auch, daß du Garten und Hufe, Haus und Hof verkauftest. Ebenso wollte ich meinem gnädigsten Herrn das große Haus wiederschenken. Es wäre Dein Bestes, daß du dich nach Zülsdorf setzest, dieweil ich noch lebe. Ich könnte Dir mit der Besoldung wohl helfen, das Gütlein zu bessern. Denn ich hoffe, mein gnädigster Herr soll mir die Besoldung zum wenigsten für das letzte Jahr meines Lebens verabfolgen lassen. Nach meinem Tode werden Dich die vier Elemente (Martin Luthers Gläubiger) zu Wittenberg doch nicht wohl leiden. Darum wäre es besser bei meinem Leben getan, was denn zu tun sein will. Vielleicht wird Wittenberg, wie sich´s anlässt mit seinem Regiment, nicht St. Veits Tanz noch Johannis Tanz, sondern den Betteltanz oder Beelzebubtanz kriegen, wie sie angefangen haben, die Frauen und Jungfrauen hinten und vorne zu entblößen, und niemand ist, der da strafe oder wehre, und wird Gottes Worts dazu verspottet. Nur weg aus diesem Sodom! ... Ich habe auf dem Lande mehr gehört, als ich zu Wittenberg erfahre, darum bin ich der Stadt müde und will nicht wiederkommen, wozu mir Gott helfe. Übermorgen werde ich nach Merseburg fahren, denn Fürst Georg hat mich sehr darum bitten lassen. Will also umherschweifen und lieber das Bettelbrot essen, ehe ich meine letzten armen, alten Tage mit dem unordentlichen Wesen zu Wittenberg martern und beunruhigen will, unter Verlust meiner sauren, teuren Arbeit..... Denn ich kann des Zorns und Unlust nicht länger leiden. Hiermit Gott befohlen, Amen." (in Weimarer Ausgabe Briefe 11, 4139)

Als Martin Luther am 18.2.1546 an einem Herzinfarkt gestorben war, ließ er seine Katharina fast mit leeren Händen zurück. Denn in seinem unverbesserlichen Eigensinn und seiner Abneigung gegen alle Juristen hatte er sein Testament selbst erstellt, in dem er seine Frau zum Vormund ihrer Kinder bestimmte und ihr erlaubte, ihren Besitz allein zu verwalten. Nach sächsischem Recht war jedoch der Ehemann in allen rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, auch der Verwaltung des von seiner Frau eingebrachten Besitzes, Vormund seiner Gattin. Nach seinem Tod wurde der Witwe und den unmündigen Kindern deshalb stets ein anderer Vormund zugeteilt. Luthers Testament wurde trotz seines Ansehens aufgrund dieses Gesetzes nicht anerkannt. Katharina gab jedoch nicht auf. Durch ihre zähen Verhandlungen mit dem Kurfürsten Johann Friedrich I. († 1554), dem Sohn und Nachfolger Johanns des Beständigen, und dessen Kanzler erreichte sie schließlich doch, daß man ihr nicht die Verantwortung für die Kinder nahm und daß sie auch weiterhin in ihrem Haus bleiben und ihren Besitz selbst verwalten konnte.

der Grabstein von Katharina von Bora in der Stadtkirche zu Torgau
Abb. 7: Der Grabstein von Katharina von Bora in der Stadtkirche zu Torgau

Als 1552 in Wittenberg die Pest ausgebrochen war, flüchtete sie mit Paul und Margarethe nach Torgau. Dabei stürzte ihr Wagen um. Obwohl die Verletzungen Katharinas nicht lebensgefährlich waren, starb sie drei Monate später, am 20.12., an einer Lungenentzündung. Bedingt durch den Seuchenausbruch in Wittenberg und Problemen mit den Stadtherren dort, wurde Katharina von Bora nicht, wie sie es mit Sicherheit gewünscht hatte, neben ihrem berühmten Gatten, sondern in der Pfarrkirche von Torgau (Abb. 7), beigesetzt.

Martin Luther hatte genaue Vorstellungen, was aus seinen Kindern werden sollte: Johannes hatte auf Befehl seines Vaters Theologe werden sollen, Martin war für den Beruf des Rechtsanwaltes und der stämmige Paul für den Dienst als Krieger ausersehen worden. Letztendlich entschied das Schicksal aber anders. Johannes († 1575), dem das Lernen immer sehr schwer fiel, studierte die Rechtswissenschaften und erhielt später als Ratgeber in der Weimarer Kanzlei eine Anstellung, die er wohl eher der Erinnerung an seinen berühmten Vater als seinen Fähigkeiten verdankte.

Margarethe Luther
Abb. 8: Margarethe Luther, das jüngste Kind von Katharina von Bora und Martin Luther

Martin, gestorben im Jahre 1565, studierte dagegen Theologie, war jedoch nie als Pfarrer tätig. Paul, der als letztes von Katharinas Kindern am 8.3.1593 verstarb, wurde ein angesehener Arzt, der sich an mehreren Höfen durch seine Fähigkeiten einen bedeutenden Ruf in der Medizin verschaffen konnte.

Margarethe Luther, Katharinas und Martin Luthers jüngstes Kind, heiratete am 5.8.1555 einen Wittenberger Studenten namens Georg von Kunheim, der einer reichen preussischen Adelsfamilie angehörte. Ihre Hochzeit wurde in Wittenberg mit großer Pracht unter Anwesenheit des sächsischen Adels und sämtlicher Herren der Universität gefeiert. Die Ehe, die sehr glücklich verlief, endete durch Margarethes frühen Tod im Jahre 1570. Durch ihre Kinder und deren Nachkommen gibt es noch heute Nachfahren von Katharina von Bora und Martin Luther.


Weitere Bilder: siehe "Stammtafeln in Bildern"

Zusatzbemerkung

Auf dem Internet ist über die Nachkommen von Martin Luther der Vermerk zu finden, dass Paul Luther (1533-1593) mit Anna von Warbeck (1532-1586) folgende sechs Kinder gehabt haben soll: Paul (1554-1558), Margareta (1555-1592), Johann Ernst (1560-1637), Johann Friedrich (1562-1599), Anna (1564-1596) und Johann Joachim (1569-1600). Ich persönlich bin nicht überzeugt, dass es sich in diesem Fall um Martin Luthers Sohn Paul handelt. Als Akademiker wird er nämlich kaum vor seinem 25. Lebensjahr (wahrscheinlicher sogar vor seinem 30. Lebensjahr) mit der Familiengründung begonnen haben. Wenn er auch wie sein Bruder Johannes schon mit 13 Jahren sein Baccalaureus artium gemacht haben sollte, stehen ihm noch die Magisterprüfung der Artistenfakultät, das eigentliche Studium der Medizin, das mit mehreren Besuchen verschiedener Universitäten verbunden ist und mindestens fünf Jahre beansprucht, und seine Promotion bevor. Erst dann darf er heiraten und Kinder zeugen. Denn den Studenten nicht nur des Mittelalters, sondern auch der Renaissance stand nicht das Heiratsrecht zu. Auskunft über den Vater von diesem Paul Luther geben zudem die Namen seiner Kinder, von denen kein einziger Sohn den Namen "Martin" und übrigens auch keine der Töchter den Namen "Katharina" trägt. Nach alter Tradition, speziell des 15. und 16. Jahrhunderts, wurde in der Regel dem ältesten Sohn der Name des väterlichen Großvaters gegeben. So nannte Martin Luther zum Beispiel seinen ältesten Sohn nach seinem Vater "Hans" (oder Johannes). Vielleicht hieß der Großvater dieses "Paul Luther" Paul Luther, bei dem es sich um einen nahen oder auch entfernten Verwandten von Martin Luther gehandelt haben kann. "Die Luther, von welchen Martin [Luther] abstammte, waren ein altes, weit verbreitetes Geschlecht. ... Von einem Besuche bei seiner Verwandtschaft redend, äußerte er [Martin Luther] beiläufig, daß sie fast das ganze Land einnehmen." (in: Karl Jürgens: Luther's Leben. Erste Abtheilung: Luther von seiner Geburt bis zum Ablaßstreite 1483-1517. 1. Band, Leipzig 1846, S. 13)


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