Homo erectus
Seit dem Zeitpunkt der Trennung der Menschen von den Affen existierten verschiedene Vertreter der Frühmenschen gemeinsam auf der Erde. Wie sie miteinander umgingen, wenn sie aufeinander trafen, wissen wir leider nicht.
Vor rund 1,8 Millionen Jahren brach schließlich das Zeitalter des Homo erectus („des aufrechten oder des aufgerichteten Menschen“) an, der sich von den Australopithecinen und den ersten Vertretern der Homo-Gattung wie dem Homo habilis im Laufe seiner Fortentwicklung allein durch sein Äußeres erheblich zu unterscheiden begann. So wies der Homo erectus schließlich eine Größe von ungefähr 1,85 m auf, wog 77 kg und verfügte unter seiner dickwandigen Schädeldecke über ein Gehirnvolumen von 940 bis 1000 ml. Nur seine starken Überaugenwülste hatte er mit seinen Vorgängern gemeinsam. Ob er wie diese auch noch stark behaart war, wird von einigen Paläontologen und Anthropologen mittlerweile mit Recht in Frage gestellt. Mit Sicherheit war Homo erectus zudem dunkelhäutig.
Auch im sozialen Bereich gab es bei diesem neuen Frühmenschen einige Wandlungen. So scheint es nun keine dominanten Männchen mehr gegeben zu haben, die über einen Harem von kleinen Weibchen verfügten, sondern jedem Mann stand eine Partnerin zu, die sich zudem in ihrer Körpergröße kaum noch von ihm unterschied. Diese Pärchenbildung war eine grundlegende Voraussetzung für die gemeinschaftliche Jagd der Männer. Denn nun konnten sich diese, von ihren Konkurrenzkämpfen um die Weibchen befreit, zu einem festen und erfolgreichen Team zusammenschließen.
Für die Frauen dieser Frühmenschen brachte die aufrechte Körperhaltung jedoch erhebliche Probleme beim Gebären ihrer Kinder. Wie die gefundenen Fossile aus dem Beckenbereich zeigen, liefen die Geburten von nun an wie bei uns schmerzhaft ab. Denn die Vergrößerung des Gehirnes verträgt sich beim Gebären schwer mit den anatomischen Anforderungen des aufrechten Ganges. „Dieser bestimmt die Form unseres Beckens. Dem Geburtskanal setzt die aufrechte Gehweise nicht nur buchstäblich enge Grenzen, sondern macht ihn auch in sich gewunden. Das zwingt den Säugling, auf seinem Weg ans Licht der Welt bestimmte komplizierte Drehungen zu vollführen.“ (in: Karen R. Rosenberg und Wenda Trevathan: Hilfe bei der Geburt - Hebammen in der Evolution des Menschen, S. 30, in: Spektrum der Wissenschaft Januar 01/2002). Die Kindheit beim Homo erectus dauerte außerdem länger als bei den Menschenaffen, den Australopithecinen und den älteren Vertretern der Homo-Gattung.
Die Nahrung des Homo erectus setzte sich wie beim Homo habilis aus pflanzlichen und tierischen Produkten zusammen. Letzteres konnte wie beim Vorgänger durch den Verzehr von Aas gedeckt werden oder wurde auf gemeinsamen Jagden selbst erlegt. Als Jagdwaffen wurden die Handaxt und der Wurfspeer verwendet. Auch Klingen und Schaber, aus Steinen gefertigt, gehörten zum Werkzeug des Homo erectus.
Bisher wurde geglaubt, dass der Homo erectus zudem der erste Frühmensch war, der aus Afrika auszog. Mittlerweile wird diese Theorie von Robin Dennell von der Sheffield Universität in Großbritannien in Frage gestellt. Seiner Meinung nach hatten bereits die Australopithecinen oder der Homo habilis vor rund 2,5 Millionen Jahren den afrikanischen Kontinent verlassen. Die ältesten Funde von Homo erectus in Georgien, China und Indonesien sind 1,5 bis 1,7 Millionen Jahre alt. Die Wiege der Gattung „Homo erectus“ befindet sich somit vermutlich eher in Asien oder Europa und nicht, wie bisher angenommen, in Afrika.
Abb. 15: Porträt eines Mannes und einer Frau der Menschenspezies Homo erectus pekinensis (Werk des Künstlers Z. Burian)
In Asien haben als Vertreter des Homo erectus besonders der Javamensch und der Pekingmensch Berühmtheit erlangt. Letzterer wurde in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer Höhle bei Zhoukoudian in der Nähe von Peking entdeckt, die er und seine Nachfahren für einen Zeitraum von 270.000 Jahren, also vor 500.000 bis 230.000 Jahren, bewohnten (Abb. 15).
Im Gegensatz zu dem Homo habilis war der Pekingmensch, der einen noch dickwandigeren Schädel und noch stärkere Überaugenwülste als der Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren aufwies, ein noch geschickterer Steinverarbeiter, der zudem mittlerweile ein Gehirnvolumen von 850 bis 1200 ml aufwies. Obendrein war er bereits in der Lage, die vielen Vorteile des Feuers, das von der Menschheit seit ungefähr 600.000 Jahren (einige Wissenschaftler behaupten seit 1,4 Millionen Jahren) in Gebrauch ist, zu nutzen, mit dem nicht nur die fleischliche und pflanzliche Nahrung leichter verdaubar, sondern auch die Raubtiere vertrieben und die kalten Nächte und besonders die kalten Jahreszeiten erträglich gemacht werden konnten. Ob der Pekingmensch sich von Seinesgleichen ernährte, also Kannibalismus betrieb, wird in der Fachwelt zur Zeit immer noch stark diskutiert. Jedoch sprechen die Art und Weise, wie einige Schädeldecken seiner Artgenossen geöffnet wurden, für Letzteres.
Apropos Feuer, zu diesem Thema kann ich Ihnen nur empfehlen, sich einmal den französischen Spielfilm von Jean-Jacques Annaud „Am Anfang war das Feuer“ anzuschauen, in dem sehr gelungen nachvollzogen wurde, wie bedeutsam und wichtig das Feuer für unsere Weiterentwicklung und unser Überleben war und ist. Es wundert daher kaum, in wie vielen Religionen das Feuer eine eminente Rolle spielt.
In Europa war der Homo erectus als Homo heidelbergensis vor 400.000 Jahren auch in Spanien, Ungarn, Griechenland, Deutschland und England zu finden. Außer in Höhlen lebte dieser bereits in kleinen Hütten, aus Zweigen gefertigt, in deren Zentrum sich ein Herd zur Zubereitung der Nahrung und zum Aufwärmen befand. Wie der Wissenschaftler De Lumley erwähnt, wurden diese Behausungen jedoch nie gesäubert. So lebte der Homo heidelbergensis mit seiner Familie in seinen Hütten zwischen den Knochen der erlegten und gebratenen Tiere, seinen Steinwerkzeugen (den alten und den neuen) und seinen eigenen und den Exkrementen seiner Mitbewohner.
Eine gut erhaltene Siedlung des Homo heidelbergensis wurde überdies von Dietrich Mania und seinem Team bei Bilzingsleben im nördlichen Thüringen gefunden. Sie bestand vermutlich aus drei Hütten, in denen 20-25 Personen Platz fanden, und war vor rund 370.000 Jahren errichtet worden. „Der reiche Fundort offenbart nicht nur bis in Einzelheiten, wie dieser Homo erectus sich materiell-ökologisch mit seiner Umwelt auseinander setzte, ja sie sich für sozio-kulturelle Zwecke gestaltete, sondern liefert auch Zeugnisse von seinem erwachenden Geist – und vielleicht ersten Ansätzen einer ideelen Weltsicht.“ Seine kleine Siedlung war zudem bereits in Wohn-, Arbeits- und andere Aktivitätsbereiche untergliedert. So befand sich vor den Hütten in einem Halbkreis eine große, fünf bis acht Meter breite Zone mit etlichen Arbeitsplätzen. Hier stellten die Bewohner Spezialgeräte aus Feuerstein und Werkzeuge aus Geröllen, Knochen, Geweih und sogar Holz her oder waren mit dem Zerlegen von erjagten und getöteten Tieren wie Elefanten, Nashörnern, Wildrindern, Wildpferden, Bären und Hirschen beschäftigt. Der europäische Homo erectus war nämlich bereits mit Hilfe von Speeren, Wurfhölzern und Stoßlanzen in der Lage, größere Tiere zu jagen. Lesen Sie hierzu unbedingt den Artikel von Dietrich Mania: Die Urmenschen von Thüringen, S. 38-47, in: Spektrum der Wissenschaft November 2004!
Der Homo heidelbergensis, der im Durchschnitt 82 kg wog und ein Gehirnvolumen von bis zu 1300 ml aufwies, fertigte also seine Werkzeuge und Waffen nicht nur aus Stein, sondern auch aus Holz. So sind von ihm seit 1994 bereits acht schlanke, rund zwei Meter lange Wurfspeere aus Fichtenholz bei Schöningen, Landkreis Helmstedt, Deutschland, und einer in Clacton, England, gefunden worden, deren Alter auf 400.000 bzw. 300.000 Jahre geschätzt werden. Nach heutigen Maßstäben funktionierten diese perfekt. So wiesen nachgearbeitete Holzspeere eine ausgezeichnete Wurf- und Treffsicherheit auf. Mit solchen Waffen ließ sich auf 20 oder 30 m Entfernung selbst größeres Wild töten.
Wenn beim Homo heidelbergensis wie beim Pekingmenschen zwar noch keine komplexe Sprache vorhanden war, so dürfen wir bei diesen Vertretern des Homo erectus jedoch mit Sicherheit den Beginn einer Verständigung auf einer einfachen Ebene annehmen.
Lesetipps:
- Karen R. Rosenberg und Wenda Trevathan: Hilfe bei der Geburt - Hebammen in der Evolution des Menschen, S. 30-35, in: Spektrum der Wissenschaft Januar 01/2002
- Ian Tattersall: Wie der Mensch das Denken lernte, S. 56- 63, in: Spektrum der Wissenschaft April 04/2002
- Kate Wong: Erste Urmenschen an den Pforten Europas, S. 24-32, in: Spektrum der Wissenschaft April 2004
- Dietrich Mania: Die Urmenschen von Thüringen, S. 38-47, in: Spektrum der Wissenschaft Oktober 2004 mit Zusatz-Interview mit Hartmut Thieme über das Jagdverhalten des Homo erectus, S. 48-50
- Edmund White and Dale M. Brown: The First Men. Time Life Books 1975
- Marek Kohn: Made in Savannahstan, S. 34-39, in: NewScientist, 1 July 2006: „In a bold challenge to the conventional story, Dennell (Robin Dennell of the University of Sheffield, UK,) argues that hominins migrated out of Africa before H. erectus even evolved, and long before the dates of the oldest known hominin fossils in Asia. These first migrants were either australopithecines or H. habilis...“
- Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung – Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur. München 2004 (3. Auflage)
- Das Rätsel von Bilzingsleben
- Die Welt wird größer: Der Java- und der Pekingmensch
- War das Eva?
- Der Clan
- Die ersten Europäer
- Menschen wie wir
Besonderer Tipp (das Atelier der Künstlerin Elisabeth Daynes):
