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Frauenschicksale

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Olympia Fulvia Morata (1526-1555): Die geistige Zierde des 16. Jahrhunderts

Auch im Laufe des 16. Jahrhunderts blieb die Meinung über gebildete Frauen unverändert negativ. In einer Untersuchung von Verträgen aus den 60er und 70er Jahren dieses Jahrhunderts ergab sich, daß von etwa 12 000 beteiligten Personen nur 28 % aller Frauen schreiben konnten. Und fast alle diese Frauen entstammten Familien aus der Oberschicht des Bürgertums. Im Gegensatz zu vielen Männern der Mittel- und Unterschicht waren die weiblichen Vertreter aus diesen Ständen nicht einmal in der Lage, ihren eigenen Namen zu schreiben.

Ja, das weibliche Geschlecht der unteren Stände hätte sich geradezu lächerlich, wenn nicht verdächtig gemacht, wäre es fähig gewesen, zu schreiben und zu lesen, hieß es doch: "Die Bücher trocknen den Weibern das Gehirn aus, und sie haben ohnehin schon zu wenig davon." (in: Friedrich Heer: Erasmus von Rotterdam, Bd. 2, Frankfurt a. M. und Hamburg 1962, S. 110). Im Gegenteil erwartete man von intelligenten Frauen – wenn es denn so etwas geben sollte –, daß sie ihre Bildung verbargen: "Wenn sie mehr Verstand hat, so soll sie den Anstand und die Weisheit besitzen, nicht zu zeigen, wieviel Verstand sie hat. Man will sie nicht als Herrscherin haben. Ein Mann soll in vielen Wissenschaften bewandert sein. Die Erziehung einer vornehmen Dame schreibt vor, daß eine Edelfrau, die anständig und von guter Abstammung ist, nicht zu viel Klugheit besitzt. Die Einfältigkeit steht den Damen gut an." (laut Thomas von Zirklaere, in: Joachim Bumke, Bd. 2, ebenda, S. 482-483).

Die Humanisten des 16. Jhs. nahmen sich jedoch, was die Frauenbildung betraf, die antiken, weisen Schriftsteller Plato und Plutarch zum Vorbilde. Nach Plato soll die Frau "in allem am Leben des Mannes teilnehmen", denn sie sei von Natur aus zu seiner Gefährtin bestimmt, und Plutarch verlangte vom Gatten, die Erziehung seiner Frau zu vollenden.

Diesen Richtlinien folgend begannen die Humanisten dann auch ihre Ehefrauen und Töchter nach ihren Vorstellungen zu formen. Besonders Sir Thomas More († 1535) stopfte seine beiden Ehefrauen und seine drei Töchter geradezu mit Wissen voll. Seine erste Gattin, Jane Colt, zeigte sich dabei anfangs nicht sehr kooperativ. Ihre von ihrem Gatten zugeteilten täglichen Übungen in Dichtung und Musik erfüllte sie nur sehr oberflächlich und lieblos, so daß Thomas More, der selbst nie seine Frauen wegen Ungehorsam schlug, Jane zu ihrem Vater brachte, der seiner Tochter dann ein für allemal ihre Flausen aus dem Kopf prügelte. Thomas' Gattin erwies sich daraufhin als gehorsame Schülerin ihres Mannes, bis sie allzufrüh nach nur sieben Jahren Ehe im Jahre 1511 starb. Auch Thomas Mores zweite Frau, die bereits verwitwete, 40-jährige Alice Middleton, die bis zu dieser Heirat kein einziges Musikinstrument beherrschte, mußte ihrem Gatten jeden Tag die von ihm zugeteilten Musikstücke vorspielen. Als alte Dame lernte sie schließlich noch das Zither-, Laute-, Monochord- und Flötenspielen.

Leichter fiel es Thomas More dagegen, seine drei Töchter Margaret, Elizabeth und Cicley nach seinen Vorstellungen und Erziehungsprinzipien zu formen. Begonnen wurde dabei mit dem Erlernen der lateinischen Sprache, der das Lesen und Übersetzen der klassischen lateinischen und griechischen Literatur, der Werke der Kirchenväter und didaktischer und theologischer Texte moderner Autoren folgte. Schließlich mußten von seinen Töchtern noch lateinische und englische Aufsätze und Abhandlungen geschrieben werden. Kindliche Spiele mit dem Würfel, mit Karten oder dem Ball waren strikt untersagt. Lernen, lernen und nochmals lernen war die Devise bei Thomas More.

Und all diese Kenntnisse wurden nur angehäuft, um sich im stillen Kreise mit ihnen unterhalten zu können. Denn ihr Wissen war nur zur Erbauung für ihren Vater und für ihren zukünftigen Gatten gedacht, dem sie so als hochbegabte Gefährtinnen neben der Hauswirtschaft, der Geburt ihrer Kinder auch noch die geistigen Probleme abnehmen konnten.

Und Thomas More stand nicht alleine da. Conrad Peutinger unterrichtete seine junge Gattin Margarete Welser und seine Töchter ebenfalls nach seinen Vorstellungen. Seine erst vierjährige Tochter Juliana konnte es im Jahre 1504 mit den italienischen weiblichen Wunderkindern Alessandra Scala († 1506) und Cassandra Fedele († 1558) jederzeit aufnehmen und begrüßte Kaiser Maximilian I. auf dessen Besuch in Augsburg mit einer lateinischen Ansprache.

Abb. 72: Olympia Fulvia Morata

Zu diesen aus Prestigesucht von ihren Vätern gezüchteten Wunderkindern, den "Puellae doctae" (den gebildeten Töchtern), gehörte auch Olympia Fulvia Morata (Abb. 72), die 1526 im Herzogtum Ferrara geboren wurde.

Ihr Vater Pellegrino Moretto, der um 1483 in Mantua zur Welt gekommen war und sich als Humanist den latinisierten und erweiterten Namen Peregrinus Fulvius Moratus zugelegt hatte, lehrte öffentlich und privat Grammatik, Rhetorik, Dichtung, Geschichtsschreibung und Moralphilosophie nach antikem Vorbild. Zudem verfaßte er mehrere poetische und philologische Werke. Seit 1522 unterrichtete er die jüngeren Söhne des Herzogs Alfonso I. d'Este von Ferrara in Latein und Griechisch. Zu dieser Zeit heiratete er auch seine Frau Lucrezia Gozi, die ihm 1526 sein erstes Kind, seine Tochter Olympia, schenkte. Es folgten noch drei weitere Töchter, eine von ihnen hieß Vittoria, und sein heißersehnter Sohn Emilio, der erst im Jahre 1542 geboren wurde.

In den Jahren 1530-1539 lebte er mit seiner Familie in Venedig, Vicenza und Vercelli, da er aus einem für uns unbekannten Grunde aus Ferrara verbannt worden war. In Vercelli lernte er seinen späteren engsten Freund, den Reformator Coelio Secundo Curione, kennen, der, als er 1540-1541 im Haushalte von Peregrinus Fulvius Moratus lebte, auch auf Olympia wegen seines hohen Bildungsstandes einen bleibenden Eindruck machte.

1539 durfte Peregrinus Fulvius Moratus wieder nach Ferrara zurückkehren, da Ercole II., der älteste Sohn Lucrezia Borgias und nach dem Tode seines Vaters 1534 der nächste Herzog von Ferrara, von Moratus' Freunden zur Aufhebung der Verbannung überredet werden konnte.

Olympia, die von ihrem Vater unterrichtet worden war, stand zu diesem Zeitpunkt schon im Rufe eines weiblichen Wunderkindes. Schon im Alter von sechs Jahren soll sie von den gelehrten Freunden ihres Vaters wegen ihrer geistigen Fähigkeiten mit den höchsten Lobsprüchen versehen worden sein. Mit 12 Jahren beherrschte sie bereits perfekt die lateinische und die griechische Sprache sowie sämtliche sieben Disziplinen der Artes liberales: Grammatik, Rhetorik, Logik, Astronomie, Musik, Arithmetik und Geometrie.

Abb. 73: Renée von Frankreich, Herzogin von Ferrara

So wurde sie 1539, als ihr Vater den Auftrag erhielt, die jüngeren Halbbrüder von Ercole II., Alfonso und Alfonsino, zu unterrichten, zur Studiengenossin Annas, der ältesten Tochter des Herzogs und seiner Frau Renée von Frankreich (Abb. 73) († 1575), bestimmt. Als Lehrer erhielten die beiden Schülerinnen die deutschen humanistischen Brüder Johannes und Kilian Sinapius zugeteilt, die für die Unterrichtsfächer Griechisch und Latein zuständig waren.

Olympia wurde obendrein natürlich als Wunderkind vorgeführt. So hielt sie 1541 in der herzoglichen Akademie, die von ihrem Lehrer Johannes Sinapius geleitet wurde, drei öffentliche Vorlesungen über die Paradoxa Ciceros ab. Außerdem durften ihre Zuhörer unter anderem ihrer griechischen Lobrede über den altrömischen Helden Mucius Scaevola, ihren Anmerkungen zu Homer und ihrer Verteidigung Ciceros sowie im Jahre 1547 ihrem griechischen Trauergedicht anläßlich des Todes des Kardinals Pietro Bembo lauschen. In diesem Jahr schrieb sie auch folgendes Gedicht in Altgriechisch über sich selbst:

"Niemals erfreute das Herz aller Menschen ein und dasselbe,
niemals gab gleichen Sinn Zeus allen Menschen zugleich.
Rossebezähmer war Kastor, im Faustkampf stark Polydeukes –
Stammten vom selben Schwan beide Helden doch ab!
Ich zwar, Frau von Geburt, verließ doch die Werke der Frauen:
Körbe und Spulen mit Garn, Fäden zum Zettel gespannt.
Mir schenken Freude die blühenden Auen der Musen, die Chöre
Auf dem hohen Parnaß, der sich zweifach erhebt.
Andere Frauen mögen an anderen Dingen sich freuen:
Dies allein bringt mir Ruhm, dies allein ist mein Glück."

(in: Niklas Holzberg, Olympia Morata (1526-1555), S. 141-156, in: Fränkische Lebensbilder, Bd. 10, Würzburg 1982, S. 145).

Olympias Vater hatte sich in der Zwischenzeit der Reformation zugewandt, deren Einführung in Ferrara trotz der calvinistisch gesinnten Landesherrin Reneé strikt verboten war. Seit dem 21.7.1542 war in Ferrara die Inquisition eingeführt worden, die für große Unruhe unter den protestantisch gesinnten Humanisten am herzoglichen Hofe sorgte. Kilian Sinapius verließ bereits 1545 und sein Bruder Johannes mit seiner Gattin, dem Hoffräulein Françoise Boussiron, 1547 Ferrara. Coelio Secundo Curione hatte schon 1542 Zuflucht in Basel gefunden, wo er schließlich als Professor der Rhetorik tätig war.

1548 erkrankte Peregrinus Fulvius Moratus sehr schwer. Seine älteste Tochter verließ daraufhin sofort den herzoglichen Hof und pflegte ihren Vater bis zu seinem schon bald eintretenden Tode. Hatte sich Olympia bis dahin nicht im geringsten für die Religion – welcher Richtung auch immer – interessiert, bewirkte der plötzliche Verlust ihres Vaters bei ihr eine große Hinwendung zum lutherischen Protestantismus, mit dem sich Peregrinus Fulvius schon seit seiner Begegnung mit seinem Freund Curione in Vercelli intensiv beschäftigt hatte.

Als sie nach dem Tode ihres Vaters wieder an den herzoglichen Hof zurückkehren wollte, wies man sie ab. Ihre herzogliche Studiengenossin Anna war in der Zwischenzeit zudem mit dem erzkatholischen Herzog Franz von Guise verheiratet worden. Außerdem hatte sich am Hofe mittlerweile die katholische Faktion durchgesetzt, die beabsichtigte, sämtliche protestantischen Rivalen zu vertreiben. Auch die reformatorisch gesinnte, gütige und überaus geistvolle Herzogin von Ferrara, Renée von Frankreich, konnte gegen die Entscheidung ihres Mannes keinen Einspruch erheben. Im Gegenteil, sie geriet sogar selbst im Laufe der nächsten Jahre wegen ihrer calvinistischen Gesinnung in arge Bedrängnis. Man drohte ihr nicht nur mit dem Verlust ihrer angestammten Ländereien, sondern steckte sie unter Hausarrest und nahm ihr schließlich ihre Kinder weg.

Olympia, die im Hause ihrer Mutter blieb und ihre jüngeren Geschwister unterrichtete, beschäftigte sich in ihrer Freizeit fortan ausschließlich mit theologischer Literatur. Als man 1549 bereits den ersten protestantischen italienischen Ketzer, den Laienprediger Fanino Fanini aus Faenza, in Ferrara verhaftet hatte, der 1550 auf dem Scheiterhaufen sterben sollte, wurde es auch für Olympia gefährlich, weiterhin in Italien zu bleiben. Als wahres Geschenk Gottes empfand sie deshalb ihren zukünftigen Gatten, den deutschen Arzt Andreas Grundler, der 10 Jahre älter als sie war und der aus Schweinfurt stammte. Nachdem dieser in Leipzig, Heidelberg und Paris studiert hatte, war er zur Erwerbung des Doktorgrades nach Ferrara gegangen, wo er im Mai 1549 seine Promotion erhielt. In seiner Freizeit verfaßte er griechische Verse, die er auch vertonte. Durch seine Bekannten, die Brüder Sinapius', die ebenfalls aus Schweinfurt stammten, nahm er an deren literarischen Treffen teil, auf denen er Olympia kennengelernt hatte.

Mitte 1549 heiratete Andreas seine über alles geliebte und geschätzte Olympia in aller Stille. Im April/Mai 1550 unternahm er dann allein eine Reise nach Süddeutschland, um sich dort nach einer geeigneten Arbeitsstelle umzuschauen. Seine Gattin wollte er später nachholen.

Nachdem er fast einen Monat lang vergeblich auf eine Berufung an einer Universität gehofft hatte, kehrte er aufgrund der flehentlichen Briefe Olympias nach Italien zurück, um sich nun mit ihr und ihrem achtjährigen Bruder Emilio am 12.6.1550 gemeinsam nach Deutschland zu begeben. Nach mehrwöchigen Aufenthalten in Augsburg, Kaufbeuren und Würzburg gelangten sie gegen Ende des Jahres 1550 nach Schweinfurt, das seit 1542 zur Reformation übergetreten war und das sich seit dem Sieg Karls V. über die protestantischen Fürsten ständig von seinen katholischen Gegnern, besonders den Bistümern Würzburg und Bamberg, bedroht fühlte. Trotzdem ließ Olympia sich hier mit ihrem Mann und ihrem Bruder im ehemaligen Haus ihrer bereits verstorbenen Schwiegereltern nieder.

Da um diese Zeit gerade auf Befehl des Kaisers spanische Soldaten in der nur ungefähr 770 Vollbürger zählenden Stadt einquartiert worden waren und man - wie üblich in einer solchen Situation - die Ausbreitung ansteckender Krankheiten befürchtete, bekam Andreas Grundler die Stelle als Stadtarzt angeboten. Während ihr Mann sich nun um die Kranken des Städtchens kümmerte, unterrichtete Olympia ihren Bruder und Theodora, die Tochter ihres ehemaligen Lehrers und Freundes, des mittlerweile verwitweten Johannes Sinapius, der in Würzburg als Leibarzt des Fürstbischofs Melchior Zobel tätig war, in Latein und Griechisch und in der klassischen, antiken Literatur.

Daneben beschäftigte sie sich selbst noch mit reformatorischen Schriften, baute ihr Haus außerdem zum Treffpunkt für alle geistigen und geistlichen Führer Schweinfurts aus und forderte u.a. den damals in Magdeburg wirkenden Luther- und Melanchthon- Schüler Matthias Flacius Illyricus auf, die lutherischen Werke ins Italienische zu übersetzen. Zudem schrieb sie sich fleißig mit ihrer in Italien zurückgelassenen Mutter und den Schwestern, ihren Freunden und Freundinnen, sowie den alten Freunden ihres Vaters. Besonders intensiv war der Briefkontakt mit Coelio Secundo Curione in Basel, dem sie folgenden Brief schon kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland von Augsburg aus zusandte: "Von der beruflichen Tüchtigkeit meines Mannes, von seiner Kenntnis der griechischen und römischen Literatur sollst du lieber durch andere als durch meine Briefe erfahren. Nur dies Eine sollst Du wissen: wenn mir die höchste Gunst des Herzogs (Ercole II. von Ferrara) zuteil geworden wäre und er mich aufs reichste ausgestattet hätte, so hätte ich doch nicht in einen glücklicheren Stand versetzt werden können, als in den mich, arm und beraubt, Gott selber versetzt hat. Er ist gelehrt, von achtbarer Familie, sein Vater hat ihm einiges Vermögen hinterlassen. Er hat mich so lieb, daß nichts darüber gehen kann. Ich vertraue, daß Gott auch meinen Schwestern die gleiche Hilfe bringen wird. Ich habe sie in Ferrara bei der Mutter zurückgelassen – ich habe nämlich drei – aber mein achtjähriges Brüderlein habe ich hierher mitgenommen und will versuchen, so viel an mir ist, es im Griechischen und Lateinischen zu unterrichten. Das alles wollte ich Dir schreiben, nicht damit Du Dich über unsere Leiden bekümmerst, sondern damit Du uns Glück wünschest. Gott hat sich uns in unserer Trübsal gnädig erwiesen, ja ich freue mich sogar, daß mir das alles begegnet ist. Wenn ich nämlich länger am Hofe geblieben wäre, wäre es um mich und mein Heil geschehen gewesen. Ich habe nämlich, solange ich dort war, nie an etwas Hohem und Göttlichem Geschmack finden, noch die Schriften des Alten und des Neuen Testamentes lesen können. Aber nachdem diejenigen, die uns hätten schützen sollen, sich durch das Übelwollen und die mißgünstigen Reden einiger schlechter Leute von unsrer Familie entfremdet haben, haben jene vorübergehenden, flüchtigen und hinfälligen Dinge kein so großes Verlangen mehr in mir erweckt, sondern Gott hat in mir das Begehren entzündet, in jenem himmlischen Hause zu wohnen, in dem nur einen einzigen Tag zu verweilen köstlicher ist als tausend Jahre an den Höfen der Fürsten. Und so habe ich mich ganz zu den göttlichen Studien hingewandt. Ein Zeugnis dafür sind die Gedichte, die ich im letzten Jahr gemacht habe... Wie geht es Dir, Deiner Frau und den Kindern? Wenn Du ein wenig freie Zeit findest, möchte ich, daß Du ganz freundschaftlich an mich schreibst." (in: Maria Heinsius, ebenda, S. 107-108).

1553 begann die über ein Jahr andauernde Besetzung Schweinfurts durch den reformierten Markgrafen Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach, der katholische Städte und Nürnberger Kaufleute aus reiner Gewinnsucht und Mordlust attackierte und plünderte, obwohl die Protestanten nach ihrem Sieg über die Katholiken 1552 in den Passauer Verträgen mit diesen Frieden geschlossen hatten. Schweinfurt machte der Markgraf dabei am 28.5.1553 zu seinem militärischen Stützpunkt. Mit ihm und seinen Soldaten traten im Laufe des Jahres in der Stadt Seuchen, Hungersnot, Teuerung, ständige Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Verbrechen auf. So starb bereits im Winter 1553 fast die Hälfte der Stadtbevölkerung an einer schweren Seuche, die auch Olympias Mann befiel. Theodora, die Tochter von Johannes Sinapius, war bereits zu Beginn der Unruhen wieder ins sichere Würzburg zurückgeschickt worden.

Dank der aufopfernden Pflege seiner Gattin überlebte Andreas Grundler die schwere Erkrankung. Olympia schrieb ihrer besten Freundin, Lavinia della Rovere, die mit ihr am Hofe von Ferrara unterrichtet worden war, über diese schwere Zeit folgendes: "Ich freue mich, daß mir in unsrer großen Trübsal Gelegenheit gegeben ist, an Dich zu schreiben, die mir unter allen Frauen die liebste ist, meine Mutter ausgenommen. Wir waren belagert von einem großen Heer der beiden Bischöfe von Würzburg und Bamberg und von Truppen des Kurfürsten Moritz und der Nürnberger, weil der Markgraf von Brandenburg sein Heer in unsere Stadt gelegt hatte. Durch Ansteckung von den Soldaten, von denen die Stadt überfüllt war, ist eine so schwere Krankheit über alle Bürger gekommen, daß fast die Hälfte der Bürger gestorben ist. Von dieser Krankheit ist auch mein liebster Mann ergriffen worden und zwar so schwer und gefährlich, daß keine Hoffnung auf sein Leben mehr vorhanden war. Aber der Herr, der ins Totenreich hinabzuführen pflegt, hat ihn durch meine und der ganzen Gemeinde dringlichen und unaufhörlichen Bitten wieder herausgeführt und hat sich meiner erbarmt, die ich einen so großen Schmerz nicht hätte ertragen können. Unter all diesen Drangsalen haben wir einen Trost gehabt, das Wort Gottes, durch das wir uns aufrecht erhalten haben, und deshalb habe ich auch nie zurückgeschaut nach den Fleischtöpfen Ägyptens und möchte lieber hier den Tod finden als anderswo alle Freuden der Welt genießen. Und obwohl wir noch nicht von diesen Übeln befreit sind, haben wir dennoch, weil wir einen so gegenwärtigen Gott haben, die Hoffnung, daß er uns, wenn es ihm gefällt, befreien werde. Wir zweifeln nicht, daß das alles um der Geringachtung des göttlichen Wortes willen über uns gekommen ist, weswegen auch Jerusalem von Grund auf zerstört worden ist." (in: Maria Heinsius, ebenda, S. 117).

Die Protestanten, Kurfürst Moritz von Sachsen, Landgraf Wilhelm von Hessen und Herzog Heinrich II. von Braunschweig-Wolfenbüttel, und die Katholiken, die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, versuchten, in einem protestantisch-katholischen Heer den Landfriedensbrecher Albrecht Alkibiades zum Aufgeben bewegen zu können. Bei ihrer zweiten, Ende März 1554 beginnenden Belagerung und Beschießung Schweinfurts mußte Olympia mit ihrer Familie tagelang Schutz im Weinkeller suchen.

Als dann in der Nacht vom 12. auf den 13.6.1554 der Markgraf mit seinem Heer nach Kitzingen geflohen und ein protestantisch-katholisches Heer in Schweinfurt eingedrungen war und die Häuser zu plündern und in Brand zu stecken begonnen hatte, folgten die Grundlers dem Rat eines Soldaten, nicht in der St. Johanniskirche Schutz zu suchen – tatsächlich sollten alle Schutzsuchenden in der Kirche Opfer eines fürchterlichen Brandes werden –, sondern aus der Stadt zu fliehen. Olympia mußte dabei ihre sämtlichen Bücher, die zum größten Teil noch von ihrem Vater stammten und die sie unter beträchtlichen Kosten über die Alpen hatte bringen lassen, neben ihren eigenen Manuskripten für immer zurücklassen. Beides wurde schließlich Beute der Flammen, die in Schweinfurt noch tagelang währten.

Nach einem strapaziösen Fußmarsch und einer Fast-Gefangennahme ihres Mannes erreichten die drei Flüchtlinge die Stadt Hammelburg, die Olympia, da sie noch auf dem Marktplatz in Schweinfurt sämtlichen Geldes und ihrer Kleider beraubt worden war, nur mit einem einfachen Leinenhemd bekleidet und barfuß betrat. Hier durften die Grundlers trotz der fiebrigen Erkrankung Olympias als Schweinfurter nicht länger als vier Tage verweilen. In einer anderen Stadt – vermutlich Gemünden – wäre Olympias Gatte als Bürger Schweinfurts aufgrund eines Befehls des Bischofs von Würzburg beinahe hingerichtet worden. Letztlich wurde ihm auf Bitten seiner mittlerweile schwerkranken Frau vom Bischof persönlich die Freiheit geschenkt.

Erst bei ihren nächsten Aufenthalten – bei dem Grafen Philipp von Rieneck in der Nähe von Lohr und bei den Grafen Georg und Eberhard von Erbach im Odenwald – konnte Andreas Grundler seine geliebte Gattin gesundpflegen. In Erbach boten ihm die Grafen, die verwandtschaftliche Beziehungen zum Kurfürsten von der Pfalz hatten, außerdem den Lehrstuhl für Medizin in Heidelberg an, den Andreas Grundler dankend annahm. Ende Juli 1554 machte er sich mit der immer noch schwachen Olympia und ihrem 12-jährigen Bruder nach Heidelberg auf.

Dort mußten die drei ganz von vorne anfangen. Denn ihr gesamter Besitz war in Schweinfurt zerstört worden. Die wenigen vorhandenen Ersparnisse verwendete man für den Kauf der wichtigsten Möbelstücke wie Betten, Stühle, Tische und Schränke. Da Andreas, der seit Mitte Juli als Professor an der Universität dozierte, selbst noch zu Beginn des Jahres 1555 kein Gehalt bekommen hatte, mußte die Familie sich bei Freunden Geld ausleihen. Zudem ging es Olympia gesundheitlich wieder schlechter.

Olympias Freunde vergaßen ihre hochgebildete Gesprächspartnerin jedoch nicht. Wo sie nur konnten, versuchten sie, für ihre Freundin Bücher aufzutreiben, damit sie über den Verlust zumindest ihrer großen Bibliothek etwas hinwegkam. Johannes Sinapius schickte ihr z.B. eine Ausgabe der Viten Plutarchs, die man aus den Trümmern in Schweinfurt gerettet hatte, und dank der Initiative Curiones, der ihr selbst eine Ausgabe von Homer und einige seiner eigenen Schriften gesandt hatte, verhalfen die fünf großen Drucker Basels, Isigrinius, Oporinus, Hervagius, Froben und Episcopius, ihr durch ihre großzügigen Buchgeschenke zum Aufbau einer neuen Bibliothek.

Spätestens seit 1555 war Olympia jedoch permanent krank. Das hohe Fieber, ihre Appetit- und Schlaflosigkeit, ihre Erstickungsanfälle und ihre Schmerzen am ganzen Körper sprechen für die Schwindsucht. Ihr Mann Andreas wird als Arzt gewußt haben, daß er ihr nicht mehr helfen konnte. Im Sommer dieses Jahres gab es für sie nur noch selten einen fieberfreien Tag. Schließlich hatte sie ständig das Bett zu hüten. Obendrein brach im August in Heidelberg die Pest aus. Die Universität wanderte nach Eberbach aus, während Andreas Grundler in Heidelberg blieb, um als Arzt seine Dienste anzubieten und seiner todkranken Frau nahe zu sein.

Kurz bevor Olympia schließlich am 26.10.1555 um 16 Uhr für immer die Augen schloß, schrieb sie noch einmal ihrem alten Freund Curione, dem sie zusätzlich noch ihre Gedichte beilegte, die dieser in Basel veröffentlichen wollte: "Du sollst wissen, mein Caelius, daß mir alle Hoffnung auf ein längeres Leben genommen ist. Alle die Medikamente, die ich gebraucht habe, helfen mir nicht mehr. Von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde erwarten die unsern nichts anderes, als daß ich von hier abscheide, und ich weiß wohl, daß dies der letzte Brief ist, den Du von mir erhalten wirst. Ich habe alle Kraft verloren, ich habe keinen Geschmack an Speisen. Der Husten droht mich Tag und Nacht zu ersticken. Das Fieber ist heftig und anhaltend. Schmerzen im ganzen Körper rauben mir den Schlaf. So bleibt mir nichts anderes, als daß ich den Atem aushauche... Ich schicke Dir auf Deine Bitte die Gedichte, die ich nach der Zerstörung von Schweinfurt aus dem Gedächtnis wiederherstellen konnte. Sei Du mein Aristarch (der korrigierte Homers Dichtungen) und lege die letzte Hand daran. Noch einmal, lebe wohl!" (in: Maria Heinsius, ebenda, S. 131).

Am 22.12.1555 folgten ihr ihr Mann und etwas später ihr erst 13-jähriger Bruder, die wahrscheinlich beide der Pest zum Opfer fielen. Alle drei fanden in der Peterskirche in Heidelberg ihre letzte Ruhestätte.

Drei Jahre nach ihrem Tode veröffentlichte Curione ihre erhalten gebliebenen Werke – lateinische und griechische Reden, Dialoge, Gedichte, zwei lateinische Versionen von Geschichten aus Boccaccios Dekameron und eine griechische Psalmenparaphrase – unter dem Titel Olympiae Fulviae Moratae foeminae doctissimae ac plane divinae orationes, dialogi, epistolae, carmina, tam Latina quam Graeca (Die sowohl lateinischen wie griechischen Reden, Dialoge, Briefe und Gesänge der gelehrtesten und ganz unvergleichlichen Frau Olympia Fulvia Morata). Mit diesem Buch sorgte er für die Unsterblichkeit seiner Freundin Olympia Fulvia Morata, wie er es ihrer Mutter in einem Brief prophezeite: "... Deine Tochter lebt auch noch in dieser Welt... in dem Gedächtnis aller hervorragenden Geister. Denn das ist nicht allein für Leben zu halten, das von Körper und Geist umfaßt wird, sondern viel stärker das, was in der Geschichte aller Jahrhunderte seine Kraft zeigen, das die Nachwelt weiterhegen, ja, auf welches die Ewigkeit selbst immer blicken wird..." (in: Gertrud Weiß-Hählin: Olympia Fulvia Morata in Schweinfurt, S. 175-183, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 30, 1961, S. 183).

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