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Frohe Weihnachten / Merry Christmas

Eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2018 wünscht Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, Ihre Maike Vogt-Lüerssen von Downunder.

Möge das nächste Jahr für Sie mit Gesundheit, Freude, Spaß, Liebe und netten Überraschungen gefüllt sein! Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die meine Bücher und E-Books gekauft haben und mir damit ermöglichen, meiner großen Leidenschaft, der Geschichte, weiterhin nachgehen zu können.

Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert

Roxelane (um 1507-1558) - Der Aufstieg einer Sklavin zur Sultanin

Der mächtigste und von den christlichen Herrschern gefürchtetste Mann des 16. Jhs. war der osmanische Sultan Süleiman II. (heute läuft er fälschlicherweise unter dem Namen Süleiman I.), der am 6.11.1494 als Sohn von Selim I. "dem Grausamen" und dessen schöner Hauptkonkubine Walideh († 1534) in Trapezunt am Schwarzen Meer geboren wurde. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1520 trat er dessen Nachfolge an und sorgte durch zahlreiche Kriege dafür, daß das osmanische Reich die größte Ausdehnung und die größte Machtentfaltung in der türkischen Geschichte unter seiner Herrschaft erreichte. 1521 eroberte er Belgrad, 1522 Rhodos, 1526 unternahm er seinen ersten erfolgreichen ungarischen Feldzug, vom 26.9.-16.10.1529 belagerte er Wien, 1541 wurde Ungarn durch ihn eine osmanische Provinz, 1551 besetzte er Siebenbürgen, und 1566 starb er auf seinem letzten ungarischen Feldzug.

Zu seinem großen Vielvölkerstaat gehörten Syrien, Ägypten mit der arabischen Halbinsel, Tunesien, Algerien, Griechenland, Albanien, Moldau, Bessarabien, Teile von Polen und Ungarn, Slavonien, Bosnien, Serbien und die Walachei.

Die Venetianer schrieben bei seinem Regierungsantritt über ihn folgendes: "Er ist nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, groß und sehnig, er hat einen langen Hals und ein mageres, sehr bleiches Gesicht. Er hat nur den Anflug eines Schnurrbartes und bemerkenswert angenehme Umgangsformen. Man sagt von ihm, daß er ein weiser Herrscher ist, sehr den Wissenschaften ergeben, und Menschen aller Art erhoffen von seiner Regierungszeit viel Gutes." (in: Harold Lamb: Suleiman der Prächtige, München 1952, S. 20).

Roxelane
Abb. 54: Roxelane

Andere Zeitgenossen schilderten ihn zudem als verschlossen, jähzornig, sehr schweigsam, ernst, zur Melancholie neigend, stolz, intelligent, nach außen kalt und selbstsicher, innen aber völlig unsicher und als unermüdlichen Reiter, hervorragenden Heerführer, brillanten Staatsmann und gerechten Gesetzgeber. Äußerlich war er ein Mann von gebieterischem Aussehen, schlank, hochgewachsen, sehr stark, mit hervorstehenden Augenbrauen, scharfblickenden schwarzen Augen, dünnen Lippen und einer schmalen, gebogenen Nase. Und er besaß vier große Leidenschaften: die Ausübung seines Richteramtes, das Reiten erstklassiger Pferde, das Sammeln der unterschiedlichsten Uhren und seine große Liebe zu Roxelane (Abb. 54), die vermutlich um 1507 in Rußland geboren wurde.

Sowohl ihr richtiger Name wie auch ihre Kindheit und Jugendzeit bleiben für uns im Dunkeln. Wie viele ihrer Landsmänninnen, für die auf dem Sklavenmarkt in Istanbul eine große Nachfrage herrschte, geriet sie entweder als Gefangene oder, indem ihre Eltern sie selbst zum Verkauf anboten, als Handelsware ins osmanische Reich. Im Durchschnitt waren die Mädchen 6 - 13 Jahre alt, wenn sie für die großen Haushalte der osmanischen Oberschicht oder der Sultane gekauft wurden. Als weiße Sklavinnen blieb ihnen im Gegensatz zu den schwarzen Leidensgenossinnen jedoch die grobe und schwere Hausarbeit erspart, da sie meistens als Gesellschafterinnen und Hofdamen der Gattinnen der Hausherren fungierten.

Roxelane wurde von Ibrahim Pascha (1493-1536), dem Freund Süleimans, gekauft, der selbst in jungen Jahren als griechischer Gefangener Süleiman II. geschenkt worden war. Er galt als hochbegabt, bezaubernd, arrogant, energisch, zielbewußt, in Geschichte und in Kriegführung sehr belesen, konnte sich in mehreren Sprachen fließend unterhalten, spielte Geige und schrieb Lieder und Gedichte.

Süleiman, der sich in seiner Kindheit oft sehr einsam gefühlt hatte, schätzte seinen Sklaven Ibrahim Pascha besonders wegen dessen Heiterkeit und dessen Witz, mit dem er den oft in schwere Depressionen fallenden Sultan wieder aufrichten konnte. 1520 ernannte Süleiman ihn deshalb zu seinem Kammerherrn und ließ für ihn auf dem Hippodrom außerdem einen prächtigen Palast bauen.

Als Dankeschön erhielt der Sultan von Ibrahim Pascha hierfür die junge Russin Roxelane überreicht, die in Süleimans ungefähr 300 Sklavinnen umfassenden Harem regelrecht in der Anonymität zu verschwinden drohte. Roxelane, die flammend rotes Haar besaß, wurde als zierlich, schlank, anmutig und liebreizend beschrieben. Zudem war sie sehr intelligent und sehr lebhaft und lachte und scherzte gern. Wie alle anderen jungen Haremsdamen erhielt sie zuerst einmal gründlichen Unterricht in der türkischen Sprache und im Islam. Ferner stand noch Schreiben, Lesen, das Abfassen von zierlichen Liebesbriefen, Nähen, Sticken, Singen, Tanzen, das Erlernen eines Musikinstrumentes und die Einübung von anmutigen und graziösen Bewegungen auf ihrem Stundenplan.

Ungewöhnlich schönen und begabten Sklavinnen, die die Chance besaßen, Konkubinen des Sultans zu werden, brachte man zudem noch erotische Fertigkeiten bei. Die 12 der attraktivsten und talentiertesten unter ihnen bestimmte man außerdem zu den Zofen des Sultans, den Gedikli, die die Aufgabe hatten, ihren Herrn anzukleiden, zu baden und mit köstlichen Mahlzeiten zu versorgen. Als mögliche Bettgenossinnen des Sultans konnten sie schließlich zu seinen Favoritinnen, den Ikbals, aufsteigen. Wurden diese schwanger, und brachten sie ihrem Herrn Kinder auf die Welt, erhielten sie den Ehrentitel Konkubinen oder Kadine des Sultans.

Roxelane fiel es als Geschenk des besten Freundes des Sultans natürlich nicht schwer, Süleimans Aufmerksamkeit zu erheischen. Außerdem zog ihr herzliches Lachen jeden im Harem an. Deshalb erhielt sie schon bald den Beinamen "die Lachende" oder "Khurrem". Und so dauerte es auch nicht lange, bis sie zur Bettgenossin des Sultans bestimmt wurde. Da sie nicht wie seine anderen Favoritinnen nur zur Triebbefriedigung und Gebärerin möglicher Nachkommen zu gebrauchen war, sondern auch als Gesprächspartnerin sich als wahre Freundin, ja, als Gefährtin fürs Leben erwies, war Süleiman ausgesprochen begeistert von Ibrahims Geschenk. Mit Roxelane konnte er Gedichte austauschen oder hochpolitische Diskussionen führen; sie war obendrein in der Lage, ihm kluge Ratschläge zu geben und hatte Verständnis für seine Ängste, die er nur ihr zu beichten wagte. Außerdem war sie fähig, mit ihrer Heiterkeit wie sein Freund Ibrahim seine Melancholie zu vertreiben. Immer häufiger suchte er schließlich nur noch sie auf und vernachlässigte seine Hauptfrau, die Montenegrinerin oder Tscherkessin Gulbehar († 1580), die den Beinamen "die Frühlingsblüte" führte und die ihm bereits vier Kinder geboren hatte, von denen jedoch nur noch der Sohn Mustafa am Leben war.

Es blieb nicht aus, daß Roxelane bald schwanger wurde und 1522 ihren ersten Sohn Mahomet auf die Welt brachte. Und damit begann für die junge Mutter das große Drama in ihrem Leben. Um das Reich nicht nach jedem Tod eines Sultans einem Bürgerkrieg auszusetzen, weil dessen Söhne um die Nachfolge blutige Kämpfe ausführten, hatte Mehmed II. († 1481) folgendes Gesetz erlassen: "Und jedem meiner Abkömmlinge ist es, wenn er das Sultanat erlangt, im Hinblick auf die Ordnung der Welt gestattet, seine Brüder zu töten." (in: Roswitha Gost: Der Harem, Köln 1993, S. 80).

Seit diesem Erlaß wiederholte sich nun anläßlich jedes Thronwechsels das gleiche grausame Ritual. Der neue Herrscher ließ seine sämtlichen Brüder und Halbbrüder und deren Söhne erdrosseln. Süleiman hatte dieses Gesetz nicht ausführen müssen, da sein Vater nicht nur seine eigenen zwei Brüder, sondern auch seine sieben Neffen und Süleimans vier Brüder erdrosseln ließ, um seinem Lieblingssohn die Thronfolge zu sichern.

Um 1523 gebar Roxelane ihr zweites Kind, wieder einen Sohn, dessen Rücken jedoch Verwachsungen aufwies und der als sogenannter Krüppel deshalb keine Ansprüche auf das Sultanat erheben konnte. Er erhielt von seinen Eltern den Namen Giangir und wurde als liebenswürdig, heiter und von schönem Antlitz beschrieben. Weil er seinen Mitmenschen stets nur das Gute zutraute, wurde er von seinen Geschwistern, selbst seinem Halbbruder Mustafa und seinem Vater sehr geliebt. Süleiman schätzte diesen Sohn besonders wegen seines Witzes und seiner angenehmen Unterhaltung.

Um 1526 brachte Roxelane mittlerweile ihr drittes Kind, ihre einzige Tochter Mirmah, auf die Welt, die ihres Vaters absoluter Liebling wurde. Roxelane selbst spielte in der Zwischenzeit im Leben ihres Mannes eine immer bedeutendere Rolle. Er liebte seine flinke, heitere, zweite Hauptfrau über alles und suchte fast nur noch ihre Gesellschaft auf. Selbst seinen Freund Ibrahim Pascha begann er zu vernachlässigen, der seit 1523 zum Großwesir und zum Großgouverneur des Balkans aufgestiegen und mit einer Schwester Süleimans, Hatice, verheiratet worden war. 1526 hatte der Sultan ihn für den Ungarnfeldzug außerdem noch zum Oberbefehlshaber ernannt.

Zu dieser Zeit stand es mit dem Hausfrieden in Süleimans Harem nicht zum Besten. Der venezianische Gesandte bei der Hohen Pforte, Pietro Bragadino, berichtete dem Senat der Serenissima in einer Geheimdepesche von einem handfesten Streit zwischen der ersten und der zweiten Kadin, also zwischen Gulbehar und Roxelane, bei dem erstere ihre Rivalin heftig an den Haaren gezogen und deren Gesicht zerkratzt hatte. Süleiman verbannte daraufhin seinen ältesten Sohn Mustafa als Statthalter nach Manisa, einer Stadt in der westlichen Türkei, die weit genug vom Zentrum der Macht entfernt war. Seine Mutter, Gulbehar, mußte ihn entsprechend dem osmanischen Protokoll dorthin begleiten.

Fortan hatte Süleiman nur noch Geschlechtsverkehr mit Roxelane. Seine anderen schönen Sklavinnen vermählte er im Laufe der nächsten Jahre mit seinen Paschas. Zudem versuchte er alle Wünsche seiner geliebten Roxelane zu erfüllen und fand sich sogar bereit, sie zu ehelichen, was schon seit ungefähr 130 Jahren nicht mehr Sitte bei den osmanischen Sultanen war. 1530 fand die prachtvolle Hochzeit statt, die ein zeitgenössischer Beobachter, der Brite Sir George Young, folgendermaßen kommentierte:

"Diese Woche hat hier in der Stadt ein ganz außergewöhnliches Ereignis stattgefunden, das in der Geschichte der Sultane unbedingt ohnegleichen ist. Der Große Gebieter Süleiman hat eine Sklavenfrau aus Rußland, eine gewisse Roxelana, zu seiner Kaiserin gemacht, und es gab ein üppiges Fest. Die Zeremonie fand im Serail statt, und die Festlichkeiten sprengten jeden bislang gekannten Rahmen. Die großen Straßen waren des Nachts bunt erleuchtet, und es gab viel Musik, und die Leute schmausten reichlich.

Die Häuser sind mit Girlanden geschmückt, und man hat überall Schaukeln angebracht, in denen die Menschen stundenlang mit großem Vergnügen schaukeln. Im alten Hippodrom wurde eine große Tribüne aufgebaut, wo die Plätze für die Kaiserin und ihre Damen mit güldenem Gitterwerk abgetrennt sind. Hier wohnten Roxelana und der Hof einem prachtvollen Turnier bei, an dem christliche und auch moslemische Reiter teilnahmen, ferner Akrobaten und Taschenspieler und eine Prozession wilder Bestien und Giraffen, deren lange Hälse gleichsam den Himmel zu berühren schienen... Man redet eine Menge über die Hochzeit, und niemand kann sagen, was sie eigentlich bedeutet." (in: Alev Lytle Croutier: Harem – Die Welt hinter dem Schleier, München 1989, S. 115).

Wie dachte das Volk jedoch über Roxelane?

Der venezianische Botschafter Da Zara schrieb: "Er (Süleiman) liebt sie so und hält ihr so sehr die Treue, daß sich alle seine Untertanen wundern und sagen, sie habe ihn verhext. Sie nennen sie die »Ziadi« oder die Hexe. Deshalb wird sie samt ihren Kindern vom Hof und vom Heer gehaßt, aber niemand wagt etwas gegen sie zu sagen, weil er sie liebt. Ich meinerseits habe überall schlecht über sie und über ihre Kinder reden hören, während man von dem Erstgeborenen (Mustafa) und seiner Mutter nur Gutes spricht." (in: Noel Barber: Die Sultane – Die Geschichte des Ottomanischen Reiches dargestellt in Lebensbildern, Frankfurt a.M., Berlin, Wien 19752, S. 33-34).

Das türkische Volk glaubte also, daß Roxelane den Sultan nur durch Liebestränke und Zauberkünste an sich binden konnte. So wurde sie zur Hexe gestempelt, die auch durch ihre beispiellos vielen Stiftungen – darunter fünf Moscheen, eine Koranschule, eine öffentliche Suppenküche für die Armen, ein Hospital und mehrere Derwischklöster – nicht beliebter wurde. Voller Neid verfolgten die Untertanen die große Liebe ihres Herrn zu dieser ehemaligen Sklavin, die ihm um 1531 einen weiteren Sohn schenkte, der Selim genannt wurde und der von allen ihren Kindern ihr äußerlich am meisten ähneln sollte. 1532 brachte sie schließlich ihr letztes Kind, ihren bildhübschen und kecken Lieblingssohn Bajazet, auf die Welt.

Roxelanes Einfluß am Hofe ihres Gatten nahm im Laufe der Jahre weiter zu. Süleiman war des öfteren durch seine immerhin 13 Feldzüge von Zuhause entfernt, in denen das ewig verliebte Ehepaar über ihre Briefe engen Kontakt hielt. So schrieb Roxelane ihm in einem ihrer zahlreichen Botschaften folgendes: "Mein Herrscher, du Teil meiner Seele, der du die Sonne meines Landes bist und der Grundstein meines Glückes. Wenn du wüßtest, wie das Feuer der Trennung in meinem Herzen brennt und zehrt und wie meine Liebe zu dir, ohne den Tag und die Nacht wahrzunehmen, hilflos dem Ertrinken nahe im Meer der Sehnsucht treibt..." (in: Roswitha Gost, ebenda, S. 99). Worauf Süleiman ihr folgendes antwortete: "Deiner Liebe habe ich gestern Nacht meine Gefühle entgegengebracht. Gestatte mir, wenn ich dich nur betrachte, erscheint mir deine Schönheit wie die eines Nachtschmetterlings. Meine Geliebte, du bist das Licht und ich der Falter deiner Liebe. Wie wenn man im Rosengarten der Schönheit einen Herzensvogel fangen wollte, so ist der Zustand eines Liebenden, der sich im Netz der Liebe verfangen hat." (in: Roswitha Gost, ebenda, S. 99).

Als Süleimans einziger Freund Ibrahim Pascha seinem Herrn über den Kopf zu wachsen schien und mit seiner Großspurigkeit, Arroganz und seiner Gewinnsucht sich schließlich anmaßte, bedeutender als der Sultan selbst zu sein, ließ ihn dieser am 16.3.1536 hinrichten. Hatte Ibrahim Pascha doch folgendes verkünden lassen: "Es ist wahr, daß ich dieses große Reich regiere... Was ich auch anfasse, es wird durchgeführt. Wenn ich wollte, könnte ich aus einem Stallburschen einen Pascha machen. Was ich zu geben wünsche, wird gegeben und kann nicht genommen werden. Mein Herr wird nichts dagegen einwenden. Wenn der große Sultan etwas gibt, und ich bin nicht damit einverstanden, dann wird es genommen. Die Entscheidung über Krieg und Frieden, die Verwendung der Staatsmittel – das alles liegt in meiner Hand. Der Sultan ist nicht besser gekleidet als ich. Seine Vollmachten vertraut er meinen Händen an..." (in: Harold Lamb, ebenda, S. 162). Wer solches auszusprechen wagte, würde auch nicht zögern, einen Umsturz zu initiieren. Und vor nichts hatte Süleiman solche Angst wie vor einer Rebellion, die seine mögliche Absetzung beinhalten konnte.

Aber nach dem Tode Ibrahim Paschas blieb dem Sultan wirklich nur noch Roxelane als einzige Freundin, Ratgeberin und Lebensgefährtin, bei der er sein Herrscheramt ablegen konnte und ein gewöhnlicher Mensch mit all seinen Schwächen sein durfte.

1541 rückten die beiden Ehegatten auch örtlich näher zusammen. Denn ein Großbrand hatte im Eski Sarayi, dem Palast des Harems, einen Großteil der Gebäude in Schutt und Asche gelegt. Roxelane konnte ihren Gatten überreden, den Palast nicht wieder aufzubauen, sondern ihr Domizil in Zukunft in seine Nähe zu verlegen, damit die Entfernung zwischen ihnen nicht mehr so groß sei. Süleiman willigte sofort ein und ließ auf dem Areal des Topkapi Sarayi die Gebäude des neuen Harems errichten. Da er mittlerweile schon sehr unter der Gicht litt, konnte er somit auch schneller und länger unter der Obhut seiner Gattin gepflegt und aufgeheitert werden.

Am 21.9.1543 verlor Roxelane ihren ersten Sohn Mahomet, der beim Volk und beim Heer sehr beliebt war und der seinem Vater als Sultan folgen sollte. Er wurde jedoch nur 21 Jahre alt und hinterließ nur ein zweijähriges Töchterchen. Nach seinem Tod brach bei Roxelane die alte Angst wieder auf, daß ihr Stiefsohn Mustafa ihre übrigen drei Söhne ermorden würde. Mit dem Gatten ihrer Tochter Mirmah, Rüstem Pascha († 1561), der seit 1539 zur Familie des Sultans gehörte und seit 1544 das Amt des Großwesirs bekleidete, versuchte sie in den folgenden Jahren deshalb alles, um Mustafa als potentielle Gefahr für ihre Kinder auszuschalten. Für uns Historiker heute ist nicht mehr nachzuvollziehen, ob Süleimans ältester Sohn im Jahre 1553 tatsächlich einen Umsturz gegen seinen Vater plante, oder ob dies alles nur von Roxelane und ihrem Schwiegersohn Rüstem Pascha gerüchtemäßig verbreitet wurde, um den Sultan zur Tötung seines Erstgeborenen zu treiben. Süleiman hielt jedenfalls die Informationen über die Rebellion seines Sohnes für echt und ließ ihn und dessen 11-jährigen Sohn, seinen eigenen Enkel, 1553 als Hochverräter mit einer seidenen Bogensehne erdrosseln.

Die darauffolgende Unzufriedenheit besonders bei den Janitscharen im Heer, bei denen Mustafa sehr beliebt war, wurde für den Sultan so bedrohlich, daß er auf ihren Druck hin seinen Schwiegersohn, den Großwesir Rüstem Pascha, der überall als Drahtzieher des Komplotts gegen Mustafa angesehen wurde, seines Amtes entheben mußte. Nachdem der Aufstand unter den Janitscharen durch üppige Handgelder besänftigt werden konnte und sich die Wogen wieder geglättet hatten, wurde Süleimans Schwiegersohn 1555 erneut zum Großwesir ernannt. Natürlich wurde bei all diesen Mordtaten – auch bei der Hinrichtung Ibrahim Paschas – stets Roxelane als treibende Kraft gesehen, was jedoch quellenmäßig nicht im geringsten bewiesen werden kann. Andererseits hätte wohl kaum eine Mutter die bevorstehende Ermordung ihrer Söhne hingenommen, ohne nicht alles zu versuchen, um dies zu verhindern. Süleiman kränkelte schon seit mehreren Jahren. Mit seinem Tod mußte Roxelane jederzeit rechnen. Als Kämpferin von Natur aus konnte und wollte sie ihre Söhne jedoch dem Henker nicht so einfach übergeben.

1553 verlor Roxelane auch ihren zweiten Sohn Giangir, der die Hinrichtung seines Halbbruders Mustafa nicht überwand und an einem Nervenfieber starb. So hatte sie nur noch neben ihrer Tochter Mirmah ihren mittlerweile 22-jährigen, lebenslustigen und trunksüchtigen Sohn Selim und den 21-jährigen ehrgeizigen Sohn Bajazet, der äußerlich und charakterlich ganz nach seinem Vater ging. Die restlichen Lebensjahre, die Roxelane noch zur Verfügung standen, versuchte sie zu nutzen, um die wachsende Rivalität zwischen diesen beiden Söhnen, den potentiellen Nachfolgern ihres Gatten, einzudämmen.

Als sie am 3.4.1558 starb, blieb ihr immerhin erspart, miterleben zu müssen, wie sich der ehrgeizige und machtbesessene Bajazet 1559 in seinem Kampf gegen seinen Bruder Selim auch mit dem Vater überwarf und schließlich einen Aufstand gegen diesen selbst anzettelte. Als dieser fehlschlug, flüchtete er mit seinen vier Söhnen im November 1559 zum persischen Schah Tahmasp, der ihn erst wohlwollend aufnahm, aber letztendlich nach einer Zahlung Süleimans von 400000 Goldmünzen an dessen Bruder Selim übergab, der Bajazet und dessen sämtlichen Söhne am 25.9.1561 erdrosseln ließ.

Das einzige Kind, das Süleiman außer Giangir nie enttäuscht hatte, war seine willensstarke und selbstbewußte Tochter Mirmah, die bei ihrem Vater mittlerweile die Rolle ihrer Mutter als seine Ratgeberin und Gesprächspartnerin eingenommen hatte.

Süleiman überlebte seine geliebte Roxelane um acht Jahre, bevor er auf seinem letzten Ungarnfeldzug in der Nacht vom 5. auf den 6.9.1566 starb. Für ihn gab es keine andere Frau mehr in seinem Leben. Er hielt seiner Gattin bis zum Tode die Treue. Neben ihr ließ er sich in der prächtigen Süleimaniye, die im Jahre 1557 fertiggestellt worden war, bestatten.

Sein 35-jähriger Sohn Selim II., der fette Trunkenbold mit dem aufgedunsenen und stark geröteten Gesicht, folgte ihm als Sultan mit dem Beinamen "der Säufer". Schon acht Jahre später verschied auch dieser 1574, als er sich, nachdem er eine Flasche zyprischen Weines auf einen Zug geleert hatte, ins Bad begab und dort ins Stolpern geriet. Dabei rutschte er nämlich auf dem Marmorfußboden aus, fiel hin und brach sich den Schädel.


Lese-/Videotipps:
  • Busbeck, Ogier Ghiselin von: Vier Briefe aus der Türkei. Erlangen 1926 (sehr interessant; Busbeck war ein Zeitgenosse von Roxelane!)
  • Tralow, Johannes: Roxelane. Reinbek bei Hamburg 1987 (sehr gelungener Roman über Roxelane – absolutes Lesevergnügen)
  • Kunst und Kultur des Orients (Beshkan) (sehr besuchenswerte Webseite von Cornelia Rother)

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