Das Zeitalter der Vögel und Säugetiere
Abb. 10: In Nordamerika und Europa lebte der bis zu 2,5 m große, flugunfähige Vogel Diatryma. Zu seiner Zeit waren die Säugetiere wie z.B. die Pferde in der Regel nur von geringer Körpergröße und dienten diesen Raubvögeln deshalb als Nahrung. (Werk des Künstlers Z. Burian)
Nach dem Aussterben der Dinosaurier brach schließlich im Tertiär, das den Zeitraum von vor 65,5 – 2,5 Millionen Jahren einnahm, das Zeitalter der Vögel und der Säugetiere an, die nun beide z.T. wie die ausgestorbenen Dinosaurier enorme Größen aufweisen konnten (Abb. 10 und Abb. 11).
Abb. 11: In Asien lebten diese riesenhaften Nashörner der Gattung Indricotherium, die eine Länge von 9 m und eine Höhe von fast 6 m aufwiesen. (Werk des Künstlers Z. Burian)
Gegen Ende des Tertiärs traten dann zum ersten Mal Vertreter unserer eigenen Art auf, die sich von dem Vorfahren der heutigen hohen Primaten, zu denen die Schimpansen, die Bonobos, Gorillas und Orang-Utans zählen, vermutlich vor ungefähr 7 Millionen Jahren – laut Dr. Todd Disotell vor 6,3 Millionen Jahren – abspalteten (Abb. 12a).
Seit 2001 ist man im Besitz einer oberen Hälfte eines Schädels, der in Tschad in der Djurab Wüste gefunden wurde und den einige Paläontologen und Anthropologen für den Schädel des ersten Frühmenschen bzw. des ältesten und primitivsten Vertreters der Hominiden nach der Trennung von den hohen Primaten halten. Sein Alter wird auf 7 Millionen Jahre geschätzt. Da wir noch keine weiteren Fossile dieses vermutlich frühesten Menschen finden konnten, wissen wir nicht, ob dieses Wesen, das die wissenschaftliche Bezeichnung Sahelanthropus tchadensis (oder Toumaï) erhielt, sich auf allen Vieren oder bereits aufrecht fortbewegte. Die Position des Hinterhauptloches, in dem die Wirbelsäule verankert ist, lässt jedoch auf Letzteres schließen. Sahelanthropus tchadensis wies zudem die Größe eines Schimpansen auf, hatte ein flaches Gesicht mit Überaugenwülsten und besaß menschenähnliche Zähne. Die Größe seines Gehirns entsprach noch der eines Schimpansen.
Abb. 12a: Vor 27 Millionen Jahren lebte der Proconsul africanus, der möglicherweise ein gemeinsamer Vorfahre von uns und den heutigen hohen Primaten war. (Werk des Künstlers Z. Burian)
Der nächstälteste Fund, ein Oberschenkel und ein Oberarm, stammt aus Kenia. Sie gehören einer Menschenspezies an, die vor 6 Millionen Jahren lebte und die mit Sicherheit bereits aufrecht zu gehen pflegte. Dieser schimpansengroße Frühmensch, der die wissenschaftliche Bezeichnung Orrorin tugenensis erhielt, war, wie sein Oberarm zeigt, zudem noch wie die Menschenaffen ein sehr geschickter Baumkletterer.
Abb. 12b: Ein weiblicher Vertreter von Ardipithecus ramidus, der den Spitznamen "Ardi" erhielt.
In Äthiopien fand man im Jahr 1997 einen Teil eines Unterkiefers einer weiteren Menschenspezies, die vor 5,8 bis 5,2 Millionen Jahren lebte und der man zuerst die wissenschaftliche Bezeichnung Ardipithecus ramidus kadabba und seit 2004 die wissenschaftliche Bezeichnung Ardipithecus kadabba gab. Auch dieser schimpansengroße Hominide soll aufrecht gegangen und gleichzeitig noch ein guter Baumkletterer gewesen sein. Er lebte in üppigen Wäldern, die er zuweilen auf seiner Suche nach Nahrung, die sich hauptsächlich aus Pflanzen zusammensetzte, verließ, um zu anderen waldreichen Plätzen zu gelangen. Diese baumreichen "Inseln" befanden sich zu seiner Zeit in einer eher savannenartigen Landschaft, so dass es für ihn sehr von Vorteil war, die mit Raubtieren gefüllte Savanne aufrecht durchschreiten zu können. Über die Gräser hinweg schauend, konnte er somit viel eher seine Feinde wahrnehmen. Auch bot der aufrechte Gang weniger Angriffsfläche für die intensive Sonneneinstrahlung und ließ die Hände frei, die man zum Tragen von Nahrungsmitteln oder zum Werfen von Steinen oder Stöcken gegen vermutliche Feinde verwenden konnte. Doch gab es auch einen gravierenden Nachteil des aufrechten Ganges. Die Fortbewegung auf zwei Beinen war weitaus langsamer als die auf allen vier Gliedmaßen gewesen, so dass es für diesen Frühmenschen wichtig war, dass sich beim Durchschreiten der Savannen zumindest einige Bäume als Zufluchtsorte in seiner Nähe befanden. Eine andere Art dieser Gattung Ardipithecus mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Ardipithecus ramidus wurde im Jahr 1992/93 entdeckt. Sie lebte vor 4,4 Millionen Jahren. Nach der lokalen Sprache des Fundortes, dem "Afar", bedeutet ardi "Erdboden" und ramid "Wurzel". Ardipithecus ramidus bedeutet somit "Bodenaffe an der Wurzel des Menschen". Von diesem Hominiden besitzen wir einen weiblichen Vertreter, dessen Skelett einschließlich des Schädels und des Beckenknochens zum großen Teil erhalten geblieben ist. Die Wissenschaftler gaben ihr den Spitznamen "Ardi". Ardi, die 1,20 m groß war und ungefähr 50 kg wog, besaß markante Wangenknochen und kleinere Eckzähne als unsere heutigen Schimpansen und verfügte ebenfalls über den aufrechten Gang (Abb. 12b). Sie lebte auf Bäumen und auf dem Boden. Sie schwang sich nicht, wie es unsere heutigen hohen Primaten tun, von Ast zu Ast, sondern ging auf den Zweigen entlang. Bis 2008 sind insgesamt 110 - 125 Knochenfragmente und Zähne von mindestens 36 weiteren Individuen von Ardipithecus ramidus geborgen worden, die allesamt das Alter von 4,4 Millionen Jahren aufweisen. Die kleineren Eckzähne auch der männlichen Vertreter von Ardipithecus ramidus zeigen, dass jene vermutlich nicht mehr über einen Harem von Weibchen verfügten, den sie vor Konkurrenten verteidigen mussten. Es hatte sich zwischen den Geschlechtern bereits die bei uns Menschen vertraute Zweierbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau entwickelt. Vermutlich starb die Gattung Ardipithecus jedoch vor ungefähr vier oder drei Millionen Jahren aus und ist somit kein direkter Vorfahre des Homo sapiens.
Lesetipps:
- Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung – Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur, München 2004 (3. Auflage), S. 260: "Als sich der werdende Mensch aufgerichtet hatte und »Überblick« gewann, stand ihm kein empfindliches Geruchsvermögen [wie bei den Raubtieren] als Sicherung gegen unliebsame Überraschungen und kein hochempfindliches Gehör [wie bei den Fledermäusen] zur Verfügung. Er mußte fast alles Überlebenswichtige über die Eindrücke und Einblicke entnehmen, die ihm die Augen vermittelten. Der Mensch war und blieb ein »Augenwesen«, das den weitaus größten Teil seines späteren Kulturschaffens über Gezeichnetes, Gemaltes und Geschriebenes weitergab."
- Graham Lawton: Are orangs our nearest relatives?, pp. 6-7, in: New Scientist, 20 June 2009: "These days, we tend to accept without question that humans are "the third chimpanzee". The term, coined by author Jared Diamond, refers to the notion that our closest relatives are the two chimpanzee species – the common chimp and the bonobo. But could we actually be "the second orang" – more closely related to orang-utans than chimps?"
