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Frohe Weihnachten / Merry Christmas

Eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2018 wünscht Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, Ihre Maike Vogt-Lüerssen von Downunder.

Möge das nächste Jahr für Sie mit Gesundheit, Freude, Spaß, Liebe und netten Überraschungen gefüllt sein! Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die meine Bücher und E-Books gekauft haben und mir damit ermöglichen, meiner großen Leidenschaft, der Geschichte, weiterhin nachgehen zu können.

Alltagsgeschichte des Mittelalters

IX. 3. Das Universitätsstudium

Im Laufe des Mittelalters wurden in Europa rund 80 Hochschulen gegründet – darunter z.B. die Universitäten in Bologna im Jahre 1119, in Paris 1202, in Oxford 1214, in Padua 1222, in Neapel 1224, in Prag 1348, in Wien 1365, in Heidelberg 1386, in Köln 1389 und in Freiburg im Breisgau im Jahre 1460. Diese Hochschulen unterstanden alle dem Papst und bildeten internationale, kirchliche Institute, obwohl doch einige Kirchenväter wie Tertullian († 225 n. Chr.) völlig gegen die Wissenschaften eingestellt waren. So verkündete dieser nämlich folgendes:
"Wir bedürfen seit Christus Jesus des Forschens nicht länger, noch des Untersuchens, seit wir das Evangelium besitzen. So wir glauben, verlangen wir über den Glauben hinaus nichts mehr. Denn das ist unser oberster Glaubensartikel: daß da nichts sei, was wir über den Glauben hinaus noch zu glauben hätten." (in: De praescriptione haereticorum", 7,9ff – Übersetzung von A.M. Ritter).

Gegen Ende des 12. Jhs. wurden die verschiedenen Disziplinen, die an den Universitäten gelehrt wurden, entsprechenden Fakultäten zugeordnet. So gab es neben der Theologie-Fakultät noch die Juristen-, die Medizin-, die Philosophie- und die Artistenfakultät. Jeder dieser Fachbereiche hatte einen eigenen Dekan und genoß vollkommene Autonomie. Bis zum Ende des 18. Jhs. konnte keine staatliche Macht in ihren Kompetenzbereich eingreifen. Die Universitäten verfügten über eigene Einkünfte, eigene Güter und eigene Gerichtsbarkeit, und als Hochschulangehörige waren die Lehrer wie Studenten von Steuern und vom Kriegsdienst befreit.

Jeder neue Student, oft "Grünschnabel" genannt, mußte zuerst einmal die Artistenfakultät besuchen, die aus zwei Ausbildungsabschnitten, dem Trivium und dem Quadrivium, bestand. Eine Aufnahmeprüfung oder ein höherer Schulabgang war nicht vorzuweisen. Ja, man mußte nicht einmal irgendeine Schule besucht haben!

Im Trivium wurde man in Grammatik, Rhetorik und Logik unterrichtet. Nach ungefähr drei bis acht Jahren – die Zeit war nicht vorgeschrieben – stand die erste Prüfung bevor. Wenn man diese erfolgreich gemeistert hatte, durfte man sich "Baccalaureus" nennen. Danach wurde man im Quadrivium in den Fächern Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie unterwiesen. Ungefähr zwei Jahre später konnte man es wagen, sich zur Abschlußprüfung der Artistenfakultät zu melden, um sich schließlich Magister artium nennen zu dürfen. Erst mit dem Erwerb dieses Titels war man berechtigt, das eigentliche Studium, sei es nun in Theologie, Jura, Philosophie oder Medizin, zu belegen, daß im Falle der Medizin nach ungefähr fünf Jahren mit dem Erwerb des Doktortitels abschloß. Letzteres war nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch des Geldbeutels. Auf den obligatorischen Doktorfeiern hatten die angehenden Doktoren sowohl für das Essen und Trinken ihrer Professoren und Kommilitonen zu sorgen als auch die Professoren, bei denen sie geprüft worden waren, und die Hausmeister ihrer Universität neu einzukleiden.

In Köln waren in der ersten Hälfte des 15. Jhs. 7/10 aller Studenten in der Artistenfakultät zu finden, 2/10 saßen in der Juristenfakultät (Stadträte, Notare und Prokuristen waren seit dem 13. Jh. sehr gefragt!) und 1/10 in den Theologie- und Medizin-Fakultäten.

Das Studium selbst fand zunächst draußen auf den Straßen statt. So wurde in Oxford und in Cambridge im 13. Jh. noch unter Vordächern am Straßenrand unterrichtet, in Paris in den Kreuzgängen der Kathedrale oder in den Straßenecken und in Italien auf freien Plätzen oder vor Kirchentüren. Erst allmählich gingen die Lehrer dazu über, Räume für sich und ihre Studenten zu mieten, in denen letztere auf strohbedecktem Boden Platz nehmen durften. Bänke oder Stühle waren Bequemlichkeiten des Spätmittelalters.

Im 14. Jh. waren die meisten Studenten Kleriker oder Söhne reicher Ratsherren. Die Söhne von Adligen und die Mönche waren dagegen nur schwach vertreten. Im 15./16. Jh. stammten viele Studenten auch aus einfachen Bürgerfamilien. Nach ihren Prüfungen konnten diese in hohe staatliche Positionen aufsteigen. Thomas Wolsey († 1530), der Sohn eines Metzgers und Viehhändlers, wurde nach seinem erfolgreichen Theologiestudium in Oxford letztendlich im Jahre 1515 zum Lordkanzler, d.h. zum Leiter der Staatsgeschäfte, von Heinrich VIII. von England erhoben. Ebenso stieg Thomas Cromwell († 1540), dessen Vater eine kleine Schmiedewerkstatt und eine Tuchwalkerei betrieb, nach seinem Jurastudium zum Geheimsiegelbewahrer, Lordkanzler, Staatssekretär und Generalvikarius Heinrichs VIII. auf. Auch Nicholas Rolin († 1461), der aus einer Familie der Mittelklasse stammte und seit 1422 der Kanzler Burgunds war und der bedeutendste politische Lenker seines Reiches wurde, hatte Jura studiert.

Je nach ihrer "örtlichen" Herkunft wurden die Studierenden bestimmten Gruppen zugeordnet. So gab es in Prag, das um 1378 11 100 Studenten besaß, vier gleichberechtigte "Nationen", in die sich die einzelnen Studenten organisierten. Zu der böhmischen Nation gehörten die Böhmen, die Tschechen, die Ungarn und die Südslaven, zu der bayrischen Nation die Schwaben, die Bayern, die Franken, die Hessen, die Rheinländer und die Westfalen, zu der polnischen Nation die Polen und die Deutschen aus den Ostländern und zu der sächsischen Nation die Norddeutschen, die Dänen, die Schweden und die Finnen. Getrennt nach diesen Nationen, wohnte und stimmte man unter seinesgleichen ab.

Altersmäßig war an den Universitäten ab 10 Jahren aufwärts alles zu finden. Martin Luthers ältester Sohn Johannes († 1575) wurde mit sieben Jahren an der Universität Wittenberg eingeschrieben. Mit 13 Jahren erreichte er sein Baccalaureat. Das Durchschnittsalter lag durch den hohen Anteil an jungen Studierenden bei 12 Jahren. Gemeinsam war allen Studenten nur die Tonsur und die klerikale Kleidung. An ein Gelübde waren sie jedoch nicht gebunden!

Im 14./15. Jh. lebten die Studenten entweder gemeinsam mit ihren Professoren und deren Helfern in Studienhäusern, sogenannten Bursen oder Kollegien, oder bei ihren Eltern, oder sie mieteten sich bei ortsansässigen Einwohnern ein. Für arme, mittellose Studenten gab es zudem Gebührenfreiheit. In Köln gehörten zu Beginn der 70er Jahre des 15. Jhs. immerhin 16 - 20% zu dieser finanziell zu unterstützenden Gruppe. Die Universitäten boten ihren armen Mitgliedern durch zahlreiche Stiftungen freie Unterkunft und Verpflegung.

Die Studiendauer war z.T. sehr lang. Geistliche Studenten, die im Besitz von Benefizien waren und ihre Einkommen hatten, zwang nichts zur Eile. Nur einige Laien mußten aus finanziellen Gründen ihr Studium schnell durchziehen. Edith Ennen erwähnt z.B. in ihrem Bericht "Stadt und Schule in ihrem wechselseitigen Verhältnis vornehmlich im Mittelalter", daß ein Nürnberger Ratsherr mit dem Namen Johannes Oelhafen im Jahre 1534 in Wittenberg mit seinem Studium begann, 1540 nach Tübingen ging, ab 1541 Studienreisen nach Frankreich und Italien unternahm und sich erst 1546 wieder in Nürnberg niederließ. (Edith Ennen, ebenda, in: Die Stadt des Mittelalters, hrsg. von Carl Haase, Darmstadt 1976, S. 471)

Johannes Oelhafen konnte sich, was sich auch heute noch viele Studenten wünschen, in aller Muße mit den Wissenschaften beschäftigen!


Lesetipps:
  • Grundmann, Herbert: Vom Ursprung der Universität im Mittelalter. Darmstadt 1960

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Buch Cover: Der Alltag im Mittelalter

Der Alltag im Mittelalter 352 Seiten, mit 156 Bildern, ISBN 3-8334-4354-5, 2., überarbeitete Auflage 2006, € 23,90

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