
Lucrezia Borgia – Das Leben einer Papsttochter in der Renaissance
140 Seiten, mit Stammtafeln und 62 Bildern, 3., überarbeitete Auflage (mit mehr Bildern), Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8334-6568-0, € 12,50
Dieses Buch ist jetzt auch in estnischer Sprache erhältlich (Verlag Olion, Tallinn, Estland).
Vorwort
In diesem Buch möchte ich Sie, liebe Leser und Leserinnen, mit dem Leben der Lucrezia Borgia, die zu den bedeutendsten Frauengestalten der Renaissance zählt, vertraut machen. Allein von ihrer Herkunft, sie war nämlich die Tochter eines Papstes, bot und bietet sie ihren Biographen ein hervorragendes Objekt. Denn ihre Existenz hatte an sich schon etwas Skandalöses an sich. Dass sie überdies noch zu den berüchtigten Borgias gehörte, die sich im Laufe ihres Lebens zu viele einflussreiche Feinde geschaffen hatten, macht sie obendrein noch interessanter, da sie wie alle ihre Familienmitglieder unzähligen Gerüchten und böswilligen Verleumdungen ausgesetzt war.
So hatte z.B. ihr zweiter Gatte, Giovanni Sforza, ihrem Vater, dem Papst Alexander VI., nie verzeihen können, dass als Grund für die Auflösung seiner Ehe mit Lucrezia in aller Öffentlichkeit seine „Impotenz“ angeführt wurde. Welcher Mann in der Renaissance konnte diese Schmach ungerächt über sich ergehen lassen? Giovanni Sforza zahlte es den Borgias schließlich heim, indem er fleißig zu dem bereits vorhandenen Klatsch über die päpstliche Familie beitrug.
Auch Papst Julius II. „der Schreckliche“, der so unendlich hassen konnte und vor dessen Zornesausbrüchen und Rohheiten sich jeder, der mit ihm zu tun hatte, fürchtete, trug zur Verunglimpfung der Borgias emsig bei. Hasste er doch seinen Vorgänger, Papst Alexander VI., und dessen Familie abgrundtief.
Lucrezias Vater hatte zudem nie etwas gegen die vielen Spott- und Schmähschriften und Pamphlete, die gegen ihn und seine Familie schon zu seinen Lebzeiten in Umlauf waren, unternehmen lassen. Dem Botschafter von Ferrara erklärte er diesbezüglich: „Ich habe ihm (dem Sohn Cesar, der diese Lügen und den Spott nicht so leicht hinnehmen konnte) gesagt, dass Rom eine freie Stadt ist, wo jeder das schreiben und sagen kann, was er möchte. Es sind so viele Dinge über mich erzählt worden, aber mir ist es egal.“
So machten die skandalösen Erzählungen über die Borgias, die wahren und die falschen, schließlich ihre Runden an den italienischen Höfen, von wo aus sie z.B. von den berühmten italienischen Dichtern Sannazaro und Pontano in Satiren umgearbeitet wurden. Von da aus landeten sie als Chroniken in Matarazzos Werken, die letztendlich Historikern wie dem bedeutenden italienischen Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts Francesco Guicciardini als willkommene Quelle für seine historischen Darstellungen dienten. Denn Sex- und Crime-Geschichten verkaufen sich nun einmal in jedem Zeitalter gut. Und diesbezüglich bot die Gerüchteküche um die Borgias bereits im 16. Jahrhundert reichlichst Stoff. Selbst Ferdinand Gregorovius, dessen Werk über Lucrezia Borgia zu den bekanntesten Biographien über die Papsttochter zählt, war bereit, einige dieser bösartigen Nachreden als wahre Begebenheiten zu verwerten.
Daher ging Lucrezias Vater schließlich in die Geschichte als berüchtigter Giftmörder ein. Zudem wurden ihm und seinen Söhnen Juan und Cesar bezüglich ihrer Sexualität Unersättlichkeit und zum Teil sogar Brutalität nachgesagt. Lucrezia blieb als weiblicher Borgia-Sprössling ebenfalls nicht unverschont. So soll sie Inzucht mit ihrem Vater und mit ihren beiden älteren Brüdern, Juan und Cesar, getrieben und im März 1498 ein uneheliches Kind auf die Welt gebracht haben. Sannazaro schrieb deshalb folgendes Epitaph über sie: „Hier ruht Lucrezia mit Namen, die aber in Wirklichkeit eine Thais war, die Tochter, die Ehefrau und die Schwiegertochter von (Papst) Alexander.“ Selbst in ihrer tadellosen Ehe mit Alfonso d’Este werden ihr heimliche Liebesbeziehungen mit dem venezianischen Dichter Pietro Bembo nachgesagt.
In dieser Biographie möchten wir nun der wahren Lucrezia auf die Spur kommen. Denn es gibt viele Zeitgenossen, die mit ihr, ihren Brüdern und ihrem Vater in enger Verbindung gestanden haben und deren Aufzeichnungen und Briefen wir mehr Glauben schenken dürfen als den Dokumenten ihrer Feinde oder der Schriftsteller, die die Borgias nur vom Hörensagen kannten. Besonders hilfreich ist dabei unter anderem das Tagebuch des Johann Burchard, der als Zeremonienmeister der Päpste alles Wissenswerte von 1483 bis zu seinem Tode im Jahre 1506 schriftlich festgehalten hatte. Seine nüchterne und sachliche Beschreibung über die Vorgänge am päpstlichen Hof straft viele Behauptungen bezüglich der Borgias Lügen. Überdies sind noch unzählige Briefe und Dokumente von Lucrezia selbst und ihren Familienangehörigen vorhanden, die sie als typische Vertreter ihrer Zeit und doch zugleich auch als beachtenswerte Menschen wiedergeben. Dass die Wahrheit den Gerüchten an Spannung nicht nachstehen muss, werden Sie zumindest im Falle der Borgias als Tatsache hinnehmen dürfen.
Korrekturen und Ergänzungen zum Buch:
- S. 103: Abb. 48 stellt nicht die Tochter von Lucrezia Borgia dar, sondern Isabella, die jüngste Tochter der mailändischen Herzogin Isabella von Aragon und Leonardo da Vincis
