Homo habilis
Abb. 14c: Homo habilis
Neben den Australopithecinen erschien vor ungefähr 2,4 Millionen Jahren der erste Vertreter der Gattung Homo, Homo habilis (Abb. 14c), der auf unserer Erde bereits vor 1,6 Millionen Jahren wieder ausstarb und der sich von der Gattung Australopithecus durch sein größeres Gehirn (Volumen von 650 bis 800 ml), durch seine längeren Beine und seine kürzeren Arme im Verhältnis zu seinem Gesamtkörper und durch seine menschenähnlicheren Gesichtszüge unterschied. Seine längeren Beine werden ihn zudem zu einer schnelleren Fortbewegung als die bisherigen Frühmenschen befähigt haben. Trotzdem wird auch er noch ein guter Baumkletterer gewesen sein. Die neben ihm oder später auftretenden Homo rudolfensis und Homo ergaster werden von den meisten Wissenschaftlern mittlerweile als weitere Erscheinungsformen vom Homo habilis bzw. Homo erectus, die in anderen Regionen Ost- und Südafrikas existierten, aufgefasst.
Dieser früheste Vertreter der Gattung Homo wurde im Jahre 1960 in der Olduvai Schlucht in Ostafrika entdeckt. Da der Homo habilis weiterhin viele Gemeinsamkeiten mit den Australopithecinen aufweist, rechnen ihn einige Paläontologen immer noch zu dieser älteren Gattung. So ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern, was die Größe und das Gewicht betrifft, auch beim Homo habilis noch erheblich. Die Weibchen wiesen nämlich nur ein Gewicht von 30 bis 39 kg, die Männchen dagegen von 50 bis 90 kg auf. Außerdem bestand der Hauptanteil ihrer Nahrung ebenfalls noch aus Pflanzen, obwohl, durch die Klimaveränderungen bedingt, der Fleischanteil allmählich beträchtlich zunahm. Mit Sicherheit hat der Homo habilis noch nicht die Bezeichnung „Jäger“ verdient, denn er ernährte sich eher von Aas als von selbst erlegten Tieren. Seinen Namen „Homo habilis“, der mit „geschickter Mensch“ übersetzt werden muss, verdankte er jedoch der Tatsache, dass er bereits einfache Werkzeuge aus Stein fertigen konnte. Mit den faustgerechten Steinsplittern aus Feuerstein oder Obsidian, die scharfe Kanten aufwiesen, konnte er die zähe Haut der bereits verstorbenen Tiere durchschneiden, um an das Fleisch zu gelangen, und auch die Knochen aufschlagen, um das rote Knochenmark zu gewinnen. Zudem glauben einige Anthropologen, dass beim Homo habilis schon die Entwicklung der Sprache zur Kommunikation mit Seinesgleichen begann. Wie neueste archäologische Funde zeigen, existierte neben ihm bereits der Homo erectus, mit dem die Menschheit tatsächlich evolutionsmäßig einen gewaltigen Schritt nach vorne machte.
Lesetipp:
- Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung – Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur, München 2004 (3. Auflage), S. 133, über die Suche einer Homo-habilis-Gruppe nach Aas als zusätzlicher Nahrungsquelle: "Die nächsten Stunden (nachdem die Homo-habilis-Gruppe durch Geier auf ein Aas aufmerksam gemacht worden war) waren die entscheidenen. Gelang es der Homo-habilis-Gruppe, an das tote Tier zu kommen, bevor es von Hyänen oder Löwen oder beiden entdeckt wurde, dann hatten sie gute Chancen, die besten Stücke abzubekommen. Denn die Geier mußten warten. Die zähe Haut leistete zu viel elastischen Widerstand. Sie schützte das Fleisch vor den Schmeißfliegen, die gleichfalls schon in Scharen angekommen waren. Die inneren Zersetzungsprozesse würden erst nach Stunden oder am nächsten Tag die Haut am After und an anderen dünnen Stellen so gespannt haben, daß es den Geierschnäbeln möglich würde, sie aufzureißen. So lange blieben aber auch wesentliche Teile des Fleisches in gutem Zustand. Diese Stunden zwischen Eintritt des Todes und Beginn der Verwesung müssen die wichtigsten für die Frühmenschengruppe gewesen sein. Gelang es ihnen, rechtzeitig anzukommen, war ihnen eine Menge hochwertiger Nahrung sicher. Kamen sie zu spät, war das Fleisch verdorben und nur noch für Aasfresser und Geier zu verwerten. Je mehr die beginnende Verwesung Geruch verbreitete, um so größer wurde die Gefahr, daß Löwen und Hyänen angelockt wurden."
